Feld. Feuer. Schützengraben.

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vogel
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Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon vogel » 06.02.2005, 17:40

So viel habe ich gesehen. Weite Felder. Felder voller Menschen, Soldaten. Manchmal nicht Kind, manchmal nicht Mann. Soviel Elend als das Feuer losgelassen, soviel Freude als wir ein Stück Land eroberten! Ja, was war das für ein Spektakel, welch Gefühle übermannten uns.

Doch … doch das was mir gestern begegnete. Es war ... wie Feuer, wenn alle M-16 gleichzeitig zielen, ein roter Punkt – und alle treffen! Wie wurden wir doch gelobt!
Doch diese Frau … Sie lief vorbei an mir, ein knapper Streifschuss. Sie war klein, zierlich, keine Bazooka, dick oder gar … nein, sie war so …
Sie lief nur an mir vorbei! Nur vorbei.
Dann stand sie an der Ampel. Fußgängerampel. Rot.
Ich sah ihr nach.
Unmengen von Kanonen. Schmutzverschmierter Boden. Und inmitten dieses Chaos - stand sie. Dieses Wesen. Alles Licht der Scheinwerfer, die unserer Nachtlager sicherten, schienen nur auf ihr zu ruhen. Sie zog alles Licht an, wie ein Gegner, ein Feind, einer der anderen Seite.
Ich ging Richtung der Ampel, an der sie stand.
Zwei Schritte trennten uns, wie ein Schützengraben, der mir aber kein Graben war, eher ein Wall, unüberwindbar, meine Hände schienen mir zu schwer, ihn zu erklimmen, meine Füße plötzlich zu krumm, mein Rücken zu gebrechlich. Ich hatte keinen Ankerhacken, keine Kameraden. Nur zwei Schritte, ein Wort?

Die Ampel, kein Grün, nur Rot. Rot. Blut, ich bemerkte es, es pochte, genauso war es als ich das erstmal auf dem Feld stand, dieses seltsam Magenumdrehende Gefühl, wenn die Soldaten an dir vorbei ziehen, doch du musst mit. Doch ich musste nicht mit, ich blieb stehen. Weil sie es tat. Sie sah in meine Richtung. Trat ein Schritt zurück, gegen den Strom, geriet nicht in die Menge der Soldaten. Sie stand auf dem Schutzwall. Es war doch grün. Und sie zog zurück, wollte sie nicht in eine andere Richtung ziehen, gen Freund, meinem Feind? Warum also zu mir, ein fester Blick an mich, ihrem Feind. Ich sah sie an. Ihre Augen, wie Sterne, sie glitzerten, wie wenn wir unter dem Himmel lagen, die Zelte zu warm, als darin zu liegen, die Nacht etwas kühler.

„Guten ... Tag“ Mein Stimme.
„Guten Tag“ Ihre Stimme. Nichts sonst. Das Feuer, das Knallen, das Krachen. Nein, nur unsere Stimmen. Ich blickte sie an, fest. Sie blickte zurück, zog die Wangen einwenig hoch, im Krieg gab es kein Lächeln, doch dieses war so schön, zart, gar zaghaft.
„Darf ich ... Sie vielleicht … auf einen Kaffee einladen?“
Verlegen. Ihr Blick – verlegen.
„Oh … Danke. Gern.“
Feind? Nein, sie sah mich weiter an, dieses Lächeln. Kein Lächeln aus dem Schützengraben. Nicht versteckt hinter einem Wall. Warm wie die Nächte in den Zelten.
Wir sahen auf das Rot. Fußgängerampel, sie war wieder rot.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Jonathan. Jonathan Schweiger.“

Das war kein Feld, was ich kannte. Hier gab es weder Männer noch Kinder. Nur ich. Und dann kam sie. Es war kein beschmutztes Feld. Kein Feuer. Nur dieses Lächeln. Ein Lächeln, welches nicht auf ein Feld gehört hätte …
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Silentium
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon Silentium » 06.02.2005, 18:48

Interessant... schräg...

Vielleicht sollte er seinen Namen nicht grad nennen. Er hat kaum gesprochenen Text, da kommt dann den Namen zuviel Bedeutung zu, er wird zu zentral. Ein namenloser tät's hier auch irgendwie. Oder hat "Schweiger" eine tiefere Bedeutung?

"beschmutztes Feld" is ein recht merkwürdiger Ausdruck? Beschmutzt sind für mich normalerweise nur Ehre und Tischtücher. Hm.

Ansonsten: schräg, wie gesagt, und schräg ist fast immer gut.
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon vogel » 06.02.2005, 18:51

Hm, meinst du ich sollte, abrechen mit : "Darf ich mich vorstellen ?"
Oder das ganz weglassen ? Oder "gestatten" ?

Ich musste den Text für Deutsch schreiben - dafür gefällt er mir ganz gut ^^

PS : ich wollte kein blutiges Feld, daher .-.
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon Silentium » 06.02.2005, 19:05

Hmm... wenn er krieg kennt, dann is er älter, dann wird er wohl "gestatten" sagen- da könntest du wirklich abbrechen.

Für Deutsch? Interessant. Wie war die Arbeitsaufgabe?
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon Glaukos » 06.02.2005, 19:06

Kleinervogel,

der Text gefällt mir ausgesprochen gut. Sticht richtig hervor ...
(Detailkritik folgt vielleicht später, habe leider gerade keine Zeit dazu.)

Beste Grüße
Tolya

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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon vogel » 06.02.2005, 19:10

Die Aufgabe lautete (es war eine Wahlaufgabe) : 75 jähriger verliebt sich. Schreibe mit Ich-erzähler, sprachlich soll zum Vorschein kommen dass er Soldat war.
Die andere aufgaber war mit nem 10-jährigem und Fußball, auch verliebt ...

Kritik gern ^^


Also nur "Gestatten" ? Mit oder ohne Name ? Eher ohne ... hm ...
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon vogel » 07.02.2005, 18:15

Also ich habe den Text heute vorgelesen ... Beigeierstung pur ! Referendar hat mich sogar gelobt, es gefiel ihm, und es gab nur zwei Man, die den Soldaten gemacht haben. Man merkte dass ich mich für Lit begeistere und schreibe ^^

Aber eines ... Hm, Aileen meinte, man merkte einen Einfluss, von meinem Lieblingsdichter. Ich hab zwar gegrinst dürber, aber es hat mich irgendwie nachdenklich gemacht, im Zug hat mich das doch arg beschäftigt ... Merkt man das wirklich so doll ? Hm ...


Ich habe es übrigens mit : "Gestatten ?!" vorgelesen :-)

Und Paul hat über die Bazooka ewig gelacht, das gefiel ihm. War schon toll, wieder was zu lesen ^^
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon razorback » 07.02.2005, 19:18

Über die Qualitäten haben sich die anderen schon geäußert - ich schließe mich an, der Text ist gut. Trotzdem ein wenig kleinliches Gemotze:

Wenn der Sprecher 75 ist, haut das mit dem M16 nicht hin. Vielleicht nicht ganz so spezifisch sein, "Gewehr" würde es auch tun. Das selbe gilt für den roten Punkt, sofern er auf ein Laserzielgerät hinweisen soll.

Schützengräben trennen eigentlich nicht - zumindest trennen sie nicht die Soldaten. In den Schützengräben befinden sie sich ja. Das Niemandland dazwischen trennt sie.

Das Thema "Soldat" zu wählen war verdammt mutig - Deine Kentnisse auf dem Gebiet sind ja wohl so bombastisch nicht. Aber gerade darum finde ich, dass Du die Aufgabe mit Barvour gelöst hast. Nicht zuviel Detail (das M16 mal ausgenommen ;-) ), dafür gute, stimmige Bilder. Schön.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon Silentium » 07.02.2005, 19:26

Jaja... vogerl, wirst sehn, mit dir kommt dann auch mal eine literaturnobelpreisträgerin aus unsereren Reihen. Dass du uns aber ja erwähnst in deiner Dankesrede!
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Re: Feld. Feuer. Schützengraben.

Beitragvon Surjaninov » 07.02.2005, 19:48

hej

Das M16 wurde meines Wissens [um] 1962 bei den Streitkräften Südvietnams und der US Army eingeführt.

Wenn also der Typ jetzt 75 Jahre ist und sagen wir mal vor vierzig Jahren Soldat...

Nur ist mir das Szenario nicht ganz klar. Nach dem ersten Absatz dachte ich es geht um den ersten Weltkrieg. Du schreibst von "Feldern" // sehr jungen Soldaten // kleinen Geländegewinnen // Spektakel, Gefühle. Das gemahnt alles an die Stellungskriege des WK I.

Dann stehten da ein Soldat und eine Frau an einer Ampel. Sie könnte eine Attentäterin sein. Es erinnert an der Irak. Zumal das M16 angesprochen wird.

Nachtlager, Chaos, Schmutz gibt es in allen Krisengebieten. Aber was für Kanonen meinst du?

Und der Soldat ist allein auf der Straße, bis auf die Frau. Nur gehen Soldaten niemals allein vor die Stacheldrahtzäune ihrer Lager.


Was ich gut finde ist wie du den inneren Zwiespalt des Jonathan beschreibst. Er weiss nicht ob die Frau Freund oder Feind ist. Wie sollte er es auch wissen? Mit allem ist zu rechnen. Es ist eine schwere, sehr schwere Situation.
Da kann es [hier] durchaus auch zu einem Kaffee kommen.

(Letzter Absatz // wieder das Wort Feld...)

lg
Surja


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