Am nächsten Tag wurde der vermeintliche Täter erneut dem Kommissar vorgeführt, da er vorläufig noch in Untersuchungshaft gehalten wurde, wie lange aber noch? Das war genau der Punkt, den der Kommissar klären wollte und hing davon ab, ob es sich bei diesem Selbstankläger um einen vermeintlichen Simulanten und verkorksten Wichtigtuer oder was immer diesbezüglich oder um den tatsächlichen Mörder handelte. Im ersten Falle, tschüs, im letzteren, ab vor den Kadi.
„Herr Kommissar, wann werde ich endlich dem Haftrichter vorgeführt, damit es zu einem Prozess kommen kann? Ich will endlich verurteilt und für meine Tat bestraft werden!“
Mann, der Typ war vielleicht verdreht. Zuerst meinte er, er sei nicht der richtige Mörder, aber jetzt möchte er trotzdem dafür bestraft werden.
„Nein, nein!“, sagte der Kommissar. „So einfach geht das nicht. Sie müssen erst einmal beweisen, dass Sie die Kritikerin tatsächlich umgebracht haben.“
„Aber ich habe sie doch nur in der Phantasie getötet, nicht wirklich.“
Ganz schön gaga, dachte der Kommissar. Kommt so ein Autor zur Polizei, gesteht, er sei es, der die Ermordete getötet habe, allerdings nur in der Phantasie. Und dann, dann will er auch noch dafür bestraft werden. Von ihm aus hätte er sehr wohl bestraft gehört: ab in die Klapse. Leider musste man so jemanden wieder nach Hause schicken, solange ein Rest Zweifel an seiner Tat bestand. Die Zeiten hatten sich geändert, mit ihnen die Gesetzeslage . Europa war mittlerweile überall.
Nun, wie kam er an die Wahrheit ran? Nun, da musste man anders vorgehen, so, wie man es in keiner Ausbildung lernen konnte, geschweige denn auf einer Universität, ha! Dafür bedurfte es eines Naturtalentes, wie er einer war, jawohl!“
„Wenn das stimmt, was ich nicht glaube, frage ich Sie ernsthaft: was wollen Sie dann hier? Warum behelligen Sie uns und halten uns von der dringenden Arbeit ab, diesen Fall zu lösen? Sie haben doch ihr Ziel erreicht, ihre ärgste Feindin zu vernichten. Was also möchten Sie noch?“
Autor stutzte gewaltig. Befand er sich auf einem Kommissariat oder wo sonst? Warum freute sich dann nicht der Polizist, wenn sich ein Mörder stellte bzw. endlich habhaft geworden war? Ja, warum schickte der einem wie ihn sogar nach Hause?
„Ja, ich will doch, dass sie nicht Ihre Zeit vergeuden, verstehen Sie das nicht?“
„Na hören Sie mal! So einfach ist das nicht, wie Sie sich das einbilden. Gehen zur nächstbesten Polizeistation, sagen: Guten Tag, hier bin ich. Ich bin derjenige, den Ihr sucht. Der furchtbare Mörder.“
„Ähm!“, der Autor, wohl sonst nicht auf den Mund gefallen, geriet ins Stottern. „Jetzt schlägt’s aber Dreizehen. Was soll, was soll...“
Der Kommissar beugte sich vor. „Sehen Sie. Sie sind Schriftsteller, wahrscheinlich mit Haut und Haaren.“
Stolzgeschwelt antwortete er ohne Zögern: „Allerdings!“
„Na eben. Und solche Schriftsteller können nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. So sieht’s aus!“ Der Kommissar ließ sich zurückfallen.
„Also, beweisen Sie erst einmal, dass Sie die Kritikerin tatsächlich hinüberbefördert haben, oder verschwinden Sie so schnell wie möglich wieder aus meinem Leben!“
„Äh, ich soll also beweisen, dass ich der Mörder bin, ja.“
„Genau!“
Der Autor wurde schweigsam.
Der Kommissar lachte: „Natürlich, Sie sind ehrgeizig. Sie wollten das perfekte Verbrechen begehen, richtig.
„Ja!“, räumte der andere ein.
„Es sieht so aus, als ob es Ihnen gelungen ist. Das erste perfekte Verbrechen in der Kriminalistik und Menschengeschichte überhaupt.“
Dann beugte er sich wieder vor.
„Schließlich haben wir nicht die geringste Spur gefunden. Nada! Verstehen Sie die Konsequenzen? Können Sie sich vorstellen, in welcher Lage Sie sich damit gebracht haben, jetzt, nunmehr, wo Sie gestehen wollen?“
Der Autor kratzte sich an der Stirne. „Ich glaube, mir dämmert’s“
Der Kommissar lachte bitter und heftig auf: „Tja, jetzt müssen Sie den Beweis antreten, dass Sie der Mörder sind und kein anderer. Und es muss niet- und nagelfest sein, so dass absolut kein anderer in Frage kommt. Andernfalls hegen wir Zweifel und vermuten, dass Sie ein Wichtigtuer sind, ein Simulant und gekränkter Autor, der sich nur wichtig machen will, weil einer anderer Autor seine Todfeindin getötet hat. Hat er schon keine Aufmerksamkeit als Autor gehabt, so wenigstens in diesem Fall. Bei der Aufklärung des Mordes derjenigen, die Ursache seiner Erfolgslosigkeit ist, will er sich nun aufspielen und wenigstens die verlorene Aufmerksamkeit der Bevölkerung, wenn schon nicht eines Publikums, erreichen. Nein, mein Lieber. So einfach wird das für Sie nicht werden.“
Der Autor hatte entsetzte Augen, wie er sich da so in der Zwickmühle, sich selbst in diese Sackgasse verfahren vorfand und keinen Ausweg sah.
„Schön, ich muss also beweisen, dass ich die Kritikerin getötet habe. Also, dass ich der Mörder dieser armen Frau bin, richtig?“
„Genau! Das müssen Sie jetzt. Wenn Sie es nicht können, müssen wir Sie laufen lassen. Wir haben keine andere Wahl. Wir können Sie nicht festsetzen, wenn wir keine Beweise haben, auch wenn Sie gestehen sollten. Das spielt keine Rolle. Wir können Sie nicht einmal in die Psychiatrie stecken. Leider. So sind die Gesetze!“
„Also stehe ich vor zwei Alternativen: zu beweisen, ich war’s oder ich war’s nicht!“
„Richtig! Sie haben es erfasst.“
Einige Augenblicke war der Autor mit seinen Gedanken abwesend und was dann kam, rief beim Polizisten nur das Gefühl hervor, er sage diese Worte nur, um ihn zu beruhigen.
„Wenn ich das eine oder das andere bewiesen habe, können Sie wieder richtig schlafen, ja?“
„Genau!“ Am liebsten wäre er zwar aus der Haut gefahren, aber er war Profi.
„Erst wenn Sie das Gefühl haben, ihre Pflicht erfüllt zu haben, ist der Fall für Sie abgeschlossen. Taucht der geringste Zweifel auf, muss der vermeintliche Mörder laufen gelassen werden und weiterrecherchiert werden bis Teufel komm raus sozusagen.“
Der Kommissar pflichtete entschieden bei: „Der Fall muss klar sein. Eine Person, die tatverdächtige Person muss unzweifelhaft als Täter überführt sein. Andernfalls sind wir gezwungen, ihn wegzuschicken und weiter zu forschen und zu suchen...“
„Gut, damit Ihre arme Seele ihre Ruhe finde, werde ich hiermit versuchen, den Beweis anzutreten.“
„Aber mit zwingender Beweislogik und offensichtlicher, erdrückender Beweislage.“
„Ich tue mein Bestes. – Nun, wie ich recht verstanden habe, haben sich nicht den geringsten Hinweis, wer der Mörder sein kann: kein Härchen, kein Fingerabdruck, nicht die Spur eines DNS-Hinweises.“
„Richtig!“
„Wenn nicht die Indizien eine eindeutige Sprache sprechen, dann die Motivation, richtig?“
„Ja, wenn’s sein muss.“
„Wer hatte das größte Interesse daran, dass die Kritikerin von der Bildfläche verschwand, ja? Danach muss gefragt werden, um die Motive eines Mörders zu verstehen in diesem hier vorliegendem Fall, richtig?“
„Richtig?“
„Okay, mein Motiv ist schnell erbracht. Ich bin ein mißerabler Schriftsteller, worauf mich die Kritikerin immer wieder mit dem Zaunpfeil, wenn nicht Brechstange aufmerksam gemacht und hingestoßen hat, so dass ich infolge meiner Desillusionierung keinen anderen Ausweg mehr gefunden habe, als diese Verursacherin meiner unerträglichen Frustration, zu töten. Ist doch plausibel!“
„Bedingt, Herr Schriftsteller.“
„Warum?“
„Na, weil sie nicht der einzige sind. Im Gegenteil, es gibt Millionen von Hobby-, Pseudo- und sonstigen Schriftstellern welcher Art auch immer, die keine Anerkennung und keinen Erfolg finden und die die Ursache irgend wann einmal meist in der Borniertheit der Leser, noch wahrscheinlicher der Kritiker finden. Das Ausbleiben fehlender Anerkennung der Öffentlichkeit schreit richtiggehend nach einem Sündenbock. Glauben Sie wohl, andere Autoren fehlt es an Phantasie und können an das Schlachtermesser als bloß ein Symbol denken?“
Darin steckte eine gehörige Portion Wahrheit, räumte der Autor ein.
Nun ging es also darum, dass er mehr als ein bloßes oberflächliches Motiv besaß, nein, er musste noch ein besonderes Motiv haben. Aber einerseits war er nur einer von unzähligen unbedeutenden Autoren. Doch vielleicht war er, kam es ihm blitzartig zu Bewusstsein, etwas anders als die anderen. Klar, die waren alle sensibel. Gut, dann musste er noch sensibler sein. Er pfiff auf den Gedanken, der ihm kam: und wenn ich psychopathisch erscheinen mag!
„Okay, Chef. Ich bestehe darauf, dass Sie einen Psychiater, Psychologen oder Profiler, weiß der Kuckuck wen, zu Rate ziehen, damit dieser mich untersucht hinsichtlich eines passenden Täterprofils.“
Der Kommissar lachte: „Sie meinen also, in diesem Fall müssen wir rückwärts vorgehen. Wir erstellen ein Täterprofil, logisch und schlüssig und genau auf Sie zugeschnitten, damit wir Ihnen den Mord anhängen können?“
„Ganz genau!“
„Dabei gleichen wir dieses Profil mit Ihrem ab und bringen beide zur Deckungsgleichheit, bis wir eine hinlängliche Ähnlichkeit vorfinden und davon ausgehen können, dass Sie es waren, der die Kritikerin getötet hat!“
„Aber ganz genau und nicht anders.“ Der Autor war begeistert. Selten, dass ihn jemand so viel Verständnis entgegengebracht hatte seit langem, empfand er.
Der Kommissar schüttelte nur den Kopf: „Nein, mein Lieber, da müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen, so viel Zeit haben wir nicht. Wir sind nicht da, um unsere Zeit zu verschwenden. Nein, klipp und klar: ich glaube Ihnen kein Wort. Sie sind ein Aufschneider und Wichtigtuer und sie sollten schnellstens das Weite suchen!“
Der Autor kratze sich ein Weile am Kinn. Dann ließ er die Bombe platzen: „Was sagen Sie aber dazu: ich kannte die Autorin sehr gut. Ich hatte mit ihr, na so etwas wie eine, wenn auch nicht intime Beziehung, so doch eine persönliche.“
„Aha!“, grunzte der Kommissar. „So, so!“
„Ja! Sie mögen es mir nicht glauben. Aber hören Sie, wie ich es dazu kam, dass, dass ich diese Kritikerin ihrem verdienten Schicksal zuführte!“
Der Kommissar rollte zwar gelangweilt die Augen, aber musste doch dem Autor seine Story zu erzählen einräumen.
„Na gut. Dann erzählen Sie mal! Darauf werde ich mir dann schon einen Reim bilden können!“
Der Autor lächelte zufrieden: „Werden Sie können, Herr Kommissar, werden Sie. Ich verspreche es Ihnen!“
Der Kommissar: „Na mal los, Mann. Erzählen Sie!“
Der Tod der Kritikerin - Motivational 7. Teil
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