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Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
shuya
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Beitragvon shuya » 12.01.2012, 10:22

Pierrot sitzt am Fenster, sitzt am Fenster und schweigt
die Katze liegt verärgert auf dem Boden und weint
draußen laufen Bürger mit Tüten und ein Musikant
steht und raucht, steht und betrachtet Pierrot
der da sitzt und beide, beide schweigen

Manchmal weiß man um den anderen und liebt ihn dafür
liebt und schaut, Pierrot wird ganz sehnsüchtig und alt dabei
und es sind Momente wie diese in denen sich entscheidet
ob man etwas verliert oder los lässt, meint Pierrot zu erkennen
er meint das und lässt los, wie ein Elefant trottet die Schwermut
hinaus und es ist Pierrot, der die Schwermut gern als Elefanten sieht

Der Elefant breitet seine Schwingen aus und fliegt davon
beide, Pierrot und der Musiker, lächeln kaum merklich
der Musiker packt seine Geige und spielt
er spielt einen Fiebertraum von Schubert
die Katze liegt verärgert und weint

Edekire
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Re: Ansichten

Beitragvon Edekire » 16.01.2012, 00:47

hallo shuya,

irgendwie bin ich bei dem text etwas unschlüssig. einerseits gefällt er mir irgendwie, auch weil ich die situation einfach schön finde, dieses ferne verstehen. irgendwas ist darin aber ist so ein bisschen.... ich weiß nicht, historiesierend, aber doch nicht so ganz, irgendwie unstimmig so das ich nicht ganz weiß wann und wo ich bin...

Pierrot sitzt am Fenster, sitzt am Fenster und schweigt
die Katze liegt verärgert auf dem Boden und weint


das ist ne etwas blöde kritik, aber ich kann mir ein verärgerte weinende katze einfach nicht vorstellen. die katzen die ich kannte haben dem objekt der verärgerung (z.B dem HUND) meistens erhabend ignorierend und sich überaus herablassend putzend den rücken zugewendet (hinter dem zaun natürlich...) und irgendwie ist schweigt und weint so ein bisschen ähnlichlautig aber doch nicht... und als erste zwei zeilen.....

draußen laufen Bürger mit Tüten und ein Musikant


das ist sowas historiesierendes...du sagst später Musiker warum zuerst Musikant, das wort kommt mir einfach etwas altmodisch vor. ich finde auch Bürger ist ein komisches wort, für leute auf der straße, klar sind welche...

ob man etwas verliert oder los lässt, meint Pierrot zu erkennen


hier bin ich nur über das "verliert oder loslässt" gestorlpert, weil es ja gar kein gegensatz ist, und er aber auch nicht eigentlich was verliert....sondern nur loslässt

hmmganz schön viel irgendwie hier....egal :-)

schöne grüße
edekire

shuya
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Re: Ansichten

Beitragvon shuya » 17.01.2012, 08:36

(man sagt immer, man dürfe seine texte nicht erklären, aber ich will das hier trotzdem machen)

ich muss sagen
deine kritik hat mich sehr gefreut
und das mag zu grunde haben, dass dieser - für mich mal wieder neuland und sehr seltsame - text in dem fall funktioniert hat wie er sollte.

verärgerte weinende katzen,
vollkommen unrealistisch -
aber gibt es die katze?

wie viel distanz braucht es
bis die leute auf der straße bürger werden?
der begriff des "bürgers auf der straße", er wäre auch 1910 nicht so gefallen
es wären auch zu der zeit leute gewesen, wenn man sich ihnen nahe fühlt
der stand des bürgers
oder dessen begrifflichkeit
und die verwendung dessen, ist nur auf ein politisches weltbild zurückzuführen (wie meist in solchen begrifflichkeiten).
nur ein mensch von großer arroganz
und somit großer distanz zur umwelt (der arrogante mensch sucht immer die isolation von der masse)
der seine arroganz mit eben jenen feinen politiken rechtfertigt und untermauert
würde diesen begriff so in den mund nehmen, den satz so formulieren.

im allgemeinen ist das bild für mich persönlich etwas, dem man nicht näher kommen können SOLL
(ich nämlich, kann es auch nicht)

der musikant darf ein musiker werden
und wieder greift das o.g.: er ist ein musikant, ein stand, eine austauschbare variable
bis die blicke sich finden
der moment von intimität hebt den musikanten zum musiker, aus der variable hinaus
zu seiner gegenwärtigen tätigkeit hin
es passiert nichts weiter, als dass seine existenz bewiesen wird.

der bürger, die katze, sie erfahren keine existenzbestätigung - und damit meine ich: sie bekommen nichts, was sie gegenwärtig machen könnte.
sie bleiben austauschbar, sie sind gänzlich unwirklich, obwohl sie als gegenstände zwar den textraum irgendwie halten
für pierrot selbst, sind sie bürger und katze, sind sie nichts von belang.

am ende bleibt die szene eine stark konstruierte charakterbeschreibung
eines menschen, den man grundsätzlich nicht mögen würde
säße man ihm gegenüber
in einem moment, den man nachempfinden kann
weil er doch irgendwo intim ist

mein wunsch oder gefühl bei der sache war, dass man auf halbhöhe stecken bleibt.
nicht weiter kommt als da hin.
----

der unterschied zwischen verlieren und loslassen?
nun verlust wäre etwas, das einem gehört, ungewollt zurück zu lassen
und nun ohne das zu sein
vermutlich mit verlustschmerz.

etwas loslassen wäre etwas, das man vorher hat halten wollen und nun, gewollt nicht mehr hält
und nun die hände frei hat
frei davon.

es gibt da eklatante unterschiede.
das eine dient dem eigenen vorteil, der eigenen erleichterung
das andere dient nicht, sondern passiert einem.

Edekire
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Re: Ansichten

Beitragvon Edekire » 17.01.2012, 16:02

am ende bleibt die szene eine stark konstruierte charakterbeschreibung
eines menschen, den man grundsätzlich nicht mögen würde
säße man ihm gegenüber


ich glaub das ist mein eigentliches problem. das funktioniert für mich in der ersten strophe auch gut, aber vielleicht ist das in kombination mit der zeile
und es ist Pierrot, der die Schwermut gern als Elefanten sieht


verlier ich diesen moment der veränderung, zu dem menschen der ersten strophe, weil ich einfach vermutlich schon jemanden mögen könnte der schwermut als elefanten sieht, das ist so ein verbilderte fast kindhafte wahrnehmung und durch das gern hatte nicht nur auf den moment bezogen.

der unterschied zwischen verlieren und loslassen?


schon klar das das nicht das gleiche ist, das meinte ich auch nicht, ich dachte nur, verliert er etwas...er lässt was los, ganz sicher, aber hm verliert etwas....? und wenn nicht ist es da richtig in dem text als ein blosse möglichkeit eines moments...
irgendwie sowas..hatte ich gedacht
:-) jetzt muss ich weiterarbeiten

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Re: Ansichten

Beitragvon hginsomnia » 19.01.2012, 17:05

ich habe nicht die problem mit dem text wie edekire, was vielleicht daran liegt, dass ich sofort das bild pierrot und die katze von steinlen im sinn hatte (allerdings mir das kunstwerk nicht mehr gänzlich bekannt war und ich es googelte) und das hier toll weitergeführt sehe.

achtung, jetzt wird es spekulativ ;-) :

die katze also, ein kindliches spielzeug, warm gehalten auf dem bild, wird zurückgeworfen auf den boden, was sie verärgert und traurig macht. da ist dann auch eine entfremdung versinnbildlicht. der kindliche tonfall (den edekire kritisiert) ist bezogen auf das bild m.e. hier sehr treffend. pierrot, das kind, ist älter geworden zwar, hat die katze nicht mehr im sinn, aber es schlummert noch etwas von dieser verspieltheit in ihm (und dem musiker).

ich mag diesen text sehr

shuya
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Re: Ansichten

Beitragvon shuya » 20.01.2012, 02:17

hey hg!

wie konnte ich wirklich das Bild vergessen, als ich den Text geschrieben habe?
Jetzt wo du es ansprichst, ich kenne das Bild - sehr gut sogar eigentlich
manchmal da bedient man sich ja am kollektiven Gedächtnis, ohne so genau zu wissen warum und in welcher Form - und deine Interpretation funktioniert erstaunlich gut.

"Pierrot der Clown" ist ja eine 1700-1800 entstandene "Rolle", sozusagen im Repertoire der meisten Pantomimen und Clowns, als eine von mehreren on-stock Charakteren
in die bei bedarf geschlüpft werden konnte. Der Name Pierrot in sich ist durch die Commedia dell'Arte geprägt worden.
In "Ansichten eines Clowns", gibt es diese eine Szene, wo der Charakter in den Spiegel guckt und sich selbst nicht mehr erkennt.
Die entfremdung von der eigenen Person in Richtung einer Rolle, einer Funktion.
Wer Pierrot heißt, ist bereits entfremdet, ist bereits eine Farce.

Pierrot mit Katze ist nur eine von vielen Darstellungen Pierrots in der Kunstgeschichte,
die sich natürlich auch immer an aktuellen Bezügen und Berufen orientiert hat und diese versucht zu interpretieren.
Erschreckend natürlich, dass der Pierrot ein kleiner Junge ist.

derain: http://www.ngv.vic.gov.au/orangerie/images/72_389.jpg
picasso: http://uploads6.wikipaintings.org/image ... 9-1920.jpg
dubreau als pierrot (selbstportrait): https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... graphe.jpg
etc. etc.

darauf gebracht hat mich eigentlich die fotoserie "the dwarf" von bruce davidson.

http://mediastore.magnumphotos.com/Core ... YC6102.jpg
http://mediastore.magnumphotos.com/Core ... YC6158.jpg
http://mediastore.magnumphotos.com/Core ... YC6157.jpg

aber ja, die katze muss wohl dem Bild Pierrot mit Katze entstammen, sonst wüsste ich auch echt nicht wie ich drauf gekommen bin.


Freut mich, dass es dir gefällt (:

riemsche
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Re: Ansichten

Beitragvon riemsche » 20.01.2012, 20:18

hab deinen text gelesen. ein bild angeschaut. dann wieder deinen text gelesen. du bist irgendwie in gedanken bei dem bild, beschreibst es und doch eigentlich nicht wirklich. eigen eben. die wortwiederholungen sind in der form eine art unterstützung. gibt dem leser die möglichkeit, sich auf dem was wiederkommt abiz auszuruhen. atmen. feines stilmittel.
shuya hat geschrieben:steht und raucht, steht und betrachtet Pierrot

nach dem /raucht/ _möglicherweise isser ja am grübeln_ fehlt mir ein übergang. die weiterführung von stehen hin zur betrachtung könnte zB eine kopfbewegung beinhalten. nur so eine idee.
shuya hat geschrieben:und es sind Momente wie diese in denen sich entscheidet

da denk ich mir den part /und es sind/ weg. das /man/ in strophe2 zeile4 dünkt mich ein /er/ weils nur um pierrot geht, wenn ich in den zeilen folge.
dass ich bei fliegenden elefanten automatisch an dumbo mit den flatterohren denke und mir das dein intro von strophe3 abiz naiv malt, macht nichts. weil ich dann schon wieder ein bild habe :-)
lGriemsche

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Re: Ansichten

Beitragvon Kastell » 22.01.2012, 00:27

also für mich geht das unangenehme in den fiebertraum über, den der musiker spielt. Die zeile mit der katze ist lustig, weil sie in der atmosphäre "französischer druck" so runtergeht, und erst wenn das stereotyp verlassen wird, in ihrem fast-gleichlaut eine art rahmen bildet, der zum nachdenken anregt, weil das menschliche /so etwas wie geschichte die katze nicht betrifft, die katze selbst jedoch so vermenschlicht wird. der rahmen erleichtert auch das benennen der verschiebungen, die schon erwähnt wurden.

meine zwei cent

kastell
Nobody in the lane, and nothing, nothing but blackberries,/ Blackberries on either side, though on the right mainly, A blackberry alley, going down in hooks, and a sea/ Somewhere at the end of it, heaving...


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