bemächtigung

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
shuya
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bemächtigung

Beitragvon shuya » 13.05.2011, 14:40

stolzgeschwellt
am übergang, wo ein schritt noch fehlt
steht die geste
ausgerüstet mit den parabolischen gewehren
dichterischer gewissheit
am sprung, von vorn
gekrümmt, von hinten betrachtet

zwei kümmerliche beinchen
können kaum tragen
können kaum stehen
und ein großer, wiegender kopf
wiegend und schwer

sprechen wir darüber
beschwören wir sie:
goebbels mit hamsuns nobelgold
nobels stiernacken vor goebbels brust
steht die geste
über ihnen
mit einem blick auf die taschenuhr
es wird sich ein gleichnis finden lassen, für das
wenn die bemächtigung einsetzt
müssen sie da sein, die umgestoßenen erinnerungen
und wir werden sie wieder aufstellen müssen
und die geste unsere blaupause
und es wird eine neue choreographie
in die geschichte eingehen

gibt es ein eindeutigeres bild für sulamiths lagertanz
als schatten an den mauern (lagerfeuerschatten, tanzende schatten)
heute, wo erinnerbar erzählt kilogramme blei durch
nervenstränge und muskeln
menschen nahm
zum kollektiven eigentum, der erinnerbarkeit
einer, von gesten bemächtigten, körperlandschaft
fügt
verdichtet
konzentriert
gräbt die geste
schafft eigenschaft um eigenschaft

shuya
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Re: bemächtigung

Beitragvon shuya » 13.05.2011, 14:42

noch sehr unsicher damit
freue mich über ein bissgen feedback :)

riemsche
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Re: bemächtigung

Beitragvon riemsche » 14.05.2011, 10:31

nun mit hamsun steht ich _was seine bewunderung anbelangt_ abiz auf kriergsfuss (:->))
ich beschäftige mich daher vorerst lieber einmal mit dem ersten absatz, der mich anspricht und _find ich wichtig_ im weiteren verlauf dann so manches etwas allgemeinverständlicher transportiert.
stolzgeschwellt. nun das ist dann wohl die brust. möglichkeit: die brust schwillt. wäre zB ohne das kind beim namen zu nennen eine eröffnung mit einatmen. dann am ende des parts, die beschreibung einer haltung ist mir in der form zwar verständlich. das augenmerk auf differente wahrnehmung lenken geht auch klar. ich würde jedoch wegen der balance das /vor/ nicht schon von vornherein überbetonen. möglichkeit: am sprung, von vorn ....

so die sonne ruft. bis bald und dann mehr.
lGr

shuya
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Re: bemächtigung

Beitragvon shuya » 14.05.2011, 11:56

am sprung passt gut, wird en direkt übernommen

das war übrigens keine bewunderung für hamsun, sondern ein kleiner sidekick
hamsun hat damals seinen friedensnobelpreis goebbels geschenkt - in form einer geste.
eine geste wie: ich übergebe dir meine macht (symbolisch), denn du wirst meine gewünschte weltordnung herstellen - ich bin nur dichter und du ein großer staatsmann, meine welt wird kommen, durch dich.
ungefähr so könnte man hamsuns intentionen beschreiben als er seine medaille an seinen deutschen freund und förderer weitergibt
aber die geste geht noch weiter:
seht mich an! ich bin hamsun, der könig unter den dichtern, ich allein kann ohne konsequenzen zu erleben (das stimmt so nicht. er wurde später für seine affinität zu den nazis vor gericht verantwortet. aber das kam später) den symbolischsten unter den preisen, den nobelpreis, die geste, kann ich - hamsun - allein weiterreichen als wäre es mein job zu entscheiden wem diese geste gebührt.
und:
ich spucke euch ins gesicht, all euch nobelpreisträgern die ihr versucht das judenpack mit einer nobelpreisehrung vor der vernichtung zu retten.

goebbels selbst wiederum, der späte inoffizielle besitzer dieses preises, ist auch eine geste schlichtweg.
seine macht verdankt er der fähigkeit viele große gesten, gesten die sonst einzelnen zuteil werden, in sich zu vereinen.
der schreiber goebbels, der filmemacher goebbels, das theatralische vorbild goebbels, der besonnene staatsmann goebbels, der freund der soldaten goebbels, der liebende vater goebbels, der mordende vater goebbels.
der dreh- und angelpunkt einer propagandaindustrie, die auf diesen gesten aufbaut - der große vorreiter goebbels mit dem nobelpreis
eine absurde szenerie, die sich aber so ereignet hat.

später komme ich auf sulamith zu sprechen,
sulamith in die todesfuge einzubauen war - nur subjektiv von mir betrachtet - in diesem sinne ein gekonnter kunstgriff auf die geste
aufgrund des "hohenliedes" in dem es in etwa heisst (ich zitiere frei, will jetzt nicht suchen): "was tanzt sulamith? DEN LAGERTANZ"
später baut celan sulamith neu zusammen, mit aschenem haar in der todesfuge
und während margarethe, blond und scheu und hübsch, gemütlich zuhause versauert
tanzt sulamith über dem lager
in form von asche und rauch

und wieder wird sich einer geste bedient, der lagertanz, tausend jahre vorher als ein highlight, ein event zur bespaßung von dieser schönen frau
sulamith
wird nun tausend jahre später zum symbol der abertausenden verbrannten juden in einer neuen form von "lager"
celan setzt die parabolische waffe an
und trifft
die geste sulamiths, der tanz für ihr volk
bekommt eine zweite ebene zugewiesen und lebt im kollektiven bewusstsein
in dieser neuen form, diesem neuen körper weiter - als eine geste der unendlichen traurigkeit und bekümmerung, ohne aufzuhören eine geste des tanzes zu sein.
untrennbar verbunden jedoch, mit diesem wort "lager", das hier, in deutschland eine so andere aufladung bekommen hat.

gibt es ein eindeutigeres bild für sulamiths lagertanz
als schatten an den mauern (lagerfeuerschatten, tanzende schatten)

es ist ein volksfest, ein gettogether mit ihrem tanz, jedoch nur als schatten auf den mauern eines deutschen lagers - so empfinde ich diese kuriose verbindung zwischen der alten und der neugeborenen sulamith, gleich darauf entlehne ich eben diese mauer, erinnere mich, in der betrachtung, an etwas das ich nicht erlebt habe (nur als geste erinnern kann, als element der kollektiven trauer, die trauergeste. weil auch diese wand teil der geste geworden ist, sie wird nie wieder bloße wand sein, es ist ihr unmöglich zurückzukehren - sie wird die wand der genickschüsse bleiben, die gefängniswand, die wand in der die kratzer zahlloser fingernägel eingraviert sind und die löcher zahlloser kugeln. die geste hat sich diese wand einverleibt, ohne das wir wirklich wissen können was genau wann an dieser wand vorgefallen ist, bleibt sie unter der aufladung einer gewissheit, die gewissheit der gesten und die sicherheit die sie ausstrahlen.)

die geste selbst hat im zweiten weltkrieg
in den beteiligten großmächten (de, en, fr, usa, jp, korea, udssr) eine neue dimension verliehen bekommen,
diese dimension kann ich natürlich nicht erklären
und darum darf es nicht gehen, in einem gedicht
aber ich wollte auf sie zu sprechen kommen
merke aber durchaus dass es da ein paar hinderlichkeiten gibt.

shuya
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Re: bemächtigung

Beitragvon shuya » 14.05.2011, 12:02

gräbt die geste
schafft eigenschaft um eigenschaft


vielleicht hier noch einmal anzusetzen
die großen gesten des zweiten weltkrieges sind heute oft
wie eigenschaften
untrennbar mit dem alltag verbunden
dank hollywood und anderer geschichten
insbesondere die jugend bedient sich dieser gesten
zur ergänzung ihrer unsicherheiten
gesten sind abstandhalter, unpersönlich, ein element der gesamtheit mensch
an dem sich jeder frei bedienen kann, die jeder frei interpretieren kann
die geste eines menschen entspricht der malerei eines malers
der ausführende mensch steht bei betrachtung der malerei unter deren kontrolle
nicht umgekehrt.

riemsche
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Re: bemächtigung

Beitragvon riemsche » 15.05.2011, 18:08

shuya hat geschrieben:das war übrigens keine bewunderung für hamsun, sondern ein kleiner sidekick
ok und das
riemsche hat geschrieben:nun mit hamsun steht ich _was seine bewunderung anbelangt_ abiz auf kriergsfuss (:->))
mit der bewunderung war übrigens an Seine adresse, nicht an Deine :-)
aber möglicherweise hätts ja andersrum nicht diese umfassende anwort gegeben. und die ist mir _abseits der üblichen suchmaschinen_ natürlich die viel aufschlussreichere (:->))
hilft mir auch abiz, mich erstmal ausschließlich mit möglichkeiten der form zu beschäftigen. hab dich also nicht vergessen, kann aber seine zeit dauern.
lGr


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