Hallo ihr Lieben!
Ich gruesse euch aus Marrakech, wo ich inzwischen angelangt bin ... hier mal die ersten Kapitel meines Reisetagebuchs, falls ihr Lust habt, in einem fremden Gehirn und Koerper zu verreisen ... und besonders gruesse ich Charis ... von der Faehre nach Tanger aus ...
Schoene Weihnachten fuer euch alle!
... ein hypnagogisch-luzides Reisetagebuch
(Spanien+Marokko = Kyperspace+Traum)
(14. Dezember 2005 bis 4. Januar 2006)
Zum Geleit ...
"Ich finde meine einzigen wahren Freuden in der Einsamkeit. Meine Einsamkeit ist meine Palast, da habe ich meinen Stuhl, meinen Tisch, meine Bett, meinen Wind und meine Sonne. Wenn ich woanders sitze als in meiner Einsamkeit, dann sitze ich im Exil, sitze ich in einem trügerischen Land!
Weil ich träume, bin ich nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht verrückt, ich bin nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht!"
(aus "Leolo" von Jean-Claude Lazon)
Antaktung (dez*7)
Ich bin immer auf der Reise gewesen. Sie wird niemals enden. Ein Augenblick führt zum nächsten und ist immer ganz da. Schon vor meiner Geburt. Immer, immer. Auch wenn ich still sitze, bewege ich mich. Das ist nicht nur der Raum. Das Universum. Dazwischen das Glück, und die Hoffnung. Ich habe schon als Kind die Bewegung lieben und hassen gelernt. Ich wollte beides zugleich. Diese Kunst wirst du eines Tages erlernen, dachte ich und war jung dabei. Neue Zuschnitte an meinen Kleidern und meinem Gesicht waren die Folgen. Ich mochte tief Atem schöpfen, und mag es noch immer.
(dez*11)
Ich vermisse dich. Komm mit auf die Reise. Meine Worte sind erwachsen geworden. Gemeißelt, du kannst sie umfassen. Auch mit geschlossenen Augen. Los, mach sie zu. Spüre, wie deine Wimpern auf deiner Wangenhaut kitzeln. Und fester, fester. Jetzt siehst du Farben. Rotbunte Teppiche, die du aus 1001 Nacht kennst. Dort bist du gewesen. Auch du.
Erinnerung, sing!
Fantasie, tanz!
Deine Finger umtasten meine Worte. Streicheln mich bis in meine Vergangenheit. In dieser Wiege hat kein Kind gelegen. Ein Bett nur, das Bett der Worte. Du liegst darin, von deiner ersten Stunde an. Treibst in ihm durch die Welt, wie Moses im Körbchen. Der Fluss ist lang.
Die Farben, diffus verfleckt, straffen sich. Erste Geister kommen hervor, sie erschrecken. Ihnen folgen die Formen. Die Füllen. Das Blut und die Stimme. Sie werden immer froher und nehmen dich mit. Sie nehmen dich mit.
Die Zeit dreht Kreise. Die Bilder springen dich an. Träumendes Wachsein, und irgendwo drinnen ich. Tief, hoch. Mein Zeichen. Meine Zeichensprache. Das Öffnen und Schließen des Mundes genügt. In dich eindringen. Mein Ziel verrät sich nicht.
Später vielleicht.
nichts von Belang
Das, was mich süchtig macht, ist immer das Gleiche. Schon als Kind lernst du andere Kinder kennen, teilst dir mit ihnen während einer Kinderreise (sie reicht immer bis ans Ende deines Vorstellungsmögens) ein Zimmer und willst dann, Nächte durchredend, alles von ihnen wissen, Lieblingsfarbe, Lieblingstier, Lieblingsessen, nichts bleibt ausgespart, ja warum auch.
Bald vergleicht ihr Geburtstage, Familienaufstellungen,
Spielgewohnheiten. Alles haltet ihr nebeneinander, um das Ungleiche euch gleich zu machen. Weil euch etwas zieht, eine Leidenschaft, da seid ihr genau wie Verliebte. Wenn diese Fackel brennt, dann ohne Alter und immer wieder. Ihr trefft euch und verliert euch. Das Spiel geht noch ein Leben lang so, immer weiter.
on the air (dez*14)
Die Wolkendecke durchstoßen zu Sonne und Mond. Beide kreisrund, stellare Markierungen. Transit überm Himmel, das Display der flügeldünnen Bildschirme lässt ein animiertes Spielzeugflugzeug über urfreie, fassungslose Topografie gleiten. Fünf, sechs Reihen des versammelten Geflügels teilen sich dieses Erlebnis, dann folgt schon der nächste Flügelschirm, auch hier gleiten die Augen im Schwebflug dahin, watteweich, das Aeroplane darauf (darin?) wie an einer Schnur gezogen. Die kleine Realität in der Großen; und Wunderwelt, gesäubert im flussblauen, feldgrünen Idyll. Draußen Scheibeneisausblicke, draußen ist es kalt. Doch auch Himmelsholunder blüht; dort draußen.
Ich sehe nicht mehr hin. Bin depriviert in digitaler Musik - höre Krokes Geigen - und benutze der Tastatur. Ein Musizieren? Das Laptop als Keyboard, als petite piano? Oder ich werde benutzt. Bin Organ, Fortsatz und Fortschreibung des Textes. Meine Augen folgen Fingern, dann erscheint das Wort. Leuchtet strahlweiß, auch für mich ist es neu, jedes einzelne, frisch und unverbraucht.
Die Fluggäste wandern. Vor zurück vor zurück, im Gänsemarsch durch den Gang. Alte Menschen, denen man unlängst von der Thrombose für Flugenten erzählt hat. Wie entflügelte Kraniche staksen sie auf dem vibrierenden Untergrund. Der Himmel macht sie alle nackt wie mich. Hypnagogie: Der Wachtraum. Sich ein Ding, Wesen auswählen, vor dem inneren Auge hin- und herwenden.
Die Musik führt zurück ins HAUS DER SINNE. Ich betrete einen Raum, der sekündlich von mir hundertmeterweit untenweggleitet - die hypnagogische Nähe hingegen ist definitiv. Echt. Urnah. Auf den Flatterschirmen indessen kämpft Donald gegen eine Pappel mit Hubschrauberrotorblättern. Die Flugpappel kämpft mit der Flugente im Matrosenanzug. Statt zu schwimmen, fährt der Matrose Donald mit dem Schiff zu See, lässt den Bürzel lieber Bürzel sein. Die andere Flugente=ich sitzt über dem Rest der Alpen und wetzt seinerseits das Gesäß blank.
Im Flugzeug Worte als Pixel über einen Bildschirm zu steuern nutzt eine Bewegung, die dem Flug entgegenkommt. Der Dichter als Copilot, so gehört sich das. Draußen eine unten unerkannte Sonne, ich sehe ihr zu, wie sie Schatten durch die Plastikverschalungen im Innenraum dieses Traumfliegers wirft. Die Tiere sind ruhig, alle, ausnahmslos. Ihre Hände sind warm und ihre Füße scharren nicht.
Einzig die Geigen jagen durch Raum und Zeit. Im Haus der Sinne hängt ein Sofa, Schaukel geworden, dicht vor einem Spiegel. Ich erinnere mich. Die großen Pranken der Luft greifen nach mir und schütteln das Bäumchen. Ich schaukle in der Luft und bin nicht allein. Die Kinder sind Tiere, die Menschen schlagen um sich und lassen die Gurte klickern. Ich kann sie träumen, wenn ich die Augen schließe.
Ich streiche über den Ring, den mir Arabella mitgegeben hat. Ich habe innen eine Gravur entdeckt. Das erste winzige Wort habe ich entziffert. Treasure. Schatz, heraufgetaucht aus der See von dem Kind, das ich auch Lena nennen könnte. Ich könnte ihr viele Namen geben. So viele, dass niemand mehr wüsste, wer hier wer ist, am wenigsten ich selbst.
Unter uns Saragossa, 687 Kilometer to go. Die Ankunftszeit verfrüht sich. 00:57 verbleibende Himmelszeit. Vom Engelsdasein. 1-2-3-4. Kilometer fliegen dahin und gehen verloren. Die gewonnene Höhe - Hochsein, Hochzeit - verblasst. Der Träumende hingegen ist ein Flieger ohne Bordmechanik, ohne Höhen- und Zeitmesser. Er fliegt schneller als alle anderen. Der Träumer im Flugzeug lästert den Biografien, die unter ihm ausgerollt werden, auf dem gelbgrünen Teppich der nun schon urspanischen Topografie. Er negiert auch die rituellen Werbetrommeln. Manchmal ist der Träumende gar nicht mehr da. Manchmal ist er überall, wie eine Explosion zersprengt er in alle Himmelsrichtungen, er ist sein eigener Urknall, er spritzt Licht und Lust in alle Richtungen des Kosmos, entfernt sich nach überallhin zugleich.
00:51 to go. Echtzeitmystik. 555 Kilometer to go.
Die Geigen fliegen um den Geigenbaum, die Kraniche über ihnen in der flagellanten Zigarre werden strichgenau durchs Hiernochwolkenblau gezogen. Dies ist der Augenblick und doch ist es tausendfach geschehen. Und wird sich wiederholen. Ich bin nicht hier. Ich bin nicht nur hier. Ich träume mich. Ich werde geträumt, jetzt werde ich geträumt.
Wenn ich reise, bin ich nicht.
Wenn ich reise, bin ich nicht bei mir.
Wenn ich reise, bin ich nicht mehr hier.
Das Flugschiff zittert sich durch eine Schicht der Wolkenangst. Die Welt dreht sich darunter weg. Ich bin schon gelandet. 501 Kilometer vor dem Ziel. 11314 Meter über der Erde gestrandet; das ist offensichtlich. Die Zahlen betrügen den Träumenden und verneigen sich vor dem Realisten.
Und nein. Und ja. Die Stimmen überstimmen den Augenblick. Ich höre sie. Orientalisch oder jüdisch. Wieder diese geträumte Stadt, mein zurechtgelegtes Jerusalem. Hier kann ich die frühere Welt betreten. Ich stehe schon an ihrem Tor. Es ist nicht bewacht. Rückkehr, Rückkehr. Ein Blitz zuckt durch die andämmernden Fenster. Ein Impuls er.
Spanien auf dem Flugschirm ist hier ein digitales Wüstendelta. Röter, karger. Knotiger. Der Träumende berührt es schon, streift mit seinen Fingern darüber hinweg. Zärtlich jetzt, dieses Land ist nun warm und ganz Körper. Und das Zarte - ermüdet. Umschließt, umfängt, hüllt. Als du sagtest, der Schwimmende ist ganz umschlossen von dieser wundervollen Flüssigkeit, hätte ich mich gerne in Wasser verwandelt, 71 Liter Flüssigkeit, die dich umfließt und umschließt bis auf deinen Kopf.
Und dann waren die Rollen auch getauscht und ich versank in dir. Bis wir beschlossen, uns beide wie Wasser ineinanderzugießen, um die Meere zu werden, die wie ohnehin sind.
Und jetzt: Das Rosa der Wolken beschämt mich.
Time to destination: 00:36. Sekundenschlaf, Direktumleitung in die geheime Hypnagogie. Ich schalte Sie ab. Ich lasse Sie frei für ihren eigenen Traum.
Herzlichst,
Ihr
Plaza de la Constitution, voracht
Reife Orangen in gestutzten Bäumen, lichterkettenilluminiert. Fluktuierende Platzüberquerer, ruhigen und zielvollen Schrittes. Der spanische Gang, sein typisches Ausschreiten, Mann und Frau ziehen im Gleichschritt vorbei, und auch alle anderen Gruppen halten, zu zweit dritt viert, den Gleichschritt ein. Ihre Köpfe obendrüber wippen im Takt. Alt oder jung, alle schreiten nach einem offenbar größeren Plan. Den es zu verstehen gilt. Es ist das erste Geheimnis. Nur die Hunde verstehen es nicht.
Ein konisch himmelwärts zulaufender Grünkegel trägt Sterne, ragt überhäuserhoch, nur die Clinica Marti Torres überragt ihn. Drei Kugeln bevölkern die rechte Seite des Platzes, drei Quader die linke. Die Palmen zuhinterst wie Soldaten, gleich groß und gleich gewandet mit Lichterketten.
Zwei silberne Engel sitzen wie zu Skulpturen erstarrt vor den Goliathkugeln, ein Clown steht vor ihnen und repetiert immergleiche Phrasen. Der Marktschreier. Zur linken, hinteren, zwei Männer zwei Frauen. Ihr lautes Räuspern macht sie sofort mit mir bekannt. Zwei Mädchen mit den gleichen Schlaghosen, Hüften, im Gleichschritt. Der Brunnen rechtshinten macht seine eigene Musik. Sein Takt unterliegt keiner Taktik. Sein Rauschen hintertreibt das Geheimnis der Schritte. Alle Spanier gehen in einem Schritt durch mich hindurch. Ein Hund kläfft und Kinder kämpfen mit Neonschwertern. Sie sind wie überall. Die versilberten Engel bewegen sich nur hin und wieder. Bevor ich sie verlasse, sehe ich sie an.
Playa de la Malaguera, nachacht
Zwei Kinder schaukeln, unter ihren himmelwärts aufstrebenden Gesäßen zeigt sich das Meer. Strudelt weiße Gischt heran, laut und kraftvoll, unmittelmeerisch ist das. Ein Jogger. Ein Hund mit begleitender Dame, sandtrippelnd. An der anderen Seite des Strandes folgt der nächste, mit einem Herrn. Das Meer kommt näher heran, ich sitze auf der Bank (Schmiedeeisen), und meinte, ich könnte es gleich streicheln.
Mein Schatten liegt vor mir im Sand. Es ist Nacht, Laternen leuchten in den Palmen hinter mir. Manche Strandläufer laufen in Short & Shirt. Ich sitze mit Mantel. Kaue noch immer den Kaugummi von-vor-der-Landung. Rieche den Wind. Der Mond ist noch immer voll, bedimmt Wolkenränder und macht sich gleich rar. Die Kinder hängen an Kletterstäben, drehen sich in die Vertikale. Die Jogger wiegen die Arme, als wollten sie mit viel zu langen Trommelstöcken auf einer weit entfernten Trommel spielen. Ihr Gang erinnert an Enten; sie laufen auf Sand.
Die Kräne im Hafen sind stumm. Auf der anderen Seite, am Beach, siehst nun auch du die Lichter. Eine Perlenkette. Eine halbdeutsche Weihnachtsbeleuchtung ist das. Die Finger sind klamm. Der Verkehr im Rücken ein zweites Meer. Die Promenade vermisst mich gleich.
Hotel Domus, einsvorzehn
Mangels Tischgelegenheit sitze ich auf dem Bett rechts. Die Wärme des Geräts auf meinen Beinen und dem Schoß ist umgekehrt proportional zu dem Heizlüfter an der Decke, dessen Knurren nur entfernt innere Wärme in mir erweckt. Spanischer Winter, du bist nachts in den Zimmern kälter als draußen am Meer. Ich sage dir nichts Neues und ich wusste das. Ich umarme mich selbst zwischen zwei Händen.
Das andere Bett ist nahezu unberührt. Frotteetücher von zweifelhafter Geschmeidigkeit liegen darauf, eines zum Duschen und eines zum Waschen. Die Betten sind aus schwarzem Schmiedeeisen. Ich habe zwei für mich allein. In welchem ich schlafe, habe ich noch nicht entschieden. Zwischen ihnen ein Meter Platz, Raum oder Space oder Freifläche, die in dieser Größe in dem Zimmer nicht wiederholt wird; und doch ist hier nichts zueinandergedrängt. An den Wänden hängen Bilder. Über diesem, dem rechten Bett, eine Frau von Modigliano, sie legt den Kopf auf die Schulter, hat die Augen geschlossen, man sieht ihre deutlichen Arme und auch ihren deutlichen Schritt, dem ein paar zu krause Haare entsprießen, zu überverdeutlicht, dass sie ablenken. Werde ich unter einem rosahautigen Aktbild schlafen? Oder unter dem Geisterkopf, silhouettenreich, blau und weiß? Doch der Geisterkopf entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Skizze eines weiteren Aktes, erneut von dem Maler M.?
Werde ich hier allein sein? Werde ich in meinem Traum allein sein? Kann ich je allein sein? Du? Ist dieses Zimmer hier, stilvoll in seiner Einrichtung, ein Gefängnis? Oder doch schon ein Transit, eine Schleuse? Die Lüftung dröhnt und ich frage mich, was sie mir erzählen möchte. Ist das Wärme, ist das ein Umwälzen von Luft? Warum steht hier alles an einem Fleck? Gefällt es mir, brauchte ich diesen Hinweis? Etwas provoziert mein Unterhirn, etwas schalt und schält von innen und arbeitet sich spürbar voran.
Dazwischen die Müdigkeit der Vornacht, auch sie wirkt nach. Die Wärme der Vornacht hingegen fehlt, es kann nicht anders sein, der wahre Modigliano ist niemals ein Akt, hat mehr Dimensionen. Wie veränderte sich ein Aktbild, wenn der Maler mit seinem Modell geschlafen hat? Was fügt er nun hinzu, was nimmt er weg?
Innen, außen.
Ich bin angekommen auf der Schwingung, dem heiligen Sinus Cosinus. Das ist die Reise, das ist mein neues Kleid. Und auch mein altes. Vor nun acht Jahren schrieb ich meine Geschichte von DER ZÄRTLICHEN GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT. Eine Reise, mit Luna nach Spanien und mitten hindurch. Ich erinnere mich. Ich erinnere mich, von der Flucht geschrieben zu haben. Bin ich damals wirklich fortgekommen? Jemals, jemals? Wohin, wohin? Ist dies der zweite Teil dieser Reise? Die Rückkehr?
Die Wand in meinem Rücken ist kalt. Du, kalte Haut des Zimmers, kalter Hauch des Lüfters, des Luftumwälzers, du Aeronaut, dem jeder Charme des Anrührenden fehlt. Wenn du frierst, wärmst du es schon, erklärt mir eine Freundin. Ich wärme die Wand. Streiche darüber, will die Oberfläche ertasten, den riffeligen Gries, die Struktur, die man durchdringen muss, wenn man an das Ziel kommen will. Eine Hinterdringung geradezu.
Dahinter wohnt jemand.
Ich presse den schwarzen Transformator meines Laptops gegen mein Gesicht, die Wange. Warm wie ein Mensch, warm wie du. Heute Nacht mag er zwischen meinen Schenkeln liegen, einfach so. Ja, einfach so. So kann ich besser nachdenken. Glücklicher sein. Ich will immer glücklicher sein, noch glücklicher als das Glück selbst. Ich denke an dich, der diese Reise liest und buchstabiert und dekliniert. Du hast viele Gesichter und ich, hier auf diesem Bett sitzend und mich fragend, wie groß dieses Hotel sein mag, ob es je irgendwo aufhört und ob in ihm außer mir noch ein anderer Mensch lebt, ich frage mich ...
Und nur der Mond ist heute um den letzten Takt reicher. Er weiß Bescheid. Ich grüße dich aus Malaga.
Malaga. Stadt, die ich erstmals als Eis kennen lernte, die einzige Sorte, die mein Vater je aß, vielleicht als das geringste Übel, vielleicht aus echter Neigung, ich weiß es nicht, sein Gesicht sah immer, wenn er die Zunge über das Kalte führte, eigentümlich steif aus. Auch ihn grüße ich aus dem Hotel des Eises. Die Decke liegt über mir und hüllt mich ein. Wasser, 38,4 Grad, wäre mir lieber. Dein Fieber, das wäre mir lieber.
Ich werde diesen Ort verlassen und einen Traum haben heute Nacht.
Autobus Malaga-Algeciras, nachmittags (dez*15)
Costa des Sol. Küstenweg, Orientierung südwest. Steingrau, Buschgrau, in unausgewogener Landschaft. Violett unterschwellig oder durch die leicht eingetrübten Scheiben des Busses auf der Netzhaut erscheinend. Kräne ziehen Rohbauten in die Höhe, sie können das, können vielleicht nichts anderes, sie sehen glücklich aus dabei; sie arbeiten unverdrossen. Wetter heiter bis wolkig, vereinzelte Lichtteppiche auf den Bergen, auch das ist geübt. Weiße Häuser, sich selbst wiederholend wie in einem Computerspiel, sitzen dem Buschwerk auf, voller Routine; und sorglos auch.
Im Tunnel das Licht der hundert eng gestaffelten Seitenlampen, im Schacht auf genau meiner Sitzhöhe angebracht, umflackert mich.
Handys wechseln sich beim Musizieren ab und schöpfen eine gemeinsame Sinfonie um mich. Ich denke mir ein Konzert mit hundert Handys, und ein jedes singt einen eigenen Ton oder eine Sequenz. Ich nenne es DIE HANDYORGEL.
Idee von vorhin aus Malaga:
Kleine Computerterminals wie Telefonzellen auf der Straße zu installieren, an Stehpulten oder sogar im Sitzen.
Und wieder Deprivation. Frische Sonne. Ich sitze am Fenster, starre ins Wolkenpanorama, irgendwo dahinter harrt das Meer. Manu Chau fürs Innenohr, um das spanische Radio zu übertönen. Lautstärke ultimativ. Glück ist käuflich, Melodien wie launige Hormone. Über die blaue Brücke, durch die nächste Tunneldisko. Die Autos tragen Lichter vor und hinter sich her. Die Städte strengweiß, nur den Bergen sitzen grauen Kästen wie Kasernen auf und blicken fernhin, immer meerwärts. Meine Fingerspitzen vibrieren. Mein Herz ist jetzt selbst Musik. Nur der Tanz fehlt; noch.
Wut, Abschottung.
Woher kommt diese Impotenz des bloßen Genießens ohne Überzeichnung der Wirklichkeit? Wenn ich reise, bin ich nicht. Wenn ich schreibe, bin ich nicht allein.
Das Wetter unentschlossen wie ich. Vielleicht auf der Suche nach entgültiger Form, noch immer. Das absolute Wetter, die Wetterewigkeit. Wetterfühligkeit, Fühlen des Wetters, Wetter als Gefühl. Wettern. Neue Wetterhormone werden kommen und jede Entgültigkeit unterminieren.
Die Farben der Landschaft bescheiden, wie verblasst. Kein Rot kein Gelb kein Grün kein Blau, alles ermüdet von der Ewigkeit, ein altes Kleid für diesen Körper, tausendfach gewaschen und ausgewaschen. Nur urblau die Kräne und die Verkehrsschilder, nur urgolden die Häuser, nur urgelb leuchtend die Tunneldisko.
Der Bus ist jetzt ein Schiff, wie auf Wellen gleitet er dahin durch das zugeschwollene Tal. Wasserasphalt, an seinen Ufern Schotter und frisches Grün.
Tunnel werden folgen, flacheres Land, müder schon und sich opferwillig dem Meer anbietend für die kommenden Jahrhunderte, die steigenden Meere werden auch diese Straße unter Wasser setzen. Die Kräne am Meer ziehen Häuser auf wie Kinder, die in nicht mehr ferner Zeit verschlungen werden, ihr Schicksal ist nicht anders als das der Menschen. Und wieder denke ich an den Traum, den Lena immer wieder träumt.
Als Kind war auch ich Noah. Setzte mich für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ein und wunderte mich schließlich, warum Kassandra niemals gehört wird, auch nicht von den klügsten Leuten. Nein, niemand, außer den Chinesen des Schmerzes. Den Heiligen oder denjenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Weil es schöner ist, das Leben ohne Hypothek der Zukunft zu verbringen? Weil Glück und Zufriedenheit niemals nach morgen Ausschau hält?
Der Regen kommt passend zu diesen Gedanken. Landregen, Landregen. Wäscht weiter und weiter das Kleid von Andalucia.
Anda Lucia, o Anda Lucia!
Kurz, nur kurz, heb deinen Rock für mich! Lass mich dich unterschreiten. Ich will die Wurzeln sehen von deinem kargen Garten. Oberflächen setzen sich über Unterflächen hinweg, auch diese will ich sehen, zeig sie mir.
Zeig sie mir!
Ich grabe mich tiefer. Schicht um Schicht. Achtung, ich schließe die Augen. Und beginne die nächste Hypnagogie. Ich sehe. Ich sehe rote flimmernde Pixel auf meiner Netzhaut. Aus ihr werden Bilder wachsen, sobald ich die Lider noch fester zupresse. Ich, der Lidlose, ich, der seine Augen nur mit Mühen ganz zuschließen kann, presse und presse aus ihnen Farbmuster hervor. Schon als Kind habe ich auf diese Weise Träume herbeigeführt. Massierte mit den Fingern meine Augäpfel, manchmal so lange, dass auch nach dem Beenden dieser geilen Lightshow sehr lange kein natürliches Bild mehr entstehen konnte.
Ich sehe.
Ich sehe eine Sonne und einen Horizont. Ich sehe eine Landebahn. Ich sehe ein Flugzeug, das sich im Kreis dreht. Ich sehe in das Cockpit. Ich wähle den Fokus von oben, ich kann das. Das Cockpit ist in alle Richtungen offen, man hat es zur Gänze aus Glas gemacht. Natürlich sitzt DU darin. Ich sehe dich an, und du bist nackt oder auch deine Kleidung ist aus unsichtbarem Stoff gefertigt. Ich sehe dich dort in dem Cockpit sitzen, und auch du hältst deine Augen geschlossen. Auf deinem unsichtbaren Thron sitzend schaust du wie ich in dich hinein. Manchmal spielen deine Finger über deinen Körper, kratzen über unebene Stellen, oder sie streicheln über glatte hinweg, so, wie du das offenbar schon lange Zeit nicht mehr getan hast.
Erinnerst du dich?
Du wirst bald abheben, erste Schleifen fliegen, nur durch die Kraft deiner Gedanken wirst du das Flugzeug bewegen, du wirst dich sonnen, dort oben, ganz weit oben, heute nehmen die Engel Flugstunden, heute bist du dran mit diesem Spiel, genieße es.
Du startest. Mit geschlossenen Augen navigierst du dich auf die Startbahn, empfängst dein Signal von einem Tower, zu dem ich keinen Zugang habe, ich höre einzig das Rauschen des Meeres. Jemand gibt dir einen Auftrag, ich bin es nicht, du weckst meine Neugier. Deine Reise beginnt, du hebst ab. Ich schwebe dir hinterher. Du segelst über die Küstenlinien, früher wärst du ein Vogel gewesen, heute musst auch du mit der Zeit gehen, dich mit unserem Technikzoo arrangieren. Selbst die Toten werden ab heute zum Himmel auffliegen, von Trägerraketen hinauf in den Orbit gebracht.
Als du die Augen aufschlägst, siehst du als erstes mitten in die Sonne hinein, grell leuchtet sie, du blinzelst und legst deine Hand über dein Gesicht. Du fliegst ihr entgegen und doch unter ihr durch. Du bist erstaunt, siehst dich um. Über dir der blaue Himmel, unter dir Wolken, vereinzelte Flocken, dann das Meer. Du fühlst dich überrumpelt, entführt. In diesem Cockpit ist kein Steuerpult zu finden, dieses Flugzeug fliegt ganz ohne deine Einflussnahme. Oder irre ich mich?
Herzsteuerung.
Verlegen bist du nur kurz, dann räkelst du dich. Willst anscheinend nicht viel von der Aufgabe wissen, auf die du dich konzentrieren solltest. Streichst statt dessen über deinen Körper, diesmal agierst du sehr bewusst. In diesem hohen Licht gewinnt er merklich an Farbe. Du drehst dich, damit die Sonne auch von unten auf dich fällt. Jetzt ist deine Unruhe wieder verklungen. Du fügst dich in diese Flugphase deines Lebens.
Und da: bist du doppelt. Siehst neben dir das identische Abbild deiner selbst sitzen. Ihr seht euch an. Erstaunt darüber, dass eure Körper seltsam verbleichen. Kaum dass ihr euch erkennt, werdet ihr schon selbst gläsern, wie das Flugzeug, die Triebwerke hinter euch. Alles wird Luft und Schweben. Jetzt kann euch gleich jeder Regentropfen treffen. Ihr wollt euch aneinander festhalten.
Zwilling, umarme mich!
Wer, wenn nicht du?
Die Welt wäre ungerecht, wenn es zu jedem von uns nicht ein identisches Abbild gäbe. Auch ich bin ein solches, mein anderes Ich bildet den Fixpunkt, mein Mekka, an dem ich ablese, dass ich woanders bin. Hier, in diesem Traum, auf dieser Reise bin ich immer im Mittelpunkt. Die Erde dreht sich unter mir hinweg, nicht ich bewege mich. Außer, mein Zwilling winkt mir aus der Ferne und verrät mir auf seinem Display die Entfernung, die ich von mir einnehme.
Ich öffne die Augen. Du bleibst zurück in diesem halbgeträumten Traum. Irgendwo dort zwischen Himmel und Erde, Sein und Nichtsein, Körper und Glas. Du setzt diesen Traum unabhängig von mir fort. Erzähl ihn mir, eines Tages?
Hostal Marrakech, Algeciras in der Dämmerung
Kalte Füße. Ich mag sie, so kühl, sie zeigen mir das Leben. An der Decke eine nackte Glühbirne. Es gäbe einen kleinen Schreibtisch zum Schreiben, doch ich lümmele lieber auf dem Bett. Genieße das Einkriechen der Müdigkeit in mich und auch der Normalität des Hierseins. Der Kyberspace gräbt ein Loch durch mich. Das Aufzeichnungsgerät ist mein zweiter Talisman, mit ihm kann ich die Verbindung herstellen; zumindest zeitweise. Fern nicht mehr der Tag, wo ich in jeder Sekunde von jedem Fleck der Erde mit diesem Überraum verbunden sein werde.
Noch hinke ich. Noch haste ich durch ein Malaga und suche die nächste Datenschleuse. Und suche sie lange. Um elektronische Briefe zu lesen, von Diana (eine Göttin der Jagd), die nun in der Schweiz arbeitet bei IBM, der Mutter so vieler Maschinen. Meine Freundin aus dem Kyberspace, die ich das erste Mal in Leipzig auf dem Messeturm traf, das Volk nennt ihn DAS BUCH. Ein würdiger Ort für das erste Einpflegen der Echtfleischdaten in die Realität! Olympian View Point mit der Olympionikin, die nun in der Schweiz noch höhere Berge vor Augen hat.
Auch Raoul schreibt. Mit ihm und Maga war ich vor einigen Jahren in Toledo gewesen. Zum vorläufig letzten Mal hatte ich mich mit den beiden an Hochprozentigem berauscht. Raoul, der nach Spanien ziehen wollte wegen einer Frau, und doch kaum eine Nacht blieb. Raoul, der Romantiker, der sich von alledem (geliebter Schmerz) nichts anmerken lässt. Womöglich sind genau jene Menschen die wahrsten Kavaliere; ohne jede Angeberei leuchten sie nur nach innen.
Raoul schrieb mir unlängst, er habe sein Handy verloren und wolle kein Neues mehr. Auch er gehört nun in unseren Club der Exhandybesitzer. Wobei es auf der Reise seinen vielleicht besten Dienst täte. Als Nabelschnur. Kurznachrichten versenden wie vormals Telegramme. Doch ich will frei sein. Nehme einige Unbillen in Kauf, trenne mich, entferne mich noch ein Stück weiter.
Auch auf Fotografien werde ich verzichten. Alle meine Reisen mit dem Knipser hatten die Bilder meine Sprache merklich ermüdet. Zudem gilt mein nächstes Ziel einem Land, in dem Bilderverbot herrscht. Wer sagt, dass nur die Götter nicht abgebildet werden dürfen? Und wenn die Natur, die Welt für mich gleichfalls ein Gott ist, was nähme ich mir dann heraus, diesen Gott aufzunehmen? Ich kann Worte finden, 99 oder 100 Namen wie für jenen Gott, den man hierzulande Allah nennt.
Hierzulande? Noch bin ich nur im Hotel Marrakech und versuche, das Rauschen der vorbeistotternden Wägen mit TERRA TERRA von Nicholas Lens zu überspielen. Fühle mich aber schon halb drüben, auf der anderen Seite.
Afrika, welches ich noch nie betreten habe. Afrika, das auch TERRA ist, alte und mürbe Erde, sonnenverbrannt. Ich will diese Falten sehen, das Spiegelgesicht meines Alters, meine späte Zukunft.
Hostal Marrakech, vorzwölf (dez*16)
Ich sitze in der Orient Lounge des Hotels und sehe zum Fenster hinaus auf die zerrissene Stadt. Die Sonne kommt erstmals heraus und leckt über die Würfel der Häuser. Viele Wände zeigen die Spuren von abgerissenen Nachbarhäusern in die Fassade gegraben, andere, in Berlin wohl Brandmauern genannte fensterlose Flächen sind nicht verputzt und ragen über dampferförmigen (weil an den Hausecken abgerundeten) Bauwerken himmelwärts.
In Algeciras mischen sich die Kulturen. Nicht nur im Hotel Marrakech triffst du auf viele Orientalen. Auch die Spanier sind nicht immer gleich zu erkennen, ihr Teint ist der gleiche, und auch die Bewegungen ihrer Körper haben sich sehr angeglichen. In der Stadt hört man nachts die Polizeisirenen heulen, sie klingen wie in den amerikanischen Filmen. Wenn du nachts durch die Straßen gehst, siehst du Araber mit Sporttaschen auf dem Rücken durch die Straßen rennen. Die Polizei fährt daneben her, fängt den Flüchtenden vielleicht an der nächsten Häuserecke ab. Oder aber das alles ist nur Teil eines anderen Spiels, ist nur ein Derivat deiner übersteigerten Fantasie.
Eines jedoch hat mich sehr beeindruckt. Im Flugzeug erzählte mir meine Nachbarin, die Studentin Vanessa, dass ihr spanischer Freund in Tarifa eine Surfschule betreibt und immer wieder davon berichtet, dass Marokkaner in Schlauchbooten über die Meerenge rudern, mit einer Schwangeren kurz vor der Niederkunft als Passagierin. Ich sehe die Frauen in ihren Wehen vor mir, wie sie kurz vor der Geburt über das Meer fahren, vielleicht ihr Kleines, Süßes schon auf selbigem zur Welt bringen; dabei sollten sie sich gedulden bis zu dem Moment, wenn sie eine Bucht erreicht haben und tatsächlich auf europäischen Boden das Kind gebären; ein spanisches Kind, so regeln es die Gesetze, erklärt Vanessa. Und ich möchte gleich eine Geschichte dieses Kindes erzählen, das vielleicht just letzte Nacht an einem der umliegenden Strände seinerseits in dieser Welt gestrandet ist.
Und wieder heulen in Algeciras die Sirenen. Ich muss lächeln, dass der Herr an der Rezeption mich beiseite zog und mir sympathisch raunender Stimme "Haschisch" zuflüsterte. Ich muss an die Sitzgelegenheit der Lounge denken, die wie gemacht ist für die meist liegende Haltung der Haschischraucher. Ich muss daran denken, dass ich gestern im Restaurant keinen Alkohol bekam, dass ich auch in Marokko auf diese europäische Lust verzichten werde und man mich mit Marihuana abspeisen möchte. Daran, dass ich letzteres noch nie mochte und auch mit der Zeremonie nicht viel anfangen konnte.
Ich frage mich, ob die Araber auch so heillos verblödet kichern wie ihre europäischen Kiffbrüder. Ich frage mich, ob es charakterliche Parallelen gibt zwischen diesen europäischen Entspannungssuchern, ob sie die Drogenpersönlichkeit auch in anderen Belangen eint. Ob der Alkohol etwas typisch Europäisches ist (obwohl Dionysos ihn offenbar aus Indien mitbrachte), weil er die Menschen aggressiv macht und mitunter in ihrer Leistung sogar noch befördert, weil er eine Zeitlang stimuliert, bevor er wie das Haschisch destimuliert.
Ameisentraum
Meine Träume sind unruhig und wild, oft bin ich geweckt vom Kältegefühl, wenn eine der zu sorglos über mich gebreiteten Decken herabrutscht. Wie viele zehntausend Jahre haben Menschen mit dieser Nachtkühle gelebt? Hier, im Hostal Marrakech, haben sie allzeit die Fenster offen, auch hier in der Lounge. Im Restaurant sitzen die Gäste mit Mützen und Jacken, niemand zieht sich dort an oder aus. Hier mag es den Menschen genussvoll erscheinen, ein paar Monate im Jahr eine Kühle zu spüren.
Ein Traumfetzen von gestern ist in mir haften geblieben. Ich war wieder bei meinen Eltern im Garten, saß im Gras und spielte, vielleicht war ich noch ein Kind. Dann sah ich dieses Mädchen, zart und doch schon Frau, eine Schulkameradin offenbar. Ihr Gesicht wirkte bizarr, ein björksches Grinsen ließ sich darin partout nicht zerstreuen, es war ganz egal, was ich sagte.
Ich spielte mit einem Stöckchen Ameisenärgern, die an manchen Stellen im Rasen dicht an dicht wimmelten. Das Mädchen aber, ganz nackt jetzt, setzte sich direkt und absichtsvoll auf diese wimmelnden Insekten. Warum tust du das, fragte ich, aber sie antwortete mir nur mit einem sehr glücklichen, weltfremden Lachen.
Was, wenn sie dort hineinlaufen, dachte ich noch, und jetzt, als wacher Mensch, sehe ich diese Ameisen in den Gängen durch diese Frau krabbeln, in ihr den Ameisenbau fortsetzen, eine bewohnte Frau, eine Ameisenfrau. Fast so wie Laura, von der ich in DIE BIENEN DES UNSICHTBAREN schrieb. Auch die falschen, simulierten Träume werden irgendwann echte, urechte Träume.
Immer wieder das Meer
Lang zieht sich der Hafen, dann ist es soweit: Du setzt dich ans Meer, endlich. Blickst raus auf den Felsen von Gibraltar. Ruhig bist du. Hörst dem Meer zu, das die rund- und buntgeschliffenen Steine in der Brandung ableckt. Wind geht, Sonne zeigt sich nur flüchtig. In der Bucht rochierten Schiffe, Containerschiffe und Fähren, manche bewegen sich wie in Zeitlupe. Und doch, wenn du ein paar Augenblicke den Blick abwendest (in dich hinein?), ist die Anordnung gänzlich neu, wie ein Schachbrett, und jedes Schiff gehört einem der unsichtbaren Titanen, der seine Figuren auf den Koordinaten der Meerenge bewegt.
Der Wind kühlt dich aus, das Meer kommt näher. Das Meer. Zu oft hast du schon versucht, das Meer mit Worten zu fassen. Doch es ist nicht zu fassen. Von dir nicht, von niemanden. Wenn, fasst es dich.
Und alles weitere? Manchmal ist gar nichts mehr zu fassen, schon gar nicht der Augenblick. Du kannst tun, was du willst. Und jeden Moment, den du im guten Glauben festhältst, dass du ihn eines Tages wieder erleben kannst - wirst du ihn dann nicht vielleicht sogar insgeheim verfluchen? Wie geht es dir, wenn du alte Bilder ansiehst, längst vergessene Tagebücher liest? Geht dir dann nicht auch immer ein kostbarer Moment verloren, in dem du etwas Neues erleben könntest?
Ich will nichts aufzeichnen, um es eines Tages selbst zu lesen. Jedes meiner Worte und Bilder, Erinnerungen und Welterfassungen und Sinnerschließungen soll, wenn überhaupt, anderen überlassen bleiben. Ich selbst muss mich von ihnen wegschließen, um frei zu sein, immer wieder frei und unbeschwert.
Würde ein echter Robinson (einer jedoch, der weiß, dass er der letzte Mensch auf Erden ist) ein Tagebuch führen, um zu lesen, was er vor einigen Jahren gemacht, gedacht, erlebt hat?
Dieser Robinson mag vielleicht an einem Kalender seine Jahre abzählen, das machte Sinn, um zumindest die Zeit als Ganzes zu wahren. Aber ihren Inhalt? Würde es ihm nutzen, um Muster darin zu erkennen, so wie der Wissenschaftler stets nach Mustern sucht? Nur wofür? Um seinem einsamen Leben womöglich ein paar zusätzliche einsame Jahre hinzuzufügen? Um noch effektiver das Alleinsein erlernen zu können?
Wäre der echte Robinson nicht einer, der versuchte, das hervorzukramen, was nicht mehr zu erreichen ist mit den eigenen Augen, alles der Insel vorangehende? Die Insel wird ihm stets ihre vielen wundersamen Geschichten von seiner Ankunft und seiner Eingewöhnung erzählen; aber das davor? Das, was nicht mehr greifbar ist, einzig in seinen Gedanken wie in Netzen gefangen hängt? Ich denke mich als Robinson, der von allen Erinnerungsimpulsen abgeschnitten ist und nun beginnt, die Vergangenheit zu notieren, von der Ferne in die Ferne diktiert; aber nur, weil die Gegenwart keinen neuen Stoff mehr liefert; nur deshalb.
Das Meer nässt beim Anbranden, nässt deine Stirn und deine Wangen. Der Wind macht dich enger und kleiner, dein Körper zieht sich in sich selbst zusammen. Im Kaltsein kann man die Kunst des Gebets erlernen. An den Mönchen erschreckte mich seit jeher eines am meisten: Deren Vorliebe für kühle Räume. Ein Mönch mit Zentralheizung ist eine lästerliche Vorstellung, was denkst du? Im Kühlsein wird man gezwungen, sich zu sammeln, seine Energien zu haushalten, die perfekte Ökonomie des Wärmeaustauschs zu finden. Es trainiert dich in der Bescheidenheit, und Bescheidenheit ist einer der direktesten Wege zu Gott bzw. dem Göttlichen.
Das Meer und sein Salz stimmt überein mit den Tränen, die dir durchs Gesicht laufen. Es sind Windtränen, in dir ist eine tiefe Ruhe, ohne Schmerz und Freude, so, wie es nur das Meer schafft; in dir schweigt alles, was sonst so laut ist.
Möwen stehen in der Luft. Sie tun es nicht nur vor Gibraltar, sie tun es auch in Irland, Kilbaha, gerade jetzt. In einer Sekunde bin ich bei dem Fotografen und seiner Frau. Stehe auf dem Riff und sehe hinaus aufs Meer. Kräftiger noch ist der Wind bei Kilbaha. Der Golfstrom beheizt auch die Bridge of Ross, hier ist es allwinters herbstwarm. Ich sitze in der Sonne, liebe wieder mit meinen Augen die zerklüfteten Steine, raumschiffartige Gebilde, grau und zeitlos zerrissen, zu nichts nutze und dennoch schön in ihrer Kargheit.
Ich werde jetzt den Weg nach Kilbaha einschlagen, an weidenden Kühen vorbei, grauen oder orangefarbenen Steinhäusern, hin zu dem Pub mit Blick auf die Schüssel des Hafens, ein paar Boote sehe ich dort und auch dort Möwen, ich höre ihr Krahkrah dort auf den Bänken des Pub, dort, wo jeder jeden kennt und der Fotograf sich doch nicht sehen lässt, auch jetzt nicht, er ist unterwegs und folgt dem besten Licht über der Landschaft, sein Gehirn hat die gesamte Region des Burren schon Buchstabe für Buchstabe auswendig gelernt, er muss nur noch zum Himmel sehen und die Beleuchtung der Landschaft (von Wolken stets und schnell variiert) taxieren, und schon weiß er, dass jenes Bild, das in seinem Kopf schon vorgefertigt ist, jetzt möglich ist, wenn er sofort in seinen Wagen springt, ein paar Kilometer fährt und jenes Lichtmoment einfängt, auf das er so lange gewartet hat.
Und ich warte auf ihn, er wird zurückkehren. Wenn er mich dort vor dem Pub sitzen sieht, wird er erstaunt den Wagen stoppen. Er wird den Kopf vorstrecken, wie er es gerne macht, worin er einem neugierigen Vogel gleicht, dann wird er den Kopf schütteln, dann wird er den Mund öffnen und doch erst nichts sagen.
Auf diesen Moment freue ich mich, hier in Kilbaha, vor meinem Pub auf den Holzbänken. Die Sonne, die jetzt über mich hinwegstreicht, ist unsterblich schön und ihr Lächeln unaufhaltsam zaghaft und zärtlich in einem.
Hostal Marrakech, nachtwärts
Weil ich morgen nach Tanger übersetze, trinke ich hier mein letztes Bier für längere Zeit. Ich werde mich an die Regeln dieses größten Männerklosters halten. Und nicht nur an diese. Auch eine andere habe ich mir ausgedacht. Verabredungen mit mir selbst sind mir die liebsten. Wenn ich sie nicht einhalte, treffen sie meinen Stolz oft noch tiefer als ein Verrat vor einem lieben Freund.
Sie werden mir als Ersatz den Kiff anbieten, obgleich auch er in Marokko verboten ist, wie mir der Reiseführer erklärte. Ich werde ihn ablehnen. Ich werde auch keinen Alkohol trinken. Ich werde das Essen nur mit der rechten Hand dem Mund zuführen, obgleich meine Linke viel geübter ist. Doch die Linke gilt in Arabien als unedel, also spiele ich dieses Spiel mit (amüsant indes, dass ich als Linkshänder mir von Kleinauf den Allerwertesten selbstverständlich nur mit der Rechten abwischte).
Ich werde keiner arabischen Frau von mir aus die Hand zum Gruß reichen, da es sich nicht gehört. Ich werde versuchen zu feilschen, auch wenn ich dazu keinen Grund sehe. Und ich werde nicht zuletzt auch mit einer Gewohnheit brechen, die ich in diesem Maß nicht mehr gebrochen habe, seit ich fünfzehn bin. Länger als eine Woche habe ich mich nie bezähmen können. Warum eigentlich?
Chuck Palahniuk erklärt, der Körper würde süchtig nach den Stoffen, die bei selbigen Vorgang freigesetzt würden. Das klingt schlüssig. Und auch, wenn Arabella mir erklärt, dass auch sie in aktiven Zeiten eine größere Motivation verspürte, aktiv zu bleiben, in anderen Zeiten hingegen ganz vergessen könne, dass.
Ganz vergessen kann ich es nie - oder doch? Ich kenne Männer, die behaupten, ganz davon frei zu sein, und nicht alle von ihnen haben Freundinnen, die man zu der Kategorie der Männerverschlinger zählen könnte. Ist es Scham, so viel Eigenliebe zuzugeben? Ist es Souveränität? Ist es meine Sucht, die mich diesbezüglich an den Worten der Freunde zweifeln lässt?
In dem größten Männerkloster der Welt wird es besonders reizvoll sein, eine solche Übung zu wagen. Zum einen ist kaum Provokation zu erwarten. In unserer nacktheitsgeilen Kultur kann sich kaum jemand dem Überangebot entziehen. Dort aber?
Oder wird es umgekehrt sein? Werden meine Träume noch dichter und sinnlicher werden? Werde ich anfangen, Phantome zu sehen? In dem Verborgenen den wahren Reiz finden, den das Verborgene bereithält: Den Platz für eine unermessliche Fantasie?
Ich entsinne mich der Zelturlaube, jener Rundreisen mit Maga oder anderen Freunden, wo man keine Nacht und auch keinen Tag je allein war. Nur auf der Toilette des Campingplatzes oder unter der Dusche war dann eine Gelegenheit für das Allzumenschliche. Und die musste ich dann auch alle halbe Woche unbedingt nutzen; ich fürchtete sonst zu explodieren. Weil die Belästigung zu groß war. Am Strand umherzugehen und all diese Begehrbarkeiten zu sehen, das ließ Wut wachsen.
Ich weiß, warum die Mönche auch an dieser Stellschraube des Menschseins drehen. Sie wähnen sich dadurch mächtiger. Entsagen, das schafft Macht über die eigenen Gefühle, die Urambitionen. Der Triumph ist durchs nichts zu vergleichen. Und dann die Versuchungen, die Heimsuchungen von Träumen!
Schlafentzug zum Beispiel habe ich schon als Kind erprobt. Es hat mich fasziniert, ganze Nächte beim Monopolyspiel mit mir selbst zu verbringen. Ich habe auch zeitweise ganz aufs Essen verzichtet, um zu wissen, wie es sich anfühlt; gut möglich, dass ich damals ein bisschen verzweifelt war. Ich habe geraucht und mich dann des Rauchens entwöhnt. Gelitten dabei und doch triumphiert. Auch habe ich mehr als einmal die Liebe zu einem Menschen bis ins Extrem getrieben und mich dann (unter Schmerzen zwar, aber auch mit Einsicht ins Notwendige), wieder von dieser Sucht getrennt.
Wenn ich an Arabien denke, dann denke ich vornehmlich an das Mittelalter. Das europäische Mittelalter mag weniger dunkel gewesen sein als unsere Zeit heute; ich meine die Lichtverhältnisse und auch das Gefühl der Menschen für ihre Zeit. Ihre Moral, ihre Glaubensvorstellungen aber mochten sich mit den Arabern von heute in einigen Punkten decken. Bis wann sind die Damen in Europa noch in Badekleidern, bis zum Hals hochgeschlossen, ins Meer gegangen? Das war nicht einmal mehr das Mittelalter, und dennoch! Und so tun es die meisten Araberinnen noch heute.
Würde man uns nur ins Jahr 1805 zurückversetzen, wir wären über die moralischen Vorstellungen unserer europäischen Vorfahren entsetzt und würden sie als Fundamentalisten ausschelten. Alles erschien uns zu hermetisch und auch zu primitiv. Und ihre Lebensgewohnheiten: Keine Zentralheizung, wie können Menschen ohne so etwas leben und sich noch Menschen nennen? Unfassbar eigentlich, dass sie dennoch oft ein hohes Alter erlangten!
Plötzlich erscheint es mir als luxuriös, in den mittleren Breiten Europas auch des Winters nackt schlafen zu können (ich mag das), sich frei zu fühlen, satt und glücklich wie ein Baby im Brutkasten. Vor zweihundert Jahren? Plötzlich machen da die Nachtgewänder mit den Einschlitzungen am Schritt einen anderen Sinn. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wir sind unserer Vergangenheit genauso fremd geworden wie etwa den Kulturen Arabiens.
Aux Chanito 2 (dez*17)
So heißt das kleine Boot im Hafen, angebunden an ein größeres, die Chanito Segundo Algeciras. Am Bug ist ein Fisch aufgemalt, und in die Flanke des Fisches ist eine Pupille eingezeichnet. Fisch ist Auge, Auge ist Fisch. Das kleine Boot hat eine winzige Kajüte in der Mitte, außen sind sechs Scheinwerfer angebracht, die direkt ins Wasser leuchten.
Eine dünne schwarze Katze springt in das größere Boot, kehrt mit einem Silberfisch im Maul an Land zurück. Sie geht sehr langsam und voller Routine. Ich bleibe auf einer Mole sitzen und sehe den Fischern zu, die ihre Netze, am Hafen in großen Haufen liegend, für die heutige Tour auswählen.
Die Morgensonne verspricht eine schöne Überfahrt nach Tanger. Mir indessen geht noch immer ein Traum nach. Heute Nacht war ich erst durch den Weltraum geflogen, dann auf einem Planeten gelandet. Vielleicht war es die Erde, aber es war eine Erde weit vor oder nach unserer Zeit. Es herrschte große Dunkelheit, nur ringsum, an allen Enden des abgeflachten Horizonts sah ich gleichfalls ideal gerundete Monde leuchten. Ihr Licht aber war sehr schwach, sie waren Schemen ihrer selbst, blassgelbe Linsen. Sie bewegten sich nicht.
Ich floh und wusste niemals, wohin eigentlich, die Welt um mich war fremd und unkalkulierbar. Ich wurde gejagt wie in einem Computerspiel. Mein Feind war ein Wesen mit übermenschlichen Kräften. Wenn er sich vor mir inkarnierte, hatte er die Gestalt des russischen Präsidenten, Wladimir Putin. Der Präsident trug eine Feuerwaffe bei sich und spielte offenbar ein Ballerspiel. Sobald er mich sah, schoss er auf mich, meine Tötung schien das Ziel seines Spiels zu sein. Ich jedoch hatte mehrere Leben, wurde zerlöchert und stand doch immer wieder auf und fand mich dann an einem anderen Fleck des dunklen Planeten wieder. Manchmal, wenn Putin mir sehr nahe kam und auf mich anlegte, spürte ich ein Würgen im Hals. Etwas Großes und Festes stieß meine Speiseröhre hinauf, etwas wollte den Putin bespucken, aber diese Hervorwürgung schmeckte entsetzlich nach Exkrement.
Zur Hilfe kam mir mitunter ein guter Geist, er erhöhte meine reduzierte Zahl der Leben immer wieder. Irgendwann erkannte ich ihn in der umfassenden Dunkelheit: Es war der deutsche Exkanzler, Gerhard Schröder.
Die Sonne steht tief, der Morgen ist frisch. Der Hafen wirkt unentschlossen, den Tag wahrhaftig aufnehmen zu wollen. Noch sitze ich hier auf meiner Mole, sehe den Leuten beim Durchschreiten des Hafens zu. Ich stenografiere in die Tastatur und kann den Blick dennoch den Menschen zuwenden. Dem älteren Herrn aus der Ferne, der mit forschen Schritten den Kai entlang läuft, eine Hand in der Jackentasche, dessen Gesicht langsam erkennbar wird, der sich jetzt umdreht, bald zu mir hinsieht, jetzt, wieder den Blick wegwendet, nun erneut herübersieht, auch zu dem Schiff Aux Chanito ... und noch dichter wünsche ich mir nun in diesem Moment das Treiben, noch mehr Busse, Autos, Schwerlaster, so dass ich mich, auf der Mole sitzend, als geheimer Mittelpunkt empfinden kann, als großer Überblicker, Alleseinseher, der, der den Blick des Fremden (und der Fremde) hat und dazu gezwungen ist, über die alltäglichsten Kleinigkeiten zu staunen.
Eigentlich gibt es hier nicht viel zu verstehen. Katzen, die Fische stehlen, die über Nacht in einem Boot liegen geblieben sind. Ein Technikzoo, der sich mit der Kunst des Be- und Entladens befasst, als hätte es nie etwas anderes gegeben und könne auch nie etwas anderes geben.
Ein älterer Herr mit Zündschlüssel geht an Bord des Schiffes. Wann sein Tag beginnt? Jetzt? Wenn er aufsteht? Wenn er zurückkehrt von seiner Tour und sich ins heimische Wohnzimmer setzt, um fernzusehen?
Die Sonne umringt den Wind, glänzt auf meiner Haut. Und doch gefiele es mir noch besser, es wäre Nacht und ich könne mit der Aux Chanito hinausfahren, die großen Scheinwerfer (wie Konzertscheinwerfer) des kleinen Beiboots anmachen und die Lichterorgel zu den Fischen hinunter schicken. Wie herrlich das Licht auf den Wellen tanzt, flackert, flattert, die Haut des nimmermüden Wassers abflexen will, und doch nie ans ...
Reisetagebuch eines Oneironauten
Re: Reisetagebuch eines Oneironauten
Plaza Alta, Sabado
Der Platz ist diagonal in 150 Schritten zu durchschreiten. Die Bänke sind sorgsam gekachelt, auf der Rückseite sind die Köpfe von berühmten Männern oder Heiligen zu sehen. Palmen bilden die Eckpunkte, vier an jeder Seite. Dazwischen Zitrusbäume, Orangen reifen in den geschlossenen Baumkronen.
Die Menschen gehen langsam, vorwiegend die Älteren finden sich hier ein, ihr Gang ist hatschend. Dazwischen watscheln Tauben, finden sich zusammen in großen Gruppen und fliegen dann, scheinbar unkalkulierbar, über den Platz und die Menschen hinweg. Auf jedes Menschenherz müsste jetzt auch ein Taubenherz kommen. Es ist warm in der Sonne, dennoch tragen sie alle Jacken, und Mützen auch. Zwei Vollrosamädchen schieben einen rosa Spielzeugkinderwagen über den Platz. Der untersetzte Mann mit ihnen trägt blaublaue Joggingkleidung. Die alten Herren nutzen noch Schiebermützen, Jacketts aus Fischgrät. Man kann, angesichts dieses Graus und Brauns, schon aus der Ferne den Geruch von Tabak (Schnupftabak) erahnen.
Lichterketten mit vielen golfballgroßen Glühbirnen laufen von allen Seiten (den Palmen, Bäumen, Laternen) hin zu dem lampenbehängten, reich verzierten Monolithen in der Mitte des Platzes. Die Birnen glänzen in der Sonne.
Kleine Mädchen laufen umher und verteilen Prospekte. Auch sie tragen rosa Jacken. Ich drehe die Zeit nach vorn und sehe in fünfzig Jahren die älteren Herrschaften in den dann vollends altmodisch gewordenen Jeans herumlaufen. Jede Generation behält ihre Kleidung bei, bis ins hohe Alter, mit den Frisuren ist es nicht anders. Noch immer sieht man Damen in den Vierzigern mit Haarspraytürmen, wie es dereinst in den 80ern Mode war.
Auch ich finde mich hier wieder.
Das Leuchtgrün des Mädchens schrillt mir neuerlich ins Gesicht. So ausgewaschen das Kleid von Anda Lucia sein mag, so farbenfroh sind hier die Kinder; vielleicht wie überall.
Euroferry
Die Fähre ist groß, es fänden gewiss 1000 Menschen darauf Platz. Sie geht jede Stunde. In dieser Saison fährt sie nahezu für mich allein. Ich, der einzige Reisende, durchsteige das große Schiff, an Reinigungskräften vorbei, an verschlossenen Läden, komfortablen Lounges ohne Bedienung an den ausladenden Theken. Ich bin der einzige überhaupt, manchmal ist von jedem nur einer da. Ein Polizist an der Passkontrolle, ein Abreißfräulein am Einstieg, ein Kapitän und ich, sein Passagier.
Und wenn ich jetzt den Traum begänne, würde es mir auch noch gelingen, Kapitän, Abreißfräulein und Polizist zugleich zu sein. Ich sitze im Heck des Schiffs und sehe hinunter in den Hafen. Scanne die Promenade, Zehngeschösser in verwaschenen Farben. Die Möwen kommen über den Himmel. Dieselduft erreicht mich, Treibstoff für neue Hypnagogien.
Auch ohne abzulegen ist die Überfahrt längst im Gang. Ich steuere sie, ich ganz allein bin jetzt der Herr meiner Geschichte. Fernweh und Sehnsucht sind ein mildes Narkotikum. Ich habe einen alten, schön beleibten Schmerz hinter mir gelassen. Ich habe eine Erinnerung wiedergeboren. Manche Zeichen habe ich nicht gedeutet; andere falsch. Nichts geschah mit Absicht, nichts war wahrhaftig abzusehen gewesen.
Es gibt viele Sehnsüchte, viele Fernwehen und auch viele Eifersüchte. Manchmal bin ich auf mich selbst eifersüchtig. Diese Eifersucht reißt dann Löcher in mich, geräumige Zimmer oft, in denen ich mich problemlos verstecken und um meine eigenen hübschen und starken Knochen und Gedanken winden kann.
Der Wind auf meinem Gesicht tut gut, wenn er sich mit der Sonne zu einer Einheit verbindet. Diese Fähre ist auch allein. Es gibt nur diese einzige, überall auf der Welt. Weshalb ich auf ihr schon mehrfach gefahren bin, und du auch. Von Oslo nach Kövnhavn(?) zum Beispiel, eine Nacht auf der See, ich bin wieder jung, neunzehn und in dieser Art des Reisens ungeübt. Mein Magen hat seine eigene Balance und beharrt auf dieser. Auch er ist noch jung und unbeugsam.
Draußen indes riecht es nach Fisch und Freiheit.
Es ist Nacht und dann ist es Tag. Die Wellen sind hoch. Der Interislander verkehrt zwischen Wellington und Picton. Manchmal kann er nicht zwischen der Nord- und der Südinsel übersetzen, die Wellen schlagen dann meterhoch. Ich bin erregt, ich stehe an Deck und rauche, auf Fähren muss man rauchen, wenn man im Wind steht, hinaussieht, selbst wenn es stürmt, Fähren sind der allererste Ort zum Rauchen, weil hier selbst der Wind mit deiner Zigarette und mit dir um die Wette rauchen will.
Der Zug bringt uns nach Rügen. Die Bahnschienen gehen nahtlos in das Innere der Fähre über. Wir fahren in den dunklen Bauch des Schiffes. Wenn wir die Fenster öffnen, dann hören wir deutlich das Konzert der Metalle, ein Knarren und Ächzen. Die Turbinen (Schiffsschrauben?) sind angeworfen, ich zittere mit ihnen. Wir werden gleich das finstere Abteil unseres Zuges verlassen, hinaufsteigen in die Decks für die Passagiere. Ich werde stehen bleiben in einem Shop, wo viele hundert Flaschen nebeneinander im Regal stehen und miteinander klingen, eine stößt die nächste und wirft sich dann wieder zurück, alles klirrt und flirrt und wirkt unendlich leicht, singend, ein Konzert nur für mich. Mein Diktiergerät zeichnet dieses Klirren auf, damit ich es irgendwann, wenn ich schlaflos liege, erneut anhören kann.
Ich lege ab.
Sehe in die Sonne.
Auf Null
Mein Herz ist eine Uhr. Ich stelle sie um, wenn sie falsch geht. Du fragst mich nach richtig oder falsch, und natürlich weiß ich das nicht. Diese Uhrzeit richtet sich ganz nach dem Augenblick. Diese Augenblicksuhr hat einen seltenen Takt. Wie ein Herz geht sie einmal schneller, dann wieder langsamer, setzt mitunter für ganze Schläge aus, trabt dann im Galoppschritt vorwärts, einfach so.
Ich stelle sie neu. Auf Null. Die Peitsche des Windes schreckt mich nicht. Ich gehe nicht unter Deck, ich will oben sein, ganz oben. Fährmann und Fähre. Gischt sprüht mir ins Gesicht und ich lecke über meine Lippen, die trocken sind, nicht nur vom fortgesetzten Michdurchwehen, nicht nur vom Fehlen weicher Lippen und weißer Küsse. Auf meinen Händen scheint Staub zu liegen, ich fahre darüber hinweg. Male Figuren hinein, Schriftzeichen, ein Gedicht für dich.
Die Peitschen werden härter. Ich genieße jede einzelne dieser Luftwogen. Berührungen, ja. Das Meer ist übersilbert, es schaut mich an. Und dann in die Sonne hinein, fort von diesem Traum des schwarzen Planeten, auf dem ich gestrandet war.
Ich schließe die Augen. Presse mich in meine Windhöhle, halte dem Anstürmen auch dort innen stand. Die Frau, die neben mir steht und heckwärts blickt, sieht mich an, sieht meine geschlossenen Augen. Manchmal meine ich, blind zu sein. Indem ich schreibe, bin ich einer der blinden Seher geworden, von denen die Antike Mythologie nie satt wurde. Teresias etwa. Auch mit Gantenbein hatte ich mich immer gut verstanden. Simulieren, blind zu sein und dann die Ehrlichkeit der Menschen wahrhaftig prüfen zu können - und dennoch zu akzeptieren, dass der Lügende trotz seiner Lüge noch immer ein Mensch ist, gut ist, an dir Nutzen und Freude findet ...
Schwer vorstellbar, dass diese Meerenge dereinst über eine Landbrücke verbunden war. Reizvoller indes noch, sich heute vorzustellen, sie wieder mit Unterwasserbeton auszugießen und zu schließen. Nach und nach würde der Wasserspiegel des Mittelmeers wieder sinken. Wir gewönnen Land hinzu, Europa wüchse weiter, ehemals Küstenstädte würden auf einmal umwachsen sein von neuem Grün.
Der Deutsche in mir verlangt die Kalkulation, überschlägt 20 Kilometer für die Länge dieses Damms, und eine Breite von 20 Metern sollte genügen, den andrängenden Wassermassen auf Dauer standzuhalten.
Und der Deutsche in mir träumt weiter, träumt nun auch von einer schwimmenden Stadt, die viele tausend Menschen beherbergt und wie ein Schiff die Orte wechseln kann, vor denen sie vor Anker liegt.
Der ideale Reisende wäre
Die Überfahrt dauert länger als erwartet. Die Ungeduld durchquirlt das Blut. Der echte Reisende reist stets mit aller Zeit. Er erreicht jeden Ort, so er geduldig ist und ausdauernd. Nach und nach kommen mir die orientalischen Vorstellungen in den Sinn, die nicht nur Außenansichten sind, sondern Innenanfühlungen.
Die Route entwickelt sich aus sich selbst, sofern es eine aufrichtige Reise ist. Eine aufrichtige Reise hat kein geplantes Ende. Sie arbeitet sich nicht ab an den Vorstellungen und vorgezeichneten Routen, sie entsteht aus sich selbst. Eine urechte Reise hat nicht einmal einen Keim einer Idee, wohin sie führt. Niemand hörte ich sagen, er verreise und wisse gar nicht, wohin. Selbst die Weltreisenden planen die Route. Wer reist kreuz und quer? Springt von A nach B und dann weiter nach C, kreuzt über A zurück und erreicht D und E. Nimmt hier einen Mythos auf und jagt dann etwas hernach, das ihm wichtig erscheint oder aber von markantem Zauber, erlöst diesen dann am ersehnten Zielort und sucht sich dort einen neuen?
Ich träume mir einen Globetrotter mit einem Ticket, das ihn around the world zu fliegen erlaubt auf Lebenszeit, und ein Budget, das ihm gleichfalls (genau genommen bis zum Tod) die Möglichkeit des Weiterreisens eröffnet. Wie wird er vorgehen? Wie wird es ihm gelingen, die Planungswut in seinem Gehirn zu unterdrücken und wirklich niemals weiter als zwei, drei Tage zu denken? Wird er mit den Beduinen leben, herumziehen? Bis er dessen müde ist, das Schicksal für sich entscheiden lässt, indem er Münzen wirft über die nächste Route, oder aber den Kompass als Zufallsgenerator verwendet? Weil der Zufall die schönsten, echtesten Impulse liefert?
Wenn der Reisende immer das Ziel anstrebt, welches ihm jetzt, justamente, am attraktivsten erscheint, weil es ihm Abenteuer verspricht oder die nötige Erholung, weil es leicht zu erreichen ist oder seine Reisekasse am wenigsten belastet, immer wird er mit dieser Methode den naheliegendsten Weg wählen, den einfachsten und auch zweckmäßigsten, er wird eine Ideallinie zeichnen wie auch sonst in seinem Leben.
Ich träume mir einen Reisenden, der ein idealer Herumirrender ist, einer, der sich nicht dieser Ideallinie beugt, einer, der sich selbst zu überlisten wagt, einer, der bezweifelt, dass es effektiv ist, immer effektiv sein zu wollen, weil dadurch die Augenblicke zerdrückt werden, einer, der kein Robinson seiner Zukunft sein will, indem er alles vorgibt, sich ein ideales System zurechtlegt, um sich die perfekte Zukunft zu designen, einer, der dahingleitet ganz ohne Plan.
First Tanger Story
Aus dem Hotelzimmer kann ich aufs Meer sehen. Das Bett, erstes Doppelbett der Reise, mit rosanem Rüschenbezug obenauf, hellblauen Blumenornamenten, angezogen wie mit einer Kittelschürze. Die Lampe darüber wie aufgerichtete Lorbeerblätter aus Glas, kronengleich die Lampe umhüllend und doch auch wie kleine Hände, Schalenhände. Draußen hört man die Kinder. Noch nicht Nacht.
Ich komme zurück von der ersten Tanger Tour. Die Geschichte ist erzählt worden, die ich erzählt haben wollte. Der Thrill ist eingetreten. Eine Lovestory auch.
Im Hafen warteten die üblichen Abfangjäger. Die, die dich umschwatzen, dir erklären, dass sie die einzigen sind, die Tanger verstehen, dass du als alleinreisender Tourist ein Idiot bist, ein Tolldreister, ein willkommenes Opfer der hiesigen Banden. Die dir suggestiv einimpfen, dass du hier ohne Hilfe verloren bist. Die oberflächlichen dieser Graukittel nimmst du nicht, zu offensichtlich ist deren Gebaren, noch ist es nicht spät genug, noch ist die Sonne nicht untergegangen, noch das Fremde nicht erschreckend genug. Doch dann kommt Mustafa, sieht jünger aus als du und ist doch 41, wie er später erzählt, wirkt im ersten Moment grobschrötig und ungewöhnlich misslaunig, seine auseinanderstehenden Hasenzähne erinnern an den Fußballer Ronaldo, sein geschorener Schädel ebenso.
Mustafa ist raffinierter, er versteht sich in subtileren Methoden des Angstimpfens, schon deshalb ist er sein Geld wert. Er bringt dich in das preiswerte Hotel Mamora. Du brauchst keinen Fernseher. Ein sauberes Zimmer und ein Ausblick wie dieser aufs Meer und die Moschee ist dir viel wertvoller. Auch die Geräusche, das Kläffen eines Hundes, maunzende Katzen, die einem Baby an Wehgeheul in nichts nachstehen, vom vielen Wachsein erschöpfte Kleinkinder ... dieser eigentlich zweifelhafte Charme ist heute Unterhaltungsprogramm genug.
Mustafa führt dich durch die klaustrophobisch engen Gassen der Medina, manchmal schließen sich selbige über dir und lassen den sich allmählich eindunkelnden Himmel ganz verschwinden, Fenster öffnen sich zur Straße hin und machen eine Unterscheidung zwischen Innen und Außen schwierig. Er zeigt dir das wundersamste Labyrinth, das selbst Toledo in den Schatten stellte. Vielleicht führt er dich absichtsvoll durch ein besonders bizarres Häusergeschling, vielleicht hat sich diese kreuzundquere Führung bewährt, um den Ankömmling sofort aufs Schönste zu verwirren. Er geht schnell, zu schnell dass du dir den Weg allein merken könntest, und wie immer, wenn jemand den Weg weiß, schaltest du auf Genießen, auf automatisch nachfolgen. Der Preis dafür ist Abhängigkeit, ist ein Nachgeschmack vom Kindsein.
Sobald du zögerst, Skepsis zeigst, hält er dir immer wieder seinen Pass unter die Nase, der ihn als einen Tourist Guide ausweist. Er arbeitet am Hafen in einem Office, wie er sagt, im Gegensatz zu denen, die Geld von den Ankömmlingen wollen, will er nur Freundschaft bezeigen, will den Gästen das schönste Marokko zeigen, Werbung machen für sein wundervolles Land und sein wundervolles Tanger, in dem er natürlich geboren ist und das er kaum verlassen hat, weil es nun einmal der schönste Ort der Welt ist. Er genießt, sagt er, das Menschenkennenlernen, und natürlich weißt du, dass hier insgeheim ein anderer Deal gemacht wird, ein subtilerer, ganz unterschwellig. Und dennoch ist diese Story längst im Gang, verlangt ihre Erzählung, du hast sie dir gewünscht und provoziert, jetzt wirst du ihr zuhören, Wort für Wort.
Tam hatte dich gewarnt. Fahr nicht nach Tanger, und seine Stimme bekam etwas Beschwörendes. Tam kennt die Stadt. Tu dir das nicht an, insistierte er, spare dir diese nervige Stadt und ihre aufdringlichen Bewohner, nehme den Flieger und starte gleich durch ins eigentliche, echte Marokko. Du aber hast darauf beharrt, die Grenze zu sehen, den direkten Übergang von Einem ins Andere.
Vermutlich wäre jeder andere Ankunftsort sanfter gewesen, schmiegsamer, freundlicher, und sinnlicher auch. Tam schalt dich wegen deines Nichthörenwollens naiv, ein Wort, an dem sich postwendend sogar ein Disput entzündete. Du hattest dich dagegen verwahrt, so entrüstet bist du schon lange nicht mehr gewesen. Du hast dich verteidigt! Du wüsstest durchaus, welche Story hier erzählt würde, aber du wolltest sie eben selbst erleben. Weil sie dazugehört, und du hast Recht behalten, sie war ihren Kick, ihre Aufregung und auch ihr Geld wert; bis auf den letzten Cent.
Nein, der Naive weiß nicht, was er tut. Er glaubt, die Welt sei gut und er komme mit seinem guten Herzen überall ohne große Verwicklungen an sein gewünschtes Ziel. Der Abenteurer hingegen ist anders. Er sucht die Provokation, das vermutet Gefährliche, er mag den herzklopfenden Thrill. Das ist Tanger. Vielleicht ist es weniger gefährlich, als es stilisiert wird und sich selbst stilisiert, aber der Abenteurer genießt selbstverständlich die Räuberpistolen, die man sich darüber erzählt, und fühlt sich insbesondere an solch einem Ort ungewohnt echt, lebendig. Gerade dieses Zweifelhafte und Anrüchige an dieser Möglichkeit der Reise hat für dich den einen unschätzbaren Wert; es verschafft dir eine echte, urechte Erfahrung.
Indes haben die Eindrücke dich auch tief berührt. Man kann in Tangers Medina-Viertel ohne Übertreibung von Elend sprechen, ja von kollektiver Verelendung, von einem Kult des Schwachen, Schrundigen, Zerbrochenen. Nein, Armut ist ein sanfteres Wort.
Einer wie Mustafa hingegen lebt gut, kleidet sich ansprechend. Er spricht viele Sprachen, sogar Deutsch, er kennt die Künste, ist ein aufgeweckter Mensch und vom Wesen her kein unsympathischer Kerl. Er muss für seinen Job aber eine Balance einhalten: Seinem Kunden Angst machen vor der Gefährlichkeit dieser Stadt, andererseits ihm auch verkaufen können, dass diese Stadt wundervoll und sehenswert ist, und dass der Kunde nur durch ihn dieses Sehenswerte auch tatsächlich zu sehen bekommt.
So besehen ist er sowohl ein guter als auch ein böser Geist, flüstert dir je nachdem einmal engelhaft ins linke, dann teuflisch ins rechte Ohr. Er zeigt dir gute Plätze, die du nur mit viel Mühen selbst finden würdest. Führt dich etwa nach dem Anmieten des Hotelzimmers in ein gutes Restaurant, in welches du ihn eingeladen hast, als Dankeschön für die erste Stadtführung. Das Essen wird von spannenden Gesprächen zum Umland begleitet, er weist dich auf die interessantesten Gegenden hin, sinnvolle Routen durchs Land. Du bezahlst ihm sein Essen, dafür scoutet und teacht er dich. Dieses Bezahlen von Information scheint hier eine eigene Kultur zu besitzen: In Europa wird die grundlegendste Information zumeist kostenlos abgegeben, dafür sind die eigentlichen Dinge teuer. Hier, für Europäer zumindest, kommst du an die billigen Geheimtipps erst heran, wenn du dir jemanden kaufst, der sie dir zeigt und gleichermaßen wieder, durch sein Beisein und seine beratende Information, verteuert.
Es hat seinen eigenen Charme, hier einen Menschen zu kaufen, seine Zeit und sein Wissen zu mieten. Weil er fließend Englisch spricht, ist er dir sympathisch, du sprichst mit ihm mehr als bislang auf der ganzen Reise, das schafft Nähe und Erleichterung. Dass du ihn kaufst, ist dir jedoch immer bewusst, auch wenn Mustafa nicht müde wird zu betonen, er wolle kein Geld. Auch wenn du ihm das nicht abnimmst - seine Koketterie jedoch springt auf dich über.
Warum solltest du es nicht einmal laufen lassen? Ein Mensch will dir eine Freude machen (sagt er), weil du du bist, warum solltest du automatisch das Schlechte in ihm vermuten und diese Offerte ablehnen? Du hast in Neuseeland viele Menschen getroffen, die ähnlichen Schlages waren. Viele waren uneigennützig, hatten ihren Frieden mit dem Mammon gemacht und suchten tatsächlich Menschen aus dem für sie reizvollen Europa, um ein bisschen teilzuhaben an dem, was sie für Weltbürgertum hielten; weil sie gelangweilt waren von ihrem Hinterweltsdasein.
Auch in Tanger könnten solche Menschen leben. Wäre Mustafa nun unangenehm gewesen, aufdringlich ... aber er verstand es meisterlich, charmant zu sein auf eine Weise, die unerhört war. Manchmal war er geradezu anschmiegsam, und trotz (oder gerade wegen?) seiner dich weit überragenden Körpergröße strahlte er etwas unerhört Gütiges aus.
Doch aber.
Irgendwann beim Essen erwähnte er beiläufig seine Massagekünste; irgendwann meinte er, ich könne ihn doch mal bei sich besuchen. Auch hier spürst du die Anmache, unterschwellig, du fragst nach, doch er weicht wieder aus und sucht sich andere Themen. Nein, verheiratet sei er nicht, aber dem Thema Partnersuche im Orient weicht er ebenfalls aus, er habe eine große Familie, ja, eine wirklich große Familie.
Nach dem Essen schleppt er dich weiter durch die Stadt. Die ersten Eindrücke erhältst du nur vermittelt, sie werden gefiltert und gebremst durch das Gespräch mit Mustafa. Wie auf dich diese Menschen ohne ihn gewirkt hätten? Wärst du auch so erschrocken gewesen? Oder fasziniert? Was hat Mustafa an Angst zwischen den Kulturen, an dem Graben der Fremdheit noch vertieft, wenn er ständig behauptete, du als Tourist seiest leicht zu erkennen, es gäbe Ganoven, die verfolgen welche wie dich stundenlang durch die Gassen - um den richtigen Moment abzupassen, dich zu berauben, denn sie wissen dann genau, wo dein Geldbeutel sitzt und welche Bewegung du machen wirst ... er spricht von Vierteln, die man Nachts nicht betreten könne, weil es zu gefährlich sei, und irgendwann spricht er sogar davon, dass Touristen ermordet würden. Das ist in seiner Überdramatik schon wieder lustig, da amüsiert er dich, du klopfst ihm auf die Schulter und sagst, das kann dir in Berlin auch passieren, Bruder, wirklich, kein Problem.
Der Wichtigtuer.
Seine Angstmache soll dich fester an ihn binden. Du sollst seinen Schutz bezahlen und dann, wenn er dich an schöne Plätze führt, deine von ihm geschaffene Idylle genießen, die du sonst niemals im Leben zu Gesicht bekommen würdest. Einerseits unterwirft sich hier einer ganz offensichtlich (deinem Geldbeutel), will es dir ganz besonders schön machen, was dich an die ehrfürchtig klammernden und seufzenden Damen an der Oranienburger Straße erinnert, die in ihren Skiklamotten eingemummt nach Freiern suchen und dir versprechen, dass sie es dir unvergesslich schön machen würden undsoweiter.
Andererseits will er, wollen sie dich berauben. Diese Damen arbeiten vermutlich mit vergleichbaren Mitteln. Der erste Fehler ist schon, wenn du stehen bleibst. Dann reden sie mit dir, haken sich dir unter und führen dich wohin, vielleicht erst mal zum Ansehen in den Club unter ihrem Etablissement, oder in eine Bar für ein kurzes Vorgespräch, und immer, wenn du ausscherst, werden sie dann groß mit den Augen kullern und dich fühlen lassen, dass dir etwas Bezauberndes entgeht, dass du etwas versäumst im Leben und dass sie es ja nur gut mit dir meinen, dass sie vom Fach sind, dass sie besser sind als andere, dass es ja schließlich ihr Beruf ist, dass sie jede normale Frau einfach an Gewandtheit übertreffen müssen, und ja, dann wirst vielleicht auch du, wenn du schon so weit bist, mit ihnen mitgehen, ihrer Suggestion glauben, in eben dieser Frau die beste Liebhaberin des gesamten bewohnten Planeten sehen wollen ...
Mustafas Plan war einfach. Er gewann mein Vertrauen, indem er mich in ein mir zusagendes Hotel mit angenehmen Preis führte. Ich revanchierte mich mit einer Einladung in ein Restaurant, was ehrlich gemeint war, auch weil er höflich war und auf seine Weise herzlich. Beim Essen empfahl er mir schöne Flecken in Marokko, erzählte von den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Doch dann, später, wir liefen wieder durch die engen Gassen und suchten ein Internetcafé ... warum verließen wir selbiges danach nicht zu Fuß, sondern in einem Taxi, das er ungefragt heranwinkte? So weit waren wir nicht entfernt vom Hotel!
Ich aber stieg ein, war noch in Gedanken darüber, warum die Technik nicht funktionierte, denn erneut schlug das Hochladen der neuen Tagebucheinträge fehl ... und war auch betrübt von der arabisch-französisch-gemixten Tastatur, die ein ordentliches Schreiben unmöglich macht ... betäubt auch von all den neuen Eindrücken ... und so folgte ich ihm ins Taxi, wir fuhren los, er plapperte und plapperte und irgendwann verlangte ich zu wissen, wo wir hinfahren, er hatte die Kashba angesteuert, und der Fahrer des Taxis war natürlich - sein Freund.
Müdigkeit und Wut krochen in mir hoch. Hier wurde ich nicht mehr geführt oder begleitet, ich wurde entführt, hier beraubte man mich nicht nur meiner unbefangenen ersten Eindrücke, sondern auch meiner Freiheit, und würde mir nachher die Rechnung präsentieren. Jetzt war das Spiel lästig geworden, übers Ziel hinausgeschossen; jetzt war mein Führer mir auf seine Weise über; und übergeschnappt war er auch. Er testete offenbar ein paar Grenzen aus, meine Gedulds- und natürlich auch meine Portemonaillegrenze.
Was bedeutete es mir, mit dem Wagen durch die Kashba chauffiert zu werden, die ich fußläufig und führerlos an jenem Abend gewiss nicht gesehen hätte, jenen wunderbaren dreiminütigen Ausblick aufs Meer, in den neuen Hafen hinab? Auf der anderen Seite glänzte Tarifa in Spanien, ganz Tanger leuchtete die Küste entlang? Ein romantischer Ort und ein romantischer Moment, nur war ich hierhin entführt worden von einem gutwillig übergeschnappten Mustafa, der mich anscheinend adoptiert hatte und sich freute und nicht müde wurde davon zu sprechen, wie sehr er es genieße, einem Menschen wie mir eine Freude zu machen, die er ohne ihn nicht hätte.
O ja.
Ich hingegen hatte genug von dieser unverlangten Nachttour und ließ mich ins Hotel zurückfahren. Er wollte mir neuerlich die Tagestour für den nächsten Morgen aufschwatzen, zu den Höhlen des Herkules. Ich erklärte ihm wieder und wieder, dass ich darüber in Ruhe nachdenken und vor dem nächsten Morgen keine Entscheidung treffen wolle, ich hielte nicht viel von einer Deadline im Urlaub.
Ich fragte, was das Taxi für diese eher kurze Tour koste. 100 Dirham, erklärte er, ein Preis, der für Berlin nicht ungewöhnlich wäre. Ich hätte mich weigern können, ich hätte die Chance nutzen können, mit dem Fahrer nach arabischer Art zu handeln. Aber ich war zu erschöpft und auch zu wütend. Es bereitete mir eine erschreckende Freude, dem Fahrer das verlangte Geld zu geben, es ihm geradezu zuzuwerfen, als handele es sich dabei um Dreck. Ich hätte ihm auch das Zehnfache gegeben, alles, was ich an Barschaft bei mir hatte, zum einen, weil die Menschen hier in der Tat ärmlicher leben als in Europa (wie kann das gerecht sein?), zum anderen aber auch, um ihn mit diesem völlig überzogenen Lohn zu demütigen.
Ja, zu demütigen und zu züchtigen!
Aber ... war das denn wirklich unverschämt, 10 Euro? In Berlin hätte es ...
Nur sauer stieß mir auf, dass man mich entführt hatte in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit, und das hallte für länger in mir nach. Eine tiefe europäische, vielleicht gar urdeutsche Traurigkeit erfasste mich wie eine übermannshohe Welle. Doch Mustafa wurde, da ich mich jetzt deutlich desinteressiert zeigte an der großen Stadttour, die er für den nächsten Tag zu organisieren beschlossen hatte, sehr übersteuert, bei ihm vermischten sich jetzt Panik und Aggression mit Klammern und Nehmenwasgeht.
Auf einmal sollte die vor wenigen Sekunden noch immense 600 Dirham teure Tour nur noch 200 kosten! Ah! Wie lächerlich er mir da erschien, dieses übergroße, starke Kind mit den auseinander stehenden Schneidezähnen! Er war von einer Sekunde zur nächsten eine Witzfigur geworden, charakterlos und fast schon schwachsinnig in meinen Augen. Dass das Feilschen in solchen Dimensionen stattfand, erschien mir hanebüchen und absurd, grenzte das nicht schon an Selbstverarschung?
In Indonesien habe ich eine andere Methode viel lieber gemocht. Da waren es die Einwohner selbst, die fragten anstelle zu fordern: Up to you? What you pay?
Das war raffiniert, das hatte Charakter!
Nun wären in Berlin 600 Dirham gewiss ein angemessenes Entgelt für einen Stadtführer gewesen; nicht diese Überteuerung erschien mir unedel, sondern vielmehr das plötzliche Abrücken vom geforderten Preis. Wie kam es, dass ich das als charakterlos betrachtete, nein, als Verarschung?
Was ist Geld hierzulande? Ein Fluss, den man abschöpfen will? Oder besser noch ein Brunnen? Man läuft mit seinem Eimerchen zu selbigen, lässt ihn hinab, und je nachdem, was er gerade bereit ist zu geben, trägt man einen vollen oder halbleeren Eimer nach Hause. Der Weg ist derselbe. Was der Brunnen an diesem Tag geben will, das ist Kismet, Schicksal. Wir Europäer hingegen leben in einer Welt voller Kanalisationen, die ideal portioniertes Wasser aus den Wasserleitungen tropfen lassen! Oh, welch Katastrophe, wenn dann einmal die Wasserzufuhr für einen Tag unterbrochen wird!
Das Feilschen hingegen verweist auf ein gänzlich anderes Konzept: Du musst beginnen, diesen fremden Leuten hier zu erzählen, wie arm du bist, du musst bloßlegen, wo deine finanziellen Grenzen sind. Erst dann, wenn du klagst und dein Armsein ihnen offen darlegst, ja ganz offensichtlich über dein eigenes hartes Los selbst zu Tränen gerührt bist (und gib es zu, im Herzen deines Herzens bist du das doch??), erst dann lassen sie ab von ihren überzogenen Forderungen und verbrüdern sich wirklich mit dir in einem fairen Preis. Sie verlangen von dir die Demut, deine Armut offen zu bekennen, während die Europäer ein ganz anderes Konzept verfolgen: Sie tun immer so, als ob sie reicher wären als sie eigentlich sind. Sie drücken nicht den Preis, weil sie sich schämen fürs Armsein oder Alsarmgelten, und so gehen sie lieber in der Qualität eine Stufe hinunter. Sie lügen, um den Schein von Reichtum zu wahren.
In dem Moment jedoch war ich nur Gefühl, nur Irritation, zu solchen Reflexionen nicht fähig. Und da erklärte ich Mustafa freimütig, ich sei traurig - und meinte damit die Geschichte mit dem unverlangten Nachttaxi zur Kashba. Da begann der gute Mustafa plötzlich um Geld zu betteln, wollte sich doch noch entlohnt sehen für den vorher noch geschenkten Nachmittag und Abend, die gemeinsam verbrachte Zeit, die ihm kurz zuvor noch ein Heiligtum zu sein schien, genügte jetzt nicht mehr, jetzt wollte er an den Mammon, das hatte er sich doch redlich verdient, oder nicht?
Er sank vor mir geradezu in die Knie, und als ich ihm gleichfalls nur soviel Geld gab wie der Taxifahrer (in Wahrheit vermutlich sein Bruder, ha ha!), da bettelte er, ach, bitte 200, bitte! Nun war er tatsächlich die Nutte geworden, die er vorher partout nicht sein wollte, und ich fragte mich, welche Kommunikation hier abgelaufen war, ob es mein Ziel gewesen ist, nach Tanger zu kommen, um Menschen für ihre Dienste zu kaufen.
Im Hafen, als die ersten dieser Führernutten in ihren braunen Kutten als Abfangjäger bereitstanden, wusste ich beim vierten, der mich beschwatzte, dass hier kein Entkommen sein würde. Man würde mich verfolgen und nerven, auf mich einreden, bis ich klein beigab, es war Teil des Spiels und ich wollte selbst Teil dieses Spiels werden. Ich genoss die Provokation, ich ließ mich ein auf dieses Psychospiel.
Erst an Mustafa konnte ich eine eigenartige Charmanz entdecken, die mir gefiel. In Europa bringt kein Mann einem Geschlechtsgenossen solche Charmanzen entgegen, nicht einmal ein Bettler oder ein Haustürverkäufer. Mit dem Flugzeug direkt nach Agadir zu fliegen, in ein gebuchtes Hotel an einem der nahe gelegenen Strände zu fahren und in der Sonne zu liegen, das wäre gewiss verlockend gewesen. Ich hätte aber nicht so schnell und auch so tief gespürt, um was es wirklich geht zwischen diesen Kulturen.
In Berlin sprach mich einmal eine Nutte an. Als ich darauf wie gewohnt die Stirne runzelte, erklärte sie, sie gehe nicht auf jeden Xbeliebigen zu, sondern suche sich genau aus, wer ihr gefiele. Sehr charmant, sehr schmeichlerisch, fast schon eine Liebeserklärung; leider fand ich sie kein bisschen interessant, da war schon jedes plänkelnde Gespräch eine ungewollte Nervenbelastung. Nein, nicht einmal einen guten Weg konnte ich diesem Menschen wünschen, alles an ihr war geradezu erschütternd falsch und ganz ohne Hoffnung, gänzlich verloren.
Ähnlich Mustafa, der sich als Hobbystadtführer bezeichnete und es als gegen die Ehre erklärte, Geld zu verlangen wie die anderen Kaftannutten im Hafen. Dass er am Ende um Geld flehte, machte ihn lächerlich - und mich obendrein. Das hätte ich doch gleich sehen müssen? Warum schmeichelten mir diese Worte, wie die Worte der Berliner Nutte? Weil ich tatsächlich meinte, er könne sich für mich als Mensch interessieren?
Ist es nicht aller Ehren wert, aus jedem Augenblick im Leben stets den besten aller Möglichen zu machen? Auch wenn in Wahrheit dahinter nur Berechnung, Angst und Zauber des Unerhörten steht? Fühlt sie sich nicht manchmal genial an, diese Illusion? Ich weiß um das Prekäre dieses Vergleichs. Doch als Mustafa von seinen Massagekünsten erzählte ... aber hallo! Und dann die Einladung zu sich nach Hause!
Holla die Waldfee!
Vor ein paar Tagen habe ich Lars von Triers Film über die Sklaverei gesehen: Mandalay. Es ist nicht leicht, aus Menschen, die in die Sklaverei geboren worden sind, freie Menschen zu machen. Ist Mustafa ein Sklave? Sklave des Geldes, der versucht, mittels Gefühlspianospiel auf Touristenherzen sein Gehalt im Office (sein Ausweis dieses Office schien mir seriös zu sein) aufzubessern? Da wünschte ich mir unermesslichen Reichtum, wünschte ich, einen Mustafa nach seinen wahren Grenzen testen zu können, ihn wahrhaftig zu einer Geldnutte zu machen. Wo hat er Schamgrenzen, was lässt er nicht in Geld aufwiegen? Was ist für ihn obszön? Wo würde er sich als absoluter Sklave fühlen, in Ketten gelegt, missbraucht? Meine Fantasie ist in diesen Fragen mitunter grenzenlos; niederträchtig, ja, gemein!
Schade, dass ich von Mustafa um meine ersten echten, ungefilterten Eindrücke von Tanger gebracht wurde, weil er mich mit seinem Sklavenpiano ablenkte und alle Aufmerksamkeit - fast wie eine Diva - auf sich zog. Dennoch habe ich aus den Augenwinkeln einiges Sehenswertes wahrnehmen können: Die Blinden, die mit dem dürren Stahlstock durch die Straßen tasten, die Kranken und die Bettler. Die zerrissenen Gehsteige, die auf den Boden gebreiteten Waren, die zerklüfteten Gesichter der Händler aus den Bergen, die langsam sich vorwärtstastenden alten Frauen, die zugehüllten und die halbgeöffneten Gesichter, die Kinder mit unvergleichlicher Fröhlichkeit, die einzige und begründete Hoffnung dieses schwermütigen Labyrinths.
Dieses Viertel, in dem mein Hotel sich befindet, scheint das verruchte Viertel zu sein, das der unverhohlenen Armut und doch auch das des größten Charmes, hier ein Charme des Grässlichen und Kaputten, des Ruinösen und des Alptraums, von bezaubernder Enge und verheerender Bausubstanz. So stellte ich mir Palästina vor, nach sechzig Jahren Besatzung und Dauerkrieg. Der geradezu feiste und jugendlich aussehende Mustafa ist ein anderes Exemplar Mensch, eines, das in eine andere Welt gehört, die der Bürger.
Im Medinaviertel, scheint mir, erfahre ich den eigentlichen Schmerz über das Armsein dieser Menschen deutlich, ein Bettlerviertel, so scheint es mir, und jeder hier scheint es wert, dass man ihm sein ganzes verfügbares Hab und Gut zukommen lässt, hier sind nahezu alle bedauernswert wie jene Drogensüchtige und Hausbesetzer in Berlin, nur dass hier die pure Existenz und nicht das eigene Wählen von Unglück sie hier vor dem Alter alt macht und zahnlos und in dem Blick starr ...
... und dennoch.
Dennoch darf ich einem Mustafa, der mir erklärt, als Tourist könne ich nur mit einem Führer wie ihm umherreisen, nicht glauben. Genau genommen müsste ich ihn als persönlichen Leibdiener und Führer für vierzehn Tage anmieten, damit ich den gröbsten Risiken entgehen kann, den Halsabschneider im übertragenen oder im wahrsten Wortsinn. Dieses Land, so wurde er nie müde zu betonen, sei wundervoll und diese Stadt zauberhaft - nur leider sind sie zugleich auch grausam und brutal und wollen ihre Gäste am liebsten sogleich bestehlen, aussaugen, ermorden.
Leider, leider! Aber so schön! Mörderisch schön!
O ja!
Großartig, angekommen zu sein in dem Land der heiligen Mörder und Meuchler, der Sklaven und Hörigmacher! Ich freue mich auf den neuen Tag ... dem eine Nacht vorangehen wird bei brillanter Nachtkälte, ich werde meine Kunst im Frieren fortsetzen und gewiss weitere Träume haben.
Der Platz ist diagonal in 150 Schritten zu durchschreiten. Die Bänke sind sorgsam gekachelt, auf der Rückseite sind die Köpfe von berühmten Männern oder Heiligen zu sehen. Palmen bilden die Eckpunkte, vier an jeder Seite. Dazwischen Zitrusbäume, Orangen reifen in den geschlossenen Baumkronen.
Die Menschen gehen langsam, vorwiegend die Älteren finden sich hier ein, ihr Gang ist hatschend. Dazwischen watscheln Tauben, finden sich zusammen in großen Gruppen und fliegen dann, scheinbar unkalkulierbar, über den Platz und die Menschen hinweg. Auf jedes Menschenherz müsste jetzt auch ein Taubenherz kommen. Es ist warm in der Sonne, dennoch tragen sie alle Jacken, und Mützen auch. Zwei Vollrosamädchen schieben einen rosa Spielzeugkinderwagen über den Platz. Der untersetzte Mann mit ihnen trägt blaublaue Joggingkleidung. Die alten Herren nutzen noch Schiebermützen, Jacketts aus Fischgrät. Man kann, angesichts dieses Graus und Brauns, schon aus der Ferne den Geruch von Tabak (Schnupftabak) erahnen.
Lichterketten mit vielen golfballgroßen Glühbirnen laufen von allen Seiten (den Palmen, Bäumen, Laternen) hin zu dem lampenbehängten, reich verzierten Monolithen in der Mitte des Platzes. Die Birnen glänzen in der Sonne.
Kleine Mädchen laufen umher und verteilen Prospekte. Auch sie tragen rosa Jacken. Ich drehe die Zeit nach vorn und sehe in fünfzig Jahren die älteren Herrschaften in den dann vollends altmodisch gewordenen Jeans herumlaufen. Jede Generation behält ihre Kleidung bei, bis ins hohe Alter, mit den Frisuren ist es nicht anders. Noch immer sieht man Damen in den Vierzigern mit Haarspraytürmen, wie es dereinst in den 80ern Mode war.
Auch ich finde mich hier wieder.
Das Leuchtgrün des Mädchens schrillt mir neuerlich ins Gesicht. So ausgewaschen das Kleid von Anda Lucia sein mag, so farbenfroh sind hier die Kinder; vielleicht wie überall.
Euroferry
Die Fähre ist groß, es fänden gewiss 1000 Menschen darauf Platz. Sie geht jede Stunde. In dieser Saison fährt sie nahezu für mich allein. Ich, der einzige Reisende, durchsteige das große Schiff, an Reinigungskräften vorbei, an verschlossenen Läden, komfortablen Lounges ohne Bedienung an den ausladenden Theken. Ich bin der einzige überhaupt, manchmal ist von jedem nur einer da. Ein Polizist an der Passkontrolle, ein Abreißfräulein am Einstieg, ein Kapitän und ich, sein Passagier.
Und wenn ich jetzt den Traum begänne, würde es mir auch noch gelingen, Kapitän, Abreißfräulein und Polizist zugleich zu sein. Ich sitze im Heck des Schiffs und sehe hinunter in den Hafen. Scanne die Promenade, Zehngeschösser in verwaschenen Farben. Die Möwen kommen über den Himmel. Dieselduft erreicht mich, Treibstoff für neue Hypnagogien.
Auch ohne abzulegen ist die Überfahrt längst im Gang. Ich steuere sie, ich ganz allein bin jetzt der Herr meiner Geschichte. Fernweh und Sehnsucht sind ein mildes Narkotikum. Ich habe einen alten, schön beleibten Schmerz hinter mir gelassen. Ich habe eine Erinnerung wiedergeboren. Manche Zeichen habe ich nicht gedeutet; andere falsch. Nichts geschah mit Absicht, nichts war wahrhaftig abzusehen gewesen.
Es gibt viele Sehnsüchte, viele Fernwehen und auch viele Eifersüchte. Manchmal bin ich auf mich selbst eifersüchtig. Diese Eifersucht reißt dann Löcher in mich, geräumige Zimmer oft, in denen ich mich problemlos verstecken und um meine eigenen hübschen und starken Knochen und Gedanken winden kann.
Der Wind auf meinem Gesicht tut gut, wenn er sich mit der Sonne zu einer Einheit verbindet. Diese Fähre ist auch allein. Es gibt nur diese einzige, überall auf der Welt. Weshalb ich auf ihr schon mehrfach gefahren bin, und du auch. Von Oslo nach Kövnhavn(?) zum Beispiel, eine Nacht auf der See, ich bin wieder jung, neunzehn und in dieser Art des Reisens ungeübt. Mein Magen hat seine eigene Balance und beharrt auf dieser. Auch er ist noch jung und unbeugsam.
Draußen indes riecht es nach Fisch und Freiheit.
Es ist Nacht und dann ist es Tag. Die Wellen sind hoch. Der Interislander verkehrt zwischen Wellington und Picton. Manchmal kann er nicht zwischen der Nord- und der Südinsel übersetzen, die Wellen schlagen dann meterhoch. Ich bin erregt, ich stehe an Deck und rauche, auf Fähren muss man rauchen, wenn man im Wind steht, hinaussieht, selbst wenn es stürmt, Fähren sind der allererste Ort zum Rauchen, weil hier selbst der Wind mit deiner Zigarette und mit dir um die Wette rauchen will.
Der Zug bringt uns nach Rügen. Die Bahnschienen gehen nahtlos in das Innere der Fähre über. Wir fahren in den dunklen Bauch des Schiffes. Wenn wir die Fenster öffnen, dann hören wir deutlich das Konzert der Metalle, ein Knarren und Ächzen. Die Turbinen (Schiffsschrauben?) sind angeworfen, ich zittere mit ihnen. Wir werden gleich das finstere Abteil unseres Zuges verlassen, hinaufsteigen in die Decks für die Passagiere. Ich werde stehen bleiben in einem Shop, wo viele hundert Flaschen nebeneinander im Regal stehen und miteinander klingen, eine stößt die nächste und wirft sich dann wieder zurück, alles klirrt und flirrt und wirkt unendlich leicht, singend, ein Konzert nur für mich. Mein Diktiergerät zeichnet dieses Klirren auf, damit ich es irgendwann, wenn ich schlaflos liege, erneut anhören kann.
Ich lege ab.
Sehe in die Sonne.
Auf Null
Mein Herz ist eine Uhr. Ich stelle sie um, wenn sie falsch geht. Du fragst mich nach richtig oder falsch, und natürlich weiß ich das nicht. Diese Uhrzeit richtet sich ganz nach dem Augenblick. Diese Augenblicksuhr hat einen seltenen Takt. Wie ein Herz geht sie einmal schneller, dann wieder langsamer, setzt mitunter für ganze Schläge aus, trabt dann im Galoppschritt vorwärts, einfach so.
Ich stelle sie neu. Auf Null. Die Peitsche des Windes schreckt mich nicht. Ich gehe nicht unter Deck, ich will oben sein, ganz oben. Fährmann und Fähre. Gischt sprüht mir ins Gesicht und ich lecke über meine Lippen, die trocken sind, nicht nur vom fortgesetzten Michdurchwehen, nicht nur vom Fehlen weicher Lippen und weißer Küsse. Auf meinen Händen scheint Staub zu liegen, ich fahre darüber hinweg. Male Figuren hinein, Schriftzeichen, ein Gedicht für dich.
Die Peitschen werden härter. Ich genieße jede einzelne dieser Luftwogen. Berührungen, ja. Das Meer ist übersilbert, es schaut mich an. Und dann in die Sonne hinein, fort von diesem Traum des schwarzen Planeten, auf dem ich gestrandet war.
Ich schließe die Augen. Presse mich in meine Windhöhle, halte dem Anstürmen auch dort innen stand. Die Frau, die neben mir steht und heckwärts blickt, sieht mich an, sieht meine geschlossenen Augen. Manchmal meine ich, blind zu sein. Indem ich schreibe, bin ich einer der blinden Seher geworden, von denen die Antike Mythologie nie satt wurde. Teresias etwa. Auch mit Gantenbein hatte ich mich immer gut verstanden. Simulieren, blind zu sein und dann die Ehrlichkeit der Menschen wahrhaftig prüfen zu können - und dennoch zu akzeptieren, dass der Lügende trotz seiner Lüge noch immer ein Mensch ist, gut ist, an dir Nutzen und Freude findet ...
Schwer vorstellbar, dass diese Meerenge dereinst über eine Landbrücke verbunden war. Reizvoller indes noch, sich heute vorzustellen, sie wieder mit Unterwasserbeton auszugießen und zu schließen. Nach und nach würde der Wasserspiegel des Mittelmeers wieder sinken. Wir gewönnen Land hinzu, Europa wüchse weiter, ehemals Küstenstädte würden auf einmal umwachsen sein von neuem Grün.
Der Deutsche in mir verlangt die Kalkulation, überschlägt 20 Kilometer für die Länge dieses Damms, und eine Breite von 20 Metern sollte genügen, den andrängenden Wassermassen auf Dauer standzuhalten.
Und der Deutsche in mir träumt weiter, träumt nun auch von einer schwimmenden Stadt, die viele tausend Menschen beherbergt und wie ein Schiff die Orte wechseln kann, vor denen sie vor Anker liegt.
Der ideale Reisende wäre
Die Überfahrt dauert länger als erwartet. Die Ungeduld durchquirlt das Blut. Der echte Reisende reist stets mit aller Zeit. Er erreicht jeden Ort, so er geduldig ist und ausdauernd. Nach und nach kommen mir die orientalischen Vorstellungen in den Sinn, die nicht nur Außenansichten sind, sondern Innenanfühlungen.
Die Route entwickelt sich aus sich selbst, sofern es eine aufrichtige Reise ist. Eine aufrichtige Reise hat kein geplantes Ende. Sie arbeitet sich nicht ab an den Vorstellungen und vorgezeichneten Routen, sie entsteht aus sich selbst. Eine urechte Reise hat nicht einmal einen Keim einer Idee, wohin sie führt. Niemand hörte ich sagen, er verreise und wisse gar nicht, wohin. Selbst die Weltreisenden planen die Route. Wer reist kreuz und quer? Springt von A nach B und dann weiter nach C, kreuzt über A zurück und erreicht D und E. Nimmt hier einen Mythos auf und jagt dann etwas hernach, das ihm wichtig erscheint oder aber von markantem Zauber, erlöst diesen dann am ersehnten Zielort und sucht sich dort einen neuen?
Ich träume mir einen Globetrotter mit einem Ticket, das ihn around the world zu fliegen erlaubt auf Lebenszeit, und ein Budget, das ihm gleichfalls (genau genommen bis zum Tod) die Möglichkeit des Weiterreisens eröffnet. Wie wird er vorgehen? Wie wird es ihm gelingen, die Planungswut in seinem Gehirn zu unterdrücken und wirklich niemals weiter als zwei, drei Tage zu denken? Wird er mit den Beduinen leben, herumziehen? Bis er dessen müde ist, das Schicksal für sich entscheiden lässt, indem er Münzen wirft über die nächste Route, oder aber den Kompass als Zufallsgenerator verwendet? Weil der Zufall die schönsten, echtesten Impulse liefert?
Wenn der Reisende immer das Ziel anstrebt, welches ihm jetzt, justamente, am attraktivsten erscheint, weil es ihm Abenteuer verspricht oder die nötige Erholung, weil es leicht zu erreichen ist oder seine Reisekasse am wenigsten belastet, immer wird er mit dieser Methode den naheliegendsten Weg wählen, den einfachsten und auch zweckmäßigsten, er wird eine Ideallinie zeichnen wie auch sonst in seinem Leben.
Ich träume mir einen Reisenden, der ein idealer Herumirrender ist, einer, der sich nicht dieser Ideallinie beugt, einer, der sich selbst zu überlisten wagt, einer, der bezweifelt, dass es effektiv ist, immer effektiv sein zu wollen, weil dadurch die Augenblicke zerdrückt werden, einer, der kein Robinson seiner Zukunft sein will, indem er alles vorgibt, sich ein ideales System zurechtlegt, um sich die perfekte Zukunft zu designen, einer, der dahingleitet ganz ohne Plan.
First Tanger Story
Aus dem Hotelzimmer kann ich aufs Meer sehen. Das Bett, erstes Doppelbett der Reise, mit rosanem Rüschenbezug obenauf, hellblauen Blumenornamenten, angezogen wie mit einer Kittelschürze. Die Lampe darüber wie aufgerichtete Lorbeerblätter aus Glas, kronengleich die Lampe umhüllend und doch auch wie kleine Hände, Schalenhände. Draußen hört man die Kinder. Noch nicht Nacht.
Ich komme zurück von der ersten Tanger Tour. Die Geschichte ist erzählt worden, die ich erzählt haben wollte. Der Thrill ist eingetreten. Eine Lovestory auch.
Im Hafen warteten die üblichen Abfangjäger. Die, die dich umschwatzen, dir erklären, dass sie die einzigen sind, die Tanger verstehen, dass du als alleinreisender Tourist ein Idiot bist, ein Tolldreister, ein willkommenes Opfer der hiesigen Banden. Die dir suggestiv einimpfen, dass du hier ohne Hilfe verloren bist. Die oberflächlichen dieser Graukittel nimmst du nicht, zu offensichtlich ist deren Gebaren, noch ist es nicht spät genug, noch ist die Sonne nicht untergegangen, noch das Fremde nicht erschreckend genug. Doch dann kommt Mustafa, sieht jünger aus als du und ist doch 41, wie er später erzählt, wirkt im ersten Moment grobschrötig und ungewöhnlich misslaunig, seine auseinanderstehenden Hasenzähne erinnern an den Fußballer Ronaldo, sein geschorener Schädel ebenso.
Mustafa ist raffinierter, er versteht sich in subtileren Methoden des Angstimpfens, schon deshalb ist er sein Geld wert. Er bringt dich in das preiswerte Hotel Mamora. Du brauchst keinen Fernseher. Ein sauberes Zimmer und ein Ausblick wie dieser aufs Meer und die Moschee ist dir viel wertvoller. Auch die Geräusche, das Kläffen eines Hundes, maunzende Katzen, die einem Baby an Wehgeheul in nichts nachstehen, vom vielen Wachsein erschöpfte Kleinkinder ... dieser eigentlich zweifelhafte Charme ist heute Unterhaltungsprogramm genug.
Mustafa führt dich durch die klaustrophobisch engen Gassen der Medina, manchmal schließen sich selbige über dir und lassen den sich allmählich eindunkelnden Himmel ganz verschwinden, Fenster öffnen sich zur Straße hin und machen eine Unterscheidung zwischen Innen und Außen schwierig. Er zeigt dir das wundersamste Labyrinth, das selbst Toledo in den Schatten stellte. Vielleicht führt er dich absichtsvoll durch ein besonders bizarres Häusergeschling, vielleicht hat sich diese kreuzundquere Führung bewährt, um den Ankömmling sofort aufs Schönste zu verwirren. Er geht schnell, zu schnell dass du dir den Weg allein merken könntest, und wie immer, wenn jemand den Weg weiß, schaltest du auf Genießen, auf automatisch nachfolgen. Der Preis dafür ist Abhängigkeit, ist ein Nachgeschmack vom Kindsein.
Sobald du zögerst, Skepsis zeigst, hält er dir immer wieder seinen Pass unter die Nase, der ihn als einen Tourist Guide ausweist. Er arbeitet am Hafen in einem Office, wie er sagt, im Gegensatz zu denen, die Geld von den Ankömmlingen wollen, will er nur Freundschaft bezeigen, will den Gästen das schönste Marokko zeigen, Werbung machen für sein wundervolles Land und sein wundervolles Tanger, in dem er natürlich geboren ist und das er kaum verlassen hat, weil es nun einmal der schönste Ort der Welt ist. Er genießt, sagt er, das Menschenkennenlernen, und natürlich weißt du, dass hier insgeheim ein anderer Deal gemacht wird, ein subtilerer, ganz unterschwellig. Und dennoch ist diese Story längst im Gang, verlangt ihre Erzählung, du hast sie dir gewünscht und provoziert, jetzt wirst du ihr zuhören, Wort für Wort.
Tam hatte dich gewarnt. Fahr nicht nach Tanger, und seine Stimme bekam etwas Beschwörendes. Tam kennt die Stadt. Tu dir das nicht an, insistierte er, spare dir diese nervige Stadt und ihre aufdringlichen Bewohner, nehme den Flieger und starte gleich durch ins eigentliche, echte Marokko. Du aber hast darauf beharrt, die Grenze zu sehen, den direkten Übergang von Einem ins Andere.
Vermutlich wäre jeder andere Ankunftsort sanfter gewesen, schmiegsamer, freundlicher, und sinnlicher auch. Tam schalt dich wegen deines Nichthörenwollens naiv, ein Wort, an dem sich postwendend sogar ein Disput entzündete. Du hattest dich dagegen verwahrt, so entrüstet bist du schon lange nicht mehr gewesen. Du hast dich verteidigt! Du wüsstest durchaus, welche Story hier erzählt würde, aber du wolltest sie eben selbst erleben. Weil sie dazugehört, und du hast Recht behalten, sie war ihren Kick, ihre Aufregung und auch ihr Geld wert; bis auf den letzten Cent.
Nein, der Naive weiß nicht, was er tut. Er glaubt, die Welt sei gut und er komme mit seinem guten Herzen überall ohne große Verwicklungen an sein gewünschtes Ziel. Der Abenteurer hingegen ist anders. Er sucht die Provokation, das vermutet Gefährliche, er mag den herzklopfenden Thrill. Das ist Tanger. Vielleicht ist es weniger gefährlich, als es stilisiert wird und sich selbst stilisiert, aber der Abenteurer genießt selbstverständlich die Räuberpistolen, die man sich darüber erzählt, und fühlt sich insbesondere an solch einem Ort ungewohnt echt, lebendig. Gerade dieses Zweifelhafte und Anrüchige an dieser Möglichkeit der Reise hat für dich den einen unschätzbaren Wert; es verschafft dir eine echte, urechte Erfahrung.
Indes haben die Eindrücke dich auch tief berührt. Man kann in Tangers Medina-Viertel ohne Übertreibung von Elend sprechen, ja von kollektiver Verelendung, von einem Kult des Schwachen, Schrundigen, Zerbrochenen. Nein, Armut ist ein sanfteres Wort.
Einer wie Mustafa hingegen lebt gut, kleidet sich ansprechend. Er spricht viele Sprachen, sogar Deutsch, er kennt die Künste, ist ein aufgeweckter Mensch und vom Wesen her kein unsympathischer Kerl. Er muss für seinen Job aber eine Balance einhalten: Seinem Kunden Angst machen vor der Gefährlichkeit dieser Stadt, andererseits ihm auch verkaufen können, dass diese Stadt wundervoll und sehenswert ist, und dass der Kunde nur durch ihn dieses Sehenswerte auch tatsächlich zu sehen bekommt.
So besehen ist er sowohl ein guter als auch ein böser Geist, flüstert dir je nachdem einmal engelhaft ins linke, dann teuflisch ins rechte Ohr. Er zeigt dir gute Plätze, die du nur mit viel Mühen selbst finden würdest. Führt dich etwa nach dem Anmieten des Hotelzimmers in ein gutes Restaurant, in welches du ihn eingeladen hast, als Dankeschön für die erste Stadtführung. Das Essen wird von spannenden Gesprächen zum Umland begleitet, er weist dich auf die interessantesten Gegenden hin, sinnvolle Routen durchs Land. Du bezahlst ihm sein Essen, dafür scoutet und teacht er dich. Dieses Bezahlen von Information scheint hier eine eigene Kultur zu besitzen: In Europa wird die grundlegendste Information zumeist kostenlos abgegeben, dafür sind die eigentlichen Dinge teuer. Hier, für Europäer zumindest, kommst du an die billigen Geheimtipps erst heran, wenn du dir jemanden kaufst, der sie dir zeigt und gleichermaßen wieder, durch sein Beisein und seine beratende Information, verteuert.
Es hat seinen eigenen Charme, hier einen Menschen zu kaufen, seine Zeit und sein Wissen zu mieten. Weil er fließend Englisch spricht, ist er dir sympathisch, du sprichst mit ihm mehr als bislang auf der ganzen Reise, das schafft Nähe und Erleichterung. Dass du ihn kaufst, ist dir jedoch immer bewusst, auch wenn Mustafa nicht müde wird zu betonen, er wolle kein Geld. Auch wenn du ihm das nicht abnimmst - seine Koketterie jedoch springt auf dich über.
Warum solltest du es nicht einmal laufen lassen? Ein Mensch will dir eine Freude machen (sagt er), weil du du bist, warum solltest du automatisch das Schlechte in ihm vermuten und diese Offerte ablehnen? Du hast in Neuseeland viele Menschen getroffen, die ähnlichen Schlages waren. Viele waren uneigennützig, hatten ihren Frieden mit dem Mammon gemacht und suchten tatsächlich Menschen aus dem für sie reizvollen Europa, um ein bisschen teilzuhaben an dem, was sie für Weltbürgertum hielten; weil sie gelangweilt waren von ihrem Hinterweltsdasein.
Auch in Tanger könnten solche Menschen leben. Wäre Mustafa nun unangenehm gewesen, aufdringlich ... aber er verstand es meisterlich, charmant zu sein auf eine Weise, die unerhört war. Manchmal war er geradezu anschmiegsam, und trotz (oder gerade wegen?) seiner dich weit überragenden Körpergröße strahlte er etwas unerhört Gütiges aus.
Doch aber.
Irgendwann beim Essen erwähnte er beiläufig seine Massagekünste; irgendwann meinte er, ich könne ihn doch mal bei sich besuchen. Auch hier spürst du die Anmache, unterschwellig, du fragst nach, doch er weicht wieder aus und sucht sich andere Themen. Nein, verheiratet sei er nicht, aber dem Thema Partnersuche im Orient weicht er ebenfalls aus, er habe eine große Familie, ja, eine wirklich große Familie.
Nach dem Essen schleppt er dich weiter durch die Stadt. Die ersten Eindrücke erhältst du nur vermittelt, sie werden gefiltert und gebremst durch das Gespräch mit Mustafa. Wie auf dich diese Menschen ohne ihn gewirkt hätten? Wärst du auch so erschrocken gewesen? Oder fasziniert? Was hat Mustafa an Angst zwischen den Kulturen, an dem Graben der Fremdheit noch vertieft, wenn er ständig behauptete, du als Tourist seiest leicht zu erkennen, es gäbe Ganoven, die verfolgen welche wie dich stundenlang durch die Gassen - um den richtigen Moment abzupassen, dich zu berauben, denn sie wissen dann genau, wo dein Geldbeutel sitzt und welche Bewegung du machen wirst ... er spricht von Vierteln, die man Nachts nicht betreten könne, weil es zu gefährlich sei, und irgendwann spricht er sogar davon, dass Touristen ermordet würden. Das ist in seiner Überdramatik schon wieder lustig, da amüsiert er dich, du klopfst ihm auf die Schulter und sagst, das kann dir in Berlin auch passieren, Bruder, wirklich, kein Problem.
Der Wichtigtuer.
Seine Angstmache soll dich fester an ihn binden. Du sollst seinen Schutz bezahlen und dann, wenn er dich an schöne Plätze führt, deine von ihm geschaffene Idylle genießen, die du sonst niemals im Leben zu Gesicht bekommen würdest. Einerseits unterwirft sich hier einer ganz offensichtlich (deinem Geldbeutel), will es dir ganz besonders schön machen, was dich an die ehrfürchtig klammernden und seufzenden Damen an der Oranienburger Straße erinnert, die in ihren Skiklamotten eingemummt nach Freiern suchen und dir versprechen, dass sie es dir unvergesslich schön machen würden undsoweiter.
Andererseits will er, wollen sie dich berauben. Diese Damen arbeiten vermutlich mit vergleichbaren Mitteln. Der erste Fehler ist schon, wenn du stehen bleibst. Dann reden sie mit dir, haken sich dir unter und führen dich wohin, vielleicht erst mal zum Ansehen in den Club unter ihrem Etablissement, oder in eine Bar für ein kurzes Vorgespräch, und immer, wenn du ausscherst, werden sie dann groß mit den Augen kullern und dich fühlen lassen, dass dir etwas Bezauberndes entgeht, dass du etwas versäumst im Leben und dass sie es ja nur gut mit dir meinen, dass sie vom Fach sind, dass sie besser sind als andere, dass es ja schließlich ihr Beruf ist, dass sie jede normale Frau einfach an Gewandtheit übertreffen müssen, und ja, dann wirst vielleicht auch du, wenn du schon so weit bist, mit ihnen mitgehen, ihrer Suggestion glauben, in eben dieser Frau die beste Liebhaberin des gesamten bewohnten Planeten sehen wollen ...
Mustafas Plan war einfach. Er gewann mein Vertrauen, indem er mich in ein mir zusagendes Hotel mit angenehmen Preis führte. Ich revanchierte mich mit einer Einladung in ein Restaurant, was ehrlich gemeint war, auch weil er höflich war und auf seine Weise herzlich. Beim Essen empfahl er mir schöne Flecken in Marokko, erzählte von den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Doch dann, später, wir liefen wieder durch die engen Gassen und suchten ein Internetcafé ... warum verließen wir selbiges danach nicht zu Fuß, sondern in einem Taxi, das er ungefragt heranwinkte? So weit waren wir nicht entfernt vom Hotel!
Ich aber stieg ein, war noch in Gedanken darüber, warum die Technik nicht funktionierte, denn erneut schlug das Hochladen der neuen Tagebucheinträge fehl ... und war auch betrübt von der arabisch-französisch-gemixten Tastatur, die ein ordentliches Schreiben unmöglich macht ... betäubt auch von all den neuen Eindrücken ... und so folgte ich ihm ins Taxi, wir fuhren los, er plapperte und plapperte und irgendwann verlangte ich zu wissen, wo wir hinfahren, er hatte die Kashba angesteuert, und der Fahrer des Taxis war natürlich - sein Freund.
Müdigkeit und Wut krochen in mir hoch. Hier wurde ich nicht mehr geführt oder begleitet, ich wurde entführt, hier beraubte man mich nicht nur meiner unbefangenen ersten Eindrücke, sondern auch meiner Freiheit, und würde mir nachher die Rechnung präsentieren. Jetzt war das Spiel lästig geworden, übers Ziel hinausgeschossen; jetzt war mein Führer mir auf seine Weise über; und übergeschnappt war er auch. Er testete offenbar ein paar Grenzen aus, meine Gedulds- und natürlich auch meine Portemonaillegrenze.
Was bedeutete es mir, mit dem Wagen durch die Kashba chauffiert zu werden, die ich fußläufig und führerlos an jenem Abend gewiss nicht gesehen hätte, jenen wunderbaren dreiminütigen Ausblick aufs Meer, in den neuen Hafen hinab? Auf der anderen Seite glänzte Tarifa in Spanien, ganz Tanger leuchtete die Küste entlang? Ein romantischer Ort und ein romantischer Moment, nur war ich hierhin entführt worden von einem gutwillig übergeschnappten Mustafa, der mich anscheinend adoptiert hatte und sich freute und nicht müde wurde davon zu sprechen, wie sehr er es genieße, einem Menschen wie mir eine Freude zu machen, die er ohne ihn nicht hätte.
O ja.
Ich hingegen hatte genug von dieser unverlangten Nachttour und ließ mich ins Hotel zurückfahren. Er wollte mir neuerlich die Tagestour für den nächsten Morgen aufschwatzen, zu den Höhlen des Herkules. Ich erklärte ihm wieder und wieder, dass ich darüber in Ruhe nachdenken und vor dem nächsten Morgen keine Entscheidung treffen wolle, ich hielte nicht viel von einer Deadline im Urlaub.
Ich fragte, was das Taxi für diese eher kurze Tour koste. 100 Dirham, erklärte er, ein Preis, der für Berlin nicht ungewöhnlich wäre. Ich hätte mich weigern können, ich hätte die Chance nutzen können, mit dem Fahrer nach arabischer Art zu handeln. Aber ich war zu erschöpft und auch zu wütend. Es bereitete mir eine erschreckende Freude, dem Fahrer das verlangte Geld zu geben, es ihm geradezu zuzuwerfen, als handele es sich dabei um Dreck. Ich hätte ihm auch das Zehnfache gegeben, alles, was ich an Barschaft bei mir hatte, zum einen, weil die Menschen hier in der Tat ärmlicher leben als in Europa (wie kann das gerecht sein?), zum anderen aber auch, um ihn mit diesem völlig überzogenen Lohn zu demütigen.
Ja, zu demütigen und zu züchtigen!
Aber ... war das denn wirklich unverschämt, 10 Euro? In Berlin hätte es ...
Nur sauer stieß mir auf, dass man mich entführt hatte in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit, und das hallte für länger in mir nach. Eine tiefe europäische, vielleicht gar urdeutsche Traurigkeit erfasste mich wie eine übermannshohe Welle. Doch Mustafa wurde, da ich mich jetzt deutlich desinteressiert zeigte an der großen Stadttour, die er für den nächsten Tag zu organisieren beschlossen hatte, sehr übersteuert, bei ihm vermischten sich jetzt Panik und Aggression mit Klammern und Nehmenwasgeht.
Auf einmal sollte die vor wenigen Sekunden noch immense 600 Dirham teure Tour nur noch 200 kosten! Ah! Wie lächerlich er mir da erschien, dieses übergroße, starke Kind mit den auseinander stehenden Schneidezähnen! Er war von einer Sekunde zur nächsten eine Witzfigur geworden, charakterlos und fast schon schwachsinnig in meinen Augen. Dass das Feilschen in solchen Dimensionen stattfand, erschien mir hanebüchen und absurd, grenzte das nicht schon an Selbstverarschung?
In Indonesien habe ich eine andere Methode viel lieber gemocht. Da waren es die Einwohner selbst, die fragten anstelle zu fordern: Up to you? What you pay?
Das war raffiniert, das hatte Charakter!
Nun wären in Berlin 600 Dirham gewiss ein angemessenes Entgelt für einen Stadtführer gewesen; nicht diese Überteuerung erschien mir unedel, sondern vielmehr das plötzliche Abrücken vom geforderten Preis. Wie kam es, dass ich das als charakterlos betrachtete, nein, als Verarschung?
Was ist Geld hierzulande? Ein Fluss, den man abschöpfen will? Oder besser noch ein Brunnen? Man läuft mit seinem Eimerchen zu selbigen, lässt ihn hinab, und je nachdem, was er gerade bereit ist zu geben, trägt man einen vollen oder halbleeren Eimer nach Hause. Der Weg ist derselbe. Was der Brunnen an diesem Tag geben will, das ist Kismet, Schicksal. Wir Europäer hingegen leben in einer Welt voller Kanalisationen, die ideal portioniertes Wasser aus den Wasserleitungen tropfen lassen! Oh, welch Katastrophe, wenn dann einmal die Wasserzufuhr für einen Tag unterbrochen wird!
Das Feilschen hingegen verweist auf ein gänzlich anderes Konzept: Du musst beginnen, diesen fremden Leuten hier zu erzählen, wie arm du bist, du musst bloßlegen, wo deine finanziellen Grenzen sind. Erst dann, wenn du klagst und dein Armsein ihnen offen darlegst, ja ganz offensichtlich über dein eigenes hartes Los selbst zu Tränen gerührt bist (und gib es zu, im Herzen deines Herzens bist du das doch??), erst dann lassen sie ab von ihren überzogenen Forderungen und verbrüdern sich wirklich mit dir in einem fairen Preis. Sie verlangen von dir die Demut, deine Armut offen zu bekennen, während die Europäer ein ganz anderes Konzept verfolgen: Sie tun immer so, als ob sie reicher wären als sie eigentlich sind. Sie drücken nicht den Preis, weil sie sich schämen fürs Armsein oder Alsarmgelten, und so gehen sie lieber in der Qualität eine Stufe hinunter. Sie lügen, um den Schein von Reichtum zu wahren.
In dem Moment jedoch war ich nur Gefühl, nur Irritation, zu solchen Reflexionen nicht fähig. Und da erklärte ich Mustafa freimütig, ich sei traurig - und meinte damit die Geschichte mit dem unverlangten Nachttaxi zur Kashba. Da begann der gute Mustafa plötzlich um Geld zu betteln, wollte sich doch noch entlohnt sehen für den vorher noch geschenkten Nachmittag und Abend, die gemeinsam verbrachte Zeit, die ihm kurz zuvor noch ein Heiligtum zu sein schien, genügte jetzt nicht mehr, jetzt wollte er an den Mammon, das hatte er sich doch redlich verdient, oder nicht?
Er sank vor mir geradezu in die Knie, und als ich ihm gleichfalls nur soviel Geld gab wie der Taxifahrer (in Wahrheit vermutlich sein Bruder, ha ha!), da bettelte er, ach, bitte 200, bitte! Nun war er tatsächlich die Nutte geworden, die er vorher partout nicht sein wollte, und ich fragte mich, welche Kommunikation hier abgelaufen war, ob es mein Ziel gewesen ist, nach Tanger zu kommen, um Menschen für ihre Dienste zu kaufen.
Im Hafen, als die ersten dieser Führernutten in ihren braunen Kutten als Abfangjäger bereitstanden, wusste ich beim vierten, der mich beschwatzte, dass hier kein Entkommen sein würde. Man würde mich verfolgen und nerven, auf mich einreden, bis ich klein beigab, es war Teil des Spiels und ich wollte selbst Teil dieses Spiels werden. Ich genoss die Provokation, ich ließ mich ein auf dieses Psychospiel.
Erst an Mustafa konnte ich eine eigenartige Charmanz entdecken, die mir gefiel. In Europa bringt kein Mann einem Geschlechtsgenossen solche Charmanzen entgegen, nicht einmal ein Bettler oder ein Haustürverkäufer. Mit dem Flugzeug direkt nach Agadir zu fliegen, in ein gebuchtes Hotel an einem der nahe gelegenen Strände zu fahren und in der Sonne zu liegen, das wäre gewiss verlockend gewesen. Ich hätte aber nicht so schnell und auch so tief gespürt, um was es wirklich geht zwischen diesen Kulturen.
In Berlin sprach mich einmal eine Nutte an. Als ich darauf wie gewohnt die Stirne runzelte, erklärte sie, sie gehe nicht auf jeden Xbeliebigen zu, sondern suche sich genau aus, wer ihr gefiele. Sehr charmant, sehr schmeichlerisch, fast schon eine Liebeserklärung; leider fand ich sie kein bisschen interessant, da war schon jedes plänkelnde Gespräch eine ungewollte Nervenbelastung. Nein, nicht einmal einen guten Weg konnte ich diesem Menschen wünschen, alles an ihr war geradezu erschütternd falsch und ganz ohne Hoffnung, gänzlich verloren.
Ähnlich Mustafa, der sich als Hobbystadtführer bezeichnete und es als gegen die Ehre erklärte, Geld zu verlangen wie die anderen Kaftannutten im Hafen. Dass er am Ende um Geld flehte, machte ihn lächerlich - und mich obendrein. Das hätte ich doch gleich sehen müssen? Warum schmeichelten mir diese Worte, wie die Worte der Berliner Nutte? Weil ich tatsächlich meinte, er könne sich für mich als Mensch interessieren?
Ist es nicht aller Ehren wert, aus jedem Augenblick im Leben stets den besten aller Möglichen zu machen? Auch wenn in Wahrheit dahinter nur Berechnung, Angst und Zauber des Unerhörten steht? Fühlt sie sich nicht manchmal genial an, diese Illusion? Ich weiß um das Prekäre dieses Vergleichs. Doch als Mustafa von seinen Massagekünsten erzählte ... aber hallo! Und dann die Einladung zu sich nach Hause!
Holla die Waldfee!
Vor ein paar Tagen habe ich Lars von Triers Film über die Sklaverei gesehen: Mandalay. Es ist nicht leicht, aus Menschen, die in die Sklaverei geboren worden sind, freie Menschen zu machen. Ist Mustafa ein Sklave? Sklave des Geldes, der versucht, mittels Gefühlspianospiel auf Touristenherzen sein Gehalt im Office (sein Ausweis dieses Office schien mir seriös zu sein) aufzubessern? Da wünschte ich mir unermesslichen Reichtum, wünschte ich, einen Mustafa nach seinen wahren Grenzen testen zu können, ihn wahrhaftig zu einer Geldnutte zu machen. Wo hat er Schamgrenzen, was lässt er nicht in Geld aufwiegen? Was ist für ihn obszön? Wo würde er sich als absoluter Sklave fühlen, in Ketten gelegt, missbraucht? Meine Fantasie ist in diesen Fragen mitunter grenzenlos; niederträchtig, ja, gemein!
Schade, dass ich von Mustafa um meine ersten echten, ungefilterten Eindrücke von Tanger gebracht wurde, weil er mich mit seinem Sklavenpiano ablenkte und alle Aufmerksamkeit - fast wie eine Diva - auf sich zog. Dennoch habe ich aus den Augenwinkeln einiges Sehenswertes wahrnehmen können: Die Blinden, die mit dem dürren Stahlstock durch die Straßen tasten, die Kranken und die Bettler. Die zerrissenen Gehsteige, die auf den Boden gebreiteten Waren, die zerklüfteten Gesichter der Händler aus den Bergen, die langsam sich vorwärtstastenden alten Frauen, die zugehüllten und die halbgeöffneten Gesichter, die Kinder mit unvergleichlicher Fröhlichkeit, die einzige und begründete Hoffnung dieses schwermütigen Labyrinths.
Dieses Viertel, in dem mein Hotel sich befindet, scheint das verruchte Viertel zu sein, das der unverhohlenen Armut und doch auch das des größten Charmes, hier ein Charme des Grässlichen und Kaputten, des Ruinösen und des Alptraums, von bezaubernder Enge und verheerender Bausubstanz. So stellte ich mir Palästina vor, nach sechzig Jahren Besatzung und Dauerkrieg. Der geradezu feiste und jugendlich aussehende Mustafa ist ein anderes Exemplar Mensch, eines, das in eine andere Welt gehört, die der Bürger.
Im Medinaviertel, scheint mir, erfahre ich den eigentlichen Schmerz über das Armsein dieser Menschen deutlich, ein Bettlerviertel, so scheint es mir, und jeder hier scheint es wert, dass man ihm sein ganzes verfügbares Hab und Gut zukommen lässt, hier sind nahezu alle bedauernswert wie jene Drogensüchtige und Hausbesetzer in Berlin, nur dass hier die pure Existenz und nicht das eigene Wählen von Unglück sie hier vor dem Alter alt macht und zahnlos und in dem Blick starr ...
... und dennoch.
Dennoch darf ich einem Mustafa, der mir erklärt, als Tourist könne ich nur mit einem Führer wie ihm umherreisen, nicht glauben. Genau genommen müsste ich ihn als persönlichen Leibdiener und Führer für vierzehn Tage anmieten, damit ich den gröbsten Risiken entgehen kann, den Halsabschneider im übertragenen oder im wahrsten Wortsinn. Dieses Land, so wurde er nie müde zu betonen, sei wundervoll und diese Stadt zauberhaft - nur leider sind sie zugleich auch grausam und brutal und wollen ihre Gäste am liebsten sogleich bestehlen, aussaugen, ermorden.
Leider, leider! Aber so schön! Mörderisch schön!
O ja!
Großartig, angekommen zu sein in dem Land der heiligen Mörder und Meuchler, der Sklaven und Hörigmacher! Ich freue mich auf den neuen Tag ... dem eine Nacht vorangehen wird bei brillanter Nachtkälte, ich werde meine Kunst im Frieren fortsetzen und gewiss weitere Träume haben.
Re: Reisetagebuch eines Oneironauten
Allah Radio (dez*18)
Ich stelle mir Allah vor, der irgendwo auf seiner Wolke sitzt und sich das Gesingel der vielen Muezzins anhört. Wenngleich das schwierig ist, Allah wird nie abgebildet; statt dessen genießt der marokkanische König dieses Vorrecht im Übermaß. Vielleicht sollte mir behelfsweise den König als Inkarnation Allahs denken?
Rätselfrage:
Wie würden Islamisten reagieren, wenn ein europäischer Künstler ein Bild malte mit Allah als Gott auf einer Wolke? Mit Allah als verschleierte Frau? Genügte das für eine Fatwa?
Für Allah hat seine Gesichtslosigkeit einen Vorteil. Er kann tatsächlich alles sein, Haus, Wolke, Meer, und so viel Flexibilität muss ihm doch gewiss gut gefallen, auf diese Weise kann er sich wunderbar in alles einfühlen, überall zu Hause sein, das nenne ich wirkliche Freiheit: Unfassbar zu sein!
Hier in meinem Hotelzimmer sind mindestens vier Stimmen hörbar. Eine singt richtiggehend, langgezogen. Andere klingen nach Konserven, nach Stimmschonung via Tonband. Blechern sind sie alle. Getragen und zitternd zugleich. Mehr leid- als huldvoll heben sie unten an und starten dann in die höheren Singskalen - vom Boden in den Himmel hinein. Kein Rufen, das mich ehrfürchtig werden lässt. Von Religiosität kann ich darin nicht viel erahnen. Wie Sirenen, kommt es mir auf einmal in den Sinn.
Bislang sind mir die Bewohner von Tanger nicht sehr religiös erschienen. Abgesehen davon, dass ich mich von Mustafas Bild der Verbrecher und Halsabschneider lösen muss, worin sich selbstredend gleichfalls wenig Glauben an einen Gott erkennen lässt. Die Bewohner dieser Stadt erinnern mich von ihrem Ausdruck weit eher an sture Esel, die großen starren Augen und die leicht nach hinten geschobene Stirn; Esel nun sind für mich allerdings nicht eben die gottesfürchtigsten Tiere. In unserem Kulturkreis hätte man da lieber Schafe.
Wenn ich hier eine Religion erkenne, dann ist es die der Bescheidenheit. Reichtum und Angeberei ist zumindest in diesen Vierteln des Hafens nicht zu erkennen. Oftmals erscheinen sogar gerade die Benachteiligten am Protzendsten umherzugehen. Wie viele Blinde oder Menschen mit Augen, die zu winzigsten Schlitzen zusammengekniffen sind, durch die Gassen irren, mit oder gar ohne Stock. Männer, die sich auf Stöcke stützen, wie man sie problemlos vom Wegrand auflesen könnte. Frauen mit Babys auf dem Arm, am Straßenrand bettelnd wie bei uns die Zigeunerinnen. Entstellte, die ihre Entstellungen vorzeigen. Menschen mit Verwachsungen, die wie Kuriositäten anmuten in der Art, sich mit zwei seitwärts verwachsenen Klummfüßen noch besonders artistisch verdreht auf den Platz stellen und Schmerz und Leid simulieren.
In diesem Viertel herrscht eine Verwahrlosung der Straßen, die für mich beispiellos ist, ganze Plätze sind Ruinen, die Kinder spielen zwischen dem Unrat Ball, es wirkt auf mich, als habe hier wie in den Palästinensergebieten seit langen Zeiten ein Krieg gewütet. Der Tourist wird hier dennoch nicht weiter gewürdigt oder begafft, das erstaunt; aber das Treiben in den oft engen, übermenschenvollen Gassen ist trotz alledem flüssig und beinahe großstädtisch schnell.
Viele der Männer tragen Kutten mit direkt angenähten Hauben, die in einer Farbe gefärbt sind und erneut an das Mittelalter denken lassen. Wären die Träger dieser Kutten fröhlicher gelaunt und auch jüngeren Alters, ich könnte mich auf einem Hippiefestival vermuten. Die Menschen jedoch haben einen klaren Blick, der willensstark auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist. Welches Ziel, erschließt sich mir in den wenigsten Fällen.
Es bedarf einiger Gewöhnung dieser Kleidung. Insbesondere die der Männer irritiert mich. Die Frauen, von westlich-modern bis zur Vollverschleierung ist hier jede Bekleidung zu sehen, nehme ich weniger wahr. Obwohl präsent, geht von ihnen ganz automatisch ein Bannkreis aus, sie umgeben sich mit der Aura des Uninteressanten und fühlen sich darin, scheint es, auch pudelwohl. Die Männer haben, abgesehen von der Eselshaftigkeit ihres Ausdrucks (das ich als männliches Verhaltensmuster klassifizierte), einen mitunter kindlichen Gang. In ihren Schlappen sehen sie aus wie Jungen, die in ihren Schlafanzügen durch die Gänge eines Kurheims schlurfen.
Das marokkanische Essen indes ist abwechslungsreich, hat viele Geschmacksfacetten. Obwohl sonst eher mäklerisch, kann ich mich hier mit jedem Gericht anfreunden, auch welches bestellen, das mir dem Namen nach überhaupt nichts sagt. Die Gewürze sind raffiniert, neuartig. Das Essen nicht zerkocht wie mitunter in Europa ...
Second Tanger Story
Die löwenbraun geringelte Katze draußen quäkt wieder wie ein Säugling, ihre Ausdauer ist erstaunlich, ihre Verzweiflung grenzenlos. Erst der Muezzin übersingt sie, eine Verkündigung Gottes, der auf einmal wie eine Sirene klingt, Unheil androhen mag. Meine Stimmung ist auf Grund gelaufen, ich weiß selbst nicht, warum. Diese Stadt ist nicht einladend, kann es nicht sein und darf es auch nicht. Die Europäer haben hier zu viel Spuren hinterlassen. Schon die Römer hatten mit diesem Spiel der Kulturen begonnen. Fast ein Jerusalem war dieses Tanger, ein ewiger Zankapfel. Die Zerrissenheit ist Tanger immanent geworden.
Tanger means Danger.
Ich hätte mich in der Neustadt einmieten können, und doch wäre ich dann betrogen worden um diese besondere Wahrheit.
Erst jetzt stelle ich fest, dass ich die ganze Zeit über in ein Bidet uriniert habe. Warum ist eigentlich keine Toilette auf meinem Zimmer? Ich gehe hinaus, suche eine auf der Etage. Aber nirgends in der langen Zimmerflucht ist ein Hinweis, eine Nummer folgt der anderen. Ich will schon die Treppe hinab, zur Rezeption, als ich eine Tür aufgehen sehe. Ein Mann steckt den Kopf heraus; als er mich sieht, winkt er mir zu. Ich bleibe ratlos stehen. Er tritt aus der Tür, in seiner Hand hat er einen Kehrbesen. Aber ich starre nicht lange auf den Besen. Obwohl sein Gesicht jung ist, ist sein Haar merkwürdig weiß. Er sieht fahl aus, aber dennoch nicht krank, seine Augen, obwohl rötlich leuchtend, sind doch lebendiger und gewissermaßen fröhlicher als die Augen der meisten hier.
Ich finde, dass er jemandem ähnlich sieht.
Der Albino.
Er spricht mich auf Englisch an. Ob er mir helfen könne?
Ich frage ihn nach der Toilette. Er lächelt. Zieht die Tür hinter sich zu und winkt mir zu folgen. Wir gehen den Gang entlang, biegen um eine Ecke, steigen eine Treppe hoch. Dann geht es wieder um eine Ecke, und ich versuche mir nun mühsam, den Weg einzuprägen, was in dem Halbdunkel nicht einfach ist.
Er bleibt unvermittelt stehen, dreht sich um. Ich sehe ihn erstaunt an. In gutem Englisch erklärt er nun:
-Sie sind einer von uns. Ich habe ... ihr Zimmer gesehen.
-Aha?
-Ich kenne alle Zimmer, Sahijjb, sagte er stolz. Ich bin der Zimmerservice. Und glauben Sie mir, Sahijjb, ich kann viel erkennen daran, wie jemand ...
-Ja?
Er aber winkt mich weiter und erzählt, dass er englisch lerne und alles Geld spare, um nach England zu fahren. Man könne ihm helfen, sein Problem zu lösen. Welches Problem? will ich wissen. Repair, repair, sagt er nur und meint wohl das Problem mit seiner Haut!? Ich schüttelte den Kopf - das war doch Humbug. Aber er antwortet mir auch schon gar nicht mehr.
-Ist es noch weit? will ich wissen.
Längst laufen wir nicht mehr innen, sondern über die Dächer der Stadt, folgen einem schmalen Brückenbogen.
-Hier ist es, sagt er und öffnet eine Tür in einem der Dachwohnungen. Dort sitzt in der Mitte des Raums ein Mann auf einem Schemel.
-Was soll das? Was ist mit der ... Toilette?
Ich werde wütend, was wollen sie alle von mir? Warum respektiert keiner, was ich will, warum spielen sie mit mir beständig diese Entführungsspielchen? Diese ewigen Bevormundungen hängen mir zum Hals heraus.
-Der Mann dort kann mit Ihnen sprechen.
-Aha.
-Sahijjb, er spricht alle Sprachen der Welt. Wirklich alle, glauben Sie mir.
-Ja und weiter?
-Er freut sich über Besucher, deshalb habe ich Sie zu ihm geführt. Und ... ich führe wirklich nicht jeden hier hin, ganz bestimmt nicht, nur diejenigen ... denen es auch etwas bringen kann ... in ihrem Zimmer, Sahijjb, habe ich genau gesehen, dass Sie einer sind, der hierfür geeignet ist.
-Geeignet wofür? Was soll das?
-Es ist wichtig ... er ist wirklich ein besonderer Mann. Alle haben sie Angst vor ihm - alle. Viele wagen nicht einmal, mit ihm zu reden. Sie meinen, er könne auch Gedanken lesen ... ich lasse Sie jetzt allein!
-Aber wie ... finde ich dann wieder zurück? Diesen Weg kann ich unmöglich ...
-Ich werde warten. Draußen. Sie müssen mit ihm reden.
Damit verschwand er.
Der Mann saß mir mit dem Rücken zugewandt, und so blieb er auch sitzen. Er sprach tatsächlich meine Sprache, und fast ohne Akzent.
-Sie glauben es nicht. Tja.
-Woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin?
-Ihr Akzent.
-Aha. Gewiss.
Das klang schlüssig.
-Ich wollte eigentlich nur ... aber der Mann vom Zimmerservice ...
-Er hat es gut gemeint ... er hat kein einfaches Leben. Er lebt versteckt. Das müsste er nicht, die wenigsten verhalten sich wie er, ich weiß nicht warum, es ist sehr ungewöhnlich. Aber er will es so. Und ... als Zimmerservice ... muss er ohnehin im Unsichtbaren arbeiten.
-Gut, meinetwegen.
-Es gefällt Ihnen nicht bei uns, nicht wahr?
So direkt hatte das bislang niemand ausgedrückt. Das waren ganz neue Töne, und ich musste ihm Recht geben.
-Ich habe Einfindungsschwierigkeiten, das stimmt.
-Bald finden Sie sich hier zurecht. Und dann wollen Sie eines Tages gar nicht mehr gehen.
-Wie viele Sprachen sprechen Sie?
-Es gab noch keinen Menschen, den man zu mir brachte, mit dem ich nicht hätte reden können.
-Nur reden? Oder ihn auch verstehen?
-Natürlich verstehen!
-Aha. Das wäre ... wirklich eine Weltsensation.
Jetzt drehte er sich um und sah mich an. Er war sehr dunkelhäutig, schon fast schwarz. Auch er erinnerte mich an jemanden.
-Wäre es, wäre es! Aber daran ist mir nicht gelegen.
-Warum nicht?
-Ich mag diese Nische hier. Keiner glaubt mir wirklich, und wie sollte ich es beweisen? Dazu wäre einiger Aufwand vonnöten.
-Sind Sie viel gereist?
-Es sind viele Leute zu mir gekommen; oder man hat sie zu mir gebracht.
-Aha.
-So wie Sie.
-Verstehe.
-Sie verstehen gar nichts.
-Da haben Sie wohl Recht.
-Sie sind verwirrt, man hat Ihnen den Kopf verdreht. Sie wissen nicht mehr, woran Sie sind, ja wer Sie selbst im Augenblick sind.
-Wenn man alleine reist, kann das schon vorkommen. Man verliert die Erdung. Jeden Tag sieht man so viele neue Dinge und kann sie doch nicht wirklich festhalten. Egal was man tut. Aber darum reist man ja auch. Um mal in seinen schrecklichen Gewohnheiten erschüttert zu werden.
Aber er hörte mir gar nicht recht zu:
-Sie fragen sich nicht, wie ich Sprachen beherrschen kann, die ich eigentlich gar nicht kenne?
-Es ist ja auch gar nicht möglich.
-Und wenn es doch möglich ist? Wenn jemand wie ich geboren wird und diese Gabe besitzt - so, wie ein anderer auch noch zwei Augen im Nacken hat?
-Oh, der würde sie nutzen, jede Wette.
-Warum? Soll ich als Dolmetscher um die Welt reisen? In Fernsehshows auftreten? Ach, das ist langweilig ... ich wäre doch nur ein Zirkustier, was sollte mir das bringen? Und ... irgendwann wäre man meiner überdrüssig. Vielleicht würde man mich sogar hassen.
-Warum das?
-Ich denke, man würde doch nur beständig nach einer Sprachlücke in mir suchen. Letztendlich hält man mich doch immer für einen Betrüger. Und woher will ich auch sicher wissen, dass ich wirklich alle Sprachen beherrsche? Bislang jedenfalls ... ist noch keiner gekommen, den ich nicht verstand.
-Man könnte eine Sprache erfinden ...
Er lachte.
-Sagen Sie mir, wozu ist diese Gabe denn wirklich nütze, was denken Sie?
-Nun, dennoch sitzen Sie hier und - wir reden von nichts anderem. Gänzlich egal ist Ihnen diese Gabe auch nicht.
-Es ist schwer, das alles zu vergessen. Ich habe es probiert. Doch mir fehlte etwas. Der Zimmerjunge weiß das, darum führt er mir Besucher aus fremden Ländern zu.
-Haben Sie sonst noch Gaben? Der Junge sprach von der Kunst des Gedankenlesens?
-Ach, stöhnte er auf und machte eine für mich unbestimmbare Geste mit den Händen. Es gibt eben noch viele andere Arten von Sprache. Der Zimmerjunge behauptet ja selbst, er könne schon aus der Art, wie jemand seine Sachen im Hotelzimmer ausbreite, auf diesen Menschen schließen. Er hat gewiss Recht. Es gibt viele Weisen zu sprechen. Nicht wahr? Sie als Tourist, der unsere Sprache nicht beherrscht, sie drücken sich doch auf eine andere Weise aus? Ihre Mimik, Gestik, all das wird gewiss stärker werden!
-Richtig.
-Das mit der Wahrsagekunst ist recht simpel. Ein Wahrsager kann seinen Klienten durchs pure Ansehen erschließen. Was er diesem über sein Leben erzählt, ist blanke Menschenkenntnis, nichts weiter. Er könnte auch sagen, Sie haben braunes Haar und sind 180 groß ... aber darüber würde dann jeder nur lachen. Was aber, wenn er den Charakter beschreibt? Gutmütig oder impulsiv, nervös oder schwerfällig, das alles ist sofort in jedem Gesicht zu erkennen. Auch das ist Sprache. Eine, von der die wenigsten wissen wollen ...
-Das also ist ihre Gedankenlesekunst?
-In etwa.
-Sie verraten viele ihrer Geheimnisse.
Das amüsierte ihn neuerlich sehr.
-Es sind doch noch keine Geheimnisse, mein Freund! Das sind bloß die einfachsten Oberflächen. Ich will Ihnen damit, wenn ich ehrlich bin ... eigentlich nur ein bisschen imponieren.
-Aha. Imponieren. Und wieso?
-Ich sehe, dass Sie das brauchen. Sie brauchen neue Fragen, neue Rätsel. Deshalb sind sie hierher gekommen. Das Leben in ihrer Welt war Ihnen zu langweilig. Sie brauchen Missverständnisse, Sie brauchen Fehler.
-Hm ... also am dringlichsten brauche ich jetzt eine Toilette ... Der Mann grinste. Deutete mit dem Finger den Gang entlang. Ich sollte also noch weiter gehen, mich noch weiter entfernen von meinem Hotel?
-Sie glauben mir nicht? Nun ... wenn ich eine Stufe tiefer gehe, was meinen Sie, sehe ich dann? Ganz egal, was Sie noch anfangen werden in ihrem Leben, Sie werden immer wieder diese ihre Welt über den Haufen werfen wollen, irgendwann. Aus purer Langeweile.
-Oder aus Angst.
Er runzelte die Stirn.
-Oder das. Etwas treibt Sie weiter. Es nagt ganz tief innen, und Sie mögen das sogar. Geben Sie es zu. Manchmal, da führt es Sie sogar, es hat große Macht. Es tut mit Ihnen auch das, was Sie eigentlich nicht wollen. Immer wieder. Am Besten, Sie sagen Danke.
-Ich muss. Entschuldigen Sie.
-Danke.
-Wofür?
-Sie haben mir geholfen.
-Womit?
-Nein, nicht mit der Sprache, wenn Sie das meinen. Gehen Sie nun. Ich schicke Ihnen den Zimmerjungen, er bringt Sie zurück.
Nach Fes (dez*19)
Im Morgenzug. Ins Land. Hingewürfelte Häuser, ausgeblässt, windfarben. Bunker, sich aus Grün und Erdgrau schraubend. Menschen mit Esel, Esel mit Menschen. Wiesen durchtanzt von einem Meer an Plastiktüten, im Bodenwind zitternd.
Ein flachgelegtes Haus, die Decke über die zerbrochenen Mauern gebreitet wie eine Decke über einen im Tod Entschlafenen. Wellblechbaracken. Morgensonne, die tief steht und noch weite Schatten wirft.
Die andere Seite Andalusiens. Trockene Leidenschaft. Gelbmatten, knapp gehaltene Wiesen. Milchiges Licht über der Landschaft. Hügeltopografie, landeinwärts. Verzitterte Impressionistenwolken, kreuz und quer verstrichene Weißflusen, zerfledderte Baumwolle, Watte.
Blicktiefe, Tiefblicke: Das Tal. Ein Eselsreiter auf weiter Flur. Grün stuft sich die Anhöhe herauf, wird grauer. Weltverlassenheit. Ein Schafhirte. Drei Hirten mit Kuh umstehen einen Strommasten, lehnen sich dagegen. Ihr Blick richtet sich zum Zug und sieht doch durch diesen mitten hindurch.
Die Ränder der Stadt sind verwüstet und verschmutzt (wie an allen Stadträndern der Welt?), die weiten Landstriche hernach beinahe schon satt in Farbe und Musterung.
Eigenartig, dass Frauen und Knaben den Zug mit Steinchen bewerfen - was für eine Bedeutung das haben mag? Eine Urablehnung der französischen Besatzer, die diese wenigen Zuglinien geschaffen haben und noch immer mehr oder minder in Alleinregie betreiben? Ihre Gesichter sind seltsam emotionslos dabei, ihre Körper voller Routine, als erfüllten sie eine alltägliche Aufgabe. Oder es ist anders und der Romantiker in mir will darin keine Wut, sondern ein Ritual lesen, eine grobe Zärtlichkeit vielleicht.
Und der Europäer in mir will ruhig weiterdösen.
Ich sehe Frauen auf ihren Eseln reiten, sehe Knaben, die Eselspflüge durch Felder steuern, und während ich mit dem ONCF zwischen dieser Landbevölkerung hindurchschwebe, komme ich mir zusehens vor wie in meinem Pharao-Computerspiel. Ich höre wieder die leise, meditative Musik, die den Wechsel der Jahreszeiten markiert, sehe Felder bewässert werden, höre die Vögel singen und freue mich über das schnelle Wachstum meiner neu geschaffenen Katensiedlungen.
All diese Landmenschen hier gehören für mich in eine andere Epoche, wollen geradezu mit Aufträgen versehen, in Strukturen gegossen, nutzbar gemacht werden. Der Europäer in mir ist wieder erwacht mit seinem Hang, die Welt zu organisieren, sitzt in seinem Zug und staunt darüber, wie diese Menschen oft tatenlos auf ihren Feldern stehen und den Zug begaffen, der an ihnen vorbeifährt.
Der Knopf im Ohr macht Musik dazu: Die fabelhafte Welt der Amelie. Ein sonniger Tag, angenehme Temperaturen. Dennoch tragen die Menschen hier vornehmlich Mützen oder sind gleich in ihre Ku-Klux-Klan-Gewänder gehüllt, welche ganz oben am Abschluss von einer Zipfelmütze in einer Art Zaubermärchen gipfeln. Die Städte, durch die ich fahre, wirken provisorisch, sind scheinbar weder alt noch neu; Straßen aus Staub, Schlammpfützen. Die Häuser offenbar nur deshalb weißgestrichen, um nach dem ersten Sandsturm schon schäbig aussehen zu dürfen.
Infeldernsteher und Zugbegucker insbesondere am Stadtrand: Reglos stehen sie im Abstand von vielleicht fünfzig Schritten, Männer Frauen Kinder, niemals in Gruppen, immer allein, immer auf einer leichten Anhöhe. Gaffen ziellos drein und wirken auf mich in ihrer Reihung soldatisch und verträumt zugleich.
Ihre ungewöhnliche, schon unmenschliche Statik reizt mich besonders, kitzelt einen empfindlichen Punkt in mir, ich möchte lachen und lächle wenigstens; diese Menschen dort wirken wahrhaftig wie skulptiert, schöne Gespenster, denen man sich zugesellen wollte, nur um zu spüren, wie sich das wohl anfühlt, dort auf den flachen Hügeln skulptiert zu stehen ... ich möchte sie kneifen, auf ihre Echtheit überprüfen.
Dabei weiß ich es längst; sie sind echter noch als ich.
Nur gelegentlich sieht man ein Auto. Die Straßen, auf denen sie fahren, sind als solche nicht immer zu erkennen, manchmal wirkt es, sie reichten mitten durch die Felder, die blanke Landschaft. Die Sonne spielt in dem Kraftgrün, das zwischen urschwarzen Erdbrocken sprießt, keine Handbreit hoch. Weideland ist das nicht; was dann?
Hellblaues Weggeblüm bringt ungewohnte Farbe ins Spiel. Auch diese Landschaft hier könntest du anziehen. Oder zwischen deinen Zähnen zerkauen, sogar die weißen Steine, wie Schwämme zerlöchert. Weidenstümpfe, ein Gelbgrünbüschel aufgesetzt wie eine Perücke. Der Strom fließt die Felder entlang.
In "Amelie" hörst du die Schreibmaschine. Oder eine Schere, die schnappt? Was ist das, Ohr? Du wirst dir den Film noch einmal ansehen müssen und jene Stelle suchen.
Irgendwann.
Das Schifferklavier macht in seiner Fröhlichkeit herzlich traurig. Kinder und Esel. Spielgefährten? Kakteenhaine. Schafe mit viel zu wolligem Umhang. Wir halten. Halten nirgendwo. Laute Stimmen vorne im Zug. Amelie aber spielt weiter, kümmert sich nicht darum, spielt ihr Schifferklavier darüber hinweg, munter wie immer. Gleich wird sie sich von Oum Kulthum beerben lassen. Um den Kontrast besonders zur Geltung zu bringen zwischen den Kulturen, den musikalischen Harmonien. Ein Thema, ein weites Feld ...
Das Landesinnere Richtung Meknes ist noch arider als die Küstenregion. Der Himmel strahlblau, die Temperatur erstmals wirklich sommerlich. Europa, du Regenverwöhnte! Ich sehe Zitrusplantagen, neuerlich Kakteenwälle, die eher meiner Vorstellung von Mexiko entsprechen.
Ob alle Landschaften schön sind? Ich bevorzuge Abwechslung. Mein Auge ist mein erstes Organ auf der Reise. Andere erschließen sich Neuheiten mit der Nase, ich möchte sehen, der Zug ist hierfür das beste Verkehrsmittel. Andere mögen spüren, den eigenen Puls: sie fahren lieber im eigenen Wagen durch dieses Land.
Spätestens am dritten Tag des Genusses marokkanischer Küche ereilt den Reisenden aus Europa in der Regel eine Magenverstimmung oder gar Durchfall - erklärt der Reiseführer. Ich blieb bislang verschont, einmal mehr erweist sich mein Magen als esskulturflexibel, und wenn mich sonst nur wenig als Reisenden in fremde Kulturen qualifiziert, diese Resistenz gegen fremde Erreger macht viele andere Mängel wett. Oh, besser noch, ich genieße die Vorliebe der Marokkaner für Gewürze und Gewürzmischungen, deren Küche ist mir sehr sympathisch.
Gestern, von einem Touristenfänger (noch ein Mustafa ... oh-Mustafa-oh-Mu-hu-ustafa ...) in eine Berberapotheke mitgeschleppt, wurde ich in die Färbekünste des Safrans eingewiesen, durfte das Echtrot sich unter Hinzugabe von Wasser in leuchtorange verwandeln sehen, zudem zeigte man mir die Verwendung von Eukalyptus, Naturseifen, die Knollen von Aphrodisiaka, auch ließ man mich an diversen Gewürzmischungen schnuppern. Das Haptive wird hier ganz besonders betont, alles soll man riechen und zwischen den Fingern reiben, anfassen, fühlen. Vielleicht, damit man eine persönliche Beziehung aufbaut zu dem Kaufbaren. Sich mit ihm anfreundet.
Vielleicht.
Der Apotheker war ein lustiger Mensch, besaß große Entertainerqualitäten. Sein Laden war groß und feilsortiert, in hohen Regalen standen glänzende hochragende Gläser, zweidrittels mit diversen Blättern, Knollen, Wurzeln gefüllt. Beeindruckend, wie wenig es in dem Laden roch. Ich dachte an eine Apotheke in Deutschland, wo heute nur noch Pillen abgegeben werden, das Auge nichts mehr zu sehen bekommt und auch die Nase nichts zu riechen, wo die Sinnlichkeit völlig verloren geht.
Angesichts des fröhlichen, herzlichen Apothekers wurde mir bewusst, wie wichtig es für ihn sein muss, selbst gesund zu sein, im besten Fall hat er ein blühendes Leben. Und da kam mir die Geschichte eines kranken Apothekers in den Sinn - was kann es Schlimmeres geben? Vielleicht nur noch einen kranken Arzt?
ladylike
In dem Abteil sitzt mir nun eine Frau in den mittleren Jahren gegenüber. Mir gefallen ihre grauen Schläfen (kurzgeschoren), ihre aufrechte Haltung verweist auf innere Größe, ihr ruhiges, zielvolles Gesicht auf Ausgeglichenheit und Wissen um sich selbst und die Welt. Sie unterhält sich hin und wieder mit dem Marokkaner, kann einige Brocken Arabisch. Zwischendurch nutzen sie auch Französisch für ihre Unterhaltung.
Ich indessen höre Musik und schreibe dazu. Sehe hin und wieder zu dem gut gekleideten Mann, in dessen Augen ich erstmals überhaupt in diesem Land eine latente Geringschätzung erkennen kann. Ein seltenes Moment, und doch ist jenes Unbehagen mir schon wieder sympathisch. Oh, hier werde ich erkannt als der, der ich wirklich bin. Elende Welt, wo selbst der ärmste Europäer im ärmsten Land der Welt als reich gilt, egal wie zerknittert seine Kleider oder krumm und geschwärzt seine Zähne sind.
(Ob jemals versucht wurde, auch das ärmste Land der Welt zu ermitteln? Woran man das wohl bemäße? Wenn Bill Gates der reichste Mensch der Erde ist, wer wäre der Ärmste? Ein indischer Fakir, der von der Luft lebt?)
Als der Marokkaner das Abteil verlässt, bin ich mit der Frau allein. Noch reden wir nicht. Ich sehe hinaus, im Inneren des Landes dörrt die Landschaft merklich aus, wird die Topografie selbst spürbarer. Wir gewinnen an Höhe, vermutlich nur eine gefühlte Höhe, und doch, für mich muss es aufwärts gehen, um Fes zu erreichen; nicht nur, weil wir das Meer verlassen. Für mich muss Fes weit über dem Meerespiegel liegen, Burg sein wie es sonst auf diesem Planeten nur Toledo kann!
Fes, die Feste!
Es ist die Frau, die mich anspricht. Sie stammt, obgleich ich ihr das erst nicht glauben mag, aus Australien. Ich kenne die Australier, insbesondere die Sydneyer, war selbst eine Woche dort gewesen und hatte doch nie eine Dame getroffen wie diese. Sie ist für mich weit eher eine britische Lady, ja, eine wirkliche Dame, und ihre Gestik und Mimik lässt sie für mich eher als eine Orientreisende früherer Zeiten erscheinen.
Alleinreisend als Frau, das sei gar nicht so leicht, erklärt sie, und bewirbt indirekt ihren Mut, will Komplimente von mir erhalten, und bekommt sie auch. Wir reden. Sie erklärt, eine der ersten Mitarbeiterinnen in dem Projekt "Internet" gewesen zu sein, in den Vereinigten Staaten der 70er Jahre. Ich spreche von Alan Turing und von den Basics, die heute für den Programmierer verloren gegangen scheinen, wie etwa dem Mythos (für mich ist es einer), warum eigentlich auf einen simplen Tastendruck auf der Benutzeroberfläche des Screens oder früher durch ein Zauberwort plötzlich ein Fenster aufgeht.
Windows - für mich ist jedes davon ein Zauberfenster.
Auch die Lady teilt mein Erstaunen, in die Tiefe aber gehen wir nicht, sind beide in einer Offlinewelt zueinander gekommen. Sie erzählt mir von ihren zahllosen Reisen, ist gewissermaßen eine Immerwiederweltreisende, die ihre Touren von Australien zu ihrem Sohn nach Colorado nutzt für Stopps an den unterschiedlichsten Orten der Welt.
Das Gespräch begleitet uns bis nach Fes. Ihre Vorfreude verstärkt meine, umgekehrt mag es ähnlich funktionieren. Ich wünschte, wir drehten die Zeit um wenigstens achtzig Jahre zurück, ich säße wahrhaftig ohne Laptop und Diskman da, müsste mich mit einem Notizbuch bescheiden ... und die Stadt Fes hätte dann auch keine Petite Taxis, sondern Pferdekutschen ...
Ich stelle mir Allah vor, der irgendwo auf seiner Wolke sitzt und sich das Gesingel der vielen Muezzins anhört. Wenngleich das schwierig ist, Allah wird nie abgebildet; statt dessen genießt der marokkanische König dieses Vorrecht im Übermaß. Vielleicht sollte mir behelfsweise den König als Inkarnation Allahs denken?
Rätselfrage:
Wie würden Islamisten reagieren, wenn ein europäischer Künstler ein Bild malte mit Allah als Gott auf einer Wolke? Mit Allah als verschleierte Frau? Genügte das für eine Fatwa?
Für Allah hat seine Gesichtslosigkeit einen Vorteil. Er kann tatsächlich alles sein, Haus, Wolke, Meer, und so viel Flexibilität muss ihm doch gewiss gut gefallen, auf diese Weise kann er sich wunderbar in alles einfühlen, überall zu Hause sein, das nenne ich wirkliche Freiheit: Unfassbar zu sein!
Hier in meinem Hotelzimmer sind mindestens vier Stimmen hörbar. Eine singt richtiggehend, langgezogen. Andere klingen nach Konserven, nach Stimmschonung via Tonband. Blechern sind sie alle. Getragen und zitternd zugleich. Mehr leid- als huldvoll heben sie unten an und starten dann in die höheren Singskalen - vom Boden in den Himmel hinein. Kein Rufen, das mich ehrfürchtig werden lässt. Von Religiosität kann ich darin nicht viel erahnen. Wie Sirenen, kommt es mir auf einmal in den Sinn.
Bislang sind mir die Bewohner von Tanger nicht sehr religiös erschienen. Abgesehen davon, dass ich mich von Mustafas Bild der Verbrecher und Halsabschneider lösen muss, worin sich selbstredend gleichfalls wenig Glauben an einen Gott erkennen lässt. Die Bewohner dieser Stadt erinnern mich von ihrem Ausdruck weit eher an sture Esel, die großen starren Augen und die leicht nach hinten geschobene Stirn; Esel nun sind für mich allerdings nicht eben die gottesfürchtigsten Tiere. In unserem Kulturkreis hätte man da lieber Schafe.
Wenn ich hier eine Religion erkenne, dann ist es die der Bescheidenheit. Reichtum und Angeberei ist zumindest in diesen Vierteln des Hafens nicht zu erkennen. Oftmals erscheinen sogar gerade die Benachteiligten am Protzendsten umherzugehen. Wie viele Blinde oder Menschen mit Augen, die zu winzigsten Schlitzen zusammengekniffen sind, durch die Gassen irren, mit oder gar ohne Stock. Männer, die sich auf Stöcke stützen, wie man sie problemlos vom Wegrand auflesen könnte. Frauen mit Babys auf dem Arm, am Straßenrand bettelnd wie bei uns die Zigeunerinnen. Entstellte, die ihre Entstellungen vorzeigen. Menschen mit Verwachsungen, die wie Kuriositäten anmuten in der Art, sich mit zwei seitwärts verwachsenen Klummfüßen noch besonders artistisch verdreht auf den Platz stellen und Schmerz und Leid simulieren.
In diesem Viertel herrscht eine Verwahrlosung der Straßen, die für mich beispiellos ist, ganze Plätze sind Ruinen, die Kinder spielen zwischen dem Unrat Ball, es wirkt auf mich, als habe hier wie in den Palästinensergebieten seit langen Zeiten ein Krieg gewütet. Der Tourist wird hier dennoch nicht weiter gewürdigt oder begafft, das erstaunt; aber das Treiben in den oft engen, übermenschenvollen Gassen ist trotz alledem flüssig und beinahe großstädtisch schnell.
Viele der Männer tragen Kutten mit direkt angenähten Hauben, die in einer Farbe gefärbt sind und erneut an das Mittelalter denken lassen. Wären die Träger dieser Kutten fröhlicher gelaunt und auch jüngeren Alters, ich könnte mich auf einem Hippiefestival vermuten. Die Menschen jedoch haben einen klaren Blick, der willensstark auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist. Welches Ziel, erschließt sich mir in den wenigsten Fällen.
Es bedarf einiger Gewöhnung dieser Kleidung. Insbesondere die der Männer irritiert mich. Die Frauen, von westlich-modern bis zur Vollverschleierung ist hier jede Bekleidung zu sehen, nehme ich weniger wahr. Obwohl präsent, geht von ihnen ganz automatisch ein Bannkreis aus, sie umgeben sich mit der Aura des Uninteressanten und fühlen sich darin, scheint es, auch pudelwohl. Die Männer haben, abgesehen von der Eselshaftigkeit ihres Ausdrucks (das ich als männliches Verhaltensmuster klassifizierte), einen mitunter kindlichen Gang. In ihren Schlappen sehen sie aus wie Jungen, die in ihren Schlafanzügen durch die Gänge eines Kurheims schlurfen.
Das marokkanische Essen indes ist abwechslungsreich, hat viele Geschmacksfacetten. Obwohl sonst eher mäklerisch, kann ich mich hier mit jedem Gericht anfreunden, auch welches bestellen, das mir dem Namen nach überhaupt nichts sagt. Die Gewürze sind raffiniert, neuartig. Das Essen nicht zerkocht wie mitunter in Europa ...
Second Tanger Story
Die löwenbraun geringelte Katze draußen quäkt wieder wie ein Säugling, ihre Ausdauer ist erstaunlich, ihre Verzweiflung grenzenlos. Erst der Muezzin übersingt sie, eine Verkündigung Gottes, der auf einmal wie eine Sirene klingt, Unheil androhen mag. Meine Stimmung ist auf Grund gelaufen, ich weiß selbst nicht, warum. Diese Stadt ist nicht einladend, kann es nicht sein und darf es auch nicht. Die Europäer haben hier zu viel Spuren hinterlassen. Schon die Römer hatten mit diesem Spiel der Kulturen begonnen. Fast ein Jerusalem war dieses Tanger, ein ewiger Zankapfel. Die Zerrissenheit ist Tanger immanent geworden.
Tanger means Danger.
Ich hätte mich in der Neustadt einmieten können, und doch wäre ich dann betrogen worden um diese besondere Wahrheit.
Erst jetzt stelle ich fest, dass ich die ganze Zeit über in ein Bidet uriniert habe. Warum ist eigentlich keine Toilette auf meinem Zimmer? Ich gehe hinaus, suche eine auf der Etage. Aber nirgends in der langen Zimmerflucht ist ein Hinweis, eine Nummer folgt der anderen. Ich will schon die Treppe hinab, zur Rezeption, als ich eine Tür aufgehen sehe. Ein Mann steckt den Kopf heraus; als er mich sieht, winkt er mir zu. Ich bleibe ratlos stehen. Er tritt aus der Tür, in seiner Hand hat er einen Kehrbesen. Aber ich starre nicht lange auf den Besen. Obwohl sein Gesicht jung ist, ist sein Haar merkwürdig weiß. Er sieht fahl aus, aber dennoch nicht krank, seine Augen, obwohl rötlich leuchtend, sind doch lebendiger und gewissermaßen fröhlicher als die Augen der meisten hier.
Ich finde, dass er jemandem ähnlich sieht.
Der Albino.
Er spricht mich auf Englisch an. Ob er mir helfen könne?
Ich frage ihn nach der Toilette. Er lächelt. Zieht die Tür hinter sich zu und winkt mir zu folgen. Wir gehen den Gang entlang, biegen um eine Ecke, steigen eine Treppe hoch. Dann geht es wieder um eine Ecke, und ich versuche mir nun mühsam, den Weg einzuprägen, was in dem Halbdunkel nicht einfach ist.
Er bleibt unvermittelt stehen, dreht sich um. Ich sehe ihn erstaunt an. In gutem Englisch erklärt er nun:
-Sie sind einer von uns. Ich habe ... ihr Zimmer gesehen.
-Aha?
-Ich kenne alle Zimmer, Sahijjb, sagte er stolz. Ich bin der Zimmerservice. Und glauben Sie mir, Sahijjb, ich kann viel erkennen daran, wie jemand ...
-Ja?
Er aber winkt mich weiter und erzählt, dass er englisch lerne und alles Geld spare, um nach England zu fahren. Man könne ihm helfen, sein Problem zu lösen. Welches Problem? will ich wissen. Repair, repair, sagt er nur und meint wohl das Problem mit seiner Haut!? Ich schüttelte den Kopf - das war doch Humbug. Aber er antwortet mir auch schon gar nicht mehr.
-Ist es noch weit? will ich wissen.
Längst laufen wir nicht mehr innen, sondern über die Dächer der Stadt, folgen einem schmalen Brückenbogen.
-Hier ist es, sagt er und öffnet eine Tür in einem der Dachwohnungen. Dort sitzt in der Mitte des Raums ein Mann auf einem Schemel.
-Was soll das? Was ist mit der ... Toilette?
Ich werde wütend, was wollen sie alle von mir? Warum respektiert keiner, was ich will, warum spielen sie mit mir beständig diese Entführungsspielchen? Diese ewigen Bevormundungen hängen mir zum Hals heraus.
-Der Mann dort kann mit Ihnen sprechen.
-Aha.
-Sahijjb, er spricht alle Sprachen der Welt. Wirklich alle, glauben Sie mir.
-Ja und weiter?
-Er freut sich über Besucher, deshalb habe ich Sie zu ihm geführt. Und ... ich führe wirklich nicht jeden hier hin, ganz bestimmt nicht, nur diejenigen ... denen es auch etwas bringen kann ... in ihrem Zimmer, Sahijjb, habe ich genau gesehen, dass Sie einer sind, der hierfür geeignet ist.
-Geeignet wofür? Was soll das?
-Es ist wichtig ... er ist wirklich ein besonderer Mann. Alle haben sie Angst vor ihm - alle. Viele wagen nicht einmal, mit ihm zu reden. Sie meinen, er könne auch Gedanken lesen ... ich lasse Sie jetzt allein!
-Aber wie ... finde ich dann wieder zurück? Diesen Weg kann ich unmöglich ...
-Ich werde warten. Draußen. Sie müssen mit ihm reden.
Damit verschwand er.
Der Mann saß mir mit dem Rücken zugewandt, und so blieb er auch sitzen. Er sprach tatsächlich meine Sprache, und fast ohne Akzent.
-Sie glauben es nicht. Tja.
-Woher wissen Sie, dass ich Deutscher bin?
-Ihr Akzent.
-Aha. Gewiss.
Das klang schlüssig.
-Ich wollte eigentlich nur ... aber der Mann vom Zimmerservice ...
-Er hat es gut gemeint ... er hat kein einfaches Leben. Er lebt versteckt. Das müsste er nicht, die wenigsten verhalten sich wie er, ich weiß nicht warum, es ist sehr ungewöhnlich. Aber er will es so. Und ... als Zimmerservice ... muss er ohnehin im Unsichtbaren arbeiten.
-Gut, meinetwegen.
-Es gefällt Ihnen nicht bei uns, nicht wahr?
So direkt hatte das bislang niemand ausgedrückt. Das waren ganz neue Töne, und ich musste ihm Recht geben.
-Ich habe Einfindungsschwierigkeiten, das stimmt.
-Bald finden Sie sich hier zurecht. Und dann wollen Sie eines Tages gar nicht mehr gehen.
-Wie viele Sprachen sprechen Sie?
-Es gab noch keinen Menschen, den man zu mir brachte, mit dem ich nicht hätte reden können.
-Nur reden? Oder ihn auch verstehen?
-Natürlich verstehen!
-Aha. Das wäre ... wirklich eine Weltsensation.
Jetzt drehte er sich um und sah mich an. Er war sehr dunkelhäutig, schon fast schwarz. Auch er erinnerte mich an jemanden.
-Wäre es, wäre es! Aber daran ist mir nicht gelegen.
-Warum nicht?
-Ich mag diese Nische hier. Keiner glaubt mir wirklich, und wie sollte ich es beweisen? Dazu wäre einiger Aufwand vonnöten.
-Sind Sie viel gereist?
-Es sind viele Leute zu mir gekommen; oder man hat sie zu mir gebracht.
-Aha.
-So wie Sie.
-Verstehe.
-Sie verstehen gar nichts.
-Da haben Sie wohl Recht.
-Sie sind verwirrt, man hat Ihnen den Kopf verdreht. Sie wissen nicht mehr, woran Sie sind, ja wer Sie selbst im Augenblick sind.
-Wenn man alleine reist, kann das schon vorkommen. Man verliert die Erdung. Jeden Tag sieht man so viele neue Dinge und kann sie doch nicht wirklich festhalten. Egal was man tut. Aber darum reist man ja auch. Um mal in seinen schrecklichen Gewohnheiten erschüttert zu werden.
Aber er hörte mir gar nicht recht zu:
-Sie fragen sich nicht, wie ich Sprachen beherrschen kann, die ich eigentlich gar nicht kenne?
-Es ist ja auch gar nicht möglich.
-Und wenn es doch möglich ist? Wenn jemand wie ich geboren wird und diese Gabe besitzt - so, wie ein anderer auch noch zwei Augen im Nacken hat?
-Oh, der würde sie nutzen, jede Wette.
-Warum? Soll ich als Dolmetscher um die Welt reisen? In Fernsehshows auftreten? Ach, das ist langweilig ... ich wäre doch nur ein Zirkustier, was sollte mir das bringen? Und ... irgendwann wäre man meiner überdrüssig. Vielleicht würde man mich sogar hassen.
-Warum das?
-Ich denke, man würde doch nur beständig nach einer Sprachlücke in mir suchen. Letztendlich hält man mich doch immer für einen Betrüger. Und woher will ich auch sicher wissen, dass ich wirklich alle Sprachen beherrsche? Bislang jedenfalls ... ist noch keiner gekommen, den ich nicht verstand.
-Man könnte eine Sprache erfinden ...
Er lachte.
-Sagen Sie mir, wozu ist diese Gabe denn wirklich nütze, was denken Sie?
-Nun, dennoch sitzen Sie hier und - wir reden von nichts anderem. Gänzlich egal ist Ihnen diese Gabe auch nicht.
-Es ist schwer, das alles zu vergessen. Ich habe es probiert. Doch mir fehlte etwas. Der Zimmerjunge weiß das, darum führt er mir Besucher aus fremden Ländern zu.
-Haben Sie sonst noch Gaben? Der Junge sprach von der Kunst des Gedankenlesens?
-Ach, stöhnte er auf und machte eine für mich unbestimmbare Geste mit den Händen. Es gibt eben noch viele andere Arten von Sprache. Der Zimmerjunge behauptet ja selbst, er könne schon aus der Art, wie jemand seine Sachen im Hotelzimmer ausbreite, auf diesen Menschen schließen. Er hat gewiss Recht. Es gibt viele Weisen zu sprechen. Nicht wahr? Sie als Tourist, der unsere Sprache nicht beherrscht, sie drücken sich doch auf eine andere Weise aus? Ihre Mimik, Gestik, all das wird gewiss stärker werden!
-Richtig.
-Das mit der Wahrsagekunst ist recht simpel. Ein Wahrsager kann seinen Klienten durchs pure Ansehen erschließen. Was er diesem über sein Leben erzählt, ist blanke Menschenkenntnis, nichts weiter. Er könnte auch sagen, Sie haben braunes Haar und sind 180 groß ... aber darüber würde dann jeder nur lachen. Was aber, wenn er den Charakter beschreibt? Gutmütig oder impulsiv, nervös oder schwerfällig, das alles ist sofort in jedem Gesicht zu erkennen. Auch das ist Sprache. Eine, von der die wenigsten wissen wollen ...
-Das also ist ihre Gedankenlesekunst?
-In etwa.
-Sie verraten viele ihrer Geheimnisse.
Das amüsierte ihn neuerlich sehr.
-Es sind doch noch keine Geheimnisse, mein Freund! Das sind bloß die einfachsten Oberflächen. Ich will Ihnen damit, wenn ich ehrlich bin ... eigentlich nur ein bisschen imponieren.
-Aha. Imponieren. Und wieso?
-Ich sehe, dass Sie das brauchen. Sie brauchen neue Fragen, neue Rätsel. Deshalb sind sie hierher gekommen. Das Leben in ihrer Welt war Ihnen zu langweilig. Sie brauchen Missverständnisse, Sie brauchen Fehler.
-Hm ... also am dringlichsten brauche ich jetzt eine Toilette ... Der Mann grinste. Deutete mit dem Finger den Gang entlang. Ich sollte also noch weiter gehen, mich noch weiter entfernen von meinem Hotel?
-Sie glauben mir nicht? Nun ... wenn ich eine Stufe tiefer gehe, was meinen Sie, sehe ich dann? Ganz egal, was Sie noch anfangen werden in ihrem Leben, Sie werden immer wieder diese ihre Welt über den Haufen werfen wollen, irgendwann. Aus purer Langeweile.
-Oder aus Angst.
Er runzelte die Stirn.
-Oder das. Etwas treibt Sie weiter. Es nagt ganz tief innen, und Sie mögen das sogar. Geben Sie es zu. Manchmal, da führt es Sie sogar, es hat große Macht. Es tut mit Ihnen auch das, was Sie eigentlich nicht wollen. Immer wieder. Am Besten, Sie sagen Danke.
-Ich muss. Entschuldigen Sie.
-Danke.
-Wofür?
-Sie haben mir geholfen.
-Womit?
-Nein, nicht mit der Sprache, wenn Sie das meinen. Gehen Sie nun. Ich schicke Ihnen den Zimmerjungen, er bringt Sie zurück.
Nach Fes (dez*19)
Im Morgenzug. Ins Land. Hingewürfelte Häuser, ausgeblässt, windfarben. Bunker, sich aus Grün und Erdgrau schraubend. Menschen mit Esel, Esel mit Menschen. Wiesen durchtanzt von einem Meer an Plastiktüten, im Bodenwind zitternd.
Ein flachgelegtes Haus, die Decke über die zerbrochenen Mauern gebreitet wie eine Decke über einen im Tod Entschlafenen. Wellblechbaracken. Morgensonne, die tief steht und noch weite Schatten wirft.
Die andere Seite Andalusiens. Trockene Leidenschaft. Gelbmatten, knapp gehaltene Wiesen. Milchiges Licht über der Landschaft. Hügeltopografie, landeinwärts. Verzitterte Impressionistenwolken, kreuz und quer verstrichene Weißflusen, zerfledderte Baumwolle, Watte.
Blicktiefe, Tiefblicke: Das Tal. Ein Eselsreiter auf weiter Flur. Grün stuft sich die Anhöhe herauf, wird grauer. Weltverlassenheit. Ein Schafhirte. Drei Hirten mit Kuh umstehen einen Strommasten, lehnen sich dagegen. Ihr Blick richtet sich zum Zug und sieht doch durch diesen mitten hindurch.
Die Ränder der Stadt sind verwüstet und verschmutzt (wie an allen Stadträndern der Welt?), die weiten Landstriche hernach beinahe schon satt in Farbe und Musterung.
Eigenartig, dass Frauen und Knaben den Zug mit Steinchen bewerfen - was für eine Bedeutung das haben mag? Eine Urablehnung der französischen Besatzer, die diese wenigen Zuglinien geschaffen haben und noch immer mehr oder minder in Alleinregie betreiben? Ihre Gesichter sind seltsam emotionslos dabei, ihre Körper voller Routine, als erfüllten sie eine alltägliche Aufgabe. Oder es ist anders und der Romantiker in mir will darin keine Wut, sondern ein Ritual lesen, eine grobe Zärtlichkeit vielleicht.
Und der Europäer in mir will ruhig weiterdösen.
Ich sehe Frauen auf ihren Eseln reiten, sehe Knaben, die Eselspflüge durch Felder steuern, und während ich mit dem ONCF zwischen dieser Landbevölkerung hindurchschwebe, komme ich mir zusehens vor wie in meinem Pharao-Computerspiel. Ich höre wieder die leise, meditative Musik, die den Wechsel der Jahreszeiten markiert, sehe Felder bewässert werden, höre die Vögel singen und freue mich über das schnelle Wachstum meiner neu geschaffenen Katensiedlungen.
All diese Landmenschen hier gehören für mich in eine andere Epoche, wollen geradezu mit Aufträgen versehen, in Strukturen gegossen, nutzbar gemacht werden. Der Europäer in mir ist wieder erwacht mit seinem Hang, die Welt zu organisieren, sitzt in seinem Zug und staunt darüber, wie diese Menschen oft tatenlos auf ihren Feldern stehen und den Zug begaffen, der an ihnen vorbeifährt.
Der Knopf im Ohr macht Musik dazu: Die fabelhafte Welt der Amelie. Ein sonniger Tag, angenehme Temperaturen. Dennoch tragen die Menschen hier vornehmlich Mützen oder sind gleich in ihre Ku-Klux-Klan-Gewänder gehüllt, welche ganz oben am Abschluss von einer Zipfelmütze in einer Art Zaubermärchen gipfeln. Die Städte, durch die ich fahre, wirken provisorisch, sind scheinbar weder alt noch neu; Straßen aus Staub, Schlammpfützen. Die Häuser offenbar nur deshalb weißgestrichen, um nach dem ersten Sandsturm schon schäbig aussehen zu dürfen.
Infeldernsteher und Zugbegucker insbesondere am Stadtrand: Reglos stehen sie im Abstand von vielleicht fünfzig Schritten, Männer Frauen Kinder, niemals in Gruppen, immer allein, immer auf einer leichten Anhöhe. Gaffen ziellos drein und wirken auf mich in ihrer Reihung soldatisch und verträumt zugleich.
Ihre ungewöhnliche, schon unmenschliche Statik reizt mich besonders, kitzelt einen empfindlichen Punkt in mir, ich möchte lachen und lächle wenigstens; diese Menschen dort wirken wahrhaftig wie skulptiert, schöne Gespenster, denen man sich zugesellen wollte, nur um zu spüren, wie sich das wohl anfühlt, dort auf den flachen Hügeln skulptiert zu stehen ... ich möchte sie kneifen, auf ihre Echtheit überprüfen.
Dabei weiß ich es längst; sie sind echter noch als ich.
Nur gelegentlich sieht man ein Auto. Die Straßen, auf denen sie fahren, sind als solche nicht immer zu erkennen, manchmal wirkt es, sie reichten mitten durch die Felder, die blanke Landschaft. Die Sonne spielt in dem Kraftgrün, das zwischen urschwarzen Erdbrocken sprießt, keine Handbreit hoch. Weideland ist das nicht; was dann?
Hellblaues Weggeblüm bringt ungewohnte Farbe ins Spiel. Auch diese Landschaft hier könntest du anziehen. Oder zwischen deinen Zähnen zerkauen, sogar die weißen Steine, wie Schwämme zerlöchert. Weidenstümpfe, ein Gelbgrünbüschel aufgesetzt wie eine Perücke. Der Strom fließt die Felder entlang.
In "Amelie" hörst du die Schreibmaschine. Oder eine Schere, die schnappt? Was ist das, Ohr? Du wirst dir den Film noch einmal ansehen müssen und jene Stelle suchen.
Irgendwann.
Das Schifferklavier macht in seiner Fröhlichkeit herzlich traurig. Kinder und Esel. Spielgefährten? Kakteenhaine. Schafe mit viel zu wolligem Umhang. Wir halten. Halten nirgendwo. Laute Stimmen vorne im Zug. Amelie aber spielt weiter, kümmert sich nicht darum, spielt ihr Schifferklavier darüber hinweg, munter wie immer. Gleich wird sie sich von Oum Kulthum beerben lassen. Um den Kontrast besonders zur Geltung zu bringen zwischen den Kulturen, den musikalischen Harmonien. Ein Thema, ein weites Feld ...
Das Landesinnere Richtung Meknes ist noch arider als die Küstenregion. Der Himmel strahlblau, die Temperatur erstmals wirklich sommerlich. Europa, du Regenverwöhnte! Ich sehe Zitrusplantagen, neuerlich Kakteenwälle, die eher meiner Vorstellung von Mexiko entsprechen.
Ob alle Landschaften schön sind? Ich bevorzuge Abwechslung. Mein Auge ist mein erstes Organ auf der Reise. Andere erschließen sich Neuheiten mit der Nase, ich möchte sehen, der Zug ist hierfür das beste Verkehrsmittel. Andere mögen spüren, den eigenen Puls: sie fahren lieber im eigenen Wagen durch dieses Land.
Spätestens am dritten Tag des Genusses marokkanischer Küche ereilt den Reisenden aus Europa in der Regel eine Magenverstimmung oder gar Durchfall - erklärt der Reiseführer. Ich blieb bislang verschont, einmal mehr erweist sich mein Magen als esskulturflexibel, und wenn mich sonst nur wenig als Reisenden in fremde Kulturen qualifiziert, diese Resistenz gegen fremde Erreger macht viele andere Mängel wett. Oh, besser noch, ich genieße die Vorliebe der Marokkaner für Gewürze und Gewürzmischungen, deren Küche ist mir sehr sympathisch.
Gestern, von einem Touristenfänger (noch ein Mustafa ... oh-Mustafa-oh-Mu-hu-ustafa ...) in eine Berberapotheke mitgeschleppt, wurde ich in die Färbekünste des Safrans eingewiesen, durfte das Echtrot sich unter Hinzugabe von Wasser in leuchtorange verwandeln sehen, zudem zeigte man mir die Verwendung von Eukalyptus, Naturseifen, die Knollen von Aphrodisiaka, auch ließ man mich an diversen Gewürzmischungen schnuppern. Das Haptive wird hier ganz besonders betont, alles soll man riechen und zwischen den Fingern reiben, anfassen, fühlen. Vielleicht, damit man eine persönliche Beziehung aufbaut zu dem Kaufbaren. Sich mit ihm anfreundet.
Vielleicht.
Der Apotheker war ein lustiger Mensch, besaß große Entertainerqualitäten. Sein Laden war groß und feilsortiert, in hohen Regalen standen glänzende hochragende Gläser, zweidrittels mit diversen Blättern, Knollen, Wurzeln gefüllt. Beeindruckend, wie wenig es in dem Laden roch. Ich dachte an eine Apotheke in Deutschland, wo heute nur noch Pillen abgegeben werden, das Auge nichts mehr zu sehen bekommt und auch die Nase nichts zu riechen, wo die Sinnlichkeit völlig verloren geht.
Angesichts des fröhlichen, herzlichen Apothekers wurde mir bewusst, wie wichtig es für ihn sein muss, selbst gesund zu sein, im besten Fall hat er ein blühendes Leben. Und da kam mir die Geschichte eines kranken Apothekers in den Sinn - was kann es Schlimmeres geben? Vielleicht nur noch einen kranken Arzt?
ladylike
In dem Abteil sitzt mir nun eine Frau in den mittleren Jahren gegenüber. Mir gefallen ihre grauen Schläfen (kurzgeschoren), ihre aufrechte Haltung verweist auf innere Größe, ihr ruhiges, zielvolles Gesicht auf Ausgeglichenheit und Wissen um sich selbst und die Welt. Sie unterhält sich hin und wieder mit dem Marokkaner, kann einige Brocken Arabisch. Zwischendurch nutzen sie auch Französisch für ihre Unterhaltung.
Ich indessen höre Musik und schreibe dazu. Sehe hin und wieder zu dem gut gekleideten Mann, in dessen Augen ich erstmals überhaupt in diesem Land eine latente Geringschätzung erkennen kann. Ein seltenes Moment, und doch ist jenes Unbehagen mir schon wieder sympathisch. Oh, hier werde ich erkannt als der, der ich wirklich bin. Elende Welt, wo selbst der ärmste Europäer im ärmsten Land der Welt als reich gilt, egal wie zerknittert seine Kleider oder krumm und geschwärzt seine Zähne sind.
(Ob jemals versucht wurde, auch das ärmste Land der Welt zu ermitteln? Woran man das wohl bemäße? Wenn Bill Gates der reichste Mensch der Erde ist, wer wäre der Ärmste? Ein indischer Fakir, der von der Luft lebt?)
Als der Marokkaner das Abteil verlässt, bin ich mit der Frau allein. Noch reden wir nicht. Ich sehe hinaus, im Inneren des Landes dörrt die Landschaft merklich aus, wird die Topografie selbst spürbarer. Wir gewinnen an Höhe, vermutlich nur eine gefühlte Höhe, und doch, für mich muss es aufwärts gehen, um Fes zu erreichen; nicht nur, weil wir das Meer verlassen. Für mich muss Fes weit über dem Meerespiegel liegen, Burg sein wie es sonst auf diesem Planeten nur Toledo kann!
Fes, die Feste!
Es ist die Frau, die mich anspricht. Sie stammt, obgleich ich ihr das erst nicht glauben mag, aus Australien. Ich kenne die Australier, insbesondere die Sydneyer, war selbst eine Woche dort gewesen und hatte doch nie eine Dame getroffen wie diese. Sie ist für mich weit eher eine britische Lady, ja, eine wirkliche Dame, und ihre Gestik und Mimik lässt sie für mich eher als eine Orientreisende früherer Zeiten erscheinen.
Alleinreisend als Frau, das sei gar nicht so leicht, erklärt sie, und bewirbt indirekt ihren Mut, will Komplimente von mir erhalten, und bekommt sie auch. Wir reden. Sie erklärt, eine der ersten Mitarbeiterinnen in dem Projekt "Internet" gewesen zu sein, in den Vereinigten Staaten der 70er Jahre. Ich spreche von Alan Turing und von den Basics, die heute für den Programmierer verloren gegangen scheinen, wie etwa dem Mythos (für mich ist es einer), warum eigentlich auf einen simplen Tastendruck auf der Benutzeroberfläche des Screens oder früher durch ein Zauberwort plötzlich ein Fenster aufgeht.
Windows - für mich ist jedes davon ein Zauberfenster.
Auch die Lady teilt mein Erstaunen, in die Tiefe aber gehen wir nicht, sind beide in einer Offlinewelt zueinander gekommen. Sie erzählt mir von ihren zahllosen Reisen, ist gewissermaßen eine Immerwiederweltreisende, die ihre Touren von Australien zu ihrem Sohn nach Colorado nutzt für Stopps an den unterschiedlichsten Orten der Welt.
Das Gespräch begleitet uns bis nach Fes. Ihre Vorfreude verstärkt meine, umgekehrt mag es ähnlich funktionieren. Ich wünschte, wir drehten die Zeit um wenigstens achtzig Jahre zurück, ich säße wahrhaftig ohne Laptop und Diskman da, müsste mich mit einem Notizbuch bescheiden ... und die Stadt Fes hätte dann auch keine Petite Taxis, sondern Pferdekutschen ...
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 7 Gäste