Seite 1 von 1

weiß-dorn-kunst

Verfasst: 13.11.2011, 02:28
von Perry
die junge krone gesenkt
steht er in reihe mit baum und busch
was wie ein brunftkampf aussieht
ist nur windgebeugtes verhaken
im zweiggeflecht des nebenbuhlers

erst wollte ich trennend eingreifen,
genoss dann aber das standbild
natürlichen kräftespiels
mahnmal und kunstobjekt zugleich
bis zur nächsten kreativen böe

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 15.11.2011, 23:57
von Edekire
hallo perry,


ich habe bei deinem gedicht ein ganz grundlegendes problem:
ich fühle mich als würde ich ein bild ansehen und jemand steht daneben und erklärt mir das etwas anderes drauf ist als ich sehe (und was das zu bedeuten hat)

die junge krone gesenkt
steht er in reihe mit baum und busch


diese beschreibung lässt mich nicht im geringsten an einen brunftkampf denken (ich denke sowieso nicht so leicht an brunftkämpfe glaub ich) das wort selbst stellt für ich auch ein problem dar, ich find es irgendwie eher lustig. und deine ersten zwei zeilen haben einfach nichts von der aggression und intensität und geschwindigkeit, die ich mit kämpfenden hirschen verbinde - und auch "windgebeugtes verhaken" vermittelt mir eher etwas langsames.
wenn ich die beschreibung von dem eindruck den du mir erklärst trenne sieht es für mich eher traurig aus.


bei der zweiten strophe ist das größte problem für mich die vierte zeile:
mahnmal und kunstobjekt zugleich


wieso mahnmahl? was mahnen denn bäume an die an brünftige hirsche denken lassen. und das fürt auch gleich zu: wieso kunstobjekt? schließlich erinnert dich etwas natürliches, bäume, wind an etwas wiederum natürliches, hirsche (oder was ähnliches).
kann eine böe kreativ sein?
es ist schließlich, wenn, deine wahrnehmung, die kreativ ist indem sie etwas zu etwas anderem umdeutet.
das ist natürlich sehr geprägt von meiner idee was kunst und kreativität ist, aber so als postulat finde ich das doch etwas hmm überentschieden

sprachlich empfinde ich den text als etwas gestelzt durch formulierungen wie "trennend eingreifen"

ich glaube du solltest vielleicht nochmal ansetzen um deinen eindruck zu verschärfen und damit dem leser sichrbarer zu machen

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 16.11.2011, 00:04
von Kastell
Perry!

Viel erzählt, ja. Und wo kommt der Weißdorn zu seinem Recht? Warum Natur mit Natur vergleichen (Hirschhakeln und Strauchhakeln)? Bist du ein Verfechter der Böen?

für die emanzipation der tragenden elemente im gedicht

kastell

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 16.11.2011, 01:16
von Perry
Hallo Edekire,

danke für dein kritisches Hinterfragen.
Ich denke, einige deiner Fragen lassen sich mit der Intention meines Schreibens erklären.
Ich reflektiere gerne meine Fantasie bzw. mein Empfinden an Naturbildern. Da werden dann schon mal in sich verhakte Weißdornkronen zu in der Brunft kämpfenden Hirschen. Dass es keine reine Betrachtung ist, könnte man -soweit man will- an der Interaktion des Betrachters erkennen:

"erst wollte ich trennend eingreifen,
genoss dann aber das standbild
natürlichen kräftespiels."

Was das Mahnmal anbelangt, gibt es sicher mehrere Deutungen, meine ging in Richtung, immer einen gewissen Anstand wahren, dann gibt es weniger Konflikte. Womit auch deine Feststellung

"schließlich erinnert dich etwas natürliches, bäume, wind an etwas wiederum natürliches,"

widerlegt wäre, denn es sind auch Übertragungen auf menschliche Verhaltensweisen denkbar.

Nicht dass ich konstruktive Hinweise nicht schätze, aber mit Hinweisen wie

"ich glaube du solltest vielleicht nochmal ansetzen um deinen eindruck zu verschärfen und damit dem leser sichrbarer zu machen"

triffst du nicht meine Intention, denn ich schreibe nicht, um etwas "sichtbarer" zu machen, sondern um Vorlagen zu machen, die der Leser dann nutzen kann oder nicht.

Was das "stelzend" anbelangt, ist das mein komprimierter und karger Schreibstil und deshalb nicht verhandelbar. ;-)

Ich hoffe, du betrachtest meine Reaktion jetzt nicht als kritikresistent, vielmehr glaube ich, dass wir lyrisch wohl (zu) verschieden gestrickt sind.

LG
Perry


Hallo Kastell,

danke für deine Sicht, auch wenn sie mir wenig hilft.
Ob ich ein Verfechter von Böen bin, weiß ich nicht. Ich schreibe auch über die Resistance ohne ein Widerstandskämpfer zu sein.
LG
Perry

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 16.11.2011, 22:52
von Kastell
Hi Perry,

mir gefällt, dass du den reflektierenden Beobachter nicht verschweigst, aber dafür brauchst du trotzdem nur die erste Strophe, glaube ich.

Das Mahnmal widerspricht dem Hinweis, dass sich die Büsche windgepeitscht verhakelt haben, also ohne Konflikt; und die Mahnung, sich da nicht einzumischen, konnte ich dem Gedicht nicht entnehmen.

Ein sehr vertracktes Gebiet, ist der Betrachter als Naturobjekt begriffen, geht vielleicht die Bö als Schafferin didaktischer Kunstwerke durch, aber wie verhält es sich mit dem Genuss?

Was ich halt mit meinem Scherzen über Hirsche, Weißdorn und Böen meinte, ist die Frage nach dem Stellenwert der Bildspender. Ist es nur ein Stimmungbild, werden sie nur benutzt, solltest du auskommen können, ohne die Empfindungen des Ich zu erzählen, glaube ich.

kastell

psss: weiß-dorn-kunst, okay, da ist der Dorn hervorgehoben, aber im Gedicht geht der Weißdorn unter.

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 16.11.2011, 23:47
von Perry
Hallo Kastell,
danke fürs Feedback.
Interessante Fragen, die du da aufwirst.

"wie verhält es sich mit dem Genuss?" -> Da müsste man erst einmal klären für wen. ;-)
Meinen hatte ich bereits beim Schreiben, der Leser hat ihn vielleicht beim Lesen und die Protagonisten sind wie so oft bei Kunst leider nur Statisten oder (bezahlte) Schauspieler. Womit dann auch gleich "der Stellenwert der Bildspender" beantwortet ist.
Die Interaktion von Bildebene/Protagonisten und LI ist hier ein gewolltes Stilelement, auf das Mahnmal zu verzichten, werde ich mal überlegen.
LG
Perry

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 16.11.2011, 23:57
von Edekire
Hallo Perry


irgendwie scheine ich mich nicht sehr deutlich verständlich gemacht zu haben.


Ich reflektiere gerne meine Fantasie bzw. mein Empfinden an Naturbildern. Da werden dann schon mal in sich verhakte Weißdornkronen zu in der Brunft kämpfenden Hirschen. Dass es keine reine Betrachtung ist, könnte man -soweit man will- an der Interaktion des Betrachters erkennen


das ich mir schon klar und ich finde das auch echt vollkommen in ordnung. ich sehe ständig etwas in etwas anderem, da kann ich dich schon gut verstehen.
mein problem ist eher das mich deine beschreibung an was anderes denken lässt. und das finde ich im text auch sprachlich belegbar: die krone gesenkt, in reihe stehe, windgebeugt (nicht gepeitscht wie kastell schrieb) verhaken im zweiggeflecht, das ist alles so .... sanft, melancholisch. brünftige hirsche sind doch so nicht? woher kam der eindruck des LI der diedarauf folgenden gedanken auslöste?
darauf bezog ich mich mit "eindruck verschärfen"

Was das Mahnmal anbelangt, gibt es sicher mehrere Deutungen, meine ging in Richtung, immer einen gewissen Anstand wahren, dann gibt es weniger Konflikte.


Sprachlich ist mahnmal aber an das standbild des natürlichen kräftespiels gebunden, was deine Intenntion für mich schwer zu erkennen macht

erst wollte ich trennend eingreifen,
genoss dann aber das standbild
natürlichen kräftespiels
mahnmal und kunstobjekt zugleich


Das Li ist entscheidet sich nicht einzugreifen und zu geniessen (das lässt mich auch nicht gerade an konflikte denken) und nimmt das standbild des kräftespiels als mahnmahl war. das macht für mich den gedanken es könnte an das abstandhalten zu schutz vor konflikten gemahnt werden wenig naheliegend. vor allem weil das Li ja Abstand von dem Konflikt hält.


ich hoffe es ist so etwas klarer

edekire

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 17.11.2011, 00:44
von riemsche
servus perry,
abgesehen davon, was ich mir wie von mir gewohnt (:->)) auch in variation vorstellen könnte, zwei wackelkanditaten, die mE abiz relativieren, wo´s nix zu schwächeln gäbe.
ich meine das /nur/ in der ersten und _ich weiß, da kann man sehr verschiedener auffassung sein_ das /mahn/ in der zweiten strophe, dem ich ein /denk/ gegeben hätte.
trennen ist mE bereits der eingriff - erst wollte ich sie trennen, - möglich.
mir gefällt, dass du hier dir typische wortung verwendest, aber _und das ist nunmal der "fluch dieser ecke von sprachmelodie" damit nicht steif rüber kommst.
alles abiz natürlicher - schon dem titel zuliebe :-)
lGr

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 17.11.2011, 18:23
von Perry
Hallo Edekire,
es kommt immer darauf an, was man darstellen will oder wie sich etwas darstellt.
Zum Zeitpunkt des Betrachtens war der "Kampf" in einer stillen Phase, sprich ein Standbild, sodass keine Bewegung im Spiel war und deshalb auch nicht im Text auftaucht. Natürlich könnte man im Rahmen künstlerischer Freiheit statt des Standbildes eine bewegte Szene beschreiben. ;-)
Ähnlich verhält es sich mit Intentionen, die immer auch subjektiv geprägt sind.
Im Moment sehe ich, außer vielleicht dem Mahnmal, keinen Ansatz für eine Änderung.
Danke fürs Feedback und LG
Perry

Hallo riemsche,
danke fürs "Varieren."
Das "nur" relativiert die Fantasie zur Wirklichkeit. Für ein "Denk"mal ist ein dornverhaktes Gesträuch etwas zu kurzlebig, was natürlich in gewisser Weise auch für ein Mahnmal zutrifft, weshalb ich es vermutlich rausnehmen werde.
LG
Perry

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 17.11.2011, 20:03
von riemsche
die variationen hab ich ja gar nicht genannt. werd ich auch nicht. ist was für mich im stillen und im winter angesiedelt ...
die relativierung von fantasie in wirklichkeit hast du ja bereits in der zeile, die da lautet: was wie ..... aussieht. eben darum isses danach für mich das /nur/ zuviel.
das dornengestrüpp ist mir noch von diversen ausritten beim rodeln kratzertechnisch /denk/würdig autsch in erinnerung :-)
lGriemsche

Re: weiß-dorn-kunst

Verfasst: 17.11.2011, 21:47
von Perry
Hallo riemsche,
na dann weg mit dem "nur" und den dornigen Erinnerungen. ;-)
LG
Perry