Tja, und was soll ich sagen. Ich habe diesen Text bis zur Vollendung geschliffen. So wie er jetzt hier steht, ist er auch in einer Anthologie abgedruckt (gebt doch mal meinen Namen bei Amazon ein
Nun ja. Ich mag ihn jetzt sehr. Auch wenn er zum Schluß etwas sehr.. .oh, das überlass ich eurer Fantasie
Dirk H.
Freitagnachmittag. Die Kameras im Kaufhaus schauen sich um, beobachten die Kunden.
Eine Kamera in der Schmuckabteilung erfasst einen Ladendieb. Die Kameras in der Etage für Jugendmode bemerken, dass die Größe 38 von Rock X zum 4. Mal von einer Kundin betrachtet wird.
Die Kameras an der Kasse blicken auf die Kassiererin. Guten Tag. Das sind dann 23 Euro. Danke für Ihren Einkauf. Ein Kameraobjektiv richtet sich auf den Eingang, erfasst einen Kunden, der gerade über die Türschwelle tritt. Die Uhren auf den Bildschirmen zeigen 18:45:34. Die Kamera zoomt an den Kunden heran. Dirk H. Er kommt öfter hierher. Doch meist springen die Uhren auf 16.04 Uhr, wenn er das Kaufhaus betritt.
Die Kamera dreht sich mit ihm im Kreis. Sie beobachtet ihn, sieht wie er an der Kasse vorbei läuft, die Kassiererin grüßt, so wie er es immer tut, wenn er an Freitagen hierher kommt.
Er fährt die Rolltreppe hoch, in den ersten Stock will er. Die Kamera schaut ihm nach. Das leise Summen, durch das ununterbrochene Verfolgen der Kameras verursacht, wird von ihm, Dirk H., und den anderen Kunden nicht wahrgenommen. Er fährt unbeirrt mit der Rolltreppe weiter. Die anderen Kunden suchen nach Kleidungsstücken, probieren sie an. Sie suchen wie immer Beratung, die sie hier Freitagnachmittags nicht finden, sie schubsen einander an der Kasse. Sie streunen durch die Regale mit Küchengeschirr und Besteck, trampeln vorbei an Teppichen und Gardinenstangen.
Nicht so Dirk H.
Manchmal kauft er etwas. Doch immer nur für wenig Geld, manchmal sind es 30 Euro, manchmal ist es auch ein wenig mehr. Wenn er etwas Passendes gefunden hat, fährt er wieder mit der Rolltreppe herunter und geht an die Kasse, an der er die Kassiererin vom Sehen kennt. Er stellt sich hinten an der Schlange an und wartet geduldig, dass sie seinen Artikel zum Abkassieren fordert. Er legt die Unterwäsche auf den Kassentisch. Für meine Freundin. Sie nimmt eine Tüte und packt die schwarze Spitze sorgfältig ein. Das wird ihr bestimmt gefallen, sagt die Kassiererin und bittet dann um den zu zahlenden Preis.
Doch heute will Dirk H. nichts kaufen. Er will nur schauen, möchte sehen, welche neuen Kreationen es in der Dessousabteilung gibt. Er läuft vom Regal mit den bunt bedruckten BHs zu den schlichten einfarbigen. Er mag Schwarz.
Er streift sich seine Lederhandschuhe ab und streckt seine Hände nach einem Bügel aus. Darauf hängt ein leicht schimmernder, schwarzer Fetzen Stoff. Die Kamera zoomt heran. 26 Euro. Dirk H. hängt den Bügel zurück.
Er macht zwei kleine Schritte nach links.
Eine Säule verdeckt der Kamera die Sicht. Eine andere übernimmt, vergrößert das Bild. Dirk H. hat blaue Augen. Sie glänzen. Ebenso wie sein Brillengestell. Die Kamera zoomt zurück als er seinen Kopf ein wenig dreht und die Brillengläser das Licht reflektieren.
Zwei weitere Kameras richten sich auf Dirk H. Er betrachtet ein Set, einen schneeweißer Slip mit schwarzen Akzenten und einen zugehörigen Spitzen-BH. Seine Finger gleiten über die vorgeformten Mulden. Dirk H. malt die schwarzen Striche nach. Eine der Kameras folgt seinen Fingern. Sie sind gepflegt, als seien sie noch nie mit Schmutz in Berührung gekommen. Er drückt den Slip in seinen Händen zusammen, hält ihn fest.
Er lässt die Hände wieder locker, hängt das Set zurück.
Mit kleinen Schritten geht Dirk H. an den anderen Garnituren vorbei, streift flüchtig über einen roten BH und einen blauen mit zart aufgedruckten gelben Blütenblättern. Sein Blick fällt nochmals auf die Ecke mit den weißen und schwarzen Dessous. Er geht zurück.
Die Kameras sehen ihm nach.
Dirk H. betrachtet das Poster im Hintergrund der dünnen Stoffe. Es zeigt eine Schönheit. Der Busen ist mit schwarzem glänzendem Material bedeckt. Sie trägt einen knappen Rock, darunter blitzt etwas hervor. Dirk H. senkt den Blick.
Die Kameras halten inne.
Er schaut nochmals auf die Stoffe. Er pustet gegen einen, der wippt. Dirk H. hebt den Kopf, schaut sich von weitem die kostbaren Kleidungsstücke an. Dann dreht er sich um.
Dirk H. setzt sich in Bewegung. Er läuft langsam. Andächtig geht er zu den Umkleidekabinen. Die Augen blicken von oben auf ihn als er sich hinter eine Frau stellt. Die Kameras schärfen ihre Linsen als er erst eine, dann zwei weitere Frauen vorlässt. Sie können ruhig in diese Kabine gehen, ich habe keine Eile.
Dirk H. wartet.
Die Uhren zeigen 19:36:51.
Dirk H. wartet.
Die Kameras suchen nach einem Kleidungsstück, das er anprobieren möchte, und deshalb bei sich tragen sollte. Von der Decke tasten vier Einäugige ihn ab.
Er schaut in den Gang zwischen den Kabinen. Alle Kameras in der Umgebung blicken auf ihn. Er macht einen Schritt in den Gang.
Für die Kameras ist er verschwunden. Sie wenden sie sich um 19:48:16 ab.
Er geht auf die vorletzte Kabine im Gang zu. Eine Frau steht vor der Schwingtür. Sie lächelt ihn verlegen an. Er lächelt freundlich zurück.
Dirk H. zieht seine Lederhandschuhe wieder an.