mh..
auch auf die gefahr hin ziemlich hart zu klingen:
"ich arme socke. ich bin so reflektiert, guck mal, du bist so unreflektiert aber happyhappyhappy, ich arme socke. ich bin so reflektiert, ich pack das alles nicht."
warum mich sowas weder erschüttert, noch sonderlich bewegt
ist diese seltsame stigmatisierung, die ich so oft zu lesen kriege.
der autor ist das ultimum reflektierter und reflektierender intelligenz,
der als betrachter aus der vogelperspektive
auf die kleinen leute schaut und in seinen texten urteil spricht
aber damit der autor als solch "toller hecht" nicht enttarnt werden darf und weil die meisten "künstler" eh glauben, kunst entstehe nur aus den ausdünstungen, die entstehen so der künstler sich nur lang genug in der brühe des eigenen leidigen daseins kocht..
muss er natürlich auch einbezogen werden
immer als die arme sau, die so darunter leidet die welt so zu sehen wie sie ist
und weil man doch auch so allein ist damit,
während die anderen feiern gehn
muss man doch heroinspritzend, heulend, in der ecke liegen
und jammern.
- SO! sorry. ich bin normalerweise nicht so unfreundlich mit den Texten meiner werten Kollegen, aber manchmal muss auch Tacheles geredet werden, bevor man nach Verbesserungen sucht.
Also: in meinen Augen sind diese Texte gehörig überholt. Seit Jahrhunderten tauchen sie immer wieder auf und seit Jahrhunderten will sie keiner lesen,
wieso? Weil das Zeug keinem hilft und keinen Berührt. Ich will damit nicht sagen: du bist ein schlechter Autor oder Schreiberling, sondern nur: komm schnell davon weg.
Natürlich muss Lyrik nicht immer Sommer, Sonne, Eierkuchen sein - wenn du das Gefühl hast, du hast da ein wichtiges, ernstes und manchmal auch trauriges Thema angepackt
.. stimmt!
das hast du auch.
Zwischen Hoffnung und Verdrängung, liegt ein schmaler Grad
Eine Rolle in der Gesellschaft einzunehmen und diese zwischen sich und das Außen zu schieben
kann essentiell sein
aber wer den Blick dafür verliert, dass es eine Rolle ist, die man zur besseren Kommunikation, Sozialisation und auch zum Schutz installiert hat
wird glauben die Rolle die man spielt, sei man selbst
und verliert den Blick für den essenziellen Mensch, der man nun mal selbst ist
(und da wachen Begierden, Wünsche und Ängste auf, die nicht die eigenen Sinn und da beginnt man zu kaufen und zu kaufen und zu reden und zu reden, was man nicht kaufen braucht und eigentlich nicht sagen würde)
..aber!
du sprichst davon, dass die anderen sich alle in eine Euphorie werfen (die Euphorie, die ihrer Rolle entspringt: sei es mit Deutschlandflagge, feiernd auf der Straße zur WM, oder die Euphorie übers neuste Handy, das sie alle kaufen müssen, die Party auf der alle sein müssen. Euphorie die nicht IST sondern MUSS)..
und nur du kannst nicht.
Aber feierst dich selbst und dein brutales Leid (weil du ja nicht selig sein kannst, in dieser 'Falschheit') so ab,
dass ich nicht anders kann als zu sagen:
..YO!
das stimmt doch aber gar nicht!
Du ziehst dir doch selbst eine Maske auf, eignest dir selbst im Text eine Rolle an, nämlich eben jene Rolle des klassischen leidenden jungen Kunstschaffenden (WER auch immer das sein soll, dieser Typ, aber der ist überall. Ich studier Kunst, ich kenn das

).
Und in diese Rolle mitinbegriffen ist der vermeintliche Vogelblick auf die kleine arme Welt,
ist der pseudo-reflektierte Charakter, der ständig fatalistische und undifferenzierte Sprüche kloppen muss.
Probiern wir das mal:
"Ihr Streben nach Geld, die Lippen an den Zitzen des Mammon,
ist nur ein Hilfeschrei in die Vergangenheit. Sie suchen ihre Mütter, blind und taub, schreien und kriechen sie,
die Banker. Ich sehe sie, vom Hochhausdach aus, auf dem Asphalt kriechen - gekleidet in Uniforme Hüllen, die sie Menschen nennen.
Sie kommen immer näher, als ich springe - und sie laufen einfach weiter, als sei nichts, als sei da nichts gewesen
als ich da liege und verblute."
blablabla. ich sterbe und die anderen sind so mit ihrem geld beschäftigt, dass mir keiner hilft.
und ausserdem haben alle komplexe und ich durchschaue die auch bei allen, weil ich alle kenne, weil alle gleich sind
..vor den richtenden Augen des Autors!
verstehst du?
Dein Thema ist nicht verkehrt, es ist nicht das falsche Thema für die Literatur
es ist nicht das Thema das Jahrhunderte lang also von der großen Leserschaft abgelehnt wurde
es ist keine große Verschwörung gegen "jene die Wahrheit sprechen"
sondern der Ansatz, mein Freund.
"Pain of Salvation" haben das selbe Thema in einem Song übrigens auch behandelt.
Spannend insofern, weil der Songwriter Daniel Gildenlöw ungefähr von deinem Standpunkt aus anfängt,
er versucht das Schauspiel der erzwungenen Euphorie aufzudecken
weil sein Gefühl ihm sagt, dass daran etwas nicht stimmt.
Aber als "Unterzugehen, zu leiden oder zu sterben"
und statt "die anderen zu bemitleiden oder zu beneiden"
befreit er sich von dem Habitus
und geht auf die wirkende Struktur selbst ein.. und löst sie auf.
Auch ein bisschen viel Pathos, aber ist Musik, da geht das klar:
http://www.youtube.com/watch?v=LSrGoMKdkrE'Only the tame birds have a longing. The wild ones fly.'
So once again
Another New Year's Eve will ease our pain
Faith for the few
And rites that will make us so brave
So new
We laugh and we cheer for a Happy New Year
Happy?
Candles burn down
And in the darkness future comes around
We smile - all aware
But never speaking of the masks we wear
Blind!
Turning mirrors upside down
Won't make dust fall off the ground
Hiding wounds won't ease the pain
Sleep won't make you whole again
Change the inside!
...drink the rain...
Dressing our words
Seeing the dirt and flaws inside us hurts
One final glass
A sour taste from our promises
I bid farewell and crawl out of my shell
I'm awake!
I see the mistakes I make
Hiding wounds won't ease the pain
Sleep won't make you whole again
Change the inside...
Today I found a seed of sorrow
The harvest leaves a soil of shame
Now I undress and face tomorrow
And brave I walk to meet the blame
I'll search my home outside these borders
I'll run to meet up with the past
A Resolution for the New Life
This time I know it's gonna last
And I will...
Change the inside
Drink the rain
Open my wounds to heal the pain
Learn the work of The Machine...
damit schließe ich
und hoffe ich konnte dir, abseits meines Angriffs, auch ein wenig weiterhelfen
und begrifflich machen warum deine Herangehensweise für mich ein Problem darstellt
und was du ggf dagegen machen kannst.