Ich kannte einmal einen Mann, der verdiente sein Geld, indem er Gerüche rezensierte. Seine Beiträge erschienen in einer kleinen Zeitschrift, die sich auf Kochen und Küchen spezialisiert hatte. Keiner der Texte war länger als 2000 Zeichen, alle waren ausgesprochen köstliche sozusagen literarische Miniaturen, wegen der die kleine Zeitschrift gern gekauft, ja überhaupt gekauft und vor allem gelesen wurde, denn die übrigen Themen, die auf den Seiten anzutreffen waren, kamen bei weitem nicht an die sprachliche Delikatesse heran, mit der der Mann, den ich kannte, Gerüche zu beschreiben verstand. Kaum hatte man mit den ersten Zeilen angefangen, als man sich auch schon in das Land versetzt fand, dessen Geruch der Mann, den ich kannte, da beschrieb. Plötzlich stand man mit ihm im Flughafen von Damaskus, atmete mit ihm in den New-Yorker U-Bahn-Tunneln, und sogar in einem Wagen der Deutschen Reichsbahn der Vor-Wende-Zeit, die auf der Transitstrecke zwischen Hamburg und Berlin eingesetzt waren, fand man sich unversehens versetzt: so plastisch, so genau, so naheliegend waren die Worte zusammengestellt; es war – auch wenn dieser Begriff sehr strapaziert ist – ein kleines Wunder. Und die Zeitschrift war mit jeder Ausgabe ein kleiner Schatz, der Chefredakteur hingegen ein ausgemachtes Arschloch. Und der Mann, den ich kannte, der war – ein wenig sonderbar.
Besuchen konnte man ihn nicht, jedenfalls nicht bei sich zuhause. Dort nämlich stapelten sich lauter kleine Gläschen mit Luft. Jedes war penibel beschrieben und katalogisiert. Die Wände seiner kleinen Wohnung waren zugestellt mit Regalen, auf denen die Gläschen säuberlich aufgereiht in Dreier-Reihen standen. Ich glaube, er ließ sich die Gläser sogar anfertigen, denn nie wäre es ihm einfallen, zum Beispiel ein altes Gurkenglas zu nehmen, um sagen wir die Luft auf dem Berge Karmel aufzunehmen. Dauernd kamen außerdem lauter kleine Gewürzproben an, denn es versteht sich, dass ein Gewürzhersteller, der auf sich hielt, diese Zeitschrift natürlich auch las und sich ausmalte, wie enorm er den Absatz seiner Pfeffertütchen steigern könnte, wenn der Mann, den ich kannte, in seiner nächsten Besprechung den Namen und die Qualität des Produktes erwähnen würde.
Doch in aller Regel wurde nichts daraus. Denn der Mann, den ich kannte, rührte die kleinen, aus der ganzen Welt auf ihn einregnenden Tütchen nicht an, sondern verkaufte sie privat weiter. Damit verdiente er übrigens mehr als mit den Texten, die er einmal monatlich ablieferte. Denn der Chefredakteur, der ja ein Arschloch war, bezahlte den Mann ausgesprochen schlecht und gab ihm nur ein paar Bruchteile vom Cent pro gedrucktem Zeichen. Deswegen schrieb der Mann ja auch immer genau 2000 Zeichen, weil sich das für ihn am besten rechnete, denn so musste er keine Steuern zahlen. Und die Erlöse aus dem Gewürztütchen, die steckte er so ein und erzählte dem Finanzamt davon nichts. Heimlich aber hatte der Chefredakteur längst die Texte gesammelt und unter seinem eigenen Namen als Buch drucken und verkaufen lassen, natürlich in seinem eigenen Verlag, damit er den Gewinn mit niemandem teilen musste. Die Leute rannten ihm die Bude ein und hofierten ihn sehr, die Fernsehsender luden ihn alle paar Monate, wenn ein neues Buch herausgekommen war, in die Talkshows ein, und da musste der Chefredakteur dann den ganzen Abend Rede und Antwort stehen und reden und reden. So blieb ihm fast keine Zeit mehr für seine eigentliche Arbeit, nämlich die Beiträge für seine Zeitschrift zu redigieren, weil er abends immer spät nach Hause kam, weil er nach den Auftritten immer so lange mit den Leuten vom Sender und den anderen Gästen in Künstlerkneipen rund um die Hauptstadtstudios saß. Dafür stellte er eines Tages eine junge Frau ein, die sehr hübsch war und frisch von der Journalistenschule kam. Die brachte das Blatt rasch auf Vordermann und mehrte den Ruhm des Chefredakteurs. Natürlich kam sie auch auf die Sache mit dem Mann, den ich kannte, und der der wahre Verfasser der schönen, so vielgelesenen und gerade zu Weihnachten an alle Hobbyköche zum Beispiel gern verschenkten Texte war.
Sie hat sich mir vorgestellt am Telefon, aber sie hat so schnell gesprochen, dass ich sie gar nicht verstanden habe. Nachfragen mochte ich auch nicht, aber die Stimme, sie war sehr schön. Sie klang wie eine Geige, die frisch gestimmt war, die dazu aber keine Lust hatte, sondern auf den richtigen Bogen wartete. So klang diese Stimme. Sie flog sogar durch den Hörer, wie ein Kleiber kopfunter an einem Kieferstamm im Stadtpark herunterläuft. Die Frau hatte nämlich recherchiert und war dabei auf mich gestoßen, als einer, der den Mann kannte, den ich kannte, und der zuhause saß und kaum vor die Tür ging und keinen Besuch empfing und nur im Winter, wenn es draußen Frost war und es nur nach Schnee und der damit gefüllten Luft roch, vor die Tür trat und zu einem Spaziergang bereit war, bei dem ich ihn ein paar Mal begleitet habe.
Kennen ist also viel zuviel gesagt, sagte ich der Frau, die ich für mich Jenna genannt habe, weil mich das an eine Geige erinnert, die ich nicht spielen kann, wie ich überhaupt kein Instrument spiele, nicht einmal Klavier, und das ist sehr, sehr schade.
Das wollte Jenna aber nicht wissen, sondern sie wollte wissen, ob ich ihr nicht die Tür bei dem Manne öffnen könnte, der sein Geld mit Rezensionen von Gerüchen verdient.
Ich habe dann gesagt, dass ich das könnte, obwohl ich es nicht konnte. Das einzige, was man von dem Mann zu hören kriegt, das sind die kurzen Texte zu Gerüchen, die es unterdessen auch als Hörbücher gibt, allerdings lustlos und mit kalten Ohren gelesen von Schauspielern, die keine Ahnung von gesprochener Sprache haben. Dennoch versprach ich, für sie das zu tun, was ich tun könne, und ich bat sie um ihre Telefonnummer, damit ich sie zurückrufen könnte, wenn ich Näheres wüsste.
Ich habe diese Nummer immer noch in meiner Brieftasche. Es ist mein kostbarster Besitz. Diesen werde ich nie verschenken, obwohl es doch richtig ist, das zu verschenken, das einem ohnehin nicht gehört, auch wenn es wehtut. Ebenso weh tut es ja auch, Dinge zu verlieren, die einem nicht gehören, Sonnenbrillen zum Beispiel die der eigene kleine Sohn beim Spielen auf dem Spielplatz findet und an die Bank trägt, auf der man in der Sonne sitzt und aufpasst, dass kein Unhold die Kinder einfängt und sie zerstückelt. Und ich hatte also plötzlich eine schicke Ray-Ban-Brille, so teuer, dass ich sie mir nicht hätte kaufen mögen: bräunliches Horn, grünliche Gläser, schön. Aber die war eines Tages weg und ging einfach weiter, suchte sich im Freibad in Herbolzheim einfach einen neuen Besitzer. Der vielleicht besser drauf aufpasst oder vielleicht kann man auf bestimmte Dinge einfach nicht aufpassen. Sie sind gegeben, sie sind genommen, dazwischen hat niemand etwas zu suchen, kein Mensch. Es ist nämlich das Geschäft Gottes, zu geben und zu nehmen, und man darf nicht jammern, sondern man darf froh sein um die kleinen Geschenke, die kleinen Dinge.
Aber ich wollte von Jenna weitererzählen, die mir ihre Nummer gegeben hatte, aber da war bloß immer das Großraumbüro dran und Jenna war in der Stadt unterwegs und nur per Handy zu erreichen und das hatte sie meistens ausgeschaltet. The person you have called is temporarely – und die Computerstimme breitet und weitet sich an dieser Stelle der Bandansage immer herum um diesen Wortklotz, der wie eine sandige Insel im Delta eines mächtigen Stromes liegt und den der Rest der Stimme umfließt.
Sie selber hat nicht mehr angerufen, und ich habe es nach dem Frühjahr aufgegeben, weil ich dann auch eine andere Frau kennenlernte, die ich heiratete und von der ich inzwischen schon wieder geschieden bin, das war wenigstens etwas Konkreteres als eine Frau, deren Namen man nicht kennt und den man sich zusammenphantasieren muss und deren Bild man Jahre später in der Zeitung findet, weil sie inzwischen so berühmt ist, dass sie auch mal mit Bild abgedruckt wird. Da habe ich aber nicht mehr angerufen, was soll das auch schließlich, was bring ich Unruhe in anderer Leute Leben, mich lässt man ja auch in Ruhe. Zur Perfektion getrieben hat das der Mann, den ich kannte und der die ganze Zeit nichts anderes getan hat, als still und fleißig seine Rezensionen zu schreiben und nichts weiter. Ich kannte ihn genau genommen aus der Schulzeit, aber die ist ziemlich lange her, und über diese Zeit will ich jetzt eigentlich gar nicht reden. Wir hatten nämlich einmal eine Klassenarbeit zu schreiben, und der Mann, der damals ja ebenso ein Junge war wie ich, saß neben mir und konnte mir nicht helfen, denn ich hatte gar nicht gelernt. Ich fummelte aufgeregt an einem kleinen Kassettenrekorder herum, den ich unter der Bank deponiert hatte, denn so klein, dass man die Dinger einfach unbemerkt in der Hand halten konnte, waren die noch nicht. Aber er bedeutete mir, von dem Kasten abzulassen und doch erst die Aufgabe zu bearbeiten. Sie lautete: „Ein Herrscher ließ den Namen in den Sockel des Denkmals eingravieren.“ Punkt. Keine Frage, kein Nichts. Klar, hier fiel ein Stichwort, das Kundige veranlasste, den gelernten Stoff abzulassen, denn auf Fragen hätte ich ja improvisiert antworten können. So aber blieb mir nur die Feststellung, dass es besser gewesen wäre, zumindest flüchtig einmal den Lernstoff zu lesen. Doch genau das hatte ich nicht getan. Der Junge konnte mir nicht helfen, und als wir abgeben mussten, war er gerade fertig, während ich nur das erste Drittel der Aufgaben bearbeitet hatte. Es blieb danach nicht mehr viel Zeit, und es ging bald danach einfach auseinander, wie es auch mit Gegenständen ist, die man zum Beispiel im Zug liegen lässt, Füller, Bleistift, Leder – alles weg, das ganze Etui. Im Zug nach Berlin. Liegengelassen. Ich habe lange darum getrauert und ich tu es heute noch, es ist ganz einfältig, aber ich habe doch so gern damit geschrieben und ich habe das Etui einfach verloren. Was gehört einem wirklich?
aber der nase steigt
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