Hey Silentium,
es macht mir immer mehr Spaß deine Gedichte zu lesen – auch ohne irgendeinen Altersbonus in Rechnung zu stellen. Ich habe inzwischen auch den Eindruck, dass du von Gedicht zu Gedicht immer besser wirst. So muss das sein! Weiter so! Was mich mal interessieren würde: wie viel Zeit wendest du für so ein Gedicht in der Regel auf? Wie lange hast du an diesem hier herumgefeilt? Ach, und wo wir gerade dabei sind, dich ins Kreuzverhör zu nehmen, was ich dich schon immer mal fragen wollte: bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?
Gibts denn hier eigentlich keinen staatlich geprüften Reimexperten, der immer alles besser weiß?
Nicht immer, aber immer öfter.
Und auch nicht staatlich geprüft, sondern selbsternannt. Die Urkunde des "Staatlich geprüften Reimfuzzis" eigenhändig gefälscht und für echt erklärt.
Also gegen die Reime in diesem Gedicht habe ich nix einzuwenden, sieht doch alles ganz gut aus! Mein Favorit: "Schock" – "Barock"! Den finde ich richtig originell. Aber vielleicht magst du ja ein paar Worte zum Rhythmus hören, Silentium? Ich würde zwar nicht sagen, es eiert und holpert wie wild. Das wäre etwas übertrieben. Auch finde ich es, ehrlich gesagt, verdammt beeindruckend, zu sehen, wie du dich um eine strenge Form bemühst, wie hartnäckig du an Reim und Metrum herumbastelst. Aber es gibt sicherlich noch ein paar Stellen, die verbesserungsbedürftig sind. Ich bitte dich, schmeiß aber nicht wieder das ganze Gedicht um (wie bei "Die letzte Suppe"). Nimm es einfach als Tipps für die nächste Runde.
Die fetten Weihnachtsmänner grinsen-
mit Rauschebart und rotem Hut
und eure kleinen Kinder linsen
hin zur festlich-teuren Bilderflut
Eine super erste Zeile. Ein super Auftakt. In dieser Zeile gibst du bereits den Ton und das Sujet für das ganze Gedicht vor. Gefällt mir ausgesprochen gut. Ist auch meine absolute Lieblingsstelle. Die folgenden drei Zeilen sind inhaltlich etwas blasser und fader, finde ich, aber als Intro okay. – In den ersten drei Zeilen haben wir es wohl mit einem Jambus zu tun – du beginnst jede Zeile unbetont und jede Zeile umfasst genau vier betonte Stellen. In der letzten Zeile gibt es einen Bruch: sie beginnt betont und hat eine betonte Silbe mehr. Das kann man machen. Ich muss zugeben, dass es mir an dieser Stelle gar nicht so übel gefällt, weil es rhythmisch einen kleinen Akzent setzt, der inhaltlich am Ende der Strophe eher fehlt.
Der Nikolaus steht seit September
aus Schokolade im Regal
übt sich bis jetzt, Beginn Dezember
in schmelzend-bräunlichem Zerfall
Eine abgerundete Strophe. Zeile drei fällt rhythmisch etwas aus dem Rahmen, geht mir hier aber wie bei der Strophe zuvor: empfinde ich als Akzent, als Betonung, als erfrischenden Wechsel, nicht als störend.
Polyester hat den Schnee ersetzt
Das Goldenrosa trifft als Schock
Hat er das Auge schwer verletzt
kehrt höhnisch wieder der Barock
Wie viel Silben hat "Polyester"? In deinem metrischen Schema werde ich dazu verleitet, es dreisilbig zu sprechen, tatsächlich sind es aber vier Silben. Die erste Zeile hört sich nicht gut an, finde ich. Sie fällt einfach aus dem bisherigen Schema hörbar heraus und das gleich am Strophenanfang (sie folgt metrisch dem Muster von Zeile 4 aus Strophe 1). In der zweiten Zeile fällst du wieder in das Grundschema zurück: unbetonter Auftakt, vier Hebungen, regelmäßige Jamben. Die letzten zwei Zeilen scheinen dann beide einem ganz anderen Muster zu folgen:
– U U – U – U –
– U U – U – U –
"–" = betonte Silbe, metrische Hebung
"U" = unbetonte Silbe, metrische Senkung
Das holpert jetzt aber wirklich. Auch stilistisch stört mich etwas an der Strophe, besonders gegen die zweite Zeile wehrte sich schon beim ersten Lesen etwas in mir. Dann musste ich lange überlegen: Warum? Ich denke, es liegt an der Zeitform des Verbs. Du wechselst ja im ganzen Gedicht zwischen Präsens und Perfekt, zwischen Gegenwart, generellen Aussagen und abgeschlossener Vergangenheit. Das ist an sich okay. Aber in Strophe drei wird es mir dann doch zuviel. Dieses "trifft", dieses saloppe Präsens in Zeile zwei, umklammert in Zeile eins und drei von "hat ersetzt" und "hat verletzt". Nein, das klingt merkwürdig. Das läuft auch der eigentlichen Abfolge der geschilderten Ereignisse zuwider.
Auf immergrünen Plastikzweigen
Summen Lämpchen unverdrossen
Mit Zuckeräpfeln, Datteln, Feigen
Hat das Christkind sich erschossen
Die Strophe finde ich inhaltlich besonders gelungen – besonders die ersten drei Zeilen sind dir gelungen. "Auf immergrünen Plastikzweigen/Summen Lämpchen unverdrossen ..." Da krieg ich die Krätze, wie man bei uns sagt. Da zieht sich sofort etwas in mir zusammen. Meine Eltern hatten mal drei Jahre so ein widerliches synthetisches Weihnachtsbäumchen, das während des Jahres im Keller vor sich hin geschimmelt hat. Da gab es jedes Jahr von neuem Theater; ich hab mich nach dem Duft einer richtigen Tanne gesehnt und nach dem klebrigen Harz an den Fingern, wenn man sie aufstellt und schmückt. Jetzt wohnen sie in einem Mittelgebirge und da stehen überall Nadelbäume herum – auch im Garten.

-- Die letzte Strophe wechselt zwischen unbetonten und betonten Auftakten. Das scheint ihr aber insgesamt nicht zu schaden:
U – U – U – U – U
– U – U – U – U
U – U – U – U – U
– U – U – U – U
Dieses "unverdrossen" ist vielleicht wieder eins von deinen altmodischen Sprachatavismen, aber es fügt sich in diese Strophe wunderbar ein – ja, es untermalt die Aussage des Gedichtes, geht es doch um überkommene und völlig aus den Fugen geratene Traditionen.

gelbe grüße
