Herr Fischer tritt ein

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Novalis
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Herr Fischer tritt ein

Beitragvon Novalis » 19.12.2004, 22:54

"Sie haben sich in der Tür geirrt!"

"Ich bin doch gerufen worden."

"Wer sollte Sie gerufen haben?"

"Sie selbst."

"Unmöglich."

"Ich habe es gehört."

"Ich habe Sie nicht gerufen!"

"Wer war es dann?"

"Niemand."

"Ich habe draußen gewartet und Sie riefen meinen Namen."

"Sie haben draußen gewartet?"

"So ist es."

"Dann kommen Sie herein."

"Ich bin doch schon da."

"Wie heißen Sie?"

"Fischer."

"Es steht niemand mit Namen Fischer auf der Liste."

"Dann Kreiner."

"Sie heißen Kreiner?"

"Nein, aber vielleicht steht er auf der Liste."

"In der Tat, Kreiner steht auf der Liste."

"Lassen Sie mich jetzt zu ihm."

"Er ist nicht da."

"Ich hatte aber einen Termin."

"Hätten Sie einen Termin, wäre er da."

"Wieso wollte er dann, dass ich komme."

"Wollte er das?"

"Ja."

"Dann wäre er hier."

"Vielleicht ist er ja hier."

"Nein."

"Sehen Sie doch einmal nach."

"Die Tür ist abgesperrt."

"Sie könnten sie öffnen."

"Die Tür ist immer abgesperrt."

"Sie war noch nie offen?"

"Nicht dass ich wüsste."

"Sie haben keinen Schlüssel?"

"Nein."

"Trotzdem kann er ja in seinem Zimmer sein."

"Ich habe ihn nicht kommen sehen."

"Vielleicht ist er vor Ihnen gekommen."

"Nein."

"Wie lange sind Sie denn schon da?"

"Immer schon."

"Und nie ist er gekommen?"

"Nie."

"Er wollte mich aber sehen."

"Das wollte er nicht."

"Ich habe eine Einladung."

"Was steht darauf?"

"Dass ich kommen soll."

"Wann?"

"Jetzt."

"Jetzt ist es unpassend!"

"Wieso?"

"Weil er nicht da ist."

"Das können Sie gar nicht wissen."

"Ich weiß es aber."

"Sie sagten selbst, dass Kreiner auf der Liste steht."

"Sie heißen aber nicht Kreiner."

"Und wenn ich Kreiner hieße?"

"Tun Sie aber nicht."

"Wäre er dann da?"

"Er war noch nie da."

"Und wenn Kreiner hier wäre?"

"Ist er draußen?"

"Es ist niemand mehr draußen."

"Dann kann ich auch nichts ändern."

"Ich heiße Kreiner."

"Sie heißen Fischer!"

"Sie haben sich verhört."

"Nein, Sie sagten, Fischer sei Ihr Name."

"Das war mein alter Name, jetzt heiße ich Kreiner."

"Dann warten Sie einen Moment, ich hole ihn."

"Er ist aber nicht da."

"Das können Sie gar nicht beurteilen."

"Das sagten Sie aber selbst."

"Da hießen Sie noch Fischer."

"Gut, dann warte ich hier."

"Warten Sie draußen."

Hamburger
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Re: Herr Fischer tritt ein

Beitragvon Hamburger » 02.01.2005, 04:33

Hallo Novalis,

herzlich willkommen im Forum.

Ein guter Dialog ist dir da gelungen. Am Anfang habe ich gedacht hier soll einfach nur die deutsche Bürokratie aufs Korn genommen werden. Aber ein Blick in dein Profil hat mir verraten das das nicht sein kann und in Österreich ist das bestimmt alles ganz anders. Freundliche Beamte, die jenseits aller bornierten, peniblen Überkorrektheit immer für des Bürgers Anliegen da sind finden sich dort bestimmt in Hülle und Fülle...hoffe ich ;-)

Mich hat eigentlich erst ein Hinweis von gelb darauf gebracht, dass dieser Dialog ein bisschen an "Vor dem Gesetz" erinnert, die Parabel gegen Ende des Romans "Der Prozess" von Franz Kafka. Das war das erste Buch dass wir im Club gelesen haben aber essayistisch hat sich damals keiner so recht an die Deutung dieser Parabel gewagt.

Ähnlich schwer tue ich mich mit dem Dialog selbst. Die absurden Wendungen habe ich als wirklich witzig, nicht aber als "kafkaesk" empfunden, dieses schöne ehrende Kafka-Adjektiv für "beklemmend". Ich weiß auch nicht ob das Absicht war. Ich würde tippen, da Herr Fischer am Schluss wieder vor der Tür steht, dass er nicht zu "ihm" hinein kommen wird. Er wird hereingerufen und nach allerlei Absurditäten am Schluss herausgeschickt, obwohl er nun den "richtigen Namen" hat. Das weist nicht auf einen zu erwartenden Erfolg hin.

Die Willkür dieses "Beamten" im Vorzimmer erinnert ein wenig an die Willkür Gottes und seiner Bediensteten. Sie scheint auf diese übergegangen zu sein - oder greife ich da viel zu hoch? Auch dass "er" unbenannt bleibt (Eigenbeschreibung Gottes als brennender Busch ist ja bekanntlich "Ich bin, der ich bin" - man erspare mir die Versangabe, ich bin nicht bibelfest), überall und nirgends zu sein scheint und sich der Leser nach dem Dialog nicht so recht ein Bildnis von "ihm" machen kann und die Sprecher unbetitelt bleiben weist darauf hin.

Auch bei Kafka findet man relativ viele religiöse Motive im Roman "Der Prozess", wie man auch an gelbs damaligem Essay sieht und ich habe diese Motivsuche einfach mal auf deinen Dialog übertragen.

Aber mir gelingt es so wenig wie damals ein großes Ganzes aus diesem Dialog zu formen - ihn sozusagen hinreichend zu interpretieren. Nur Ansätze konnte ich bieten.

Aber besser als nichts denn der Text gefällt mir und er hätte keinen "Nuller" verdient gehabt.

Verzeihe die späte Kritik deines Einführungstextes. Nächstes Mal bemühe ich mich um eine zeitigere Stellungnahme.

Liebe Grüße,

Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)


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