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Schattenspiele
Verfasst: 19.01.2004, 21:08
von Silentium
Schattenspiele
So lächelt mild der Greisin Büste,
ein Schattenspiel betanzt die Wand.
Es steht verfallen in der Wüste
ein Säulenwald aus rotem Sand.
Dem Stieglitz sind die Federn lose,
die Spinne fängt im Netz ihn ein.
Ein tauber Fuchs verreckt im Moose,
es bleicht der Regen sein Gebein.
Ein jedes Bild ist bald zerflossen,
ein müder blauer Kater lacht.
Die Schatten haben sich entschlossen,
und verhellen sacht.
Re: Schattenspiele
Verfasst: 20.01.2004, 11:21
von razorback
Oh ja - ich erinnere mich. Hier wie bei Dina: Ich wiederhole mein Lob nur gekürzt:
Sehr gut. Dein Wortschatz und Deine Sicherheit sind beeindruckend.
Re: Schattenspiele
Verfasst: 20.01.2004, 15:04
von Spiderman
Ich kann nur meine Worte von Samstag wiederholen zu diesem Silentium-goes-Trakl-Gedicht: hinsichtlich der Beherrschung von Metrik, Rhythmik und Reim ein herausragendes Gedicht. Besonders den Ausklang finde ich in höchstem Maße gelungen.
Nochmals Hut ab:
Spiderman
Re: Schattenspiele
Verfasst: 21.01.2004, 17:33
von Flocke
Hi, Silentium...
bei diesem Gedicht beschleicht mich ein ähnliches Gefühl wie beim Lesen von Ingeborg Bachmann, es spricht mich in seiner Gesamtheit an und gefällt mir, Reim und Rhythmus und so paßt, aber die Bilder wollen sich mir einfach nicht erschließen.
Sind zwar für sich gesehen sehr interessant, z.B. der taube? Fuchs, ein müder blauer Kater, der aber noch lächeln kann...aber direkt erschließen oder miteinander in Zusammenhang bringen kann ich sie irgendwie nicht.
Das soll bestimmt nicht heißen, dass es ein schlechtes Gedicht ist, denn wenn ich es vor mich hin lese, klingt es auf jeden Fall gut, vermutlich bin ich einfach nur zu deppert ?-(
Verwirrte, doch beeindruckte Grüße
Flocke
Re: Schattenspiele
Verfasst: 21.01.2004, 18:05
von Silentium
*hüstel*
@razorback, spider: *freu* (emotion stark gekürzt)
@Flocke: deppert gibt's nicht. Und wenn bilder nicht zu erschließen sind, ist ja wohl die schuld, der sie schreibt... zumal sie, zugegeben, nur auf irgendeiner mehr oder weniger unterbewussten ebene für mich miteinander in verbindung stehen.
Aber den blauen Kater kann ich dir erklären: Es war kurz nach ein Uhr morgens, meine gesamte Familie schon zu Bett gegangen, ich sitze noch da und grüble um einen halbwegs passablen Gedichtabschluss- und plötzlich sitzt vor mir auf dem Tisch mein Kater Merlin, im fahlen Laptoplicht wirkt das rauchfarbene Vieh blau, maunzt mir was vor von wegen er hat hunger und ich schwöre- er hat träge gegrinst...
Re: Schattenspiele
Verfasst: 21.01.2004, 21:48
von Auf Eulen Schwingen
Schau hin, mein Kater heißt auch Merlin.
erfreut, aes, ...
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 10:43
von Flocke
@ silentium
Danke für deinen Trost, das baut echt auf.
Aber den blauen Kater kann ich dir erklären: Es war kurz nach ein Uhr morgens, meine gesamte Familie schon zu Bett gegangen, ich sitze noch da und grüble um einen halbwegs passablen Gedichtabschluss- und plötzlich sitzt vor mir auf dem Tisch mein Kater Merlin, im fahlen Laptoplicht wirkt das rauchfarbene Vieh blau, maunzt mir was vor von wegen er hat hunger und ich schwöre- er hat träge gegrinst...
Das kann ich mir echt vorstellen... tolles Bild.
Flocke
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 11:47
von charis
hallo liebe silentium!
also, dann werde ich hier auch mal meinen senf dazugeben.
dein gedicht wirkt auf mich wie ein wort gewordenes stilleben, das ist gut so. du fängst impressionen ein und beschreibst sie sehr gekonnt
z.b.
So lächelt mild der Greisin Büste,
ein Schattenspiel betanzt die Wand.
weißt du, was ich aber nicht so sehr mag an deinen immer sehr ausgefeilten gedichten?
dieses sätze, die mit "Es..." beginnen. das hast du immer wieder drinnen, vermutlich dürfte sich dir das aus rhythmischen bzw metrischen gründen anbieten.
ich empfinde dieses stilmittel allerdings als sehr antiquiert, und habe den eindruck, dass dadurch eine hohe distanz zu den dingen/der handlung im vers hergestellt wird, der regen erscheint höchst unnahbar dadurch.
vielleicht benützt du diese "es" sehr bewusst, oder doch nicht? das würde mich interessieren. jedenfalls sei dir der (zunmindest für mich spezifischen) stimmung bewusst, die sie hervorrufen.
lg
charis
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 17:34
von Silentium
@AES: eine Eule und eine Katze? Verträgt sich das überhaupt...
@charis: hm, das "es" ist einfach vom Metrum her reingerutscht und ich hab es tolleriert. Wenn du sagst, es stört, dann lass ich es in Zukunft. Danke für den Hinweis!
LG, Silentium
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 18:18
von razorback
Ich möchte dringend für "es" plaidieren! Charis hat recht - das ist ein wenig altertümlich. Andererseits trägt es, finde ich, sehr zur Atmosphäre bei, es gibt dem Regen und auch dem Säulenwald so etwas wie Ewigkeit. Sicherlich auch etwas Angestaubtes - aber hier finde ich das absolut positiv und passend. Es ist mehr als nur ein Trick für's Metrum.
Das Charis das nicht gefällt ist klar. Die hat ja auch was gegen Kladden.

. Aber Silentium wirst Du kein Piefketum vorwerfen können, Charis. :-p

Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 18:31
von charis
Aber Silentium wirst Du kein Piefketum vorwerfen können, Charis.
naja, dafür eben altertum...
ui ui ui, viel fehlt nicht, und dann hab ich wohl ewiglich den ruf eingeheimst, die nörglerin des forums zu sein...

) (vermutlich läuft das stets parallel mit eigenen zähen kreativitäts-verfallserscheinungen...)
ch.
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 18:53
von razorback
Freiheit ist immer die Freiheit des Nörgelnden!
Watt sollze auch machen, wenn Dir unsere Altertümelei nicht gefällt. Es ablegen in einer Kladde? Dann doch besser nörgeln...
Razorback
staatl. gepr. Adjektivnörgler und Geschichtskleinkrämer
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 19:34
von Silentium
*kicher*
Am besten verallgemeinere ich das "es" nicht, nicht nur gut oder böse, das "es", sondern hole mir einfach vor jeder Verwendung eine O livro-Erlaubnis ein...
(Daaanke, razor, jetzt darf ich mein Lieblingsmetrumserhalterwort also doch noch verwenden?)
Melde höflichst,
Altertumsilentium
Und, nein, Piefketum werft ihr mir ja nicht vor! Ich kann die Österreichischhheit per Stammbaum nachweisen!

Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 19:52
von Auf Eulen Schwingen
Hi, silentium, merlin hat gelbe Augen wie auf!eulen schwingen,
Das allein legt nahe, dass sie sich gut vertragen. Außerdem liest Eulenschwingen dem Kater aus E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr" des Abends die Katerteile vor. Merlin ist sehr angetan von diesem Roman.
Salute
aes
Re: Schattenspiele
Verfasst: 22.01.2004, 20:06
von Silentium
An Hoffmann traut sich keines meiner drei Katzentiere heran. Um so mehr schätzen sie aber eine Tageszeitung- vor allem, wenn ich gerade darin lese und sie sich draufsetzen können um so meine Informationsbeschaffung zu behindern.
Merlinkaterstille grüßt Merlinkatereule