Hallo Stephanie
Existiert überhaupt so etwas wie die aufopferungsvolle, bedingungslose, kompromisslose Liebe?
Interessantes Thema. Hier meine Gedanken dazu…
Erstmal solltest du zwei Dinge bei deinen Reflexionen analytisch voneinander trennen:
a) die bedingungslose Liebe zu einer Person, welche die geliebte Person
nicht erwidert, was die liebende Person
nicht glücklich macht und
b) die bedingungslose Liebe zu einer Person, welche die geliebte Person erwidert, was die liebende Person glücklich macht.
Das sind zwei völlig verschiedene paar Schuhe. Und bedingungslose Liebe impliziert eben nicht, dass die geliebte Person diese Liebe auch erwidert.
Das beste literarische, aber auf Grund Goethes Biographie sowohl auch autobiographische, Beispiel für a) hast du bereits genannt, den Werther. Er ist ein sehr gutes Beispiel für eine Person, die bedingunglos liebt, aber nicht geliebt wird. Du schreibst…
Obwohl seine Liebe unerfüllt bleibt, schreibt er seinem Freund Wilhelm, er sei glücklich. Allein das Lieben, das Gefühl, jemanden zu lieben, erfülle ihn mit Glück
…und das stimmt. Allerdings ist hier die kurze Dauer dieses Glücks und das tragische Ende des Werthers zu beachten. Wie du selbst sagst…
Ich glaube, dass es eine bedingungslose Liebe zwar durchaus geben kann, aber dass sie einen, zumindest auf Dauer gesehen, nicht erfüllen kann, wenn eben die eine Bedingung, nämlich die der Erwiderung, nicht gewährleistet ist.
Vielleicht könnte man dieses „auf Dauer“ noch näher spezifizieren, nämlich indem man die
Hoffnung als Kriterium setzt. So lange ich, der ich bedingungslos liebe, noch Hoffnung habe dass die von mir geliebte Person mich bald oder irgendwann einmal auch lieben wird, so lange kann ich glücklich sein, denn ich kann mich, trotz aktueller Zurückweisung, von der Illusion nähren, dass es (in naher oder ferner Zukunft) einmal anders sein wird. In dem Maße jedoch wie meine Hoffnung diesbezüglich schwindet wird auch mein Glück schwinden. Ja, die bedingungslose Liebe wird dann sogar (so ist es ja beim Werther) von der Quelle meines größten Glücks zu der Quelle meines größten Unglücks.
Bei b) liegt der Fall noch etwas verzwickter. Zunächst einmal ist das mit der Erwiderung der bedingungslosen Liebe gar nicht so einfach wie es sich im ersten Augenblick anhört. Wenn du ein Person X bedingungslos liebst und diese deine Liebe einfach nur erwidert, so wird dir das auf Dauer nicht ausreichen. Bedingungslose Liebe verlangt als Erwiderung ebenfalls bedingungslose Liebe. Warum solltest du jemanden bedingungslos lieben, wenn dieser ständig Bedingungen an seine Liebe zu dir knüpft, dich also nur normal liebt?

Die bedingungslos geliebte Person wird also genötigt ebenfalls bedingungslos zu lieben (was nicht jedermanns/jederfraus Sache ist). Ich finde, dies wirft einen Schatten auf denjenigen, der bedingungslos liebt. Dieser übt nämlich genau dadurch einen unheimlichen psychischen Druck auf die von ihm geliebte Person aus. Hier kann man wieder den Werther als Beispiel heranziehen. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht bei seiner Lotte ist. Es vergeht also auch kein Tag, an dem Lotte nicht spürt/spüren müsste wie er empfindet und die unglückliche Situation, in der sie beide stecken, ebenfalls empfinden muss. Nun gut, man könnte sich darüber streiten ob Lotte nicht ein bisschen einfältig und somit eine etwas blass geschilderte literarische Figur ist, aber das würde nur dieses Beispiel entkräften, nicht das generelle Problem.
Aber nehmen wir ruhig an, wir haben da zwei Menschen (wer auch immer), die sich bedingungslos lieben. So was mag es ja geben. Du schreibst…
Kann das, was sich so unglaublich schön und heroisch anhört, auch bestehen?
...und schon haben wir das nächste Problem. Wie kann eine bedingungslose Liebe (auf Dauer) bestehen? Um das zu klären müsste man sich erstmal anschauen was bedingungslose Liebe überhaupt genau ist. Sonst kann man nicht klären, ob sie auf Dauer bestehen kann. Und in diesem Zusammenhang finde ich sehr klug was Glaukos gesagt hat. Besonders das hier…
was ist denn bedingungslos?
Heißt das, dass du für den Geliebten auch sterben wolltest? Heißt das, dass du für ihn einen Mord begehen würdest, wenn es sein müsste?
Bedingungslosigkeit ist für mich eher eine Form von Wahnsinn ...
Und wieder können wir den Werther heranziehen. Ja, Bedingungslosigkeit ist eine Form von Wahnsinn, sie hat mit dem realen Leben der allermeisten Menschen nichts gemein (lassen wir mal die Extrembeispiele Weltenbummmler, Eremit und was es sonst noch so geben kann außen vor).
Und dauerhaft innerhalb, aber auf Grund seiner bedingungslosen Liebe geistig außerhalb der Normen und Werte der Gesellschaft zu leben führt auf jeden Fall mal zur Entfremdung vom unmittelbaren sozialen Umfeld. Denn wer bedingungslos liebt, der wird die geliebte Person auch bedingungslos verteidigen (meist noch schlimmer: sich bedingungslos auf sie fixieren und damit auch sie fixieren) Hier stellt sich dann die Frage, die Glaukos durch seine Beispiele auch schon gestellt hat: Wo ist die Grenze?
Wenn wir bedingungslose Liebe so definieren:
Bedingungslose Liebe heißt, dass die geliebte Person von der liebenden Person in jeder Situation verteidigt wird und das keine Situation diese Liebe beenden kann außer der Eintritt des Todes einer der beiden Personen, dann wäre die wahrhaft bedingunglose Liebe erreicht.
Diese Definition hört sich dann sicher unglaublich schön und auch unglaublich heroisch an, aber das Füllen dieser Definition mit Leben wird es nicht sein. Auch hier ziehe ich noch einmal ein Glaukos-Zitat heran…
Jemanden bedingungslos zu lieben, wie du schreibst, heißt das nicht auch, ihn gar nicht zu hinterfragen, heißt das nicht auch, ihm gar nicht als Mensch zu begegnen?
Oder darf diese Liebe (meinethalben auch Freundschaft) kritisieren? Darf sie streiten, wenn sie der Meinung ist, dass der Geliebte einen Fehler macht? Denn dann ist sie doch nicht mehr bedingungslos?
Und damit haben wir auch schon die Lösung des eingangs gestellten Problems. Eine bedingungslose Liebe kann
auf Dauer nicht bestehen. Übrigens, kleiner Kniff, auch schon deshalb nicht weil sie immer zumindestens an
eine Bedingung gebunden bleiben wird, nämlich das die bedingungslos geliebte Person mich auch bedingunglos liebt.
Aber als Gedankenkonstrukt, als Orientierungspunkt, als unerreichbarer Fixstern ... ist es für mich doch eine spannende Vorstellung ...
Für mich auch. Und es kann sich fast kein Autor mit dem Thema Liebe beschäftigen ohne um dieses Gedankenkonstrukt herumzukommen. Allerdings würde ich eine real existierende bedingungslose Liebe (lässt man die immerwährende Bedingung der totalen Gegenseitigkeit, die ich gerade nannte, mal außen vor) eher unter
dogmatischer Fixiertheit abbuchen.
Hmm, das klingt alles sehr unromantisch, oder? Sorry!

(
Na ja, lass dir zum Schluss noch sagen dass weder eine ganz normale Liebe noch eine bedingungslose Liebe eine der folgenden Bedingungen erfüllen: symmetrisch, asymettrisch, transitiv, intransitiv, total reflexiv, reflexiv, irreflexiv.
Das ist die traurige Geschichte von der Liebe in der Logik. Aber davon künde ich dann ein anderes Mal (oder gerne auf Nachfrage)
Liebe (aber keinesfalls bedingungslos liebe

) Grüße,
Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)