grätchen-frage

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Näherungsweise
Thaleia
Beiträge: 616
Registriert: 13.11.2006, 21:23
Wohnort: Golzheim

grätchen-frage

Beitragvon Näherungsweise » 06.09.2011, 23:54

räucher nicht das schweigen aus
das wie morgennebel
von deinen lippen schwebt

lass nicht den tau
deiner schüchternheit
verdorren

verbieg dich nicht vor
dem neidischen schrei
der elstern

der augenblick geht auf
und du träumst vom abendrot
der normalität
Besuch mich mal... in meinem kleinen Blog-Haus

riemsche
Apollon
Beiträge: 5165
Registriert: 02.11.2006, 21:38
Wohnort: Österreichs milder Westen

Re: grätchen-frage

Beitragvon riemsche » 08.09.2011, 21:13

wenn das schweigen wie morgennebel ..... was schon aussieht wie rauch. rauch ausräuchern ... ich mach ein fenster auf, dann zieht er ab .... lüfte nicht das schweigen ...hmm. bin wohl auf der suche nach der gräte im muster (:->)) den tau deiner schüchternheit / lass ihn nicht verdorren. eine frage der direkten ansprache? denks mir in melodie ... ähnlich wie bei .. vor dem neid / schrei der elstern / verbieg dich nicht. die letzte strophe ... auch wieder ein schöner gedanke. ... und du träumst dir abendrot in realität. denk ich so bei mir. andere melodie im kopf? but thatsMe .. ich hoffe, Du verstehst das ;-)

Gretchen
Kerberos
Beiträge: 3
Registriert: 12.04.2011, 15:18

Re: grätchen-frage

Beitragvon Gretchen » 16.09.2011, 13:59

Ich erlaube mir mal, im Folgenden meine Gedanken zur "Grätchen-Frage" darzulegen:

Ich verstehe die Reime als Mutmacher-Zeilen, seine (vermeintlichen) Schwächen als Bestandteil der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren anstatt sich negativ auf sie zu fokussieren.

Das Schweigen und die Schüchternheit werden mit Bildern einer frischen, ruhigen Morgenstimmung verbunden, die zerstört würde, wenn man versuchte gegen sie zu arbeiten. Im Naturbildnis bleibend werden diese Vorgänge als "ausräuchern" und "ausdorren" bezeichnet. Das Fremdbild, also die Einschätzung eines Jeden, wie er auf seine Mitmenschen zu wirken glaubt, kann mitunter verzerrt sein. Sinnbild hierfür sind die Elstern, ihr Schrei der geräuschvolle, harte Kontrast zu der vorangegangenen weichgezeichneten Beschreibung des Schweigens und der Schüchternheit. Sie scheinen sich zum Einen abzuheben durch ihr unauffälliges, unaufdringliches, transparentes Erscheinungsbild und zum Anderen durch ihre quantitative Unterlegenheit gegenüber der Mehrzahl an Elstern. Beide Umstände lassen sie besonders und wohltuend wirken.

Was Einen also erwartet, wenn man Augenblicken in dieser Morgenstimmung gelassen und mit einer
selbstbejahenden Zuversicht begegnet, eröffnet sich dem Leser in der letzten Strophe. Sie verheißt ein hoffnungsvolles Vertrauen in sich selbst, das Empfinden von Normalität als Loslösung von Ungleichgewicht und Unzufriedenheit. Dies scheint das erstrebenswerte Ziel eines Selbstfindungsweges zu sein, hier in Fortführung der Morgenmetaphorik durch die wärmende Abendsonne am eines Tages symbolisiert.

Der Titel des Gedichtes scheint eine Assoziation zur "Gretchenfrage" aus Goethes "Faust. Der Tragödie erster Teil" herstellen zu wollen. Das Gedicht enthält zwar keine Fragen, aber es gibt gleichsam Empfehlungen (in Form der Imperative), sein eigenes Denk- und/oder Verhaltensmuster zu überprüfen, in sich zu schauen und seine Selbstwahrnehmung zu entzerren anstatt sich angstvoll mit Anderen zu vergleichen. Oder auch: Die heilsame Beschäftigung mit dem eigenen Kern, nicht des Pudels :-) Allein der Grund für die Abwandlung der "Gretchenfrage" zur "Grätchenfrage" (Grätchen im Sinne einer Fischgräte, also Teil eines Fischskeletts?) bleibt mir verborgen.

Perry
Melpomene
Beiträge: 711
Registriert: 26.02.2009, 21:48

Re: grätchen-frage

Beitragvon Perry » 29.09.2011, 23:30

Hallo Näherungsweise,

wenn ich lese, was du alles in deinen Text hineingelegt hast, dann läuft mir ein leichtes Frösteln über den Rücken, denn da ist für mich sehr viel Wunschdenken dabei. ;-)

Meine Lesart wäre,
behalte das Schweigen, die Schüchternheit und die Geradlinigkeit (was immer damit gemeint ist) wenn du aufwachst, von Normalität träumst. Wobei sich natürlich die Frage stellt, was an Reden, Spontanität und Flexibilität denn so schlecht sein sollte.
Außer Schlagworte kommt da leider nicht viel rüber. ;-)
Stilistisch sind mir Bilder wie

"lass nicht den tau
deiner Schüchternheit
verdorren"

etwas zu pathetisch und sinnschräg, von wegen "tau ... verdorren."

Konstruktiv könnte ich mir die Bilder etwas abgespeckt wirkungsvoller vorstellen, z.B. wie folgt:

räucher nicht
das schweigen aus
lass nicht
den tau verdunsten
verbieg dich nicht
vor der normalität
des abendrots

LG
Perry

PS:
Wie du siehst habe ich einige Grätchen gefunden.

riemsche
Apollon
Beiträge: 5165
Registriert: 02.11.2006, 21:38
Wohnort: Österreichs milder Westen

Re: grätchen-frage

Beitragvon riemsche » 08.10.2011, 09:23

Näherungsweise hat geschrieben:räucher nicht das schweigen aus
das wie morgennebel
von deinen lippen schwebt


abseits von bedeutung und interpretation vielleicht ein anderer ansatz ... bei der ersten zeile dachte ich vom rhythmus her sofort an /sag mir wo die blumen sind/ beides auf seine art ansprechend. nur hält bei dir mE die zweite zeile mit dem /das/-intro dann nicht mehr, was die erste vom klang her in folge verspricht.

geraderaus ein versuch deine ersten vier zeilen umzupuzzeln, was dich vielleicht auf andere gedanken in bezug auf form (maybe auch in sachen überleitung in passage zwei) deiner schön melancholischen bilder bringt. wenn nicht - macht auch nichts. ist ja wie gesagt nur ein versuch:

schweigen
das wie morgennebel
von deinen lippen schwebt
räucher es nicht aus


lGriemsche


Zurück zu „Gedichte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Bing [Bot] und 20 Gäste