Hallo Frl. Ede!
Ich sag es gleich vorweg: ich versteh es nicht.
Aber um zu diesem Thema auch mal Stellung zu nehmen: es stört mich auch nicht sonderlich. Mir sind Gedichte, die das Denken anregen und herausfordern, die mich dazu nötigen, dass ich sie selbst zusammensetzen und vielleicht noch etwas von mir hinzutun muss, Gedichte mit Horizont, sie sind mir allenfalls lieber als immer und immer wieder den selben 1000fach durchgekauten, nach Kitschmint schmeckenden und mit Doubleherzbubbleschmerz angereicherten Gummi vorgesetzt zu bekommen. Also mach dir mal keinen Kopf darum, ob deine Gedichte verständlich genug sind. Solang du nicht in Sanskrit schreibst, ist das, denke ich, kein Grund, sich Gedanken zu machen.
Tja, Momentansichten. Mir gefällt das Gedicht mal wieder, sehr sogar. Ich habe aber nur bedingt eine Ahnung, worum es geht. Es scheint sich ein bisschen um das Dasein als Schüler zu drehen ... "zeichenstunde". Und dann wimmelt es in deinem Gedicht vor mathematischen Begriffen: Winkelhalbierende, Skalar, Unendlich, 0-Vektorenzüge, Spiegelachse. Also, wenn ich das Gedicht lese, dann sehe ich jemand vor mir, der vielleicht gerade eine Mathe- oder Physikstunde hat – oder sich mit entsprechenden Hausaufgaben beschäftigt. Und diesem Jemand fällt es anscheinend recht schwer, sich auf das vor ihm/ihr liegende zu konzentrieren. Die abstrakten Vorstellungen gleiten immer wieder ins Anschauliche, ins Assoziative, ins Phantasiebedingte ab: "aber sonst ist's nur kopfinnenwandgemälde".
Ein wichtiges Element in diesem Gedicht scheint mir die Zeit zu sein: "wie man den zeiger zurückdreht weiß ich zwar ..." Schon allein das kann man auf verschiedene Weise deuten. Darin könnte sich zum einen der Wunsch ausdrücken, lieber an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit zu sein ... oder vielleicht sogar die Fähigkeit durch Tagträume und Erinnerungsausflüge dies mühelos zu erreichen. Den Zeiger zurückdrehen, könnte andererseits auch bedeuten, dass man etwas, das passiert ist, lieber wieder ungeschehen machen möchte, aber das scheint mir hier nicht zu passen. Ich denke, es geht in diesem Gedicht vielmehr um unsere Wahrnehmung von der Zeit: wie sie sich dehnt und dahin kriecht, wenn wir uns langweilen oder mit irgendetwas quälen, und wie sie verfliegt und rast bei angenehmeren Beschäftigungen: "zeichenstunde ist kurz gewesen" Und, wie ist es, wenn wir ganz hingegeben sind, hin und weg, wenn wir glücklich und im Gleichgewicht mit uns selbst um unsere eigene Achse rotieren? Vergeht dann die Zeit wie nichts und "verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche"?
Mir gefällt wie du die Worte "winkelhalbierende" und "spiegelachse" eingesetzt hast und wie du durch den formalen Aufbau deines Gedichtes ihnen eine neue, nicht-mathematische Bedeutungsdimensionen eröffnest. Das fängt wirklich an, sich zu spiegeln, zu halbieren und zu drehen.
ein kreiseltriebwerk
mir die beschleunigungspeitsche!
halt ich im gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche
Kann es sein, dass in dieser letzten Strophe Buchstaben oder Worte fehlen?
"[gib] mir die beschleunigungspeitsche!"
"halt ich [mich oder es] im gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche"
MfG,
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