gewichtung

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
shuya
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gewichtung

Beitragvon shuya » 22.01.2011, 16:22

das haus steht am hang
vor einem kornfeld
sein anblick erinnert uns
dass zeit
ein aggregatszustand ist

auch die familie, die es bewohnt
sucht ein wort dafür
es steht in ihren grauen gesichtern
eine anspannung
die eigene sprache noch nicht gefunden zu haben

ein tisch ist gedeckt,
um seine funktion zu beschreiben.
die schwester spielt eine sonate von schubert,
nebenan weißt die mutter ihr lacken und weint.
vater und bruder haben schicht im erker.

dort kauern die beiden
und schweigen.
dort geht ihr atem ganz flach
und die luft
macht die augen ganz trocken

es hängt am hang ein haus
vor einem kornfeld
als wir einmal klopften,
an der tür,
da fiels schon fast ins meer.

Kastell
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Re: gewichtung

Beitragvon Kastell » 26.01.2011, 02:25

Shuya,

das Gedicht zeigt Zeit als Aggregatzustand. Nur glaube ich, dass der Anschluss "Auch die Familie, die es bewohnt, sucht ein Wort dafür" zu meta ist.

Kastell
Nobody in the lane, and nothing, nothing but blackberries,/ Blackberries on either side, though on the right mainly, A blackberry alley, going down in hooks, and a sea/ Somewhere at the end of it, heaving...

Perry
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Re: gewichtung

Beitragvon Perry » 02.02.2011, 16:49

Hallo Suya,
ich lese deine "Heimbeschreibung" als eine hermetische Familienbetrachtung. Da iat alles da was zu einem "normalen" Familienleben gehört, aber es fehlt die Öffnung nach außen.
Deine Bildsprache gefällt mir vom Tonfall her gut, Bilder wie "Schicht im Erker (Beobachten sie die Außenwelt und wenn, warum zu zweit im Schichtbetrieb) " oder das "da fiels schon fast ins Meer (Wo kommt plötzlich das Meer her und wer baut schon ein Haus so nah ans Ufer?) werfen aber eher unnötige Fragen auf.
LG
Perry

Kastell
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Re: gewichtung

Beitragvon Kastell » 05.02.2011, 16:26

Ja,

wie Perry meint, sieht man die Relativität von Zeit: einerseits ist das Haus bald abgestürzt, andererseits wird die Zeit fast stehen geblieben, aber die Familie - so schön der Anschluss auch klingt - sucht jedenfalls kein Wort, auch wenn die Wiederholungen schon vielleicht einen ratlosen Eindruck machen. Insofern wünscht sich vielleicht die Sprecherin, dass sie so etwas suchen möge.

fabuliert

kastell
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riemsche
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Re: gewichtung

Beitragvon riemsche » 07.02.2011, 23:56

du weißt ja - ist so meine art, mich mit intension vanAnderen zu beschäftigen :-) fragen kommen, beantworten sich dann selbst und fürs verdichten hatt ich immer schon ne schwäche. mir gefällt dein klares bild zur verschwommenen zeitangabe. nennen wirs fluss-und klangdifferenzen. aber ich denk mir dabei was. und wenn das ein_Dein text von anfang an bei mir ankurbelt, schau ich immer genauer hin. entdecke die möglichkeiten (:->))

das haus steht am hang
vor einem kornfeld
sein anblick erinnert uns
(dass) zeit
/ist/ ein aggregatszustand (ist)

auch die familie, die es bewohnt
sucht ein wort dafür
es steht in ihren grauen gesichtern
(eine an)spannung
(die)/der/ eigene/n/ sprache noch nicht (gefunden zu haben)/mächtig/

soweit erstmal mit allem nötigen respekt. weiter oder nö?

lGriemsche

Kastell
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Re: gewichtung

Beitragvon Kastell » 08.02.2011, 22:31

Huch,

die von riemsche zitierte Passage habe ich tatsächlich überlesen, aber dann ist das Utopische/Diagnostische im Gedicht gleich zweifach belastet, einmal mit "... (die) Anspannung/ (die) eigene Sprache noch nicht gefunden zu haben" (zu viel Unbestimmtheit macht's fad), und zum anderen mit "auch die Familie, die es bewohnt, sucht ein Wort dafür". Ich finde es sehr gut gesagt und ärgere mich, weil mir für die zuletzt zitierte Stelle keine andere Lösung einfällt.

Wie steht es mit: "die familie, die es bewohnt/ sucht dafür das wort".

meint

kastell
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shuya
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Re: gewichtung

Beitragvon shuya » 09.02.2011, 08:17

mh..

vielleicht kann ich euch auf andere gedanken bringen:
- die familie hat lange niemand mehr gesehen.
man weiß nicht viel über sie, aber erinnert sich, dass sie mal da war.

- die schicht zu zweit, in einem erker, warum besteht die arbeit aus kauern?
es wundert mich, dass keiner fragt.
wo doch ein haus beinahe ins meer stürzt (glaubt jener, der erzählt zumindest)
da müsste jemand
während die einen leben, in dem haus
die gewichtung halten
damit es nicht stürzt.

ein haus also, dass man nicht mehr verlassen kann (spinnt sich der erzähler zusammen)

-----
nur ein denkanstoß in eine andere richtung.

Kastell
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Re: gewichtung

Beitragvon Kastell » 13.02.2011, 18:42

Hi, shuya,

dann haben Mutter und Schwester die nächste Schicht, während der Mann die Glühbirnen wechselt und der Bruder Lateinvokabeln paukt?
Bloß wäre dann die Haustür auf derselben Seite wie der Erker, und eine geschickte Gästelenkung könnte Wunder wirken.

:-) kastell
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shuya
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Re: gewichtung

Beitragvon shuya » 15.02.2011, 20:15

man könnte das ganze definitiv mehr konkretisieren
allerdings habe ich den text ohne direkte intention geschrieben, der kam mehr so aus dem ärmel geflattert.
der denkanstoß oben kam z.B. von einer freundin, der ich das ding mal in die hand gedrückt habe

je weniger sich aufklärt, desto mehr lesarten ergeben sich in bildern oder texten
ich mag das persönlich sehr gerne, weiß aber, dass man damit natürlich auch viele leute vergrault.

Kastell
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Re: gewichtung

Beitragvon Kastell » 20.02.2011, 21:31

Hm,shuya,

ich dachte, dass die Hausbewohner durch eine andere Zeiterfahrung "gefangen" sind. Sogar vielleicht sehr lange, wie das Laken weißen andeutet, und dann müsste der Mann vielleicht die Kontorbücher prüfen, wenn Mutter und Schwester Schicht haben. Einerseits suggeriert das Hocken im Erker "Gegengewicht sein", aber auch die absurden Routinen, die sich in Familien einbürgern.
Außerdem habe ich mir das Gedichteschreiben in der Rolle des Gegengewichts vorgestellt.
Ein im positiven Sinn vieldeutiger Text, der ein bisschen zum Basteln einlädt.
:-)) kastell
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