número uno

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Glaspuppe
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número uno

Beitragvon Glaspuppe » 19.01.2004, 16:17

Raureif auf utopischen Dächern

Ich trage die Sicherheitsnadeln in meiner Manteltasche. Wenn ich im Dunkeln an Busbahnhöfen vorbei gehe, streiche ich mit dem Daumen darüber. Hin und her. Manchmal möchte ich in Bussen übernachten.
Ich habe mich heute an einer Sicherheitsnadel gestochen. Sie hängen aneinander, wie Glieder einer Kette. Eine Nadel für jedes Wiedersehen.
Schmale Türen und Monet über dem Bett und die ganze Nacht eine Straßenlaterne vor dem Fenster. Du nanntest Hotelzimmer nur teuer; ich fühle mich in ihnen immer diszipliniert. Ich freue mich, dass dieses keine Jalousien hat, ich habe Angst vor dem Streifenlicht. Um elf Uhr liegt die Rue La Bruyère bereits still; wir sind hoch über der Stadt.
Elle fréquentait la Place Pigalle. Glaspuppe hast du mich genannt, und von einer Überraschung gesprochen, dabei waren es nur Sicherheitsnadeln. Von deinen Jeans, die ich trug, wenn du nicht da warst. Ich hatte versprochen, dich zu besuchen, bald. Aber wir wohnten beide weit von Paris, und der Zufall fuhr nie in deine Stadt, wenn ich in Züge einstieg, die ich nicht kannte. Du wolltest mich Fahrpläne auswendig lernen lassen, und ich spuckte darauf, weil dir alle Bahnschienen gleich aussahen; nur ich sagte ihnen Starrsinn nach, und Humor. Wir hatten nie dieselben Bilder vor Augen.
Einmal habe ich dir rosa Strapse geschenkt, aber du hast nicht gelacht. Ich ging mit dir in eine Schwulenbar, wollte dich belästigt sehen. Du hast mir eine Schachtel Gauloises und einen Liter Wein im Tetrapack geschenkt und mich an der Tankstelle stehen lassen, aber Grün und Gelb leuchteten in der Dunkelheit so optimistisch, dass ich mich herzlos besaufen konnte. Ich fühlte mich zwanglos in jener Nacht.
Ich wollte dir schreiben, in Züge einsteigen -- bis dir die Sicherheitsnadeln ausgehen würden, aber das war bevor ich lernte, mit der Stimme eines französischen Mädchens zu sprechen.
Du mochtest Paris nicht, es war dir immer zu utopisch -- kaum jemand kann heutzutage vom Malen leben, sagtest du. Ich nickte nur. Kein Verkehrsbewusstsein, fügtest du manchmal hinzu, und ich wusste nicht, ob es dieses Wort gab.
Anfangs flüchtete ich vor Autos. Dann verkleidete ich mich als Parisienne und stürmte die Boulevards und spielte so lange kellnernd Utopie, bis ich kaum jemand wurde. Ich habe beschlossen, nicht mehr in fremden Betten zu schlafen. Ich mag es, stolz darauf zu sein, auf dem Montmartre bei meinem utopischen Vornamen gerufen zu werden.
Ich warte, bis die Dächer weiss sind in Paris. Beim ersten Schnee darf man sich etwas wünschen, doch wir sind nicht abergläubig, du und ich. Ich werde zum Sacre Coeur hinaufgehen, die Dächer der Stadt sehen und wissen, dass ich noch immer unter einem dieser Dächer lebe. Ich halte mich, hier, in der Utopie. Dann werde ich die Treppen hinunterrennen, vier Stufen auf einmal nehmend, und die Sicherheitsnadeln per Post versenden, aber nicht als Kette und mit einer handvoll Schnee im Umschlag. Deine Adresse ist wasserfest.

razorback
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Re: número uno

Beitragvon razorback » 19.01.2004, 16:51

Dina, Dina...

...na ja, das wichtigste hatte ich ja schon Samstag gesagt, ich packe es mal in dürrere Worte, damit es auch geschrieben steht: Du bist einfach verdammt gut.

In dieser Suppe ist kein Haar, aber eine Stelle, die ich nicht verstehe (Stelle in der Suppe - Razor hat ein Metaphernproblem):

...dass ich mich herzlos besaufen konnte.


"Herzlos" verstehe ich nicht. Und gerade die Tankstellenpassage ist besonders gelungen.

Ganz toll:

...und stürmte die Boulevards und spielte so lange kellnernd Utopie, bis ich kaum jemand wurde.


Ich verstehe es als Privileg, das hier zu lesen und dabei Deine Stimme zu hören, die es vorliest, ich hoffe, das klappt bei den Texten der anderen auch.

Sag mal - hast Du das erlebt oder denkst Du Dir das so oder beides? In allen drei Fällen aus unterschiedlichen Gründen - Reschpekt!
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

Glaspuppe
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Re: número uno

Beitragvon Glaspuppe » 20.01.2004, 16:04

Dankeschön, wow! *rotwerd*

Erlebt? Leider nicht, ich würde gern auf dem Montmartre hausen... Die Geschichte hat kleine autobiographische Aufhänger, ich kenne die Schauplätze, habe sie kurz nach einem Trip nach Paris geschrieben, und ich hab einen schwulen Freund, der seinen Rucksack mit Sicherheitsnadeln designed hat und mir immer, wenn wir uns sehen, zum Abschied eine dieser Nadeln ansteckt. Als ich das letzte Mal nach Leipzig gefahren bin, um ihn zu besuchen, hatte ich die Dinger aus irgendeinem Grund in meiner Manteltasche rumfliegen und hab mich böse daran gestochen. Dann hab ich mich hingesetzt und im Zug den Text geschrieben. Die Geschichte an sich ist aber frei erfunden, das andere waren eben die Impulse, die zum Schreiben geführt haben. Ich find's schön, mal von der Tagebuchprosa weggehen zu können, ohne dass man es gleich merkt. ;-)

Herzlos soll soviel sein wie gefühllos, Herz ausschalten, drauf scheißen und saufen, bis alles seine Bedeutung verliert.

Ganz ganz herz-lichen Gruß,

Dina


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