... von Zwiebeln geträumt
... von Zwiebeln geträumt
Ich sehe Wasser, Wasser dort oben, siehst du das nicht? Wer sind die Männer? Da laufen Männer. Sag mal, da ist doch eine Frau im Zimmer, die scheuert, den Boden scheuert? Wo ich bin? Das hier ist ein Gasthaus ... unten in der Küche da machen Sie das Essen. Die haben mir fei meine Gedanken gstolln! Ich hab das Leben satt. Jetzt geht es abwärts. Muss ich jetzt sterben? Ich hab von Zwiebeln geträumt. Ich seh schlimme Dinger. Da ist diese Musik, immer diese Musik. Arbeitest du hier? Weil du dich hier so gut auskennst? Wie lange ich hierbin? Einen Tag. Was? Drei? Nein ... die haben mir meine Gedanken gestohlen. Ich bräuchte jemanden, der mir zur Hand geht. Denkst du viel an Schönbach? Ja, freilich. Viel. Ich fürcht mich. Da fürcht ich mich. Wenn halt das Zeug nicht mehr funktioniert. Ich weiß doch auch nicht. Steig mir aufn Frack! Wer kauft mir ein? Und wer kauft mir dann ein? Siehst du das Wasser? Das läuft da die ganze Nacht! Und kalt ... kalt ist das! Ich will hier nicht bleiben! Ich will nach Hause ... wo? Wo ich leb? Na in der Schlossstraße. Nicht? Schlimme Bilder, richtig schlimme Bilder, die ganze Nacht. Und Musik. Wer ist der Mann da? Was ist eigentlich für ein Monat? Jännar? Im Sommer musst du wieder kommen. Den Sommer ... ob ich den noch erleb? Ja wenn’s Sommer wär, dann ... da freu ich mich, da freu ich mich! Na freilich! Und wer kauft mir ein? Zwiebeln? Nein ... mir ist kalt. Doch, ich hab geschlafen, ganz gut geschlafen. Freilich. Ich darf nach Hause? Ja! Was? Erst morgen? Nein ... warum erst morgen? Da waren ganz viele Männer gekommen. Bestimmt zehn, die standen um mein Bett. Die lernen an mir. Ja, Ärzte, aber auch ganz junge, und alle haben mich was gefragt. Was soll das? Einen Zirkus macht ihr da mit mir! Muss ich sterben? Was haben die Ärzte gesagt? Sagts mir doch. Doch, Tee. Und Nudeln, innen warn die ganz leer. Alsou sourwos. Wie geht’s dir? Schlecht. Sehr schlecht! Im Rücken tuts weh. Wenn ich wieder wier, dann ... und wenn ich nicht mehr wier ...
Re: ... von Zwiebeln geträumt
Nanu, diesen Text habe ich aber mal gründlich übersehen - der steht ja schon einen Monat herinnen. Und, um es gleich vorweg zu sagen: Deine Träume möchte ich nicht haben, Tolya.
Ernsthaft: Auf den ersten Blick wirkt der Text ziemlich konfus und verschroben, aber - und das ist eine besondere Qualität - eben auch wirklich traumhaft. Träume haben keine Logik und die seltsamen Assoziationen des Traumbewusstseins in Sprache zu fassen, gelingt nur den wenigsten. In dieser Beziehung finde ich diesen kleinen Text hier wirklich gelungen.
Durch das Stakkato der kurzen Sätze, durch die vielen Bildsprünge, durch die zahlreichen Fragen - wird man richtig mitgerissen beim Lesen. Alles verschwimmt miteinander: Zeit, Raum, Menschen.
Und vor allem: Die beklemmende Bildlichkeit, die Bedrohungen und Ängste eines richtigen Albtraums werden hier nachfühlbar gemacht ...
Aber es gibt auch ein paar Stellen, Tolya, wo mir dein Text zu deutlich - oder sagen wir - zu (traum)deutend wird, ein wenig zu bewusst, zu reflektiert, zu allgemeingültig:
Meine Lieblingsstelle ist:
Das hat - bei aller Beklemmung - wirklich etwas, das an Jahrmarkt oder Zirkus erinnert - an ein tragisch-komisches Kuriositäten-Kabinett, in dem die banalsten Dinge des Alltags (z.B. Wasser, Zwiebeln, ein Mann) übermäßig bedeutsam werden. Ein Theater, in dem uns ein Wechselspiel von Angst und Belustigung geboten wird.
Die Zwiebel kann - und das ist sicher überinterpretiert - auch ein Symbol für das Unterbewusste selbst sein - für die verschiedenen Schalen (Stufen? Ebenen? Welten?), also die Vielschichtigkeiten, aus denen sich unsere konstruierende Realität zusammensetzt und von der wir tagsüber - im Wachzustand - im Endeffekt vielleicht nur einen funktionalen und gefilterten Bruchteil wahrnehmen. Sind Träume nur Spiegelbilder dessen, was wir erlebt haben - oder ein simpler Backup- und Reinigungsmodus des Gehirns? Die Aborigines, die australischen Ureinwohner, glaub(t)en ja an die "Traumzeit", daran, dass die Welt des Traumes eine eigene Art von Wirklichkeit darstellt. Vielleicht sogar die Wirklichkeit.
Wie auch immer: Text gefällt dem Herrn Rezensenten. :ja:
MfG,
[) i r k
Ernsthaft: Auf den ersten Blick wirkt der Text ziemlich konfus und verschroben, aber - und das ist eine besondere Qualität - eben auch wirklich traumhaft. Träume haben keine Logik und die seltsamen Assoziationen des Traumbewusstseins in Sprache zu fassen, gelingt nur den wenigsten. In dieser Beziehung finde ich diesen kleinen Text hier wirklich gelungen.
Durch das Stakkato der kurzen Sätze, durch die vielen Bildsprünge, durch die zahlreichen Fragen - wird man richtig mitgerissen beim Lesen. Alles verschwimmt miteinander: Zeit, Raum, Menschen.
Und Musik. Wer ist der Mann da? Was ist eigentlich für ein Monat? Jännar? Im Sommer musst du wieder kommen.
Und vor allem: Die beklemmende Bildlichkeit, die Bedrohungen und Ängste eines richtigen Albtraums werden hier nachfühlbar gemacht ...
Da waren ganz viele Männer gekommen. Bestimmt zehn, die standen um mein Bett. Die lernen an mir. Ja, Ärzte, aber auch ganz junge, und alle haben mich was gefragt.
Aber es gibt auch ein paar Stellen, Tolya, wo mir dein Text zu deutlich - oder sagen wir - zu (traum)deutend wird, ein wenig zu bewusst, zu reflektiert, zu allgemeingültig:
Schlimme Bilder, richtig schlimme Bilder, die ganze Nacht.
Was soll das? Einen Zirkus macht ihr da mit mir! Muss ich sterben?
Meine Lieblingsstelle ist:
Die haben mir fei meine Gedanken gstolln! Ich hab das Leben satt. Jetzt geht es abwärts. Muss ich jetzt sterben? Ich hab von Zwiebeln geträumt.
Das hat - bei aller Beklemmung - wirklich etwas, das an Jahrmarkt oder Zirkus erinnert - an ein tragisch-komisches Kuriositäten-Kabinett, in dem die banalsten Dinge des Alltags (z.B. Wasser, Zwiebeln, ein Mann) übermäßig bedeutsam werden. Ein Theater, in dem uns ein Wechselspiel von Angst und Belustigung geboten wird.
Die Zwiebel kann - und das ist sicher überinterpretiert - auch ein Symbol für das Unterbewusste selbst sein - für die verschiedenen Schalen (Stufen? Ebenen? Welten?), also die Vielschichtigkeiten, aus denen sich unsere konstruierende Realität zusammensetzt und von der wir tagsüber - im Wachzustand - im Endeffekt vielleicht nur einen funktionalen und gefilterten Bruchteil wahrnehmen. Sind Träume nur Spiegelbilder dessen, was wir erlebt haben - oder ein simpler Backup- und Reinigungsmodus des Gehirns? Die Aborigines, die australischen Ureinwohner, glaub(t)en ja an die "Traumzeit", daran, dass die Welt des Traumes eine eigene Art von Wirklichkeit darstellt. Vielleicht sogar die Wirklichkeit.
Wie auch immer: Text gefällt dem Herrn Rezensenten. :ja:
MfG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)
Re: ... von Zwiebeln geträumt
Ach, noch zwei Fragen:
Wer ist Schönbach?
Den Schlusssatz versteh ich nicht. Was heißt "wier"? Irgendwie assoziere ich damit "wiehern", weiß auch nicht, warum. Aber so richtig passen tut das nicht.
Denkst du viel an Schönbach? Ja, freilich. Viel.
Wer ist Schönbach?
Wenn ich wieder wier, dann ... und wenn ich nicht mehr wier ...
Den Schlusssatz versteh ich nicht. Was heißt "wier"? Irgendwie assoziere ich damit "wiehern", weiß auch nicht, warum. Aber so richtig passen tut das nicht.
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)
Re: ... von Zwiebeln geträumt
Salut, lieber Dirk,
danke fürs Gegenlesen!
Der Text ist ein eigenartiger Text, der gar nicht zu meiner Schreibe passt, weil er ... größtenteils Zitat ist.
Er hat viel mit dem Träumen zu tun, aber in diesem Fall sind die Worte alle Worte des Wachseins, der Realität. Sie sind ein Sprechen über den Traum beziehungsweise etwas als traumhaft erscheinendes.
Es sind die Worte einer 95jährigen Frau, die auf der Intensivstation an den Infusionen liegt, auch im Geist dehydriert ist und deswegen sonderbare Erscheinungen, Erscheinungen der Angst hat.
Sie ist, obwohl wieder wach, gleichzeitig nicht voll ansprechbar. Sie deliriert halb, obwohl sie kein Fieber hat. Sie hat nicht mehr den vollen Zugang zu allen Arealen ihres Gehirns und Erinnerungsvermögens.
Sie ist nur noch ein Viertel Mensch, ein Viertel Gehirn ... bestenfalls. Diese alte Frau bedeutet mir sehr viel, sie hat mein Leben begleitet und ich ihres. Es hat mich sehr beeindruckt, was sie mir auf ihrem Krankenbett liegend erzählt hat.
"Alles verschwimmt miteinander: Zeit, Raum, Menschen."
Ja, das ist gut beobachtet.
Das monierst du als "zu allgemeingültig": Schlimme Bilder, richtig schlimme Bilder, die ganze Nacht.
Vielleicht, weil ich da verrate, dass hier jemand erzählt (bzw. indirekt erzählerisch wiedergegeben wird), er würde jetzt in dem Moment nicht delirieren, und doch wirkt ja der Inhalt der Worte sehr deliriös.
Ja, das war auch mein Liebling. Es sollte aber "gschtolln" heißen. Hier noch eine Anmerkung zur Sprache: Es ist egerländerischer Dialekt, den ich hier aufnehme. Daher auch "Schönbach", ein Dorf an der heutigen Grenze zur Tschechei, in den damaligen Sudetengebieten.
Und das "wier", ja, das ist unschön. Sie meinte: "Wenn ich wieder werde ... nicht wieder werde" ... gesund werde, war damit gemeint.
Die Zwiebel, die du interpretierst, ist mir durch deine Deutung plötzlich auch schlüssig. Ja, genau, das Unterbewusste kann damit chiffriert sein. Die Verschalungen des Geistes, dieses Mal-in-der-einen-Schale-Denkens, dann in der anderen. Wir nehmen uns sonst als ganz war, die alte Frau aber merkte, dass sie nicht mehr alles zusammen brachte. Und glaubte sich bestohlen um ihre Gedanken.
Ja, "Traumzeit" ist ein tolles Buch, hast du es gelesen? Ich meine das von Hans Peter Duerr, dem Ethnologen.
Auch Chatwin hat ein Buch geschrieben, das ich sehr mag: "Traumpfade" ...
Vielen Dank nochmal,
auf Bald,
Tolya
danke fürs Gegenlesen!
Der Text ist ein eigenartiger Text, der gar nicht zu meiner Schreibe passt, weil er ... größtenteils Zitat ist.
Er hat viel mit dem Träumen zu tun, aber in diesem Fall sind die Worte alle Worte des Wachseins, der Realität. Sie sind ein Sprechen über den Traum beziehungsweise etwas als traumhaft erscheinendes.
Es sind die Worte einer 95jährigen Frau, die auf der Intensivstation an den Infusionen liegt, auch im Geist dehydriert ist und deswegen sonderbare Erscheinungen, Erscheinungen der Angst hat.
Sie ist, obwohl wieder wach, gleichzeitig nicht voll ansprechbar. Sie deliriert halb, obwohl sie kein Fieber hat. Sie hat nicht mehr den vollen Zugang zu allen Arealen ihres Gehirns und Erinnerungsvermögens.
Sie ist nur noch ein Viertel Mensch, ein Viertel Gehirn ... bestenfalls. Diese alte Frau bedeutet mir sehr viel, sie hat mein Leben begleitet und ich ihres. Es hat mich sehr beeindruckt, was sie mir auf ihrem Krankenbett liegend erzählt hat.
"Alles verschwimmt miteinander: Zeit, Raum, Menschen."
Ja, das ist gut beobachtet.
Das monierst du als "zu allgemeingültig": Schlimme Bilder, richtig schlimme Bilder, die ganze Nacht.
Vielleicht, weil ich da verrate, dass hier jemand erzählt (bzw. indirekt erzählerisch wiedergegeben wird), er würde jetzt in dem Moment nicht delirieren, und doch wirkt ja der Inhalt der Worte sehr deliriös.
Die haben mir fei meine Gedanken gstolln!
Ja, das war auch mein Liebling. Es sollte aber "gschtolln" heißen. Hier noch eine Anmerkung zur Sprache: Es ist egerländerischer Dialekt, den ich hier aufnehme. Daher auch "Schönbach", ein Dorf an der heutigen Grenze zur Tschechei, in den damaligen Sudetengebieten.
Und das "wier", ja, das ist unschön. Sie meinte: "Wenn ich wieder werde ... nicht wieder werde" ... gesund werde, war damit gemeint.
Die Zwiebel, die du interpretierst, ist mir durch deine Deutung plötzlich auch schlüssig. Ja, genau, das Unterbewusste kann damit chiffriert sein. Die Verschalungen des Geistes, dieses Mal-in-der-einen-Schale-Denkens, dann in der anderen. Wir nehmen uns sonst als ganz war, die alte Frau aber merkte, dass sie nicht mehr alles zusammen brachte. Und glaubte sich bestohlen um ihre Gedanken.
Ja, "Traumzeit" ist ein tolles Buch, hast du es gelesen? Ich meine das von Hans Peter Duerr, dem Ethnologen.
Auch Chatwin hat ein Buch geschrieben, das ich sehr mag: "Traumpfade" ...
Vielen Dank nochmal,
auf Bald,
Tolya
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