....oder auch: Dumm gelaufen.
Auf dem Polizeirevier am 25.März 2006. Ich bin nervös, zittere und wünschte, ich dürfte rauchen. Aber das erlauben sie mir nicht. Es ist ein Nichtraucherbüro. Die beiden Beamten vor mir kennen da kein pardon. Der jüngere schon gar nicht. Er sieht aus, als würde er noch bei seiner Mami wohnen, die ihm das Rauchen verboten hat. Der ältere hat es sich sicherlich nach vielen Jahren endlich abgewöhnt. Die Ex-Raucher sind die Schlimmsten. Aber das tut nichts zur Sache. Ich soll die Geschichte erzählen. Zum x-ten Mal. Der Junge schaut gelangweilt auf seine Armbanduhr, der Ältere scheint Mitleid mit mir zu haben, und er bemüht sich, mich nicht offenkundig abzustempeln. Ich erzähle es ihnen also nochmal. Die Tippse, die ebenfalls im Zimmer sitzt, tippt munter in ihre Tastatur. Genau so als würde sie einen fröhlichen Kinderreim zu Papier bringen. Ich würde ihr wahnsinnig gerne an ihre hässliche Gurgel gehen.
Ich kann mich nicht genau erinnern, an welchem Tag ich zum ersten Mal bemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Ich bemerkte die zusätzliche Kaffeetasse im Spülbecken nicht, obwohl sie jeden Abend da stand, wenn ich aus dem Büro nach Hause kam. Auch nicht, dass abends mein Badehandtuch vom Morgen an einem anderen Haken hing. Nicht meinen getragenen BH, der von der Wäschetruhe wie von selbst wieder auf den Badewannenrand gewandert war.
(Der Milchbubi Beamte seufzt auf und schaut erneut auf seine Arbanduhr)
Ich bemerkte nichts von all den Dingen, die in meiner Wohnung vor sich gingen, wenn ich nicht da war, oder auch, wenn ich schlief. Klar, ich lebe allein, aber gerade deshalb erwartet man nicht, dass etwas anders sein könnte, wenn man zurück kommt. Meine Schwester wohnt im Appartment nebenan, und geht bei mir ein und aus. Denkbar, dass sie sich am Morgen den Rest aus meiner Kaffeekanne genehmigt hat. Wie gesagt, ich habe nie darüber nachgedacht und auch nie darauf geachtet, ob irgendwas anders ist.
(Der Ältere nickt angestrengt ermunternd, bevor sein Blick abwesend zur Tür abschweift.)
Letztendlich waren es auch nur Kleinigkeiten, die anders waren. Solche, die man nicht wirklich fassen kann. Habe ich den BH wirklich in den Wäschekorb geworfen, oder hatte ich es nur vorgehabt? Habe ich mein Handtuch vielleicht selbst an den ungewohnten Haken gehängt? Ich hätte nie geglaubt, dass es möglich ist, mit jemandem zusammen zu wohnen, ohne es zu wissen oder zu bemerken. Jemand betritt deine Wohnung wie selbstverständlich jeden Tag und auch in der Nacht. Sitzt neben dir am Bett und schaut dir beim Schlafen zu. Benutzt deine Dusche und dein Handtuch, sobald du zur Tür hinaus bist. Fischt sich deine getragene Unterwäsche aus dem Wäschekorb und legt sich damit in dein Bett. Trinkt anschliessend die Reste deines Frühstückskaffees und ruht sich auf deinem Sofa aus. Liest die Tageszeitung. Deine Zeitung, wohlgemerkt, und du ärgerst dich über deine Schwester, die dir jedesmal die Zeitung durcheinander bringt. Letztlich ist es dir aber doch nie so wichtig, dass du dich mit ihr darüber streitest.
(Der Milchbubi Arsch zieht die Augenbrauen hoch und trommelt dann munter mit den Fingern der rechten Hand auf dem Schreibtisch herum)
Jemand vollkommen Fremdes liest deine Tagebücher und onaniert auf deine Urlaubsfotos!
(Der Milchbubi Beamte schaut erstaunt interessiert auf, und ich bohre meinen wütenden Blick in seine stumpfsinnigen Augen)
Ja, und dann kommt irgendwann der Tag. Der Tag, an dem du ihn bemerkst. Ihm begegnest. Im Nachhinein werden dir viele Dinge klar. Dinge, die dir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken treiben. Dinge, die dir nachträglich eine Nacht bescheren, in der du dich pausenlos übergeben musst vor lauter Ekel. Letztendlich bin ich froh, dass ich noch die Möglichkeit hatte, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen. Hätte ja auch anders kommen können. Plötzlich stand er da. Vor mir. Oder vor der Haustür, wie auch immer. Wahrscheinlich hat er mitgekriegt, dass ich verabredet war. Sicherlich hat er mich beobachtet, wie ich mich im Bad zurecht gemacht habe. Normalerweise schminke ich mich nicht. Doch an diesem Abend hatte ich mein kleines Make-Up Etui ganz hinten aus dem Badezimmerschrank gefischt und mich sorgfältig angemalt. Ich habe mich auch besonders angezogen. (Der Ältere hebt fragend den Blick)
Naja, ich hatte einfach Lust auf diesen Typen, den ich im Büro kennengelernt habe. Ein Kollege aus einer anderen Filiale. Nichts Ernstes. Nur einen One-Night-Stand sollte es werden. Meine Güte, ich bin solo. Also was soll`s? Ich habe mich aufgedonnert und wollte diesen Typen aufreissen, wie auch immer. Ist doch wohl in Ordnung, oder?
Nur daraus wurde nichts. Dieser Widerling stand plötzlich vor mir und fragte: „Wo willst du hin?“ Ich schrie auf und wich zurück. Ich habe ihn gefragt, wer er ist, und was er von mir will. Vor allem, was er in meiner Wohnung zu suchen hat. Er stürmte auf mich zu, drehte mir den Arm auf den Rücken und schrie mich an. „Das hast du dir so gedacht, du verdammte Nutte! Donnerst dich auf für irgendeinen Schweinehund. Ich bin dein Mann! Hörst du mich? Ich! Verflucht – ich! Und kein anderer“ Dann schlug er wie wahnsinnig auf mich ein und verpasste mir diese Platzwunden und blaue Flecken.
(Ich blicke dem Älteren ernst ins Gesicht, der nun etwas verlegen wirkt)
Ich kann mich nicht genau erinnern, wie lange er auf mich eingeschlagen hat. Irgendwann bin ich zu mir gekommen. Ich lag im Bett. Das Laken voller Blut. Er neben mir. Eingerollt wie ein Säugling. Er schlief. Ich bin dann abgehauen. Rüber zu meiner Schwester, die euch dann angerufen hat. Der Typ ist ja scheinbar inzwischen über alle Berge, wenn ich euch richtig verstanden habe. (Der Milchbubi schaut dümmlich zu seinem Kollegen hinüber, der ein professionelles Gesicht aufzulegen versucht)
Ob ich den Mann wiedererkennen würde, fragt er mich. Wie bescheuert sind die? Verdammte Scheiße, den würde ich aus zwei Kilometer Entfernung mit verbundenen Augen erkennen! Er stand direkt vor mir und hat mir die Fresse eingeschlagen! (Der Bilchbubi hüstelt in seine Faust)
Die Tür öffnet sich und er ist wieder da. Kein Zweifel. Ich springe auf.
„Chef?“ fragt der Ältere und erhebt sich ebenfalls.
Who`s Stalking
Re: Who`s Stalking
Hallo Susanne,
1.) freut mich, mal wieder etwas von dir lesen zu dürfen. Lang, lang ist's her!
2.) Stalking ist ein spannendes und hochaktuelles Thema - gut gewählt.
3.) Die Wendung am Ende des Textes gefällt mir, die Handschellen finde ich dann eher unnötig.
4.) Irgendwie bin ich mir bei der Dramaturgie des Textes noch nicht ganz sicher. Denn so, wie du es erzählst, ist es von vorne herein klar, das da jemand ist, der da nicht hin gehört. Das ist aber für den Leser nicht so spannend, denn es macht das weitere Geschehen erwartbar. Ich frage mich, ob man das anders erzählen könnte: ich meine eher aus der Perspektive der Unwissenheit mit einem größeren Überraschungspotential. Im Augenblick bekommt die Geschichte ihren Thrill vor allem durch die überraschende Wendung am Ende. Der Rest liegt offen:
Das ist mir z.B. einfach zu deutlich. Ich möchte, wenn ich einen Text über einen Stalker lese, den Schauer des Opfers selbst spüren oder nachempfinden können und nicht einfach lesen und zur Kenntnis nehmen, dass das Opfer Schauer empfindet. Verstehst du, was ich meine? Nicht den Schauer einfach benennen, sondern ihn richtig "inszenzieren". Auch sprachlich finde ich die zitierte Passage nicht ganz so gut.
MfG,
[) i r k
1.) freut mich, mal wieder etwas von dir lesen zu dürfen. Lang, lang ist's her!
2.) Stalking ist ein spannendes und hochaktuelles Thema - gut gewählt.
3.) Die Wendung am Ende des Textes gefällt mir, die Handschellen finde ich dann eher unnötig.
4.) Irgendwie bin ich mir bei der Dramaturgie des Textes noch nicht ganz sicher. Denn so, wie du es erzählst, ist es von vorne herein klar, das da jemand ist, der da nicht hin gehört. Das ist aber für den Leser nicht so spannend, denn es macht das weitere Geschehen erwartbar. Ich frage mich, ob man das anders erzählen könnte: ich meine eher aus der Perspektive der Unwissenheit mit einem größeren Überraschungspotential. Im Augenblick bekommt die Geschichte ihren Thrill vor allem durch die überraschende Wendung am Ende. Der Rest liegt offen:
Ja, und dann kommt irgendwann der Tag. Der Tag, an dem du ihn bemerkst. Ihm begegnest. Im Nachhinein werden dir viele Dinge klar. Dinge, die dir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken treiben. Dinge, die dir nachträglich eine Nacht bescheren, in der du dich pausenlos übergeben musst vor lauter Ekel. Letztendlich bin ich froh, dass ich noch die Möglichkeit hatte, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen. Hätte ja auch anders kommen können.
Das ist mir z.B. einfach zu deutlich. Ich möchte, wenn ich einen Text über einen Stalker lese, den Schauer des Opfers selbst spüren oder nachempfinden können und nicht einfach lesen und zur Kenntnis nehmen, dass das Opfer Schauer empfindet. Verstehst du, was ich meine? Nicht den Schauer einfach benennen, sondern ihn richtig "inszenzieren". Auch sprachlich finde ich die zitierte Passage nicht ganz so gut.
MfG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)
Re: Who`s Stalking
Hallo Dirk,
danke für Deinen brauchbaren Kommentar.
Werd`s mir durch den Kopf gehen lassen
Grüsse,
Susanne
danke für Deinen brauchbaren Kommentar.
Werd`s mir durch den Kopf gehen lassen
Grüsse,
Susanne
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