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Momentansichten

Verfasst: 10.09.2004, 00:13
von Edekire
Momentansichten

wie man den zeiger zurückdreht weiß ich zwar,
aber sonst ist’s nur kopfinnenwandgemälde
zeichenstunde ist kurz gewesen,
da hab ich mich schöner
in mein farbspektrum gelöst

Winkelhalbierende

wie man den zeiger zurückdreht weiß ich zwar,
aber kann ich den skalar nicht gegen
unendlich sterben lassen,
denn die kettenperlen sind 0-vektorenzüge
will ich trotzdem mit den fingern am ursprung ziehen

Spiegelachse

wie man den zeiger zurückdreht weiß ich zwar,
aber lieber hätte ich heute
ein kreiseltriebwerk
mir die beschleunigungspeitsche!
halt ich im gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche

Re: Momentansichten

Verfasst: 19.10.2004, 21:52
von [) i r k
Hallo Frl. Ede!

Ich sag es gleich vorweg: ich versteh es nicht. :-D
Aber um zu diesem Thema auch mal Stellung zu nehmen: es stört mich auch nicht sonderlich. Mir sind Gedichte, die das Denken anregen und herausfordern, die mich dazu nötigen, dass ich sie selbst zusammensetzen und vielleicht noch etwas von mir hinzutun muss, Gedichte mit Horizont, sie sind mir allenfalls lieber als immer und immer wieder den selben 1000fach durchgekauten, nach Kitschmint schmeckenden und mit Doubleherzbubbleschmerz angereicherten Gummi vorgesetzt zu bekommen. Also mach dir mal keinen Kopf darum, ob deine Gedichte verständlich genug sind. Solang du nicht in Sanskrit schreibst, ist das, denke ich, kein Grund, sich Gedanken zu machen.

Tja, Momentansichten. Mir gefällt das Gedicht mal wieder, sehr sogar. Ich habe aber nur bedingt eine Ahnung, worum es geht. Es scheint sich ein bisschen um das Dasein als Schüler zu drehen ... "zeichenstunde". Und dann wimmelt es in deinem Gedicht vor mathematischen Begriffen: Winkelhalbierende, Skalar, Unendlich, 0-Vektorenzüge, Spiegelachse. Also, wenn ich das Gedicht lese, dann sehe ich jemand vor mir, der vielleicht gerade eine Mathe- oder Physikstunde hat – oder sich mit entsprechenden Hausaufgaben beschäftigt. Und diesem Jemand fällt es anscheinend recht schwer, sich auf das vor ihm/ihr liegende zu konzentrieren. Die abstrakten Vorstellungen gleiten immer wieder ins Anschauliche, ins Assoziative, ins Phantasiebedingte ab: "aber sonst ist's nur kopfinnenwandgemälde".

Ein wichtiges Element in diesem Gedicht scheint mir die Zeit zu sein: "wie man den zeiger zurückdreht weiß ich zwar ..." Schon allein das kann man auf verschiedene Weise deuten. Darin könnte sich zum einen der Wunsch ausdrücken, lieber an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit zu sein ... oder vielleicht sogar die Fähigkeit durch Tagträume und Erinnerungsausflüge dies mühelos zu erreichen. Den Zeiger zurückdrehen, könnte andererseits auch bedeuten, dass man etwas, das passiert ist, lieber wieder ungeschehen machen möchte, aber das scheint mir hier nicht zu passen. Ich denke, es geht in diesem Gedicht vielmehr um unsere Wahrnehmung von der Zeit: wie sie sich dehnt und dahin kriecht, wenn wir uns langweilen oder mit irgendetwas quälen, und wie sie verfliegt und rast bei angenehmeren Beschäftigungen: "zeichenstunde ist kurz gewesen" Und, wie ist es, wenn wir ganz hingegeben sind, hin und weg, wenn wir glücklich und im Gleichgewicht mit uns selbst um unsere eigene Achse rotieren? Vergeht dann die Zeit wie nichts und "verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche"?

Mir gefällt wie du die Worte "winkelhalbierende" und "spiegelachse" eingesetzt hast und wie du durch den formalen Aufbau deines Gedichtes ihnen eine neue, nicht-mathematische Bedeutungsdimensionen eröffnest. Das fängt wirklich an, sich zu spiegeln, zu halbieren und zu drehen.
ein kreiseltriebwerk
mir die beschleunigungspeitsche!
halt ich im gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche

Kann es sein, dass in dieser letzten Strophe Buchstaben oder Worte fehlen?
"[gib] mir die beschleunigungspeitsche!"
"halt ich [mich oder es] im gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche"

MfG,
[) i r k

Re: Momentansichten

Verfasst: 29.10.2004, 18:23
von Edekire
Weißt du was?
Jetzt freu ich mich :-)
ich dachte nicht das noch irgendwer etwas dazu sagt. ich dachte es wäre viel zu mathematisch und sperrig.
um mal am ende anzufangen: Ja da fehlen Worte. das heißt zwar nicht das ich sie vergessen hätte, ich hatte sie sozusagen dem rhytmus geopfert. ich denke ich werde das mal ein bisschen rückgängig machen, weil sonst die bezüge a nicht klar sind.
ein kreiseltriebwerk
zumir die beschleunigungspeitsche!
halt ich ihnim gleichgewicht
verschwimmen die zeiger zur blinden oberfläche

So jetzt habe ich ein frage zu dem ihn. ist klar das der kreisel gemeint ist? der wird ja durch angetrieben und im gleichgewicht gehalten.

Also um das mal gleich zu sagen: du hast recht es geht wirklich um das verschiedenartige empfinden von Zeit. Und ich finde das schön das wenigstens das irgenwie erkenntlich. Wenn die Grundidee erkenntlich ist, dann bin ich schon zufrieden :-D das mag kein wahnsinnig hoher Anspruch sein, aber na ja, man kann eben nicht alles haben. Ich finde das es dringend notwendig ist der mathematik eine unmathematische nebenbedeutung zugeben, denn ich habe schließ mathe LK und ich bereue diese wahl so ein bisschen. Ich habe irgendwie keine wirklichen bezug zu zahlen.
Ich sage jetzt aber nicht im einzelnen ja das meinte ich so und nein das dachte ich eigentlich anders. So gemein bin ich nicht :-)

Alles liebe
edekire