Zu Meißen

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solneman
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Zu Meißen

Beitragvon solneman » 10.12.2003, 00:51

Das Schöne suchst du? Finde es lieber. Wirf die Reiseführer weg und lass dich von deinem Leben führen. Nachlesen kannst du immer noch. Und hörst du später im Fernsehen von einem Ort, in dem du glücklich vor einem Eis saßest, so klingt plötzlich eine Saite auf, die du bei deiner Reise aufgezogen hast, ohne es zu wissen. Die Städte: nichts weißt du von ihnen. Ein Schild mit Belehrungen ist nur ein Schild. Was weißt du von dir? Welches Schild würdest du denn verfassen und in dein Fenster hängen, für interessierte Passanten? Na siehst du. Wann wurdest du gegründet? Wann erstmals urkundlich erwähnt? Welche Liebe hat dich aufgebaut? Und welche geplündert? Von wann bis wann? Durch wen? Die Liebenden sind weitergezogen durch dich, neuen Taten, neuen Städten, neuen Lieben zu. Und du? Bist immer noch da. Schöner als je zuvor, weil Heute ist. Da und da eine Macke, zugegeben. Lass die Ruinen stehen, verpass ihnen ein Gedenkschild, von dem keiner wissen will, und siedele dein Herz auf einer bisher unbebauten Wiese an. Die Jahre schaffen Platz genug; das Land der Tage hebt die Niederungen an und legt den Sumpf des Morgen trocken.
Wenn du also durch eine fremde Stadt gehst - bedenke, dass du eine Kollegin besuchst. Denn eine Stadt für einen Tag ist wie eine Frau für eine Nacht. Da verlierst du auch keine Zeit damit, Fragen zu stellen. Da willst du nur die Schönheit. Oder was auch immer.
Zugegeben: das Bild ist nicht schlüssig. Aber gibt es irgendetwas in einem verkorksten Leben, das schlüssig wäre? So lange eine Stadt bewohnbar ist, ist auch ein Leben lebbar. Mit all seinen Ecken, die zu bezeichnen das Kerbholz der Adjektive auch „hässlich“ kennt, und mit seinen Schokoladenecken zum Anbeißen. Überfriss dich nicht. An dir nicht und an keiner Stadt. Verzehre in Frieden deine Tage.

Hamburger
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Re: Zu Meißen

Beitragvon Hamburger » 22.01.2004, 13:01

Hallo solneman!

Es ist zwar nicht wieder gut zu machen, dass zu diesem Text bisher noch keiner Stellung genommen hat, aber ich hoffe du hast noch nicht aus Frust die Flinte ins Korn geworfen, schaust nochmal vorbei und siehst mein Lob.

Also, ein sehr guter Text. Eine Belehrung, die nicht selbstgefällig klingt - das ist schon mal schwer zu schreiben, aber gut gelungen. Besonders der Vergleich mit der eigenen Person anhand der Fragen wirkt bissig und spritzig.

Und die Aktualität des Textes


Das Schöne suchst du? Finde es lieber. Wirf die Reiseführer weg und lass dich von deinem Leben führen.


ist mir zum wiederholten Male am Samstag auf der Domplatte bewusst geworden bei unserem O livro-Literaturtreffen. Man könnte diese Sätze ja mal insbesondere ins Japanische übersetzen, auswenig lernen und einen der netten Fotografen dort damit konfrontieren - das wär doch mal ein echtes Krisenexperiment in Garfinkels Sinne :-D

Meine absolute Lieblingsstelle allerdings lautet...


Lass die Ruinen stehen, verpass ihnen ein Gedenkschild, von dem keiner wissen will, und siedele dein Herz auf einer bisher unbebauten Wiese an.


Diesen hättest du mal meiner Kurzgeschichte "Mittelmeer" am Samstag entgegenhalten sollen - dann wäre mir vermutlich der Applaus zurecht verweigert worden :-D

Und auch mit dem Begriff "Kerbholz der Adjektive" hättest du dich gut in eine dort geführte Diskussion einschalten können - hoffe ich habe dich neugierig gemacht und du bist das nächste Mal
dabei.

Tja, ich merke gerade dass ich eigentlich nichts zu kritisieren habe. Schon lange keinen Text mehr gelesen, den ich so positiv fand, weil er mir so richtig Mut für den Tag machte.

Halt, ich hab doch noch was...


Verzehre in Frieden deine Tage.


Das klingt etwas penetrant religös, so richtig spirituell - erinnert mich irgendwie an "Die Ratschläge des Herzens" des Dailai Lama die ich gerade lese - aber eigentlich mag ich das Buch.

Na ja, war wohl nichts mit Kritik. Poste weiter, ich werde nicht noch mal eine solche Perle so lange so unkommentiert stehen lassen.

Das verspricht

der Hamburger
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)


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