Existenz

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vogel
Phantasos
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Existenz

Beitragvon vogel » 18.07.2003, 20:08

[Existenz]

"Glaubst ...", seine Stimme klang heiser und so als wolle er gar nicht fragen. "Glaubst du, es gibt einen Grund für das hier ? Etwas was dies hier erklärt ?" Er atmete schwer und jedes mal, wenn er die Luft in seinen Brustkorb zog, bekam sie es mit. Sie konnte jeden seiner Atemzüge hören ..
Sie schwieg, konzentrierte sich nur auf seinen Atem. Erst das erneute Piepen der Telefonleitung brachte wieder das Denken in ihren Kopf. "Du willst wissen, ob ich irgendwas außergewöhnliches für das verantwortlich mache ? Ob ich irgendwas dafür verklage, dass es uns so ergangen ist ? Jemandem die Schuld dafür gebe ? Etwa Gott ?" Wieder zögerte er. Sein Atem ging wieder schneller.
"... Ja." Seine Hände begannen zu schwitzen. Er umklammerte den Hörer und sein Kabel, bis ein leises Knacken zu hören war. Kleine Risse zogen sich durch den Hörer. "Glaubst du, dass es Gott gibt ? Machst du ihn dafür verantwortlich ?" Sein Hörer wanderte zum anderem Ohr. Er murmelte etwas.
Sie mochte solche Fragen nicht. "Das ist wieder eine dieser Fragen auf die es keine konkrete Antwort gibt - das weißt du !"
"Ja, ich weiß, deshalb will ich ja auch wissen, was eben du denkst. Glaubst du, dass es ihn gibt ?"
Schweigen. Langes, endloses Schweigen. Jeder tat nur das, was er in diesem Moment am besten konnte : atmen. Jeder folgte seinem eigenem Rhythmus. ... Und aus und dahin ...
"Wenn es ihn gibt ...", sie sprach so langsam. So als hätte sie alle Zeit der Welt. In ihrem Kopf aber gab es tausende Gedanken, die sie am liebsten alle auf einmal ausgespuckt hätte. Doch ihre Zunge und ihre Stimmbänder wollten nur so unendlich langsam die Worte formen, die sich nur schwer der Reihe nach in ihrem Hirn hintereinander setzten, zu Sätzen sich formierten. "Warum hat er dann das alles zugelassen ? Warum hat er gemacht, dass ich Glück und Unglück gleichzeitig spüre ? Warum lässt er zu, dass wir uns kennen, wenn wir uns gleichzeitig die schönste Freude und das hässlichste Unheil zufügen ? Dass wir schon von vornherein wissen, dass jeder Schritt, den wir tun, wunderschön und doch so grausam ist ?"
Er schwieg.
"Warum hat er gemacht, dass du dort wohnst und ich hier ? Dass uns 800 km trennen ? Warum hat er zugelassen, dass wir uns trafen und Freunde wurden ? Dass wir nur die Schrift und nur die Sprache haben, um von einander etwas zu erfahren ? Uns aber nicht umarmen können ? Und dass ich so tiefe Gefühle für dich hege ? Soviel Zärtlichkeit und Zuneigung ?" Sie machte eine Pause. Wieder war nur die Bewegung der Luft zu hören, diese langsamen Vibrationen, die grade noch schnell genug sind um das System am Leben zu erhalten ...
"Warum lässt Gott zu, dass ich so tiefe Gefühle für dich empfinde ? Warum ?" Ihre Stimme wurde leiser. Fast begann sie zu flüstern. "Warum ähneln diese Gefühle sosehr Liebe ? Liebe, die ich als keine ansehe - weil ..", sie holte Luft, " ... Warum sind wir Freunde ? Warum hat er das zugelassen ?"
Pause.
"Und wenn es Gott gäbe - warum lässt er zu, dass wir solche Fragen stellen ? Warum stellen wir tausende Warum-Fragen und keine wird beantwortet ? Warum stehen wir vor solchen Fragen, die nach seiner Existenz fragen ? Verstößt das nicht gegen irgendeine Regel aus der Bibel ?"
Er schwieg - so wie er es die ganze Zeit getan hatte ...
Ihr schien der Atem aus zugehen. Wieder trat dieses Schweigen ein. Eigentlich hassten beide diese Stille. Sie war solange allein gewesen, sie hasste die Stille einfach nur, was mit ihm war, wusste sie nicht - nur dass er auch die Stille verachtete.
Doch beide hinkten ihren eigenen Gedanken hinterher. In ihren Köpfen rasten die Gedanken, die Erinnerungen, die Hoffnungen ... ein Chaos der Gefühle ... und alles drehte sich immer nur um einem Punkt : den anderen ..
"Sollte es Gott geben", das erstemal seit er seine Frage gestellt hatte, sprach er. Seine Stimme war ruhig - doch er zitterte innerlich wie Federn im Wind. Ihm war kalt. Er begann noch einmal :"Sollte es Gott geben, dann will er das alles wohl. Er will wohl, dass wir uns fragen, wer wir sind, warum wir sind, wie und was. Vielleicht soll es eben so sein."
"Und warum ist es so unfair ?!!!??" Sie schrie durchs Telefon als ginge es um alles oder nichts. "Warum haben wir diese beschissenen Gefühle ? Warum können wir nicht einfach durch die Straßen laufen, ohne etwas zu fühlen ? Warum müssen wir unter uns selbst so leiden ? Warum sehn wir beide uns nicht ? Warum bist du so verdammt weit weg ????? Warum macht dieser Gott das ?" Sie begann zu zittern. Ihr Unterkiefer bebte. Alles begann vor ihren Augen zu verschwimmen ..
"Kleine ... Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt in meine Arme schließen. Jetzt und immer wieder." Seine Stimme hatte diese Festigkeit von einst wieder, klang ruhig.
".... Danke ... Schreibst du's mir ?" Sie rang nach ihrer Fassung.
"Ja, mach ich."
Sie zögerte. "Hast du nun eine Antwort auf deine Frage ?"
"Ja, ich denke schon" Er lächelte, auch wenn er wußte, dass sie es nicht sehen konnte ... "Ja, ich denke schon. ... Kleine ?"
"Ja ?"
"Sehn wir uns im Herbst ?"
Sie blickte aus dem Fenster. Sie öffnete den Mund und schnappte nach Luft. "Ich .." Sie stockte. "Bestimmt" Sie lies den Hörer sinken.
"Ich hab arg dich lieb, Kleine"
"... Ich dich auch." Ihr Hörer rastete ein. "Wir sehn uns bestimmt im Herbst - ganz bestimmt" Sie lies ihre Finger über den Hörer gleiten, stand langsam auf und noch langsamer ging sie zu ihrem Bett.
Er hielt den Hörer noch immer in der Hand. Das einzige, was er hörte, war das ununterbrochenes Tuten. "Ja, wir sehn uns im Herbst. Ganz bestimmt; ganz bestimmt, meine Kleine ..." Er legte den Hörer auf.


[.. für dich ..]
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gelbsucht
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Re: Existenz

Beitragvon gelbsucht » 22.07.2003, 23:01

Kleinervogel, du beeindruckst mich!!!

Bist du dir sicher, dass du dich bei der Angabe deines Geburtstages nicht bei der Jahreszahl vertan hast? Nach meiner Rechung bist du 15 Jahre alt und ich kann einfach nicht glauben, dass diese Geschichte die Geschichte einer 15Jährigen ist!

In dem Text steckt sehr viel Gefühl und eine große Intensität. Was aber noch wichtiger ist: an keiner Stelle kommt mir das übertrieben, unglaubwürdig oder aufgesetzt vor. Und das liegt, denke ich, an der Art, wie du es erzählst. Dabei setzt du vor allem die Pausen, Unterbrechungen und das Schweigen zwischen den beiden Personen sehr geschickt ein. Dieses Hinauszögern von Antworten trägt viel zur Atmosphäre bei, zu der Spannung, die deinen Text durchdringt. Ich weiß nicht, ob das alles jetzt nur ein glücklicher Zufall ist, aber der Text weist dich als eine verdammt talentierte Erzählerin aus.

Neben der emotionalen, stimmungsträchtigen Dimension hat dein Text aber auch eine sehr nachdenkliche und philosophische Dimension. Er thematisiert ein altes theologisches Problem: das Theodizeeproblem. Wie lässt sich Gott angesichts all des Bösen, des Leidens und des Elends in der Welt rechtfertigen? Dein Text bietet eine sehr interessante Ausgestaltung und Formulierung dieses Themas – und wiederum das schöne daran: er gibt letztendlich keine Antwort darauf. Jedenfalls keine, die mich zufrieden stellen würde. Falls dich das interessiert: ich habe mich im Zusammenhang mit Kafkas Roman "Der Proceß" etwas eingehender mit dem Thema beschäftigt und dem Theodizeeproblem dabei ein eigenes Kapitel gewidmet:

http://www.o-livro.de/buecher/kafka/buecher1.htm
Pfad: Dirk Wienecke: Theodizee und Skeptizismus -> 4. Theodizee

Josef K., der Protagonist in Kafkas Geschichte, rennt ja im Prinzip auch nur durch die Welt und will die ganze Zeit nichts anderes wissen als: Warum? Warum er angeklagt ist? Warum er leiden muss? Wofür er bestraft werden soll? usw. Und auch er bekommt keine Antwort auf seine Warum-Fragen.

Kennst du vielleicht den Roman?

Aber zurück zu deinem Text! Ich kann dir keine stilistische Kritik liefern, denn ich habe so gut wie nichts daran auszusetzen. Vielleicht können hier die Prosaexperten weiterhelfen!? Aber ein paar Rechtsschreibfehler sind mir aufgefallen – und wenn ich schon sonst nichts für dich tun kann:
Glaubst du es gibt einen Grund für das hier ?

Glaubst du[,] es gibt ...
Er umklammerte den Hörer und sein Kabel. Bis ein leises Knacken zu hören war.

Diese beiden Sätze verbinden: ... sein Kabel, bis ein ...
Das ist wieder einer dieser Fragen

... eine dieser Fragen
Jeder tat nur das was er in diesem Moment am besten konnte : atmen.

Jeder tat nur das[,] was ...
In ihrem Kopf gab aber es Tausende Gedanken ...

In ihrem Kopf gab es aber tausende Gedanken ...
Ich glaub, noch besser wäre die Umstellung: In ihrem Kopf aber gab es tausende Gedanken ...
die Worte formen, die sich nur schwer der Reine nach in ihrem Hirn aneinander reiten,

der Reine=der Reihe
aneinander reiten = aneinander reihten
Diese Wiederholung (von Reihe und reihten) in einem einzigen Satz ist eher nicht so gut.
Warum hat er gemacht, das ich Glück und Unglück gleichzeitig spüre ?

Warum hat er gemacht, dass ich ...
Warum hat er zugelassen, dass wir uns trafen, kennenlernten, Freunde wurden ?

Besser: dass wir uns trafen und Freund wurden. Auf das "kennenlernten" lieber verzichten.
Und dass ich so viele tiefe Gefühle für dich hege ? Soviel Zärtlichkeit und Zuneigung ?

So viele tiefe Gefühle ... soviel Zärtlichkeit. In der erste Frage vielleicht auf "viele" verzichten!?
die grade noch schnell genug sind um das System am Leben zu erhalten ...

Der Satz ist für mich unverständlich. Welches System?
Warum stellen wir Tausende Warum-Fragen und keine wird beantwortet ?

Warum stellen wir tausende Warum-Fragen ...
<Es gibt keine anderen Götter, du darfst an Gottes Existenz nicht anzweifeln>

Meine Meinung: diesen Einschub ganz weglassen!
Eigentlich haßten beide diese Stille.

Wenn du "dass" mit zwei "s" schreibst, solltest du "hassten" auch so schreiben.
sie haßte die Stille einfach nur, was mit ihm war, wußte sie nicht - nur dass er auch die Stille verachtete.

... sie hasste die Stille ... wusste sie nicht ...

Ach, zum Schluss muss ich noch meine Lieblingsstelle in deinem Text zitieren.
"Und warum ist es so unfair ?!!!??" Sie schrie durchs Telefon als ginge es um alles oder nichts. "Warum haben wir diese beschissenen Gefühle ? Warum können wir nicht einfach durch die Straßen laufen, ohne etwas zu fühlen ? Warum müssen wir unter uns selbst so leiden ? Warum sehn wir beide uns nicht ?

Das ist so schön!

;-) gelbe grüsse :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: Existenz

Beitragvon vogel » 29.07.2003, 20:07

hallo gelb !

... wenn ich mich jetzt nicht zusammen reize, springe ich noch an die Decke - vor Freude ...... .D

*wieder riesig freu*
danke für dein Lob ! und da du ja nicht wirklich was an meinem txt auszusetzten hast (*g* *freu*), werden wohl andere pkte zur Diskusion führen *räusper*

der pkt mit dem S und ß - das liegt daran, das ich eindeutig zu faul war, noch mal den txt durch zuschaun, nach dem ich Word98 hab durch schaun lassen ... ich hab schon immer ne leichte RS-Schwäche ... werd's verbessern ...

deine Lieblingsstelle gefällt mir auch sehr ... irgendwie explodiert alles ..

Bist du dir sicher, dass du dich bei der Angabe deines Geburtstages nicht bei der Jahreszahl vertan hast? Nach meiner Rechung bist du 15 Jahre alt und ich kann einfach nicht glauben, dass diese Geschichte die Geschichte einer 15Jährigen ist!

ich muss dich leider enttäuschen .... auf meiner Geburtsurkunde steht eindeutig 1988 ...
warum ist das so "schlimm" ? was verwundert dich daran so ?

aber ich muss dazu sagen : du bist nicht der erste, der das sagt ... ich hab mich vor 3, 4 Wochen mit ner 20jährigen im Chat unterhalten. wir haben uns sehr ausgiebig über ihr Verhältnis zu ihrer Mutter unterhalten, und irgendwann hat sie dann gefragt, wie alt ich eigentlich wäre. Sie ist aus allen Wolken gefallen als ich sagte "15" ... sie meinte, sie hätte noch nie mit einer 15jährigen so intensiv geredet, bzw. so ein Gespräch geführt ...
ich weiß nicht ob das jetzt positiv ist oder nicht ...
vielleicht verstehst du jetzt, warum ich manchmal so denke, und nicht anders


aber du bist doch selbst schuld ! du sagt doch gesagt, ich soll meiner Fantasie freien Lauf lassen (siehe Hilbi :: der Retter) .)

und das hier war mein erster Versuch, wieder etwas zu schreiben (ausgenommen die Gedichte.) Gedichte fallen mir leichter zu schreiben, und deshalb hab ich irgendwann aufgehört, feste txte zu schrieben. aber aufeinmal hatte ich ne Eingebung :: peng. da war die Idde. es ist einfach aus dem kopf in die Finger ohne mich zu fragen ... *rot anlauf* irgendwie komisch ...
aber wahrscheinlich liegt es daran, dass das ein txt ist, der sehr nah an der Realität ist und trotzdem "Gefühl" hat. bei langen txten hab ich im mom eh den Hang zum Realismus (nich so wie bei den Gedichten ...), der fast schon abstoßend wirkt, weil wir soviel Realismus nicht vertragen ... (siehe John Marsden :: "Morgen war Krieg"; Triologie über Australien, welches einer Invasion zu Opfer fällt und eine Gruppe Jugendlicher versucht diese zuüberleben ...)

wegen dem Roman, den du ansprichst. ich hab nur im Programm/Geschichte von O livro davon gelesen, und kurz mal in die Rezitationen, etc. geschaut - mehr noch nicht. dh. ich kenne den Roman nicht. aber wer weiß, wie lange das noch so bleibt ... *g* wenn mich dann wieder die Wut nach nem anstrengendem Buch packt ...

Liebe Grüße voller *freu*
kleinervogel .D
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.


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