Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Dichter mit dem Absinth ...
Sorry, AES, das fiel mir als erstes ein, als ich dein Gedicht gelesen hab. Wieder ein verdammt gutes Poem des Herrn AES, daran besteht kein Zweifel. Du bist hier in kürzester Zeit zu einem meiner persönlichen "Top 5 Lyriker" avanciert, weißt du das? Inzwischen "horche" ich richtiggehend auf, wenn in der Liste ein neuer Thread und dahinter dein Name aufblinkt. Du bist sehr ambitioniert bei der Sache, mit einem Hang zu anspruchsvollen Metren und wechselnden Rollen des LI. Obwohl natürlich, wie mir scheint, die Perspektive des Dichtenden dich am ehesten fesselt: "Herber Herbst", "Gesang der fünf Pilger" und auch dieses hier drehen sich alle irgendwie um die Gedanken eines schreibenden Ichs. Diese Tendenz zieht natürlich die Frage nach sich, wann dieser Fokus sich etwas verändert und mehr nach außen richtet? Denn prinzipiell zähle ich Texte wie "Flusslandschaft mit Ungeheuern" und "Schnapsidee", die weniger das schreibende Ich reflektieren, zu deinen Besten ... ist nur so ein Gedanke.
Zurück zu deinem Gedicht! Älterer Herr, geblähter Burnus, Kara Ben Nemsi? Da klingelt doch etwas? Genau! Hier greifst du wieder eine Rolle und Themen auf, die bereits in der "Flusslandschaft mit Ungeheuern" eingeführt worden. In welchem Zusammenhang stehen die beiden Texte; ist "Carried by the skilled foot" Teil einer Fortsetzung?
Also es geht ums Schreiben, soviel ist klar. Einer kann nicht schlafen, setzt sich "halt" an seinen Computer und schreibt drauf los. Er wird getragen vom Rhythmus der Worte, von dem Streifzug, dem Ritt durch die Nacht – vielleicht findet er sogar seinen eigenen Rhythmus darin. Es steckt viel Bewegung in diesem Gedicht (gleiten, swingend, galoppierender Beat, Wind, Strecklauf), so als ginge es überhaupt nur um die Bewegung und um sonst nichts. Es ist auch ein schöner Kontrast: hier der ältere Herr und dort all die Kraft und Geschmeidigkeit der Bewegung (seines Geistes). Den Vergleich von Rhythmus und Ritt finde ich ausgesprochen schön, noch schöner finde ich nur die Metapher: "den rauschenden Regen der Worte".
Dann wie du das ganze mit einem Dreivierteltakt unterlegst. Ich höre den Galopp und wie mit stampfenden, wütenden Hufen das Pferd ins Feld jagt. Ich finde, es tut dem Gedicht ausgesprochen gut, dass die Daktylen an einigen Stellen gebrochen werden, dass du nicht krampfhaft versucht hast, es durchzuhalten, dass auch die Zeilenlänge alterniert. Diese Brüche verleihen dem Gedicht seine Unmittelbarkeit, seine Authentizität, ebenso wie der ironische Bruch in der dritten Strophe, den ich für außerordentlich wichtig und gelungen halte. Ich bin wirklich froh, dass du es nicht ganz so streng und glatt durchkomponiert bzw. exerziert hast, wie noch bei "Herber Herbst". Dass das lyrische Ich sein Tun und Lassen auch nicht ganz so ernst und wichtig nimmt ("Mein Schreiben bracht Freude der Welt ..."), dass es sich eher selbstvergessen und weltversunken im "Strecklauf" des Schreibens genügt, anstatt über die Wirkung seines Schaffens zu spekulieren, macht es mir sympathisch. Das erinnert mich an ein Wort von Reiner Kunze, das mir sehr am Herzen liegt:
Das bedürfnis des dichters, nach außen etwas zu gelten, bricht in dem augenblick zusammen, in dem er begreift, was poesie ist.
(Quelle: Reiner Kunze: frühe gedichte)
Darum, zum Gedeihen der Poesie, auch ein paar kritische Anmerkungen:
Trunken und nüchtern macht dieser Takt,
reglos und schwarz ums Haus hängt die Nacht,
galoppierender Beat, vollblütiges Schnauben,
Diesen Teil des Gedichtes finde ich ausgesprochen schwach. Wie denn? "Trunken und nüchtern" zugleich macht "dieser Takt"? Das verstehe ich nicht. Und "reglos und schwarz ums Haus hängt die Nacht" ist mir eindeutig zu abgegriffen. Das kannst du besser! Außerdem: wozu plötzlich diese Assonanz? So bedeutsam erscheinen mir die beiden Zeilen nicht, dass ein Fastreim sie so betonen und hervorheben sollte.
Manch einer wird sagen: Kamel.
Der Sinn dieser Zeile ist mir nicht ganz klar. Wozu dieser Anhang? Wozu noch einen draufsetzen, es mit einem so verwaschenen "manch einer wird sagen" einleiten und mit einem so unflätig-lakonischen "Kamel" beschließen, ist doch in der vorigen Strophe bereits alles gesagt – und zwar auf den Punkt? Die Zeile erscheint mir verzichtbar.

gelbe grüsse
