Hallo zusammen,
lieber razorback, auch ICH habe, wie du vielleicht vergessen hast, ein Monopol auf die Tätervolkdiskussion. Sehr ungehörig von dir, mich so einfach zu übergehen
Zur Sache selbst:
@Silentium
Zu der zweifelhaften Methode der Gleichsetzung deines Textes hat razorback schon etwas gesagt und ich stimme ihm zu, wenngleich ich die Schlussfolgerung, die Deutschen seien ein
Tätervolk, die er an anderer Stelle aussprach, nicht teile.
Über das hinausgehend möchte ich noch zwei Textteile deines Ausbruches reflektieren.
Die Frage, die da aufgeworfen wird, ist eine interessante: Reue-wie lange, verdammt noch einmal?
Ich meine, ich komme mir ja grenzwertig verarscht- verzeih den Ausdruck- vor, wenn ich mich für ein Verbrechen schuldig fühlen soll, das ich nicht begangen habe. Aber was sonst verlangt man von uns mit dieser ewigen Aufarbeiterei? Der Krieg ist ein ungefähr halbes Jahrhundert her! Und trotzdem feiert man Gedenkmessen und entschuldigt sich bei den Opfern und wasweisich.
Es ist Konsens in diesem Raum: Wir alle können nichts dafür was damals geschah, das stimmt. Wir tragen keine Schuld daran. Aber die "Aufarbeiterei", wie du sie despektierlich nennst, hat durchaus noch andere Funktionen als uns Schuldgefühle einzutrichtern. Der Konsens der Nachkriegsgesellschaft liess sich in drei bedeutungsschweren Worten zusammenfassen: Nie wieder Ausschwitz!
Um dieses Vorhaben umzusetzen bzw. niemals in die barbarischen NS-Zeiten zurückzufallen, ist ein Aufarbeiten dieser Zeit notwendig. Dieses Aufarbeiten erst erhält die Erinnerung und lässt Generationen wieder und wieder neu ihre Lehren ziehen aus der NS-Zeit.
Und ein halbes Jahrhundert - das klingt zwar gewaltig, aber letztlich ist das ein Pups in der Weltgeschichte. Ich bin vehement dafür das Geschehen der NS-Zeit aufzuarbeiten um daraus zu lernen. Ich bin vehement dagegen es irgendwann zu den Akten zu legen, besonders wenn es mit dem Verweis auf die Greueltaten anderer Völker geschieht.
Denn dann braucht kein Volk mehr aus seiner Geschichte zu lernen. Jede Greueltat lässt sich mit einer anderen Greueltat relativieren, alle werden gleichgesetzt - und schwupps brauchen wir keinen Geschichtsunterricht, überhaupt keine Reflektion über Geschichte mehr.
Damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin sehr wohl dagegen die deutsche oder irgendeine andere Geschichte eines Volkes auf einen bestimmten Zeitabschnitt zu reduzieren, daraus gar völkische Charaktereigenschaften abzuleiten. Das ist und bleibt Unfug. Aber jeder einzelne Bürger sollte erst mal aus der Geschichte seines Volkes lernen, anstatt zweifelhafte Gleichsetzerei zu betreiben und somit das Verdrängen zu fördern.
Die Frage ist: Wie geschieht das? Wie wird aufgearbeitet?
Was die Funktion der Entschuldigung angeht, so hast du sicherlich nicht unrecht, wenn du folgendes meintest: Sich bei den Opfern entschuldigen, das kann nicht die Sache der Nachfahren sein.
Ihre Sache aber sollte, wie razorback schon sagte, eine saubere Erinnerung sein. In diesem Sinne trete ich für z.B. für Gedenkmessen ein. Wenn eine Gesellschaft sich dessen erinnert, was eine damalige Generation anrichtete, was ist daran schlimm oder gar falsch? Ich halte dies für überaus notwenig. In den nächsten 10 - 20 Jahren werden die letzten Zeitzeugen der NS-Zeit verstorben sein, dann halte ich das noch für umso notweniger. Selbst wenn diese Zeit dann schon 70 - 80 Jahre zurückliegt.
Also, ob ich verbrechen im Namen der Rassenreinheit oder für meine Wirtschaft oder für meinen Geldsäckel oder für Territorialgewinn oder für die Verbreitung meiner Religion begehe, dass ist ja wohl wirklich wurscht.
Ein entschiedenes NEIN! Das ist mitnichten wurscht! Ob ich die Juden als Rasse definiere, sie ghettoisiere, sie zunächst in Deutschland ausrotten will, den gesamten Kontinent beherrschen möchte und dann die ganze Welt, um wiederum überall meine Rassendefinition durchzusetzen, um dann den letzten Rest der Juden auszurotten (ganz zu schweigen von Farbigen, Behinderten, der Aufteilung in Herrenmeschen und Untermenschen etc.), ob ich fabrikmäßig 6.Millionen Menschen ermorde, den zweiten Weltkrieg anzettele mit wiederum Abermillionen Toten oder ob ich - nehmen wir ein aktuelles Beispiel - als USA den Irak angreife (unterstellen wir ruhig: aus rein wirtschaftlichen Interessen) ist ein RIESENUNTERSCHIED.
Differenzierte Betrachtung muss die Dimension eines Verbreches bewerten, also vor allem seine kurzfristigen und langfristigen Auswirkungen. Und der Grund meines Handelns beeinflusst auch die Handlung selber. Deshalb sind Verbrechen im Namen der Rassenreinheit wesentlich gefährlicher. Wer einer solchen Ideologie unterliegt wird sich immer und überall auf der Welt als Herrenmensch fühlen und dies in seinem Handeln zum Ausdruck bringen. Er wird ein Faschist sein und Gande uns Gott wenn er beispielsweise Regierungschef wird.
Aber selbst wenn er es nicht wird: national befreite Zonen, Anschläge wie zum Beispiel in Mölln oder auch die vielen eher weniger sichtbaren versteckten Diskriminierungen von Juden, Ausländern, Behinderterten sind auch schon widerlich genug.
Währenddessen - bei aller Kritik an den USA - wir dort immer noch von einer Demokratie, auf jeden Fall nicht von einer faschistischen Diktatur sprechen können. Die USA mögen einem widerlichen Kulturethnozentrismus oder dem Kapitalismus pur verfallen sein (obwohl selbst diese Pauschalurteile natürlich falsch sind) aber ein solches Verbrechen wie die Nazis haben sie nicht und werden sie nicht unter diesen Flaggen hervorbringen.
Selbst wenn man es ganz böse sieht, kein gutes Haar an dem Handeln der USA lässt, dann müsste man sagen: Die Installierung einer Scheinregierung und die Verbreitung ihrer Kultur im Irak lassen sich wunderbar mit den geschäftlichen Interessen, die die amerikanische Wirtschaft hat, verbinden. Es gibt keinen Grund für sie es den Nazis gleichzutun.
Ich halte fest: Ausbrüche sind sinnvoller, wenn sie gegen schlechte, halsstarrige Lyriker gefällt werden.

Ausbrüche historischen Ausmaßes führen meist zu abstruser geschichtlicher Oberflächlichkeit.
So, jetzt wirst du nie mehr mit mir sprechen, liebe Silentium, oder? :-&
Erst mal MFG vom
Hamburger