Inselliedende

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solneman
Erinye
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Inselliedende

Beitragvon solneman » 30.03.2004, 00:22

Inselliedende

Wenn einer fortgeht ...
Ingeborg Bachmann: Lieder von einer Insel

I

Der Mann lebte auf einer Insel, von der er glaubte, dass nur er von ihr wusste. Sie lag mitten in der Stadt; sie war von einem Kanal umgeben. Immer ging er über die Brücke zur U-Bahn, ohne dass ihm der Kanal geschweige denn sein Verlauf aufgefallen wäre.
Eines Abends aber, nach großem Streit, vor dem er geflüchtet war, verpasste er seinen Zug und konnte nur noch den wegsaugenden roten Lichtern hinterherschauen. Da hatte er plötzlich neun Minuten Zeit bis zur Nächsten. Weil nichts Lesbares zur Hand war und weil er wegen des Regens keine Lust hatte, auf dem Bahnsteig herumzuschlendern, besah sich der Mann den Plan der Stadt, in der er schon länger lebte, und versuchte, nicht zu denken.
Da suchte er zunächst die Straße, in der er wohnte, und dann entdeckte er den Kanal. Folgte ihm mit den Augen, gespannt, wo er wohl münden würde. Aber ein Kanal mündet so wenig wie ein See, und da sah er, dass er den Kanal über Windungen und Biegungen rund um sein Wohnviertel bis zu der Stelle begleiten konnte, an der er die Verfolgung aufgenommen hatte.
Daraus zog er augenblicklich seine Schlüsse. Er zog sie unbemerkt von den anderen Wartenden auf dem Bahnsteig. Niemand hätte sagen können, dass der Mann gerade eine Entdeckung von Tragweite gemacht hätte. Als wäre nichts, schrammte die nächste Bahn herbei, und der Mann stieg ein. Kurz bevor die Türen zuknallten, sah er sich noch einmal auf dem Bahnsteig um. Es war ihm gelungen, keine Spuren zu hinterlassen. Der Zug donnerte über die dunkle Brücke von der Insel in die Stadt.


II

Im Sommer konnte man die Insel auf einem Kanu umrunden, in harten Wintern sogar auf dem Eis umwandern. Doch das war gefährlich, weil das Eis unter den Brücken dünn und brüchig blieb. Die rot umrandeten Tafeln hingen nicht von ungefähr unten an den Pfeilern. Eiswarnung! Hier besondere Einbruchgefahr!
Doch auch im Sommer konnte er gefährlich werden, wenn man sich zu weit aus dem Kanu lehnte, um mit dem Paddel eine tote Ratte anzustupsen, die mit aberwitzig geblähtem Bauch in der trüben Brühe des Kanalwassers trieb. Ein Schluck davon, genommen bei einem unfreiwilligen Sturzbad, und man brauchte fürs erste kein Abführmittel mehr.
Der Mann stand an der Brücke und hielt sich den Bauch. Ihm war wohl. Er hatte gegessen. Obwohl es ihn gejuckt hätte, von der Insel zu erzählen, war es ihm gelungen, seine Entdeckung für sich zu behalten. Das war relativ einfach, denn er saß allein am Tisch. Er war der letzte, den der Wirt verabschiedete. Still hatte der Mann auf der Straße gestanden und noch gehört, wie der Schlüssel hinter ihm im Schloss klapperte. Dann war er losspaziert; seiner Insel zu. Er glaubte, dass niemand von ihr wusste. Denn niemand ist eine Insel. Und es war Nacht, als er auf ihr ankam. Er stand auf der aus Backsteinen gemauerten Brücke und sah auf das schwarz daliegende, spiegellose Wasser. Laut durch die Nacht das Lied von der Insel grölen, fröhlich wie angetrunkene Paddler auf Vatertagstour, wenn sie in ihren geschmückten Booten die nassglänzenden Paddel in den Fäusten halten und die Tropfen einzeln wieder aufs Wasser fallen und vergehende Ringe bilden! Und auch ein Liebeslied geht zuende.
Die Autos jagten durch die neonhelle Nacht, Passanten auf der anderen Straßenseite schritten gleichgültig ihrer Wege.


III

Der Mann hatte anschreiben lassen. Doch die Zeche sah der Wirt nie mehr. Kaum zuhause angekommen - ihr Parfüm lag noch in der Luft - öffnete der Mann die Tür zu seinem Balkon. Mit lautem Klappern stob eine Taube davon und flatterte hilflos in die Nacht. Der Mann nahm den Hut mit dem Taubennest, der auf dem Boden unter dem Tischchen stand, vorsichtig an sich, und besah sich einen Moment die zwei noch warmen Eier. Sie klatschten leise ins Kanalwasser, und der Rest des kümmerlichen Nestes rieselte lautlos hinterher, nur von fernem Entenquaken begleitet.
Wieder in der Küche, räumte er den Tisch mit einer flachen Schwimmbewegung ab, dass Teebecher, Stövchen, Marmeladenglas und Toaster nur so polterten, und drehte ihn auf die Platte, dass die Beine starr nach oben standen. Gezielte Tritte lösten sie von ihren Schrauben. Der Mann warf die Beine vom Treppenhausfenster aus auf die Straße und polterte die Tischplatte, die sich als unvermutet schwer erwies, über jede Stufe einzeln nach unten.
Im Haus ging Licht an.

Die Platte schwamm noch einen ruhigen Moment in den mächtigen, im Aufprall aufschimmernden Ringen, dann versank auch sie, betrommelt von den nachfolgenden dürr wirkenden Tischbeinen, im Dunkel des Kanals. Ihre Beine hatte er besonders geliebt.

Den Nachtwind noch im Haar, von der Anstrengung keuchend, aber befeuert, stand der Mann wiederum in seiner Küche, in der er das Licht nicht gelöscht hatte, und sah sich suchend um. Er fand die angebrochene Flasche Wein und im Bad, in das sie sich geflüchtet hatte, das zweite Kristallglas, in dem noch die Wiege schimmerte und am Rand ein wenig Lippenstift.

Das Glas zerschellte – der Mann war die finstere Böschung herunter zum Wasser geklettert – an der Brückenbrüstung, und die Scherben regneten in den Kanal. Von der ungewohnten Anstrengung des Schleppens und Laufens war dem Mann ganz übel geworden, und obwohl er dagegen kämpfte, drehte sich ihm der Magen um, und sein noch unbezahltes Abendessen klatschte in einem langgezogenen Schwall aus ihm heraus. Der Mann hatte sich außerdem verletzt, ein Ast im Gebüsch war überraschend zurückgeschnellt und hatte ihm in Augenhöhe eine Wunde gepeitscht, die nun stark blutete.
Zwei Tropfen fielen in den Kanal, den dritten und alle weiteren fing der Mann mit dem Taschentuch auf.
Von den bekotzten Schuhen, die er am Ufer reinigen wollte, verlor er einen, weil er nur halbgut sehen konnte, an die Tiefe. Es ging, kaum angelte er mit dem nackten Fuß im Kanal, sofort tief hinunter, so dass er sich an einem weit ausragenden Ast gut festhalten musste.

Barfuss tappte er zurück in seine Wohnung, nur mit dem Schuh in der einen Hand, der nicht allzu viel abgekriegt hatte. Mit der anderen hielt er sich das Auge.


IV

„Sie werden bestimmt wiederkommen“, sagte der Vermieter bei der Übergabe der leeren Wohnung. Auf der Straße warteten die Möbelpacker im vollen Lastwagen auf den Mann.
„Meinen Sie?“.
„Das meine ich.“
„Hören Sie, da unten steht alles, was ich habe, und gleich fahre ich weg, in eine andere Stadt. Ich bin froh, dass ich weg bin, und da meinen Sie, dass ich wiederkomme?“
„Natürlich!“, freute sich der Vermieter und trat prüfend auf die nackten Dielen.
Von unten hupte es. Die Packer hatten nicht ewig Zeit und noch einen langen Weg vor sich. Es würde eng werden, mit dem Mann zwischen ihren Schultern.
„Und wann, wenn ich fragen darf und sie schon alles wissen?“
„Fragen Sie nicht!“

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