Erneuter Weltuntergang

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Silentium
Mnemosyne
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Erneuter Weltuntergang

Beitragvon Silentium » 20.10.2003, 22:32

Versuch Nummer zwei. Bitte nicht lesen, wenn Betreffender sehr religiös ist. Will niemanden beleidigen. Ergänze nur, was Johannes in seiner Offenbarung so nicht sagen wollte.

Die Wette

Es fing alles damit an, dass sich Gott und der Teufel in einem Wiener Nachtlokal trafen.

Am Morgen des 9. Dezembers 2003 seufzte Gott laut und vernehmlich auf, als ihm der Erzengel Michael die Zu-Erledigen-Liste des Tages vorlegte.
„Erschaffen, ein Wunder hier, eine Erscheinung da: immer nur Arbeit und Arbeit und Arbeit! Mir ist langweilig!“
Michael ließ vor Verblüffung seinen Notizblock fallen.
Die Erzengel Uriel und Gabriel tauschten aufgeschreckt einen verwirrten Blick.
Jeremiel schnappte nach Luft.
Und Raphael fing zu lachen an und konnte sich gar nicht mehr beruhigen.

Gott warf dem Erzengel, der sich mit einer Hand auf eine Wolke stütze, um nicht vor Lachen umzufallen, einen strafenden Blick zu.
„Ich möchte wissen“, sagte er gereizt „was daran so lustig ist.“
„Entschuldige bitte.“ Raphael wischte sich mit dem Handrücken die Lachtränen aus den Augen. „Aber die Vorstellung, dass du...“ er brach wieder in unkontrolliertes Gelächter aus. Raphael war der Erzengel, der sich am häufigsten unter Menschen aufhielt, weil sie ihn interessierten. Er saß besonders gerne an Sonntagen in der Kirche, meist in Gestalt eines älteren Herren, und hörte sich die Predigten an, am liebsten die von Pfarrer Kern. Die Vorstellung, dass eben der Gott, den der verkalkte Priester, von dem man erwartete, dass ihm im nächsten Moment Staub aus den Ohren rieselte, so ausführlich anbetete, sich nun langweilte wie ein Teenager, erheiterte den Erzengel ungemein. Aber natürlich hätte er lieber seine Seele an die Konkurrenz verkauft, bevor er das Gott auf die Nase band.
Um vom Thema abzulenken schlug er vor: „Wie wäre es, wenn du dir ein Haustier zulegst, Allmächtiger? Einen Hund?“
Gabriel, Cheferzengel und vom plötzlichen Unmut seines Herren beunruhigt, griff die Idee dankbar auf. Das letzte Mal, als Gott langweilig war, hatte er aus Ermangelung eines Quitscheentchens einen Mann und einen Haufen Viecher monatelang auf dem Meer herumgescheucht.
„Ein Hündchen ist doch wirklich eine reizende Idee. Du könntest mit ihm Gassi gehen?“
„Ich weiß nicht...“, Gott klang unschlüssig.
„Mit Flügelchen?“, sagte Uriel versuchsweise.
„Und einem Glöckchen um den Hals.“, fügte Jeremiel dazu.
„Ja, genau. Einen süßen Pudel mit Flügelchen und Glöckchen!“ Gabriel begann sich für die Idee zu erwärmen.
„Einen Pudel? Gottes Pudel? Ich bitte euch!“ Gott nahm seine kleine goldene Brille von der Nase und begann sie mit einem Wolkenfetzen zu putzen.
„Es heißt immer noch Lamm Gottes.“
Raphael zuckte die Flügel und die Federn raschelten: „Man könnte einen Kompromiss eingehen“, schlug er vor und bereute es im nächsten Moment. Die anderen Erzengel und Gott schauten ihn erwartungsvoll an.
Raphael hob anwehrend die Hände: „War nur ein Witz, Leute nur ein Witz. Ein Schaf-Pudel? Ein Pudelschaf? Nie im Leben, war nur ein Witz.“

Sie nannten das Pudelschaf „Pufi der Schudel“. Er hatte die Größe einer durchschnittlichen Damenhandtasche, feuchte, untertellergroße, flehende Augen, einen Körper, der ziemlich genau in der Mitte zwischen Pudel und Schaf lag, kleine Flügelchen, ein Glöckchen um den Hals und einen miesen Charakter. Raphael und Pufi hassten sich vom ersten Moment an.

„Ich weiß nicht...“ sagte Gott lahm, während er beobachtete, wie Gabriel und zwei namenlose Cherubim darum kämpften, die spitzen kleinen Zähnchen aus dem Gefieder von Raphaels rechtem Flügel zu lösen.
„Wie amüsieren sich denn die Menschen, Raph?“
Raphael verzog schmerzvoll das Gesicht, als Pufi seinen Biss verstärkte, und überlegte einen Moment.

In der Achterbahn wurde Gott schlecht. Michael verlor einen Haufen Federn. Jemand schüttete Gabriel Popcorn ins Hemd. Pufi pinkelte Raphael vor Angst aufs Kleid.

Die Sache mit den Kino ging so lange gut, bis sie an einen Kriminalfilm gerieten. Der Kinobesitzer wurde sehr ungehalten, als ein älterer Herr in Begleitung von ein paar hübschen jungen Männern, die es ihm auszureden versuchten, dem Mörder auf der Leinwand einen Fleck auf die Stirn malte und erklärte, er, der Mörder, sei verstoßen. Zudem pinkelte die Missgeburt von Köter, die sie dabei hatten, einem anderen Gast ans Bein. Sie flogen hochkant aus dem Saal.

Sie spielten Golf. Gotts Ball flog weit am Loch vorbei. Ein Adler fing ihn in der Luft auf und ließ ihn in die Wipfel eines Baumes fallen. Der Ball rollte einen Ast entlang in die Höhle eines Eichhörnchens. Das empörte Tier kickte es mit einem Pfotentritt aus seiner Wohnung. Der Ball prallte von einem Stein ab, landete im Loch eines Maulwurf, rollte den Maulwurfsgang entlang und kam am Hang genau über dem Golfloch wieder zum Vorschein. Ein Volk von Ameisen lochte den Ball ein. Pufi bellte. Raphael warf entnervt den Schläger weg.

Beim Segeln befahl Gott den Winden, Ruhe zu geben, weil sie seinen Bart in Unordnung brachten und weigerte sich, den Befehl zurückzunehmen, um nicht vor dem Wetter als inkonsequent dazustehen. Die Erzengel ruderten. Man fischte Pufi aus dem Wasser und hielt ihn davon ab, einen Hai fressen zu wollen. Er pinkelte Uriel aufs Kleid.

Und schließlich landeten sie eben in einem Nachtlokal im Wiener Bermudadreieck.
Gott hatte sich zu diesem Zweck auf Empfehlung des schon völlig entnervten Raphaels in einen Smoking geworfen und trat nun als reicher Salonlöwe mit seinen Leibwächtern auf. Gabriel vertrat zwar die Meinung, dass es nichts gab, dass dämlicher aussah als einen goldgelockten Leibwächter mit Sonnenbrille, aber er wurde überstimmt. Keiner der Erzengel war es gewöhnt, die Gestalt von glatzköpfigen Muskelbergen anzunehmen und sie waren auch nicht erpicht darauf, es auszuprobieren. So kaschierten sie nur die Flügel.
Zuerst ging alles gut. Gott bestellte ein Getränk und dankte der Servierdame höflich. Raphael hatte zwar versucht, ihm zu erklären, was „flirten“ war, war aber damit kläglich gescheitert.
Also begnügte Gott sich damit, zu trinken und den Adamssöhnen und Evatöchtern zuzuschauen und nach und nach immer beduselter zu werden. Er hatte zwar vor Urzeiten Wein probiert- aber das hier war etwas ganz anderes. Die Erzengel versuchten, ihm nach dem dritten Drink Einhalt zu gebieten, hatten damit aber wenig Erfolg.
Während Gabriel mit Gott diskutierte, bemerkte Raphael etwas, dass ihm ganz und gar nicht gefiel.
„Oh-oh“, sagte er gedehnt und zupfte den Cheferzengel vorsichtig am Ärmel.
„Was ist...?“ begann der und blickte in die Richtung, in die Raphael deutete. Derjenige, der ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte, bemerkte sie nun ebenfalls, entschuldigte sich bei seiner vollbusigen Gesprächspartnerin und kam zu ihnen herüber. Gott schüttelte den Kopf, um kurz den Nebel darin zu lichten. Im Vollrausch gestand er sich ein, wie verteufelt gut Satan doch aussah. Nach mehreren Millionen Jahren Geschäftsleben hätte er eigentlich, gerechterweise, wenigstens ein bisschen verbraucht wirken sollen. Aber natürlich hielt er nichts von göttlicher Gerechtigkeit und da er seine Gestalt verändern konnte, brauchte er das auch gar nicht. Im Gegensatz zu Gott, der seit Anbeginn der Zeit wie ein netter alter Herr mit weißem Rauschebart aussah, ging Beelzebub mit der Zeit. Von Kopf bis Fuß und Huf in hautenges rabenschwarzes Leder gekleidet, mit einer Sonnenbrille, um die irislosen, ganz und gar pechschwarzen, glanzlosen, toten Augen zu verbergen, einer markanten Adlernase, zinnoberroter Haut, einem goldenen Drudenfuß um den Hals, makellos weißen Zähnen und dem langen Teufelsschwanz, für den er hinten ein Loch in seine Hose geschnitten hatte, der allerdings niemand aufzufallen schien, gab er wirklich eine eindrucksvolle Erscheinung ab. Sein pechschwarzes Haar mit der einen weißen Strähne hatte er eng hinterm Kopf zu einen Pferdeschwanz zusammengebunden. Nur waren seine Lippen von der Hitze in der Hölle immerzu trocken und rissig, sodass er immer einen Labello in der Hosentasche hatte. Er schenkte Gott und seinen Begleitern ein breites, strahlendes Lächeln und brachte es tatsächlich fertig, sich vor den völlig besoffenen Allmächtigen in vollendeter Manier zu verbeugen. Dann ließ er sich mit einer aufreizend lässigen Bewegung auf dem Barhocker neben Gott nieder.
„Wie geht’s denn so, altes Haus?“, fragte er fröhlich.
„Was? Ach ja, ach ja...“, Gott stierte einen Moment in sein Glas und überlegte.
„Ach ja, mir geht’s gut...gut.“
Beelzebub verdrehte die Augen und wandte sich an Gabriel: „Gabi! Welch eine Freude dich zu sehen! Hübsche Brille! Ist euch im Himmel langweilig, oder was macht ihr sonst hier?“
Gabriel schnappte empört nach Luft. Der Teufel ignorierte das und lächelte gewinnend: „Ist natürlich nicht mein Problem, aber es könnte ein paar Kirchenväter schön schockieren. Macht er das öfters?“ Er wies mit eine Hand auf Gott, der langsam vorn über sank.
Pufi blickte zu Satan auf und knurrte.
„Ui“, sagte der verblüfft. „Was ist denn das? Näher verwandt mit Dolly?“
„Dolly?“, echote Gabriel, bevor ihm einfiel, dass Beelzebub ihn gerade zuvor verspottet hatte.
Der Teufel zuckte die Schultern: „Nicht weiter wichtig, Gabi, mein Freund. Nur so eine kleine Sache, die ich nebenbei laufen habe. Aber sei doch ehrlich: ist das noch ein Job?“ er deutete mit einem langen, dünnen Finger, der eine Kralle anstatt des Fingernagels hatte, auf Gott, der angefangen hatte, zu schnarchen. „Ihr hättet es so machen sollen wie ich: macht euch selbstständig. Oder kommt zu mir. Ich könnte noch ein paar Leute in meinem Betrieb brauchen.“ Er schob die Sonnenbrille den Nasenrücken hinunter und sah ihnen über den Brillenrand nacheinander in die Augen. Nur Raphael, der dieses Verhalten von Menschen, die andere einschüchtern wollten, kannte, konnte dem Blick der glanzlosen Augen standhalten, ohne zur Seite zu blicken.
Gabriel räusperte sich vernehmlich: „Nein, danke für das ...Angebot. Wir sind durchaus zufrieden. So etwas ist die absolute Ausnahme“, fügte er mit einem Seitenblick auf den Allmächtigen hinzu.
„Ach wirklich? Und glaubst du, das das hier das erste Mal bleiben wird. Versteh mich nicht falsch, aber mein Geschäft läuft wirklich gut. Ich überlege, an die Börse zu gehen.“
Michael schnaubte abfällig: „Die war doch sicher auch eine von deinen Ideen... Ach übrigens, wenn wir schon dabei sind: der Irak-Krieg... ich wette jede Minute seit der frühen Kreidezeit, dass das auf deinem Mist gewachsen ist.“
Teufel grinste: „Wette verloren, Michi. Das haben die Menschlein doch tatsächlich selbst hinbekommen. Ich will nicht behaupten, ich hätte nicht die eine oder andere Verzierung hinzugefügt, aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht der Hauptbetreiber der Sache war. Aber ein gutes Beispiel dafür, wie weit ich die Menschileins nicht schon gebracht habe, findet ihr nicht?“ Sein Grinsen wurde selbstgefällig, er winkte nach der Serviererin und bestellte ein Getränk.
Gott regte sich, hob den Kopf und sah den Teufel aus verschleierten Augen an: „Ha! Jeder pausbackige Gipsengel hat mehr Macht als du!“
Satan zog eine Augenbraue hoch.
„Wirklich, alter Herr? Bereust du nicht, dass du mich damals aus dem Himmel geschmissen hast? Ich kann Menschen schneller verderben, als deine Kinderleinchen sie in die Welt setzten.“
„Das....das ist nicht wahr!“ irgendwo in seinem von Alkoholschwaden vernebelten Hirn fand der Allmächtige seinen göttlichen Zorn und ließ ihn raus: „Ich.. ich wette... mit dir!“ nuschelte er und deutete auf die in schwarzes Leder gehüllte Brust Satans. Irgendwo in der Ferne war ein „ Halleluja! Halleluja!“ zu vernehmen.
Der Teufel verdrehte die Augen ob dieser akustischen Prahlerei.
„Gut. Wetten wir. Ich wette, dass ich jeden x-beliebigen Menschen schneller ins Unglück stürzten kann, als du Jehova sagen kannst.“
Gabriel bedeutete Gott verzweifelt mit einem heftigen Kopfschütteln, zu schweigen, doch der ignorierte ihn. Er sah sich stattdessen suchend im Raum um und zeigte schließlich auf einen unscheinbaren Mann, der in einer grünen Strickjacke und mit Dreitagebart an einem Glas Wasser nippte, eifrig auf einen Notizblock kritzelte und seine Umwelt gar nicht wahrzunehmen schien.
„Den da!“, lallte Gott. „In sieben Tagen mache ich den glücklichsten aller Menschen aus ihm. Und du kannst gar nichts dagegen tun!“
Satan hielt ihm die Hand hin: „Wir wetten um hundert Seelen. Schlag ein. In sieben Tagen ist er die erbärmlichste Kreatur auf deinem Erdball.“
Und unter den Augen der völlig verzweifelten Erzengel schlug Gott ein.

Hermann Hochmut, der eigentlich nicht wirklich hochmütig war, war siebenunddreißig, Professor für Quantenphysik und Besitzer eines Rhododendron, der immer nahe daran war, einzugehen. Seine Mutter hieß Hilde und war davon überzeugt, er sei chronisch unterernährt. Hermann hingegen war seinerseits fest davon überzeugt, dass es für alles eine natürliche Erklärung gab. Er war Atheist. Er trug grundsätzlich eine grüne Strickjacke, kam jeden Abend in diese Lokalität, weil er sich erstaunlicherweise als Antialkoholiker in der alkoholgeschwängerten Luft besser konzentrieren konnte. Hätte er jedoch geahnt, was für Folgen es an diesem Tag haben würde, wäre er daheim geblieben.

„Ich glaube es einfach nicht!“ Gabriel schritt wütend vor Gottes Thron auf und ab. Seine alabasterweißen Wangen röteten sich „Diese verdammte Wette. Himmelnocheinmal, warum, warum musst du dich auf so etwas einlassen, Chef?“
Gott saß auf seinem Thron, streichelte Pufi, und hielt sich mit der anderen Hand den Schädel. Der Allmächtige hatte zum ersten Mal seit dem Anbeginn der Zeit einen Kater.
„Ich hab’ eingeschlagen. Ich bin ein Ehrenmann.“
Gabriel verdrehte entnervt die himmelblauen Augen und sah hilfesuchend zu den anderen Erzengeln hinüber, die übernächtig mit schwarzen Ringen unter den Augen und zerzaustem Goldhaar um den Thron herum auf Wolken saßen und ebenso verstimmt wie der Cheferzengel waren.
„Ehrenmann! Ha!“ Gabriel war stinksauer.„Gott schließt einen Teufelspakt! Wenn das je herauskommt, werden uns die Kirchentheoretiker in der Luft zerreißen!“
Er wedelte aufgebracht mit den Armen.
Plötzlich leuchtete es in den Augen des Allmächtigen auf: „Aber wenn wir gewinnen.... dann hätte dieser undankbare Emporkömmling eine Niederlage, an der er einige Zeit knabbern muss! Das machen wir! Auf, hopp hopp, an die Arbeit!“
Gabriel riss ungläubig die Augen auf.
„Nicht mit mir.“, sagte er schließlich tonlos. „Nicht mit mir. Ich gehe.“
Gott zuckte die Schultern: „Geh nur. Michael, du übernimmst seinen Platz.“
Michael schien einen Moment lang mit sich zu ringen, ehe er seufzte und Gabriel folgte.
Gott sah ihnen erstaunt nach: „Uriel?“
Uriel schüttelte den Kopf und eilte sich, die anderen beiden einzuholen.
Mit ihm verließen auch die restlichen Engel den Himmelsaal.
Zwei blieben unschlüssig zurück. Raphael, der sich irgendwie verantwortlich für die ganze Sache fühlte, weil er zuletzt den Besuch im Nachtlokal vorgeschlagen hatte und ein junger Cherubim, der Raphael treu ergeben war.
Gott tobte: „Meuterei! Betrug! Seid ihr alle wahnsinnig?“
Das war nun wirklich nicht Gottes Stil und sie hatten ihn das letzte Mal so wütend erlebt, bevor er Adam und Eva hochkant aus dem Paradies warf. Er war gereizt, der Rausch war noch nicht vollkommen verflogen und die Kopfschmerzen machten die Sache auch nicht gerade besser.
Raphael und der Cherubim tauschten einen verzweifelten Blick und wandte sich ebenfalls um, als Gott sie mit schneidender Stimme zurückrief: „Oh nein, meine Herrschaften. Ihr bleibt hier. Wir gewinnen diese Wette, oder ihr seid in ernsten Schwierigkeiten!“

Als Satan an diesem Tag nach Hause kam und das Höllentor aufsperrte, pfiff er vergnügt Fuchs du hast die Gans gestohlen vor sich hin. Seine Frau Lilith lachte und hob ihn den jüngsten Sproß der Familie, den kleinen Beel, in die Arme. Der Teufel küsste seinen Sohn auf den schwarzen Lockenkopf und strich ihm kurz über die kleinen Hörnchen. Seine Haut war rosig, denn seine Mutter, die früher im Paradies als erste Frau Adams gejobbt hatte, hatte noch immer schneeweiße Haut. Ihr Verbrauch an Hautcreme war wegen der höllischen Hitze mehr als nur enorm. Das blondierte Haar hatte sie hochgesteckt und sie kaute wie immer Kaugummi mit Apfelgeschmack.
„Was ist passiert, dass du so guter Laune bist?“, fragte sie.
Teufel schenkte ihr ein breites Lächeln, verzog aber dass Gesicht, als ein Riss in seiner Unterlippe aufbrach. Ein einzelner Blutstropfen rann über sein Kinn, hinterließ dort eine rot schimmernde Spur, fiel zu Boden und verdampfte sofort.
Er seufzte und tupfte sich Lippe und Kinn mit dem Taschentuch aus Aspesttuch ab: „Ich hab’ den alten Mann getroffen. Rate Mal, wo.“
Lilith wollte antworten, wurde aber von einer Horde Kindern unterbrochen, die hereinstürzten, um ihren Vater zu begrüßen.
„Papa! Papa!“
Satan seufzte verstohlen. Natürlich liebte er seine Kinder und konnte ihnen keinen Wunsch abschlagen, aber wenn Gott oder einer seiner Engel ihn in der Rolle des Familienvaters gesehen hätten, hätten sie sich ohne Zweifel totgelacht.
Als sich die Familie Teufel schließlich zum Essen setzte, schnitt Lilith das Thema wieder an: „Also, wo hast du ihn getroffen?“
Er sagte es ihr. Lilith fiel die Gabel aus der Hand.

Und dann ging eigentlich alles sehr schnell.











Erster Tag
„Was macht einen Menschen glücklich, Raph?“, fragte Gott.
Raphael seufzte unglücklich und sah von dem Buch über Psychologie auf, über dem er gerade brütete: „Geld und Liebe, schätze ich.“
„Liebe? Wie machen wir das?“
„Geht nicht. Das kommt von selbst oder gar nicht.“
„Dann Geld?“

Hermann Hochmut hielt nicht besonders viel von Glückspiel. Umso mehr verwunderte es ihn, als der Anruf kam, er sei bei der Verlosung einer Million Euro (Zehn Euro das Los, für einen guten Zweck, fünf Prozent bekam der Verein BADESALZHILFSLIEFERUNG FÜR DIE VÖLKER DER SÜDSEE) gezogen worden. Die Blätter des Rhododendron waren zur Zeit gelb. „So ein Zufall.“ sagte Hermann und beschloss, einen Kollegen der Mathematikprofessor war, zu bitten, auszurechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für so einen Fall war.
„Gut gemacht.“, sagte Gott zu Raphael. Pufi pinkelte dem Erzengel auf den Saum des Kleides.
Hermann erhielt noch am selben Tag einen Koffer mit sehr viel Geld.
„Das lässt sich ändern.“, sagte Teufel grimmig zu Lilith, die nickte und Kaugummi kaute.
Eine kleine Einflüsterung sorgte dafür, dass einer der Veranstalter die restlichen Lose überprüfen ließ, von unerklärlichem Misstrauen erfasst. Auf allen fand sich Hermanns Name.
„Na warte!“, wetterte Gott.
Die Lose verschwanden wie durch Zauberhand, Hermanns Adresse war nicht mehr ausfindig zu machen. Alle Beteiligten (außer Hermann natürlich) verloren einen Teil ihres Gedächtnisses. Nicht einmal an den Namen des Glückspilzes konnten sich die Veranstalter des Glücksspiels erinnern. Es gab einen Skandal, als die einflussreiche Bank, die die Sache gesponsert hatte, dahinter kam, dass zwar das Geld weg war, aber kein Gewinner da. Die Presse bekam Wind davon. Schlagzeile: BANK VERUNTREUT GELD? Das Bankhaus ging bankrott. Tausende von Anlegern verloren ihre Ersparnisse. Es gab einen Börsencrash. Österreichs Wirtschaft brach zusammen. Deutschland, dieses wichtigen Handelspartners beraubt, ging entgültig unter. Lichtenstein marschierte in Österreich und Deutschland ein.
Die Blätter des Rhododendron bekamen braune Flecken.
„Verdammt!“ sagte Gott.

Zweiter Tag
Hermann befand sich unter den Flüchtlingen, die nach Frankreich flohen. Der Teufel schickte ihm einen Dieb, der sich die Million unter den Nagel riss. Ein Wal schluckte den Dieb. Die Wellen spülten den Koffer vor Hermanns Füße. Der Mathematikprofessor war auf der Flucht umgekommen, Hermann rechnete die Wahrscheinlichkeit selbst aus.
„Na so was!“, sagte er und war in Gedanken bei seinem Rhododendron, den er auf Grund des Krieges heute noch nicht gegossen hatte.
Der Teufel wies die Staatschefs von Amerika und Russland höflich darauf hin, dass Europa momentan geschwächt darniederlag. Amerika schloss einen Pakt mit Nordkorea. Russland griff Südkorea an, weil die Generäle die Karte falsch gehalten hatten. Gott sandte einen Friedensengel. Es wurde verhandelt. Beelzebub trat dem amerikanischen Präsidenten in Gestalt des russischen Botschafters auf den linken großen Zeh. Große Teile Asiens und Osteuropas wurden entvölkert. Amerika und Russland versöhnten sich wieder und waren beide fürchterlich zerknirscht.
„Mach Schluss damit!“, flehte Raphael.
„Wieso denn? Sieht doch nicht so schlecht aus!“, antwortete Gott ungerührt.



Dritter Tag
Hermann verliebte sich in eine Französin.
„Na also.“ kommentierte Gott.
Die Französin war die Frau des französischen Präsidenten. Er erwischte sie inflagranti. Sie wurden aus Frankreich ausgewiesen. Ein älterer Herr mit Bart und Stab kam und führte sie in gelobte Land. Leider war dort gerade auch Krieg.
Aus Frust brachte sich der französische Präsident um. Es gab Bürgerkrieg. Teufel besuchte noch einmal Amerikaner und Russen. Die Zerknirschung hielt nicht lange.
Am Abend des Tages noch hing die Mona Lisa in Bushens Schlafzimmer.
Daheim in Neu-Lichtenstein-City, vormals Wien, hauchte der Rhododendron seinen Geist entgültig aus.

Vierter Tag
Im kämpfenden Jerusalem hielt es die Frau des französichen Präsidenten nicht aus. Das Meer teilte sich. Sie marschierten nach Amerika. Eine Taube brachte einen Ölzweig, was, so erklärte Gott, obligatorisch war. Hermann sagte: „Es gibt sicher eine natürliche Erklärung. Komisch Wetter, vielleicht.“
Gott verschaffte ihm einen Posten als Brezellieferant des weißen Hauses.
Teufel war sauer und rührte sein Abendessen nicht an.
Er ließ den amerikanischen Präsidenten an einer Brezel von Hermann ersticken.
„Jetzt erst recht!“, brummte der Allmächtige.
Raphael zog sich in sein Zimmer zurück, um zu weinen. Pufi jaulte vor dem Himmelstor.

Fünfter Tag
Ein Hanfbauer und seine Frau, eine Esoterikerin mit zuckerlrosa Lippenstift und einem Fable für Räucherstäbchen nahm Hermann und die Französin auf seiner Arche Noah per Anhalter mit. Die Arche fing wegen eines Räucherstäbchens Feuer. Delphine retteten Hermann nach China. Die Chinesen erkannten ihn als den Mann, der den amerikanischen Präsidenten auf dem Gewissen hatte. Sie feierten ihn und sicherten ihm Schutz und eine Villa bis zu seinem Lebensende zu. Gott jubelte. Satan betrank sich und Lilith war stinksauer.

Sechster Tag
Die Amerikaner kamen dahinter, wo sich Hermann aufhielt und verlangten seine Auslieferung. Der neu gegründete Staat Ganz-Asien wollte seinen Nationalhelden nicht hergeben, weil ihnen ein Engel erschienen war, der verkündete, sie hätten ihn mit ihrem Leben zu verteidigen. Hermann zuckte mit den Schultern und las ein Buch über optische Täuschungen . Die Amerikaner drohten mit einem Atomwaffenschlag. Die Asiaten auch. Europa hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Bevölkerung von einer halben Million Menschen. Der Atomwaffenschlag kam. Raphael brachte sich mit einer Überdosis Sternstaub um. Lilith verließ ihren Mann und wanderte mit ihren Kindern auf den Mars aus.

Siebter Tag
Die Welt ging unter.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: Erneuter Weltuntergang

Beitragvon razorback » 21.10.2003, 15:57

Tja, die Atheisten und ihr Gottesbild - ein ständiger Quell der Heiterkeit... :-D :-D :-D

Hi Silentium!

Deine Geschichte fängt sehr stark an, entwickelt dann einige Längen, findet wieder zu grosser Klasse zurück um dann am Ende - wie ich finde - leider stark abzufallen. Aber dazu später.

Zuerst mal zu den positiven Seiten des Textes. Die Idee mit der Wette ist zwar nicht neu, aber hier ganz originell umgesetzt. Man sollte zwar glauben, dass Hiob und Faust gereicht haben, um IHN von diesem Quatsch zu heilen, aber im Suff... :-D
Ganz besonders lobenswert finde ich die Kleinigkeiten am Rande - von den genervten Engeln bis hin zu Satans gesprungenen Lippen. Auch die Idee, dass die beiden Gegenspieler teile ihres Privatlebens (Langeweile, Wette, Familie etc.) verstecken müssen, um keinen Imageschaden zu erleiden ist gut. Die Sache mit dem Golfspiel kommt mir irgendwie bekannt vor, aber sei's drum, Du baust sie gut ein. Mein Highlight im ersten Teil:

Das letzte Mal, als Gott langweilig war, hatte er aus Ermangelung eines Quitscheentchens einen Mann und einen Haufen Viecher monatelang auf dem Meer herumgescheucht.


Nur zwei Bitten: "gewesen war" und - könntest Du das Quitscheentchen streichen? Es macht das Ganze etwas albern, schade bei der 1a Pointe.

Irgendwann in der Mitte verliert der Text kurzzeitig etwas an Tempo. Du bschreibst mir Satans Aussehen ein wenig zu genau (wofür hat der Leser seine Phantasie?), bis hin zur Kralle, das Bild "überlegener Teufel / schwacher Gott" ist ausgelutscht und Du hast es gar nicht nötig - immerhin umgehst Du die üblichen Klischees solcher Geschichten ansonsten sehr gekonnt. "Michi", "Gabi"... hmmm warum kommt eigentlich keiner auf die Idee, ihn im Gegenzug "Lucy" zu nennen? Und mit der Erwähnung des Irak Krieges bringst Du einen aktuellen Bezug, der der Geschichte schadet, dazu noch die Bemerkung, dass die Menschen den selbst angezettelt hätten... etwas moralistisch, oder?

Satans Familienleben ist dann wieder recht witzig, allerdings würde ich mir die genaue Erklärung, wer Lillith ist, sparen. Wer das wirklich nicht weiss, ist nach Deiner kurzen Vorstellung auch nicht schlauer - und noch weiter auszuholen würde die Handlung sprengen.

"Liebe und Geld" ist zwar ein Klischee, dannoch trumpfst Du auf dieser Grundlage noch einmal grossartig auf. Der erste Tag ist ausgesprochen gelungen, und die Idee, dass Gott und Teufel ohne Rücksicht auf Verluste alles nieder walzen, nur um die Wette zu gewinnen, bleibt gut. Besonders gut gefällt mir, dass keiner gewinnt (zumindest so konvetionell, wie Du die Figuren hier anlegst). Bis vor ein paar Jahrzehnten hätte der Zeitgeist einen Sieg Gottes, danach einen des Teufels verlangt. Du hast mit Zeitgeist offenbar nix am Hut. Das erfrischt.

Allerdings lässt Du in der Ausführung der guten Idee zum Ende hin immer mehr nach. Sind Tag zwei und drei zumindest nur albern (mit eingestreuten Highlights, die beweisen, dass Du es besser kannst:

„Mach Schluss damit!“, flehte Raphael.
„Wieso denn? Sieht doch nicht so schlecht aus!“, antwortete Gott ungerührt.


So wirken vier und fünf schon sehr nachlässig und gehetzt und am sechsten Tag verlässt Dich dann auch noch die Grammatik und Logik:

Die Amerikaner kamen dahinter, wo sich Hermann aufhielt und verlangten seine Auslieferung. Der neu gegründete Staat Ganz-Asien wollte seinen Nationalhelden nicht hergeben, weil ihnen ein Engel erschienen war, der verkündete, sie hätten ihn mit ihrem Leben zu verteidigen.


Wem war der Engel erschienen? Dem Staat? Dessen Bevölkerung? Der Regierung? Oder was? ;-)

Wie gesagt - zum Schluss hat der Text etwas Gehetztes, das ihm nicht besonders gut bekommt. Ich gewinne beim Lesen den Eindruck, Du wolltest das ganze schnell zu Ende bekommen und hast deshalb nicht mehr soviel Sorgfalt aufgewandt, wie zu Beginn.

Du hast es also drauf - guter Stil, Origininalität, Witz. Was mir zu fehlen scheint ist Geduld. An Deiner Stelle würde ich die Geschichte überarbeiten, einige übertriebene, gewollt wirkende Stellen (Quitscheentchen) ebenso streichen wie aktuelle Bezüge (Irak) und allzu lange Beschreibungen (Satan, Pfarrer) und dafür dem Schluss etwas mehr Sorgfalt widmen.

Alles in allem aber beifallklatschend

Razorback

P.S.: Mir fällt gerade auf - ich habe Dich schon wieder der Konventionalität bezichtigt :-p . Aber Du wirst zugeben - die Figuren sind nicht gerade originell angelegt. Originell ist aber, was Du dann aus ihnen machst. Und darauf kommt es ja an. ;-)
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Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

gelbsucht
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Re: Erneuter Weltuntergang

Beitragvon gelbsucht » 22.10.2003, 00:29

Also dieser Text ist für mich sicherlich die Überraschung des Monats!!!

Hallo Silentium,

das ist mit Abstand das Beste, was ich bisher von dir gelesen habe. Im Vergleich zu deinen Gedichten ist dieses Story 100mal unterhaltsamer und lustiger. Du solltest häufiger Prosa schreiben, anstatt dir die Zwänge formstrenger Lyrik aufzuerlegen ... "Die Wette" ist der beste Beweise dafür. Du überzeugst mit originellen Ideen und überraschenden Einfällen:
Nur waren seine Lippen von der Hitze in der Hölle immerzu trocken und rissig, sodass er immer einen Labello in der Hosentasche hatte.

Lichtenstein marschierte in Österreich und Deutschland ein.

Wie kommt man nur auf so was? Also ganz ehrlich: so einen Text würde ich nie und nimmer zustande bringen.

Das ist die coolste Reaktion, mit der du unsere Kritik an deinem Gedicht "Große Erwartungen in den Weltuntergang" quittieren und widerlegen konntest!

Respekt!

;-) gelb :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Silentium
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Re: Erneuter Weltuntergang

Beitragvon Silentium » 25.10.2003, 12:29

Hallo!

Du solltest häufiger Prosa schreiben, anstatt dir die Zwänge formstrenger Lyrik aufzuerlegen ...


Tja. *seufz*. Sollte ich wohl. Bin kein Masochist. Schreibe ca 90% Prosa. Nur: Satire krieg ich halbwegs auf die Reihe und weiß ungefähr selbst, wo ich mist baue.
(obwohl, gibt es was besseres, als wenn razorback einen Text durchliest und kritisiert? Auf seine Kritikpunkte geh' ich gar nicht einzeln ein, weil er sowieso bei allen recht hat *heftigamtextherumkorrigierundwegstreich* & *quitscheentchenzuentenbratenverarbeit* :-D )

Den größten Schwachsinn verbreche ich eben in der Lyrik- hoffnungsloser Fall- aber irgendwie muss ich ja herausfinden, was genau meine Fehler sind, um diese erkenntnis dann auf die Prosa zu übertragen. Und da sonst in meinem lokalen Umfeld niemand die Geduld aufbringt, die komplizierteren Texte zu lesen, stell ich sie in boshafter Absicht hier rein.
Logische Folge: meine Prosa lasse ich schön zuhause und ihr bekommt vor allem die schlimmsten Ergüsse unter die Nase gehalten. *entschuldigendmitdenschulternzuck*

quittieren und widerlegen


*sichabkopfkratz*

Sir, das lag nicht in meiner Absicht, vor allem, weil ihr ja fast überall recht hattet. Nur "angestaubt"? Wer ist gerne "angestaubt"? Siehe Pfarrer Kern am ganz am Anfang des Textes. :-D

Entschuldigende Grüße,
Silentium
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