Ich erlaube mir mal, im Folgenden meine Gedanken zur "Grätchen-Frage" darzulegen:
Ich verstehe die Reime als Mutmacher-Zeilen, seine (vermeintlichen) Schwächen als Bestandteil der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren anstatt sich negativ auf sie zu fokussieren.
Das Schweigen und die Schüchternheit werden mit Bildern einer frischen, ruhigen Morgenstimmung verbunden, die zerstört würde, wenn man versuchte gegen sie zu arbeiten. Im Naturbildnis bleibend werden diese Vorgänge als "ausräuchern" und "ausdorren" bezeichnet. Das Fremdbild, also die Einschätzung eines Jeden, wie er auf seine Mitmenschen zu wirken glaubt, kann mitunter verzerrt sein. Sinnbild hierfür sind die Elstern, ihr Schrei der geräuschvolle, harte Kontrast zu der vorangegangenen weichgezeichneten Beschreibung des Schweigens und der Schüchternheit. Sie scheinen sich zum Einen abzuheben durch ihr unauffälliges, unaufdringliches, transparentes Erscheinungsbild und zum Anderen durch ihre quantitative Unterlegenheit gegenüber der Mehrzahl an Elstern. Beide Umstände lassen sie besonders und wohltuend wirken.
Was Einen also erwartet, wenn man Augenblicken in dieser Morgenstimmung gelassen und mit einer
selbstbejahenden Zuversicht begegnet, eröffnet sich dem Leser in der letzten Strophe. Sie verheißt ein hoffnungsvolles Vertrauen in sich selbst, das Empfinden von Normalität als Loslösung von Ungleichgewicht und Unzufriedenheit. Dies scheint das erstrebenswerte Ziel eines Selbstfindungsweges zu sein, hier in Fortführung der Morgenmetaphorik durch die wärmende Abendsonne am eines Tages symbolisiert.
Der Titel des Gedichtes scheint eine Assoziation zur "Gretchenfrage" aus Goethes "Faust. Der Tragödie erster Teil" herstellen zu wollen. Das Gedicht enthält zwar keine Fragen, aber es gibt gleichsam Empfehlungen (in Form der Imperative), sein eigenes Denk- und/oder Verhaltensmuster zu überprüfen, in sich zu schauen und seine Selbstwahrnehmung zu entzerren anstatt sich angstvoll mit Anderen zu vergleichen. Oder auch: Die heilsame Beschäftigung mit dem eigenen Kern, nicht des Pudels

Allein der Grund für die Abwandlung der "Gretchenfrage" zur "Grätchenfrage" (Grätchen im Sinne einer Fischgräte, also Teil eines Fischskeletts?) bleibt mir verborgen.