Hallo!
Wie gefaellt euch das? Bitte um Storm-Braining!
Ein Versuch
Jede Kurzgeschichte ist ein Kompromiss zwischen Ideenmangel und dem Drang nach Selbstverwirklichung. Es ist ein Versuch, zwei entgegengesetzte Phänomene zu verbinden. Der Kompromiss ist zumindest ein Lösungsansatz.
Die Regierung der Vereinigten Staaten von A. unter G. W. B. führt im Frühjahr 2003 unter Missachtung internationaler Konventionen und ohne ausdrückliches Mandat der V. N. den dritten Strafkriegszug gegen den I.
Der Hinweis amerikanischer Geheimdienste, I. verfüge über chemisch-biolo- gische Waffensysteme, kann durch Waffeninspektionen nicht bestätigt werden. Wie auch immer, G.W.B. versprach, dass die Welt sicherer werde.
Der Vorfall beschäftigt auch die Militärs in S. K.; die nationale Lage ist gespannt. Nachdem N. K. offiziell zur Achse des Bösen gezählt wird, kann ein irgendwie geartetes Ausgreifen des Konfliktes auf die Halbinsel von K. nicht mehr ausgeschlossen werden.
Der kommunistische Diktator K. J. I. greift nach seiner internationalen Deputation in einer Wenn-schon- dann-schon-Philosphie zu politischen Mitteln, die unverhohlen seine Machtgelüste offenbaren. Die Präsidentschaft und die Vorliebe für militärische Großprojekte hat er beides von seinem Vater K. I. S. geerbt. Wie eh und je sieht der alljährliche Staatshaushalt einen überproportionalen Anteil für Militärausgaben vor; seit Jahren wurden daher in S. K. aus Sicherheitsüberlegungen wichtige Konferenzen nicht mehr in der Hauptstadt S. abgehalten, die bekanntlich nahe des 38sten Breitengrades in Kurzstreckenraketen-Reichweite liegt, sondern auf K.s größter Insel, C., auf dem 33. Breitengrad und dem 127. Längengrad, im ostchinesischen Meer.
Allerdings ist das Sicherheitsgefühl, das C. aufgrund seiner geostrategischen Lage seither vermittelt hattte, drastisch gesunken nachdem das Regime in N. K. 1999 der Weltöffentlichkeit bewiesen hatte, dass es in der Lage ist, Sprengköpfe über C. hinweg auch fünf Breitengrade weiter über das Gebiet von J. schießen zu können.
K. K. kommt aus C.; nach ihrem Masterabschluss an der Universität von C. in Design ist sie über S. nach T. in J. geflogen; dort hatte sie in der Schneiderei ihres Onkels ein halbes Jahr Aufträge entgegengenommen, Materiallisten zusammengestellt, und ihren Onkel auf seinen kurzen Tagesfahrten nach M. begleitet, um sich auf Ausstellungen und Modegeschäften nach neuen Mustern und Stoffen umzuschauen. Mit wachsender Besorgnis beobachtete sie ihre eigenen Maße um Hüfte und Hintern.
Nach Tagen sorgfältiger Selbstreflektion hatte K. K. den Grund für ihre kleine Dicklichkeit entdeckt. Eines Morgens, als ihre Tante wie gewöhnlich in der Küche mit der Zubereitung von S. und O. beschäftigt war, suchte sie die Gelegenheit zu einem offenen Gespräch. Es war der Tag, an dem KK auszog und die Stadt verließ.
Jeder, der die eine oder andere Insel in J. bereist hat, kann bestätigen, dass wir es hier mit einem extravaganten, spirituell und technologisch außergewöhnlichen Land zu tun haben. K. K.s letzte Station in J. war O., die Flitterwocheninsel. Das Meer schwelgte hinter den Felsen am Strand, das Leben war trügerisch einfach. Sie jobbte in einer Strandbar als sie Y. C., einen taiwanischen Kuckkucksuhrschnitzer, kennenlernte.
K. K. und der Kuckkucksuhrschnitzer sind frühmorgens mit dem Schiff nach T. gefahren, den Hafen in K. erreichten sie mit Deckbeleuchtung bei Abend. Läuft ein Schiff in K. ein, leuchtet in tulpenblau der kleine Leuchtturm rechts an der Brücke zur Hafenanlage. Der Leuchtturm wurde 1965 von der Marine gebaut und hat sich inzwischen in ein Restaurant gewandelt. Oben im Rund sitzt an jedem seiner 18 Fenster ein taiwanisches Pärchen, aber nur Pärchen mit Blickrichtung Südwest haben Aussicht auf ein malerisches Sonnenuntergangsszenario.
Nun, das erste Wörterbuch für K. und E., das ich in den Händen hielt, hatte K. K. in C. gekauft. Es hatte einen Kunst- lederumschlag mit eingravierten goldenen Lettern auf Vorderseite und Buchrücken; wenn ich es an die Nase halte und etwas über die Seiten streiche, erinnere ich mich jedesmal an den türkischen Teppichladen, bei dem mein Onkel seinen osmanischen Wandschmuck gekauft hatte.
Es gibt nur eine Sache, über die ich mit Bestimmtheit mein Missfallen ausdrücken möchte: das ist die Landkarte der Vereinigten Staaten von A., die einem jedesmal ins Auge springt, sobald man etwas den Buchdeckel anhebt, mit einem Wort, es ist unmöglich das Lexikon in die Hand zu nehmen, ohne daran erinnert zu werden, dass zwischen T. und M. der Rio Grande fließt.
Auf seiner Vorderseite strahlen um das Emblem „M.’s Handy Dictionary“ 33 Sonnenstrahlen. Es mag Zufall sein, dass die Buddhistische Lehre von 33 himmlischen Ebenen und der neunstöckigen Unterwelt spricht.
Diese Kurzgeschichte ist ein Kompromiss zwischen Langeweile und Zeitvertreib. Ich denke, ich habe eine akzeptable Lösung gefunden. Es ist ein Versuch, der sicherlich nicht alle Seiten zufriendstellend betrachtet und auch zu keinem ausgewogenem Ergebnis kommt. Es mag sogar dem einen oder anderen erscheinen, als ob man zu gar keinem Ergebnis gekommen sei, dass es vielmehr nur ein wortreiches Dahintreiben war. Das mag der Wahrheit recht nahe kommen. Ich hatte aber auch nichts anderes versprochen. Man sollte nur an dem gemessen werden, was man verspricht.
SMID
Ein Versuch
Re: Ein Versuch
tja, was soll ich sagen: mission accomplished. Man soll ein Kunstwerk ja schließlich hauptsächlich an seiner eigenen Zielsetzung messen.
Was ich allerdings interessant find: ich will jetzt wirklich wissen, warum K.K. zugelegt hat. Dieses Interesse hat mich mehr oder weniger auch dazu gebracht, den Text fertig zu lesen, obwohl mir schon einigermaßen schnell klar war, dass dieses Stückchen Prosa hier nicht gerade alle Fäden zu Ende spinnt.. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt oder so. Es ist jedenfalls doch irgendwie merkmürdig, dass selbst aus einer Fülle von einigermaßen willkürlich aneinandergereihten Details grade eines hervorstechen und den Leser in die Geschichte reinziehen kann.
Wobei, so mysteriös ist vielleicht dann auch wieder nicht. Im konkreten Fall schlägt da bei mir wahrscheinlich bloß wieder volle Wäsche die Identifikationsfalle zu.
Ich mag jedenfalls diesen abwegigen Verlauf der Assoziationen. Abwegigkeit erregt bei mir immer sehr viel Neid, denn meinen Gedanken verlaufen leider meistens in so langweilig geordneten Bahnen.
lg
mög
Was ich allerdings interessant find: ich will jetzt wirklich wissen, warum K.K. zugelegt hat. Dieses Interesse hat mich mehr oder weniger auch dazu gebracht, den Text fertig zu lesen, obwohl mir schon einigermaßen schnell klar war, dass dieses Stückchen Prosa hier nicht gerade alle Fäden zu Ende spinnt.. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt oder so. Es ist jedenfalls doch irgendwie merkmürdig, dass selbst aus einer Fülle von einigermaßen willkürlich aneinandergereihten Details grade eines hervorstechen und den Leser in die Geschichte reinziehen kann.
Wobei, so mysteriös ist vielleicht dann auch wieder nicht. Im konkreten Fall schlägt da bei mir wahrscheinlich bloß wieder volle Wäsche die Identifikationsfalle zu.
Ich mag jedenfalls diesen abwegigen Verlauf der Assoziationen. Abwegigkeit erregt bei mir immer sehr viel Neid, denn meinen Gedanken verlaufen leider meistens in so langweilig geordneten Bahnen.
lg
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Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
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