Ranziges und Dummes (Teil 4)

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gelbsucht
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Ranziges und Dummes (Teil 4)

Beitragvon gelbsucht » 28.08.2002, 01:47

substanzlos

es verschlingt
schleichend
bei zarter apokalypse
die reste des tages
in einem zyklus
der immer von neuem beginnt
& ein firmament
wie am abend nach einer schlacht
heraufbeschwört
doch bald verlischt
vergessen wird

menstruierende brautjungfern stürzen
auf die straßen
um hysterisch & weibisch
die natur zu verleumden
während hinter den barrikaden
strotzende amphetamin-jünglinge
zurückgehalten werden
die sich die finger lecken & winseln
dass man sie loslasse

die glocken des domes dröhnen herab
& in einem sturm
der es in den köpfen zum explodieren bringt
greifen infantil anmutende soldaten
nach handgranaten
um in einem konditionierten akt
die ordnung zu restaurieren

hallendes gelächter verfolgt die menschen
in ihren träumen
sie wollen entkommen
oh doch: der anarchie der gedankenwelt
& des heiligen illustren wahnsinns
der seine eigene globalisierung erfährt
kann selten wer entrinnen
noch ehe er sie eingeholt
werden sie von der blauen realität erschlagen
& meinen wach zu sein

sie flüchten durch die bezirke
der ablenkung & vergnügung
die gesichter ignorierend
die an diesem trüben Tag
sonnenbebrillt & scheu
in den hauseingängen
herumlungern
liegen
zittern

sie echauffieren sich über kalten kaffee
und philosophieren über das wetter

lechzend beugt sich dann
der tod herab
brüllt sie an
bevor er sie
entleibt

es empfängt den selben schoß
aus dem alles schon hervorgegangen
das ungeheuer menschheit
krakeelend zur welt gekommen
zum schweigen gebracht
dreht es sich um
& wird von der erde verschluckt
um zurückzukehren
aufzuerstehen
& in seinem unermeßlichen trotz zu wüten

bis die trommeln wieder dröhnen
wenn Er kommt
kommt & den sinai erfüllt
den spiegel des meeres zu heben
das sich dort erstreckt
um es dem bewußten geschlecht vorzuhalten
dass es mitgerissen werde
wenn alles kollabiert & fließt
in den retardierenden strudel einzugehen
& seinen ursprünglichen aggregatzustand anzunehmen:

die substanzlosigkeit
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Alexander
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Re: Ranziges und Dummes (Teil 4)

Beitragvon Alexander » 28.08.2002, 11:44

Moin gelbsucht!

Ich habe gerade den vierten Teil Deiner Serie gelesen und muß schon sagen, dass es etwas hat. Ich habe mir noch nicht allzu viele Gedanken dazu gemacht, aber der erste Eindruck, den es hinterläßt, ist ein tiefgehender.
Interessante Wortspiele wie z.B. "menstruierende Brautjungfern stürzen ..." oder "greifen infantil anmutende soldaten nach handgranaten um in einem konditionierten akt die ordnung zu restaurieren" besitzen eine auf mich surreale wirkende Aura, die das interesse am Text verstärkt.
Wenn mich jemand fragen würde, um was es im Gedicht geht, dann würde er jetzt (nach dem ersten Durchlesen) als Antwort erhalten: Der Niedergang und Aufstieg der Menschheit.

Oder anders ausgedrückt, weil Du ja an einer Stelle auch von "Aggregatzustand" sprichst: aus Eis wird Dampf und wieder Eis ... ein ewiger Kreislauf.

Eine Frage hätte ich da noch - was willst Du mit dem Wort "blau" in der Zeile: " werden sie von der blauen realität erschlagen" ausdrücken?
Blau wie "blue" d.h. düstere Stimmung? Aus dem Amerikanischem entlehnt, wo "Grün" für "gut", "abgefahren" steht? Wenn ja, warum benutzt Du es?
Was anderes fällt mir nicht ein - ok, das Himmelszelt ohne Wolken ist auch Blau - aber es erschlägt ja niemanden!

Gruss,
Alexander

gelbsucht
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Re: Ranziges und Dummes (Teil 4)

Beitragvon gelbsucht » 28.08.2002, 21:56

Hallo Alexander,

vielen Dank für deine Meinung, für deinen Eindruck ... übrigens ist die Serie eigentlich gar nicht meine -- ich habe mich frecher Weise in die Serie "Ranziges und Dummes" von Hamburger einfach eingeschaltet.

Zuerst eine Nachfrage an dich: inwiefern siehst du in dem Gedicht u.a. den "Aufstieg der Menschheit"?

Was das "blau" angeht -- ich hoffe, das ist dir jetzt nicht zu platt: aber es ist hier wohl tatsächlich und ganz banal an das wolkenlose Blau des Himmels gedacht. Nun, davon kann man nicht erschlagen werden, aber von einem hellen, einem grellen Morgen vielleicht schon eher oder wenn das Licht des Tages wieder all die Sorgen ans Licht rückt, die realen Sorgen und Pflichten, mit denen man sich schlafen gelegt hat. Insofern ist mit der "blauen Realität" soetwas wie Ernüchterung gemeint, die in der nächsten Zeile wieder ironisch gebrochen wird.

MfG,
gelbsucht
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