Die Herzensgründe der Solipsistin

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
mög
Sphinx
Beiträge: 170
Registriert: 14.08.2004, 13:18
Wohnort: Leonding

Die Herzensgründe der Solipsistin

Beitragvon mög » 10.11.2005, 23:32

US-Amerikanischen Sitcoms zufolge basteln alle US-amerikanischen Kinder einmal in ihrem Leben ein Sonnensystem aus Zahnstochern und Styroporkugeln (oder wahlweise eine Lavaersatz speienden Vulkan), spielen in einer Schultheateraufführung den Romeo (bzw. die Julia), und werden von ihren Eltern fälschlich des Suchtmittelbesitzes bezichtigt (dabei waren's immer nur die Zigaretten vom Mitschüler). Außerdem hat pro US-amerikanischer Sitcom-Familie immer mindestens ein Kind einmal in seinem Leben einen imaginären Freund.

Die Chemielehrerin meines Bruders hatte als Kind eigenen Erzählungen zufolge einen imaginären Overhead-Projektor. Auf dem legte sie dann imaginäre Folien auf und gab ziemlich realen, weil akustisch deutlich vernehmbaren Unterricht. Akustisch so deutlich vernehmbar tatsächlich, dass irgendwann die besorgte Mutter den Kopf zur Tür hinein steckte und fragte: "Mit wem redest du denn?". Nach dem Abgang der Mutter wird die kleine Chemielehrerin-in-Spe sich wieder zur Klasse gewandet und – so stelle ich mir das vor - verschmitzt gelächelt haben. "Als ob ich mit mir selbst reden würde! Lächerlich, nicht?" Denn sie hatte natürlich auch imaginäre Schüler.

Meine Mutter und ihre Freundin hatten als Kinder imaginäre Verehrer. Die hießen Johnny und Jimmy und sahen aus wie Rock Hudson und Gary Grant und waren in schwarz-weiß.

Mein Vater hatte als Kind einen imaginären Traktor.

Und mein Bruder hat jetzt noch haufenweise imaginäre Bands. Die benennt er dann zum Beispiel nach Sushi-Gerichten. Allein, sämtliche Auftritte scheitern daran, dass er selbst kein Instrument spielt und nicht besonders gut singt. Das hindert ihn natürlich nicht am Entwerfen von Band-Logos und Artwork für die CD-Booklet-Gestaltung. (Mein Bruder liebt die Musik, kann aber tragischerweise nur zeichnen.)

Ist das nicht alles ganz furchtbar liebenswürdig-skurril? Also ich find schon.

Ich will auch liebenswürdig-skurril sein, verdammt!

Aber ich, ich hatte nie was Imaginäres. Wenn ich mit mir selbst rede – und das kommt schon mal vor, ab und an – dann rede ich wirklich mit mir selbst. Nicht, dass da in meinem Hirn nicht genug Imagination wäre! Oh nein! Also gut, vielleicht nicht überbordend viel, aber auch nicht gerade wenig – zumindest nicht weniger als im Hirn des durchschnittlichen Sitcom-Kindes. Bloß, ich kann nicht hinein, in meine Traumwelt, ich kann mich nie dazu in Beziehung setzen. Wenn ich mir also in meinem Hirn einen imaginären Freund zusammenbastle und dann zaghaft anklopfe, um ihn dort zu besuchen, was wird passieren? Wir werden uns in glühender Mittagshitze auf einer staubigen Straße gegenüber stehen, und er (obwohl ich ihn eigentlich mittelalterlich angelegt hätte, die treulose Tomate, von wegen ritterlich und so) wird in bester Western-Manier mit zu bösen Schlitzen verengten Augen und rauer Stimme sagen: Hier ist nicht genug Platz für uns beide.

Ich kommen nun mal in meinen Tagträumen selbst nicht vor. Und in meinen Sexphantasien übrigens auch nicht. Das sollte mir ernsthaft zu denken geben. (Nicht mal in seinen eigenen Sexphantasien vorkommen – autsch.) Das ist doch kein Zustand! Manchmal fühle ich mich bei solchen Gelegenheiten wie ein Kind in der Doppeltür. Früher gab es so was in den alten Häusern, den besonders vornehmen natürlich nur, da waren die Wände so dick, dass man für einen Durchgang zwei Türen brauchte und dazwischen hatte ein Kind Platz. Das wurde dort dann auch mitunter hineingestellt und eingesperrt, kurz vor einem größeren gesellschaftlichen Auftritt der ganzen Familie zum Beispiel, wenn das Kind schon geschneuzt und gekampelt war und sich nicht noch in letzter Minute schmutzig machen sollte. Hat mir meine Mutter mal erzählt. (Ihr tiefes Bedauern über das Aus-der-Mode-Kommen solcher architektonischen Raffinessen war dabei unüberhörbar.) Meine Tür ist allerdings schon ziemlich modern, die ist nämlich aus Glas.

Hab ich also zumindest eine imaginäre Tür? Schön wär's. Tatsächlich ist das mit der Tür nur eine arg konstruierte Metapher zur Erbauung der Leser und übrigens nicht meinem übergroßen Einfühlungsvermögen geschuldet, sondern einem simplen Analogie-Schluss.

Immerhin, vielleicht habe ich einen imaginären Gott. Wobei, das ist natürlich eine wackelige Sache, den erstens hab ich den ja gar nicht so richtig, und zweitens gibt’s den womöglich wirklich und wenn ich beim jüngsten Gericht dann draufkomm, was dann? Schöner Verhau.

Und dabei will ich doch nur einen imaginären Freund.

Vielleicht sollte ich also erstmal klein anfangen. Ich könnte zum Beispiel diesen unschuldigen, kleinen Radiergummi da hernehmen, den ich von meinem eigenen hart erarbeiteten Geld erstanden habe (das heißt, vermutlich eher von der monatlichen elterlichen finanziellen Zuwendung, aber rein theoretisch wär sich der durchaus auch mit meinem Ferialjobverdienst ausgegangen, knapp aber doch) und der zu mir also in einem einigermaßen eindeutigen Besitzverhältnis steht, den ich daher "Mein Schatz!" hissend gollummäßig liebkosen könnte, ohne öffentlich Anstoß zu erregen. (Befremden natürlich schon, Abscheu und Ekel vielleicht, aber ich denke hier bei "Anstoß" eher in Richtung "Besitzstörungsklage"). Ja. Den habe ich. Ich, ich, ich. Habe den. Soweit so gut.

"Ich" passt. "Habe" passt. Mit "Imaginär" haperts noch ein bisschen.

Ich könnte also meinen lieben, kleinen Radiergummi nehmen und mir überlegen, dass der in echt gar nicht echt ist. Voilá, und schon habe ich etwas Imaginäres. Und das geht natürlich, weil, ob etwas wirklich existiert oder nicht, das weiß man ja in letzter, ganz letzter, allerletzter Konsequenz nie. So ganz genau. Ich denke, also bin ich, das steht ja mal fest. Aber sonst schon nicht viel. Der Radiergummi zum Beispiel, denkt der? Na eben. Mit Denken kann ich ja leider nun mal nur mich selbst beweisen und den Rest denk ich mir vielleicht einfach nur aus, wer weiß? (Ihr jedenfalls nicht, denn euch gibt's dann gar nicht.) Schwupps, schon ist alles um mich herum imaginär - wenn schon, denn schon - und ich bin quasi die Königin der imaginären Entitäten! Nie mehr Neid-und Minderwertigkeitskomplexe wegen mangelnder Imaginationsgabe! Super Trick, nicht?

Bloß, da muss man dann schon ziemlich lang ziemlich deppert hin-und-her denken, bis man sich das glaubt.

Wobei, das hat mich ja noch nie gehindert.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

Edekire
Pegasos
Beiträge: 1100
Registriert: 10.02.2004, 21:55
Wohnort: berlin

Re: Die Herzensgründe der Solipsistin

Beitragvon Edekire » 05.12.2005, 17:09

Hallo mög,

Vermutlich rechnest du gar nicht mher damit, das noch jemand was dazu sagt. ich müsste eigentlich gerade hausaufgaben machen :-D
Naja.
ich muss sagen ich finde des TExt nicht so besonders gut.
Nicht wiel ich ein sprachliches oder sonstwie Problem hätte, ich finde ihn sogar recht unterhaltsam.
ich finde aber nicht, dass das eine Geshcichte ist. Es liest sich für mich wie ein Tagebucheintrag, indem das LI halt reflektiert.
Ich weiß nicht so, für mich ist das nicht gerade literarisch.
Einige der Episoden sind durchaus süß und TExtwürdig, aber so durcheinander sind sie eben nur eine Gedankensammlung.

Ich könnte mir z.B. eine Geschichte über den Bruder vorstellen, der zeichenen kann, aber musik machen will, oder über die Praktik ein Kind zwischen zwei Tür einzuklemmen (Böse das)

Dazu kommt, das der Anfang sich fast wie der Auftakt zu einer Amerikanische-Sitcom-Kritik liest, sich das dann aber völlig verliert. Das wirk etwas unentschieden.

Sprachlich ist nichts zu mekkern udn ich glaube, je nach dem was du damit willst kannst du es so lassen, aber meiner Meinung nach würde es isch lohnen aus ein Par Teilen wirkliche Geschichten zu machen...

Liebe GRüße

Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

mög
Sphinx
Beiträge: 170
Registriert: 14.08.2004, 13:18
Wohnort: Leonding

Re: Die Herzensgründe der Solipsistin

Beitragvon mög » 06.12.2005, 15:58

Ne, der Text zieht einfach nicht. Ich wollt ihn eigentlich schon wieder löschen. Den lass ma mal.
Aber danke, dass du dich damit beschäftigt hast, 0 Kommentare sieht immer so arm aus.

lg
mög
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)


Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste