hallo perry,
mir ist das dann doch etwas zu einfach auf gegensatz getrimmt, sprich: die dichotomie 'ausdruck' vs. 'lesegefälligkeit' existiert hier m.e. in dieser form gar nicht.
ob du dir nun etwas nachträglich zurechtgebogen hast, kann ich nicht beurteilen und möchte ich auch nicht. das ist eine frage, die du dir nur selbst ehrlich beantworten kannst.
Perry hat geschrieben:hier stehen die Zeilen überwiegend für sich, sind sozusagen Schienenabschnitte, die aneinandergereiht werden
das hier allerdings halte ich dann doch für sehr weit hergeholt und auch nicht wirklich schlüssig, wenn ich mir deinen text anschaue. wichtig ist es für das, was wir hier besprechen, auch nicht.
also nochmal zurück:
Perry hat geschrieben:"Warngekreuztes" ist eine Kurzform für "zur Warnung Gekreuztes" hat also durchaus einen Sinn, gibt damit dem Andreaskreuz eine tiefere bzw. erweiterte Funktion als Lebenswarner.
dass das sinn macht, also semantischen sinn, habe ich nie bezweifelt und das, was du dazu aussagst, war auch meine annahme.
wenn man genau sein will, ist 'warngekreuztes' eine spezielle kurzform, nämlich die solche einer partizipbildung, welche dann substantiviert wird. solche substantivierten partizipien sind jetzt keine große herausforderung, sie sind nahezu unendlich möglich (z.b. hausbesetztes, untergelegtes, reihengesichtetes u.s.w.).
Perry hat geschrieben:Außerdem geht mir Ausdruck im Zweifelfall vor Lesegefälligkeit.
das meinte ich mit auf gegensatz getrimmt. zunächst einmal ist die ausdrucksfähigkeit nicht auf den einzelausdruck (das wort) begrenzt, sondern muss sich immer auch an der sprachlichen umgebung messen lassen. und lesegefälligkeit ist dann auch wieder etwas anderes als sprachmelodik. ein text kann sehr wohl sehr kryptisch, also nicht lesegefällig sein, aber dennoch eine innere melodik oder allgemeiner struktur zu grunde haben.
die frage bleibt also, ob nicht dein 'warngekreuztes' innerhalb deines textes deplatziert ist, weil es sich schon über die wortstruktur / - melodik nicht der textumgebung gemäß verhält. ich meine, dem ist so.
vielleicht noch ein versuch zur veranschaulichung:
geteerte straßen ganz zu
schwer für meine
beine und doch
belaufen den blick auf
warngekreuztes dann
diverser ...
jedenfalls bin ich hier näher dran, am wort im text. nicht, dass mir das hier gefiele oder du auch nur eine zeile hiervon übernehmen solltest. ich will dich ja im gegenteil davon überzeugen, ein wort zu verändern. das kann ich, glaube ich, nur mit beispielen erklären
stumm den weg gegangen
auf vorgegebenen pfaden
an kreuzungen geradeaus
blick auf gekreuzte warnungen
oder, um die doppelte kreuzung aufzuheben
stumm den weg gegangen
auf vorgegebenen pfaden
an kreuzungen geradeaus
blick auf gleichförmige warnungen
kickt mich jetzt alles nicht sonderlich, aber du kannst je was draus machen
lg
hginsomnia
editier:
noch nachträglich, weil ich mal wieder nicht schlafe
'warngekreuztes' ist ja schon objektiv kein schönes wort, und ja, es ist ist schwierig, schön und objektiv in einem satz zu verwenden, aber darüber müssten uns wir eigentlich, weil wir sprache benutzen, einigen können (ich bin vorsichtig geworden - schon bei aus meiner sicht leicht verständlichen ansichten wurde ich zu häufig enttäuscht oder (weniger dramatisch) überrascht).
man könnte auch sagen, 'warngekreuztes' ist ein dissonantes wort (im musikalischen, nicht im lyrischen terminus). bis dahin noch kein grund, es nicht zu verwenden. es müsste sich halt nur in einem text wiederfinden, der sich solcher dissonanzen bedient. da dein text aber eher - ich schreibe es mal allgemeiner - einen romantischen habitus hat (der sich auch sehr bei den meisten deiner texte wiederfindet), benötigt er eine kohärente begründung für erzeugte dissonanzen, einen nachhall beispielsweise oder eine semantische / pragmatische hervorhebung. da fehlt es mir hier etwas an ausarbeitung auch im gesamtbild (hat shuya angedeutet).
der stein, der hier meine phantasie anregen soll, liegt mir eher quer im magen, um mal in deinem bild zu bleiben. die einzelnen strophen bleiben in ihrer gesamtheit m.e. stumm, obwohl, wie gesagt, darin durchaus schöne und treffende (damit meine ich: das motiv (ungenau beschrieben: eisenbahn) aufgreifende) wortzusammenfügungen zu finden sind.
sodele, genug gelabert