Ich weiß jetzt net - funktioniert das?
Vom Ende
Der Himmel ist immer weiß, drei Krähen sind übrig geblieben. Himmel, Krähen, Baumsilhouetten. Weiß, schwarz, schwarz.
Nur noch wir zwei sind da. Du mochtest Menschen nicht, du hast sie gemieden und denkst heute: Gut, jetzt meiden sie mich!
Ich bin es immer: ich fahre die U-Bahn, kassiere im Supermarkt für einen Liter Milch, zwei Dosen Katzenfutter und drei Semmeln, und bringe dir die Post, die ich schreibe. Ich schmiere mit Filzstift Obszönitäten auf die Wand der U-Bahn-Station und wische sie ein paar Monate später wieder weg.
Zweimal bist du in all dieser Zeit zum Arzt gegangen – ich untersuchte dich und strich dir dabei aus Übermut mit den Händen über den Nacken. Aber du merktest nicht, dass meine Hände kalt waren. Ich habe dir dann Antidepressiva verschrieben, die ich dir später in der Apotheke ausgehändigte.
Warum sie mich hier lassen, um für dich die Zivilisation nachzuäffen? Deine Katze, das Mistvieh. Als man auch dich holen wollte, da hat sie für dich gekämpft. Du dachtest, sie würde eine Motte jagen. Katzen werden normalerweise nicht über sechzig Jahre alt. Sie hält sich am Leben, wir warten. Bis sie aufgibt spiele ich mit dir oder für dich – such’s dir aus.
Nur damit du nicht merkst, dass du die Letzte bist.
Vom Ende
Re: Vom Ende
so eine Art Matrix...? B-)
Also das funktionieren...: irgendwie weiß man gleich, dass da irgendwas schräges läuft. aber WAS genau kommt nicht raus... die geschichte hinterlässt offene fragen, eher zu viele. ich würde mir mehr wünschen, die katze als grund des alleinigen hier-seins ist m.e. noch nicht genügend erklärt.
also ein teilstück mit viel potenzial für mich...!
Also das funktionieren...: irgendwie weiß man gleich, dass da irgendwas schräges läuft. aber WAS genau kommt nicht raus... die geschichte hinterlässt offene fragen, eher zu viele. ich würde mir mehr wünschen, die katze als grund des alleinigen hier-seins ist m.e. noch nicht genügend erklärt.
also ein teilstück mit viel potenzial für mich...!
Re: Vom Ende
Gänsehaut!
Also die große Frage, die für mich offen bleibt, ist tatsächlich die, warum da ausgerechnet so große Rücksicht auf Katzen genommen wird.
Ansonsten sieht das für mich aus nach:
Machtübernahme der Maschinen/Aliens, was auch immer, eigentlich egal - jedenfalls herrschen jetzt die Nicht-Menschlichen. Und einer ist übrig geblieben, für den wird jetzt Zivilisation nachgespielt, von einer Maschine/einem Alien in verschiedenen Gestalten.
Am Anfang klingt einges tatsächlich sehr fragwürdig (Ich bin es immer), aber das Schöne ist, es löst sich im Licht des Endes auf.
Ich glaube, die Frage, warum die ausgerechnet so auf Katzen stehen, kann ruhig offen bleiben.
Die Grundidee ist so gut - es ist fast schade, sie so knapp zu präsentieren; die würde auch einen wesentlich längeren Text tragen.
Also die große Frage, die für mich offen bleibt, ist tatsächlich die, warum da ausgerechnet so große Rücksicht auf Katzen genommen wird.
Ansonsten sieht das für mich aus nach:
Machtübernahme der Maschinen/Aliens, was auch immer, eigentlich egal - jedenfalls herrschen jetzt die Nicht-Menschlichen. Und einer ist übrig geblieben, für den wird jetzt Zivilisation nachgespielt, von einer Maschine/einem Alien in verschiedenen Gestalten.
Am Anfang klingt einges tatsächlich sehr fragwürdig (Ich bin es immer), aber das Schöne ist, es löst sich im Licht des Endes auf.
Ich glaube, die Frage, warum die ausgerechnet so auf Katzen stehen, kann ruhig offen bleiben.
Die Grundidee ist so gut - es ist fast schade, sie so knapp zu präsentieren; die würde auch einen wesentlich längeren Text tragen.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)
Re: Vom Ende
Hmmm, bin geteilter Meinung. Finde auch, es ist eine gute Grundidee, aber diese wirft als Texthappen verpackt in der Tat zu viele Fragen auf, so dass ich mögs Ansicht...
...etwas verschärfen möchte: es ist nicht
fast zu schade, es ist schade dass der Text so kurz - und damit zu kurz - ist.
Den Aufwand die Zivilsation für jemanden nachzuspielen erklärst du mit der Katze als Beschützerin dieses Jemands, des letzten Menschen. Das Abwehren des "Angriffes" auf diesen letzten Menschen beschreibst du so...
Eine Motte? Diese komischen Herrscher scheinen aber merkwürdige Methoden einzusetzen... (außerdem gruselt es mich jetzt in meinen eigenen 4 Wänden, vielen Dank, Silly, vielen, vielen Dank... 8-o )
Außerdem noch ein paar Fragen: Wie kam es überhaupt zu der jetzigen Situation? Hatten die anderen Menschen keine kämpferischen Katzen?
Wieso überhaupt der Aufwand dem letzten Menschen die Zivilisation vorzuspielen - was könnte dieser schon tun erführe er die Wahrheit? (das Motiv der Herrschenden bleibt unklar)
Und ich hätte schon ganz gern verstanden wieso die Katze hier so eine beschützende Rolle einnehmen kann - vielleicht versteckt sich ja dahinter eine geniale Idee, aber der Text bietet mir nicht mal einen Anhaltspunkt zum Drüber Nachgrübeln.
Also gilt (für mich): Mach unbedingt eine längere Geschichte aus dieser Grundidee, diese ist es nämlich wert.
Liebe Grüße,
Hamburger
Die Grundidee ist so gut - es ist fast schade, sie so knapp zu präsentieren; die würde auch einen wesentlich längeren Text tragen.
...etwas verschärfen möchte: es ist nicht
fast zu schade, es ist schade dass der Text so kurz - und damit zu kurz - ist.
Den Aufwand die Zivilsation für jemanden nachzuspielen erklärst du mit der Katze als Beschützerin dieses Jemands, des letzten Menschen. Das Abwehren des "Angriffes" auf diesen letzten Menschen beschreibst du so...
Deine Katze, das Mistvieh. Als man auch dich holen wollte, da hat sie für dich gekämpft. Du dachtest, sie würde eine Motte jagen.
Eine Motte? Diese komischen Herrscher scheinen aber merkwürdige Methoden einzusetzen... (außerdem gruselt es mich jetzt in meinen eigenen 4 Wänden, vielen Dank, Silly, vielen, vielen Dank... 8-o )
Außerdem noch ein paar Fragen: Wie kam es überhaupt zu der jetzigen Situation? Hatten die anderen Menschen keine kämpferischen Katzen?
Wieso überhaupt der Aufwand dem letzten Menschen die Zivilisation vorzuspielen - was könnte dieser schon tun erführe er die Wahrheit? (das Motiv der Herrschenden bleibt unklar)
Und ich hätte schon ganz gern verstanden wieso die Katze hier so eine beschützende Rolle einnehmen kann - vielleicht versteckt sich ja dahinter eine geniale Idee, aber der Text bietet mir nicht mal einen Anhaltspunkt zum Drüber Nachgrübeln.
Also gilt (für mich): Mach unbedingt eine längere Geschichte aus dieser Grundidee, diese ist es nämlich wert.
Liebe Grüße,
Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Vom Ende
Hatten die anderen Menschen keine kämpferischen Katzen?
ja - ich fand auch, diese Katze ist ein logischer HUND.
Re: Vom Ende
Okay, danke, da ist ein Trend. Schau ma mal...
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
- Ursula Vernon
Re: Vom Ende
Ich tendiere in eine ähnliche Richtung wie Ham: Viele Fragen offen.
Bei mir funktioniert die Geschichte, allerdings aus diversen rein subjektiven Gründen:
1.) Ich mag Szenarien, die die Realität hinterfragen.
2.) Ich mag Endzeitszenarien.
3.) Ich mag leere Welt Szenarien.
4.) Ich mag kalte Herbststimmung.
5.) Ich mag Katzen.
Und was die Szenarien betrifft, so habe ich davon schon so viele gelesen und mit so vielen selbst gespielt, dass ich sofort beginne zu assoziieren, und Handlungen und Möglichkeiten zu bauen.
Von daher ist der Text als Anregung, eine eigene Geschichte darum zu bauen, die all die Fragen bearbeitet (beantworten muss ja nicht unbedingt sein) sehr sehr gut. Das wäre eine tolle Aufgabe für einen Kreativschreibkurs und sollte ich je einen geben, werde ich Dich um Erlaubnis bitten, sie zu nutzen.
Als eigenständige Geschichte aber zu dünn.
Bei mir funktioniert die Geschichte, allerdings aus diversen rein subjektiven Gründen:
1.) Ich mag Szenarien, die die Realität hinterfragen.
2.) Ich mag Endzeitszenarien.
3.) Ich mag leere Welt Szenarien.
4.) Ich mag kalte Herbststimmung.
5.) Ich mag Katzen.
Und was die Szenarien betrifft, so habe ich davon schon so viele gelesen und mit so vielen selbst gespielt, dass ich sofort beginne zu assoziieren, und Handlungen und Möglichkeiten zu bauen.
Von daher ist der Text als Anregung, eine eigene Geschichte darum zu bauen, die all die Fragen bearbeitet (beantworten muss ja nicht unbedingt sein) sehr sehr gut. Das wäre eine tolle Aufgabe für einen Kreativschreibkurs und sollte ich je einen geben, werde ich Dich um Erlaubnis bitten, sie zu nutzen.
Als eigenständige Geschichte aber zu dünn.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: Vom Ende
Okay, zweiter Anlauf...
Die Krähen schweben im Grau, schreien und sind müde, denn es wird nicht mehr Nacht.
Nur noch wir zwei sind da. Du mochtest Menschen nicht, du hast sie gemieden und denkst heute: Gut, jetzt meiden sie mich!
Ich bin es immer: ich fahre die U-Bahn, kassiere im Supermarkt für einen Liter Milch, zwei Dosen Katzenfutter und drei Semmeln, und bringe dir die Post, die ich schreibe. Ich schmiere mit Filzstift Obszönitäten auf die Wand der U-Bahn-Station und wische sie ein paar Monate später wieder weg.
Es war ein graues Kätzchen mit Messingaugen, das damals die Vorderpfoten an dein Fenster drückte und jammerte. Du hast Katzen gehasst und wolltest es ignorieren, hattest du dich doch auf dem Sofa eingeigelt, mit heißem Hagebuttentee, drei Wärmeflaschen und einem Buch. Obwohl die Heizung voll aufgedreht war und du zwei Westen übereinander trugst, wurdest du die Kälte nicht los, die sich seit dem Morgen in deinen Knochen ausgebreitet hatte. Dabei war der Herbst immer deine Jahreszeit, nicht so hysterisch besinnlich wie der Winter. Von blauem Sommerhimmel hast du Kopfschmerzen bekommen.
Du wickeltest die Decke enger um dich, blättertest um und das Kätzchen schrie. Es klang so zittrig und erfroren, wie du dich fühltest – deshalb gabst du nach, überrascht von dir selber. Du hast das Fenster aufgemacht. Das Tier zögerte kurz, wich zurück. Du bliebst unbewegt stehen und sahst an ihm vorbei. Das Kätzchen verharrte ebenfalls. Du strecktest die Hand nach ihm aus, zu einer lockeren Faust geformt. Woher wusstest du, dass du so die Krallen einziehen musstest?
Es reckte den Hals, schnupperte an deinen Fingern und rieb dann seinen Kopf an deiner Hand. Es erlaubte, dass du es hochhobst, die Eiskristalle von seinem Fell strichst. Es schmiegte sich an deinen Hals.
„Ich hab Milch für dich. Ihr Mistviecher mögt doch Milch?“
Das Kätzchen zitterte und du wusstest nicht, ob deine Hände so kalt waren oder sein Körper. Eisig.
„Vielleicht wärmen wir dich zuerst auf?“
Es maunzte.
„Damit die Milch dann nicht in dir drin gefriert.“
Du kehrtest, das Tier auf dem Arm, zum Sofa zurück, wickeltest euch beide wieder in Decken. Es legte die Pfoten an deinen Hals, stieß mit dem Kopf an dein Kinn und du begannst, es zu streicheln. Es bog sein Rückrat deinen Händen entgegen. Deine Finger waren taub und du vergrubst sie im Katzenfell, um ein wenig Wärme zu finden. Ihr zittertet gemeinsam. Als das Kätzchen zu schnurren begann, sankst du zurück und schliefst ein.
Du hast leise geseufzt, doch dich sonst nicht gerührt, als es seine Pfote auf deine Wange legte und die Krallen durch deine Haut zog.
Als unsere Zeit anbrach, schickte man mich zu dir. Ihr gabt alle an diesem Tag nach, einem Welpen, einer Siebenjährigen mit Zöpfen, einer alten Dame, einem Kätzchen. Ich sage jener Tag, aber es ist ja dieser Tag geblieben. Die Ewigkeit ist ein trüber Novemberabend.
Ich beobachtete, wie deine Lippen blau wurden, als sich die Kälte um die Kratzer zu sammeln begann, und wie dein Atem unregelmäßiger wurde. Bald langweiltest du mich. Ich sah ich mich im Raum nach etwas um, mit dem ich mir die Zeit vertreiben konnte, während du erfrorst.
Auf dem Sofatisch, neben der Teekanne, lag aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben das Taschenbuch, in dem du gelesen hattest, bevor ich kam. Baudelaire, ich fand das unheimlich erheiternd.
„Des baisers froids comme la lune“, zitierte ich und leckte aus Spott einmal über deine blutige Wange, wobei ich Restchen deiner Körperwärme erspürte und nicht einmal unangenehm fand. Das überraschte mich. Wir haben diese Sache mit der Körperwärme immer als kindische Schrulle einiger Wirbeltierarten betrachtet. Ich wollte mich wieder abwenden, konnte mich nicht ganz überwinden und rieb dann noch einmal mit der Nase über die Kratzer. Was sagt man über Neugierde, Katzen und Tod?
Ich grinste über mich selbst, setzte zum Sprung vom Sofa an, hielt inne. Ich schnupperte deinen Hals entlang und beobachtete, wie die Wärme als feiner roter Nebel von dir aufstieg. Beim Erfrieren beordert der Körper das Blut nach innen, um die Organe so lange wie möglich zu schützen, also schwebten kaum mehr als ein paar rötliche Schlieren noch über deiner Haut.
Da es die letzte Gelegenheit war, herauszufinden, was ihr an dieser kleinen Schwäche gefunden habt, scheuchte ich die Kälte ein wenig zur Seite, so dass sich deine Gefäße wieder weiten konnten. Ich streckte mich lang neben deinem Körper aus wie neben einem Heizkörper, überschlug kurz die Zeit, die du nun mehr zum Sterben brauchen würdest, und machte ein Nickerchen.
Du hast aber einfach weitergeatmet und als ich war zu bequem dazu, mein Plätzchen schon aufzugeben. Ein, zwei Stunden können nicht schaden, dachte ich.
Ich hoffe, dass du endlich von selbst eingehst, denn ich kann mich nicht überwinden. Ich müsste lediglich die Kälte wieder ganz an dich heranlassen und die andern drängen mich dazu. Für sie bist du eine Witz, eine meiner kleinen Kindereien. Sie lachen sich halb tot auf meine Kosten. Abends bin ich ein Kater, schnurre, während du liest. Ich schaffe es nicht, davon zu lassen. Einen Abend neben der Heizung will ich mir immer noch erschwindeln, ein wenig Wärme noch, weil’s danach ja keine mehr geben wird.
Nur einmal bist du zum Arzt gegangen. Ich untersuchte dich, strich über deinen Nacken. Du hast bemerkt, dass ich meine Hände fasziniert betrachtete, konntest aber das bisschen Rot nicht sehen, dass ich gesammelt hatte.
„Beschwerden?“, fragte ich, um dich abzulenken.
„Ich friere.“
„Wundert Sie das bei diesem Wetter?“
„Ich bin müde.“
„Liegt am Herbst. Zu wenig Sonne.“
Du sahst mich an und schütteltest verlegen den Kopf, denn dir fehlten die Worte, um zu beschreiben, warum diese Erschöpfung anders war. Du hast nicht begriffen, dass es keine Sonne mehr gibt, denn dein Gehirn ist für solchen Input nicht geschaffen. Als würdest du einem Computer, der nur mit 0 und 1 arbeitet plötzlich eine 3 füttern
Ich habe dir dann Schlaftabletten verschrieben und sie dir später in der Apotheke ausgehändigt. Ich hätte dir sagen können, dass dein Körper alle Reserven aufgezehrt hat, um Wärme zu erzeugen, die ich dir gleich wieder wegnehme. Mein privates Heizkraftwerk. Bald werde ich zu weit gehen, zuviel auf einmal nehmen, oder die anderen setzen sich durch und jemand nimmt meine Stelle ein. Bis dahin äffe ich die Zivilisation nach, spiele ich mit dir, oder für dich, such’s dir aus. Nur damit du nicht merkst, dass du die Letzte bist.
Die Krähen schweben im Grau, schreien und sind müde, denn es wird nicht mehr Nacht.
Nur noch wir zwei sind da. Du mochtest Menschen nicht, du hast sie gemieden und denkst heute: Gut, jetzt meiden sie mich!
Ich bin es immer: ich fahre die U-Bahn, kassiere im Supermarkt für einen Liter Milch, zwei Dosen Katzenfutter und drei Semmeln, und bringe dir die Post, die ich schreibe. Ich schmiere mit Filzstift Obszönitäten auf die Wand der U-Bahn-Station und wische sie ein paar Monate später wieder weg.
Es war ein graues Kätzchen mit Messingaugen, das damals die Vorderpfoten an dein Fenster drückte und jammerte. Du hast Katzen gehasst und wolltest es ignorieren, hattest du dich doch auf dem Sofa eingeigelt, mit heißem Hagebuttentee, drei Wärmeflaschen und einem Buch. Obwohl die Heizung voll aufgedreht war und du zwei Westen übereinander trugst, wurdest du die Kälte nicht los, die sich seit dem Morgen in deinen Knochen ausgebreitet hatte. Dabei war der Herbst immer deine Jahreszeit, nicht so hysterisch besinnlich wie der Winter. Von blauem Sommerhimmel hast du Kopfschmerzen bekommen.
Du wickeltest die Decke enger um dich, blättertest um und das Kätzchen schrie. Es klang so zittrig und erfroren, wie du dich fühltest – deshalb gabst du nach, überrascht von dir selber. Du hast das Fenster aufgemacht. Das Tier zögerte kurz, wich zurück. Du bliebst unbewegt stehen und sahst an ihm vorbei. Das Kätzchen verharrte ebenfalls. Du strecktest die Hand nach ihm aus, zu einer lockeren Faust geformt. Woher wusstest du, dass du so die Krallen einziehen musstest?
Es reckte den Hals, schnupperte an deinen Fingern und rieb dann seinen Kopf an deiner Hand. Es erlaubte, dass du es hochhobst, die Eiskristalle von seinem Fell strichst. Es schmiegte sich an deinen Hals.
„Ich hab Milch für dich. Ihr Mistviecher mögt doch Milch?“
Das Kätzchen zitterte und du wusstest nicht, ob deine Hände so kalt waren oder sein Körper. Eisig.
„Vielleicht wärmen wir dich zuerst auf?“
Es maunzte.
„Damit die Milch dann nicht in dir drin gefriert.“
Du kehrtest, das Tier auf dem Arm, zum Sofa zurück, wickeltest euch beide wieder in Decken. Es legte die Pfoten an deinen Hals, stieß mit dem Kopf an dein Kinn und du begannst, es zu streicheln. Es bog sein Rückrat deinen Händen entgegen. Deine Finger waren taub und du vergrubst sie im Katzenfell, um ein wenig Wärme zu finden. Ihr zittertet gemeinsam. Als das Kätzchen zu schnurren begann, sankst du zurück und schliefst ein.
Du hast leise geseufzt, doch dich sonst nicht gerührt, als es seine Pfote auf deine Wange legte und die Krallen durch deine Haut zog.
Als unsere Zeit anbrach, schickte man mich zu dir. Ihr gabt alle an diesem Tag nach, einem Welpen, einer Siebenjährigen mit Zöpfen, einer alten Dame, einem Kätzchen. Ich sage jener Tag, aber es ist ja dieser Tag geblieben. Die Ewigkeit ist ein trüber Novemberabend.
Ich beobachtete, wie deine Lippen blau wurden, als sich die Kälte um die Kratzer zu sammeln begann, und wie dein Atem unregelmäßiger wurde. Bald langweiltest du mich. Ich sah ich mich im Raum nach etwas um, mit dem ich mir die Zeit vertreiben konnte, während du erfrorst.
Auf dem Sofatisch, neben der Teekanne, lag aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben das Taschenbuch, in dem du gelesen hattest, bevor ich kam. Baudelaire, ich fand das unheimlich erheiternd.
„Des baisers froids comme la lune“, zitierte ich und leckte aus Spott einmal über deine blutige Wange, wobei ich Restchen deiner Körperwärme erspürte und nicht einmal unangenehm fand. Das überraschte mich. Wir haben diese Sache mit der Körperwärme immer als kindische Schrulle einiger Wirbeltierarten betrachtet. Ich wollte mich wieder abwenden, konnte mich nicht ganz überwinden und rieb dann noch einmal mit der Nase über die Kratzer. Was sagt man über Neugierde, Katzen und Tod?
Ich grinste über mich selbst, setzte zum Sprung vom Sofa an, hielt inne. Ich schnupperte deinen Hals entlang und beobachtete, wie die Wärme als feiner roter Nebel von dir aufstieg. Beim Erfrieren beordert der Körper das Blut nach innen, um die Organe so lange wie möglich zu schützen, also schwebten kaum mehr als ein paar rötliche Schlieren noch über deiner Haut.
Da es die letzte Gelegenheit war, herauszufinden, was ihr an dieser kleinen Schwäche gefunden habt, scheuchte ich die Kälte ein wenig zur Seite, so dass sich deine Gefäße wieder weiten konnten. Ich streckte mich lang neben deinem Körper aus wie neben einem Heizkörper, überschlug kurz die Zeit, die du nun mehr zum Sterben brauchen würdest, und machte ein Nickerchen.
Du hast aber einfach weitergeatmet und als ich war zu bequem dazu, mein Plätzchen schon aufzugeben. Ein, zwei Stunden können nicht schaden, dachte ich.
Ich hoffe, dass du endlich von selbst eingehst, denn ich kann mich nicht überwinden. Ich müsste lediglich die Kälte wieder ganz an dich heranlassen und die andern drängen mich dazu. Für sie bist du eine Witz, eine meiner kleinen Kindereien. Sie lachen sich halb tot auf meine Kosten. Abends bin ich ein Kater, schnurre, während du liest. Ich schaffe es nicht, davon zu lassen. Einen Abend neben der Heizung will ich mir immer noch erschwindeln, ein wenig Wärme noch, weil’s danach ja keine mehr geben wird.
Nur einmal bist du zum Arzt gegangen. Ich untersuchte dich, strich über deinen Nacken. Du hast bemerkt, dass ich meine Hände fasziniert betrachtete, konntest aber das bisschen Rot nicht sehen, dass ich gesammelt hatte.
„Beschwerden?“, fragte ich, um dich abzulenken.
„Ich friere.“
„Wundert Sie das bei diesem Wetter?“
„Ich bin müde.“
„Liegt am Herbst. Zu wenig Sonne.“
Du sahst mich an und schütteltest verlegen den Kopf, denn dir fehlten die Worte, um zu beschreiben, warum diese Erschöpfung anders war. Du hast nicht begriffen, dass es keine Sonne mehr gibt, denn dein Gehirn ist für solchen Input nicht geschaffen. Als würdest du einem Computer, der nur mit 0 und 1 arbeitet plötzlich eine 3 füttern
Ich habe dir dann Schlaftabletten verschrieben und sie dir später in der Apotheke ausgehändigt. Ich hätte dir sagen können, dass dein Körper alle Reserven aufgezehrt hat, um Wärme zu erzeugen, die ich dir gleich wieder wegnehme. Mein privates Heizkraftwerk. Bald werde ich zu weit gehen, zuviel auf einmal nehmen, oder die anderen setzen sich durch und jemand nimmt meine Stelle ein. Bis dahin äffe ich die Zivilisation nach, spiele ich mit dir, oder für dich, such’s dir aus. Nur damit du nicht merkst, dass du die Letzte bist.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
- Ursula Vernon
Re: Vom Ende
Hallo Stille,
die zweite Version gefällt mir irgendwie besser und weniger gut zugleich. Ich finde sie weniger Myteriös und das ist irgendwie schade, während sie natürlich gleichzeitiger viel genauer und weniger kryptisch ist.
Seltsamerweise habe ich jetzt noch viel mehr das gefühl das etwas fehlt. Im ganzen ersten teil bist du sehr genau, Deteilreich (ist ja gut)
Und dann kommt wieder der Perspektivsprung, beim letzten Absatz habe ich das Gefühl du zoomst (sieht das wort doof aus) zurück.
Ich finde es auch zu beschreiben. Du hast schon dargestellt das "Es" die Ziviliastion nachäfft, es explizit zu sagen amcht es ja nicht klarer.
Auch das reflektierte "Bald werde ich zu weit gehen" gefällt mir irgendwie nicht so gut. Entweder es muss wirklich ein unfall sein, oder so grausam, wie ein so fremdes allmächtiges wesen sein könnte. (in der Beziehung gefallen mir im übrigen die Kratzer die das Kätzchen dem opfer zufügt sehr gut, schöne kälte, das)
Denn schließlich ist es irgendwie ja fürsorglich. Es spielt die Zivilisation nach um das Wärmende etwas zu erhalten, rezählt es zumindest, trotzdem bekomme ich irgendwie den Eindruck das die Motivation auch fast schon eine Emotionale Komponente hat, die nur nicht zugegeben wird.
Hm, was noch...
Das hier
Das Wesen kann sich ja verwandeln. Deshalb gehe ich davon aus, das alle diese "mitleid erregenden" es sind. Dann klingt das mit dem Fell aber komisch
habe noch nie ne verwirte alte Damu und ein Kind mit Fell gesehen
Liebe krittelige Grüße
Edekire
die zweite Version gefällt mir irgendwie besser und weniger gut zugleich. Ich finde sie weniger Myteriös und das ist irgendwie schade, während sie natürlich gleichzeitiger viel genauer und weniger kryptisch ist.
Seltsamerweise habe ich jetzt noch viel mehr das gefühl das etwas fehlt. Im ganzen ersten teil bist du sehr genau, Deteilreich (ist ja gut)
Und dann kommt wieder der Perspektivsprung, beim letzten Absatz habe ich das Gefühl du zoomst (sieht das wort doof aus) zurück.
Ich finde es auch zu beschreiben. Du hast schon dargestellt das "Es" die Ziviliastion nachäfft, es explizit zu sagen amcht es ja nicht klarer.
Auch das reflektierte "Bald werde ich zu weit gehen" gefällt mir irgendwie nicht so gut. Entweder es muss wirklich ein unfall sein, oder so grausam, wie ein so fremdes allmächtiges wesen sein könnte. (in der Beziehung gefallen mir im übrigen die Kratzer die das Kätzchen dem opfer zufügt sehr gut, schöne kälte, das)
Denn schließlich ist es irgendwie ja fürsorglich. Es spielt die Zivilisation nach um das Wärmende etwas zu erhalten, rezählt es zumindest, trotzdem bekomme ich irgendwie den Eindruck das die Motivation auch fast schon eine Emotionale Komponente hat, die nur nicht zugegeben wird.
Hm, was noch...
Das hier
Als unsere Zeit anbrach, da hatte ich ein Fell und große Augen. Ihr gabt alle an diesem Tag nach, einem süßen Welpen, einer verheulten Siebenjährigen mit blonden Zöpfen, einer verwirrten alten Dame, einem frierenden Kätzchen.
Das Wesen kann sich ja verwandeln. Deshalb gehe ich davon aus, das alle diese "mitleid erregenden" es sind. Dann klingt das mit dem Fell aber komisch
habe noch nie ne verwirte alte Damu und ein Kind mit Fell gesehen
Liebe krittelige Grüße
Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: Vom Ende
Alte Damen haben kein Fell? Kennst du meine Tante Resi, die hat es sogar auf den Zähnen!
Nein, ernsthaft, in diesem wie auch den anderen Punkten stattgegeben.
Besser so? Oder kann ich diesen Satz einfach ganz weglassen und einfach nur in die Katze hineinhüpfen, oder ist sonst nicht klar, dass der ich-erzähler das Vieh ist? (Außerdem seh ich grad, ich hab in diesem Alte-Damen-Satz die Adjektive dringelassen. Die holen wir gleich mal raus...)
Na gut, also weiterbasteln...
Merci, Silly
Nein, ernsthaft, in diesem wie auch den anderen Punkten stattgegeben.
Besser so? Oder kann ich diesen Satz einfach ganz weglassen und einfach nur in die Katze hineinhüpfen, oder ist sonst nicht klar, dass der ich-erzähler das Vieh ist? (Außerdem seh ich grad, ich hab in diesem Alte-Damen-Satz die Adjektive dringelassen. Die holen wir gleich mal raus...)
Na gut, also weiterbasteln...
Merci, Silly
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
- Ursula Vernon
Re: Vom Ende
Ich kann Edekire in manchem zustimmen, aber absolut nicht darin:
Das ist immer noch genauso kryptisch wie vorher. Allerdings gibst Du der Kryptik jetzt eine Richtung, was sie - für meine Begriffe - legitimiert. Es gibt zwar immer noch massenhaft mögliche Lösungen für das Gedankenspiel, dass Du uns hier präsentierst, aber Du grenzt sie jetzt ein. Mehr muss nicht sein, finde ich. Solange ich das Gefühl habe, die Autorin hat für sich eine Lösung gefunden, bin ich gerne bereit, mir meine eigene zu suchen. Donnie Darko lässt grüßen
.
Ich bin - ebenso wie Edekire - dennoch nicht ganz glücklich mit der Geschichte (die Du aber vermutlich auch nicht unbedingt geschrieben hast, um MICH glücklich zu machen
). Ich spüre ein ähnliches Ungleichgewicht, wie Frl. Ede und bin ganz sicher, dass es das Haar in der Suppe ist: Warum diese explizite Beschreibung der Begegnung von LI und LD? Sie charakterisiert das angesprochene "Du" zwar ziemlich gut, aber diese Charakterisierung wird nicht wieder aufgegriffen und erscheint auch nicht besonders wichtig. Und damit komme ich zum Kern des Problems:
Diese Geschichte hat keine Hauptfigur. Das LI ist eindeutig keine, es erlebt nichts, es beschreibt nur. LD ist aber auch keine, es handelt nicht, entwickelt sich nicht, seine Hauptaktion ist eine negative: Nicht zu merken, was vorgeht. Die herausragende Handlung (Rettung der Katze) wird sofort relativiert (das haben alle gemacht, es sagt in diesem Falle nichts über das individuelle LD). Eine reine Beschreibung ist es aber auch nicht, dafür ist das ganze zu persönlich und zu spannend. Du schwebst irgendwo in der Mitte und mir stellt sich die Frage, was Du wirklich mit diesem Text willst, was er sein soll. Ich habe ein wenig den Verdacht, Du weisst es selbst nicht so genau, und deswegen hängt er so in der Schwebe.
Stil und Sprache top, wie üblich. Über die Logik habe ich mir noch keine Meinung gebildet, da fehlen dann doch wieder ein paar Anhaltspunkte zur Natur des LI.
Weitermachen!

und weniger kryptisch
Das ist immer noch genauso kryptisch wie vorher. Allerdings gibst Du der Kryptik jetzt eine Richtung, was sie - für meine Begriffe - legitimiert. Es gibt zwar immer noch massenhaft mögliche Lösungen für das Gedankenspiel, dass Du uns hier präsentierst, aber Du grenzt sie jetzt ein. Mehr muss nicht sein, finde ich. Solange ich das Gefühl habe, die Autorin hat für sich eine Lösung gefunden, bin ich gerne bereit, mir meine eigene zu suchen. Donnie Darko lässt grüßen
Ich bin - ebenso wie Edekire - dennoch nicht ganz glücklich mit der Geschichte (die Du aber vermutlich auch nicht unbedingt geschrieben hast, um MICH glücklich zu machen
Diese Geschichte hat keine Hauptfigur. Das LI ist eindeutig keine, es erlebt nichts, es beschreibt nur. LD ist aber auch keine, es handelt nicht, entwickelt sich nicht, seine Hauptaktion ist eine negative: Nicht zu merken, was vorgeht. Die herausragende Handlung (Rettung der Katze) wird sofort relativiert (das haben alle gemacht, es sagt in diesem Falle nichts über das individuelle LD). Eine reine Beschreibung ist es aber auch nicht, dafür ist das ganze zu persönlich und zu spannend. Du schwebst irgendwo in der Mitte und mir stellt sich die Frage, was Du wirklich mit diesem Text willst, was er sein soll. Ich habe ein wenig den Verdacht, Du weisst es selbst nicht so genau, und deswegen hängt er so in der Schwebe.
Stil und Sprache top, wie üblich. Über die Logik habe ich mir noch keine Meinung gebildet, da fehlen dann doch wieder ein paar Anhaltspunkte zur Natur des LI.
Weitermachen!
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Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: Vom Ende
Arbeite dran. *salutier* 
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
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Re: Vom Ende
wir machen einfach so lange weiter bis du deinen ersten Roman hast 
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
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