Vom Schaun
Verfasst: 21.10.2004, 20:40
Vom Schauen
Du bist nicht im Aquarium. Du magst Fischaugen nicht.
Museen und Ausstellungen schaust du dir gerne werktags an, am Vormittag. Du hast dann alles für dich allein. Dann schaut dir niemand die Bilder weg oder starrt die Patina von den Speerspitzen. Niemand stellt sich vor, wie er die Silberdrachme ausgibt, deinen Liebling in der Numismatikabteilung. Die Münze ist gefälscht, aber das macht nichts.
Werktags müssen die Leute arbeiten und können dich nicht in den Ausstellungen belästigen. Der Mann mit dem Rollkragenpullover und der Brille aber nicht. Der sitzt nämlich an dem Fenster, an dem du gerade vorbeifährst und tröstet eine junge Frau. Sie weint wahrscheinlich- das ist jetzt aber nur eine Theorie von mir!- also, sie weint wahrscheinlich, weil sie gerade einen Anruf bekommen hat. Ihre Schwester- nein, sagen wir ihre Eltern, weil sie so einen verlorenen Eindruck auf dich macht- ihre Eltern sind tot. Oder, der Sparsamkeit halber, ihr Papa ist tot. Der hat nämlich auf seine alten Tage noch den Führerschein gemacht. Ganz stolz war er, als er es vor ein paar Wochen auf einer Familienfeier erzählt hat. Auf der Firmung von seinem Großneffen hat er es allen erzählt: „Ich hab den Führerschein gemacht.“
Und ein Auto hat er gekauft, ein ganz neues. Ein billiges, wegen der kleinen Pension und so, aber ein neues. Jetzt wollte er seine Frau zum Facharzt bringen. Weil, normalerweise fährt sie schon mit dem Bus, aber jetzt wo er das Auto hat, da kann er sie ja zum Arzt bringen. Sie hat noch gesagt: „Du, ich fahr aber auch mit dem Bus, wenn du...“
Aber er hat darauf bestanden. Mitten auf der Landstraße, weit und breit keine Kurve und kein anderes Auto, ist er vom Weg abgekommen und durch das Feld gehoppelt mit dem billigen, neuen Auto. Und gegen den einzigen Stromleitungsmast gefahren. Er war sofort tot. Jetzt hat die Mama vom Spital aus ihre Tochter angerufen. „Der Papa ist tot“, hat sie gesagt. „Und ich hab mir beide Unterschenkelknochen gebrochen. Und jemand muss die Katze füttern.“
Nein, das mit der Katze hat sie vielleicht nicht gesagt. In so einer Situation denkt man nicht an die Katze. An die Katze denkt man erst, wenn man mitten in der Nacht im Spitalszimmer aufwacht und es rundherum dunkel ist. Da denkt man dann an die Katze.
Und wegen dem allen ist jetzt der junge Mann nicht arbeiten, sondern zuhause, obwohl ein Werktag ist.
Du, aber der Unfall und so- das ist jetzt nur eine Theorie von mir, gell?
Auf jeden Fall wird die Mama jetzt lange alleine sein, weil ja der Papa tot ist und die Tochter mit dem Mann im Rollkragenpulli lebt. Die gebrochenen Unterschenkel, die wachsen nimmer so gut zusammen, weil sie ja schon alt ist. Also wird sie dick werden, ganz dick, und auf dem Sofa sitzen und den Fernseher laufen lassen. Sehr laut lässt sie den Fernseher laufen, weil alte Leute nicht mehr so gut hören, weißt du? Und sie spielt mit sich selbst Mensch-ärgere-dich-nicht. Aber obwohl das Spiel so heißt, obwohl es heißt, dass man sich nicht ärgern darf, ärgert sie sich schon, wenn sie verliert. Ich meine, sie freut sich auch, wenn sie gewinnt. Nur verlieren eben drei Farben beim Mensch-ärgere-dich-nicht wenn eine Farbe gewinnt. Jetzt ärgert sie sich also dreimal so viel wie sie sich freut. Jetzt schummelt sie ein bisschen, damit wenigstens ihre Lieblingsfarbe gewinnt. Die Lieblingsfarbe, dass ist Grün. Weil nämlich der hässliche Plastikpapagei, der auf dem Fernseher sitzt, auch grün ist.
Aber du, das denke ich mir jetzt alles nur so schnell zusammen, quasi ich schließe aus den Fakten auf das Wahrscheinliche. Rationalismus nennt man das. So, und jetzt ist das Fenster schon vorbei. Ganz schnell geht das.
Auf dem Gehsteig geht eine Handelsdelegation. Die gehen bis nach China, so, wie sie ausschauen. Ganz wichtig schauen sie aus, wirklich. Schwarze Anzüge. Mit Krawatten! Einer von ihnen redet in sein Handy. „Nein, Schatzerl, ich komm nicht nach Hause am Sonntag“, sagt er. „Ich gehe jetzt nämlich bis nach China. Was ich dort mache? Ich telefoniere, nehme ich an. Ich muss ja arbeiten, Schatzerl.“
Das sagt er wahrscheinlich. Vielleicht aber auch nicht, weil er noch sehr jung aAusschaut. Wirklich! Grad frisch von der Matura! Alle schauen sie so jung aus, sehr sehr grün für so schwarze, schwarze Anzüge. Vor allem der, der da ganz vorne geht, der mit dem roten, runden Gesicht und den abstehenden Ohren, der gerade lacht. Die ganze Familie ist stolz auf ihn, weil er so einen wichtigen Beruf haben wird einmal. Sein Bruder ist behindert auf die Welt gekommen. Der schielt und ist im Kopf nicht ganz richtig und hat ein ganz verzogenes Gesicht. Der spielt drei Straßen weiter auf seinem Keyboard und singt dazu. Liebeslieder singt er, auf Englisch. Eine wunderschöne, tiefe Stimme hat er und er spielt ganz richtig auf dem Keyboard. Und alle Leute werfen ihm Münzen in den Kasten, in dem er das Keyboard bis zu seiner Straßenecke trägt. Die Leute werfen ihm Münzen in den Kasten, damit sie einen Grund haben, um näher an ihn heran zu kommen. Die wollen nämlich schauen, ob irgendwo ein Tonband läuft. Und die Tauben bleiben stehen und wackeln nicht mit dem Kopf, weil sie die Stimme hören wollen, die so schön traurig ist.
Das mit dem Keyboardspieler, das schließe ich jetzt wieder aus den Fakten, das weißt du ja.
Jetzt findest du doch glatt einen Parkplatz! Ein Glück aber auch, wo doch alle ihre Autos in der Stadt abstellen, wenn sie arbeiten. Und weil sie alle Arbeiten sind, kauft auch niemand dem Mann dort eine Kupfermuckn ab. Du aber, weil du dir seine Hände näher anschauen willst. Die hat er nämlich mit Filzstift schwarz angemalt. Wahrscheinlich will er, dass die Leute glauben, dass er Lederhandschuhe anhat. Du gehst weiter, bis er dich nicht mehr sieht- du magst es nicht, wenn dich jemand bei etwas beobachtet!- und wirfst die Kupfermuckn in den Papierkorb, weil du die eh nie liest. Aber einen Euro darf der Verkäufer behalten.
Das du die Zeitung weggeworfen hast, war aber recht dumm von dir. Da wäre nämlich drinnen gestanden, dass die junge Frau mit dem Rollkragenpullovermann geweint hat, weil ihr Goldfisch Goldi gestorben ist. Aber das kannst du ja nicht wissen. Denn du schaust dir Ausstellungen und Museen immer werktags an.
Du bist nicht im Aquarium. Du magst Fischaugen nicht.
Museen und Ausstellungen schaust du dir gerne werktags an, am Vormittag. Du hast dann alles für dich allein. Dann schaut dir niemand die Bilder weg oder starrt die Patina von den Speerspitzen. Niemand stellt sich vor, wie er die Silberdrachme ausgibt, deinen Liebling in der Numismatikabteilung. Die Münze ist gefälscht, aber das macht nichts.
Werktags müssen die Leute arbeiten und können dich nicht in den Ausstellungen belästigen. Der Mann mit dem Rollkragenpullover und der Brille aber nicht. Der sitzt nämlich an dem Fenster, an dem du gerade vorbeifährst und tröstet eine junge Frau. Sie weint wahrscheinlich- das ist jetzt aber nur eine Theorie von mir!- also, sie weint wahrscheinlich, weil sie gerade einen Anruf bekommen hat. Ihre Schwester- nein, sagen wir ihre Eltern, weil sie so einen verlorenen Eindruck auf dich macht- ihre Eltern sind tot. Oder, der Sparsamkeit halber, ihr Papa ist tot. Der hat nämlich auf seine alten Tage noch den Führerschein gemacht. Ganz stolz war er, als er es vor ein paar Wochen auf einer Familienfeier erzählt hat. Auf der Firmung von seinem Großneffen hat er es allen erzählt: „Ich hab den Führerschein gemacht.“
Und ein Auto hat er gekauft, ein ganz neues. Ein billiges, wegen der kleinen Pension und so, aber ein neues. Jetzt wollte er seine Frau zum Facharzt bringen. Weil, normalerweise fährt sie schon mit dem Bus, aber jetzt wo er das Auto hat, da kann er sie ja zum Arzt bringen. Sie hat noch gesagt: „Du, ich fahr aber auch mit dem Bus, wenn du...“
Aber er hat darauf bestanden. Mitten auf der Landstraße, weit und breit keine Kurve und kein anderes Auto, ist er vom Weg abgekommen und durch das Feld gehoppelt mit dem billigen, neuen Auto. Und gegen den einzigen Stromleitungsmast gefahren. Er war sofort tot. Jetzt hat die Mama vom Spital aus ihre Tochter angerufen. „Der Papa ist tot“, hat sie gesagt. „Und ich hab mir beide Unterschenkelknochen gebrochen. Und jemand muss die Katze füttern.“
Nein, das mit der Katze hat sie vielleicht nicht gesagt. In so einer Situation denkt man nicht an die Katze. An die Katze denkt man erst, wenn man mitten in der Nacht im Spitalszimmer aufwacht und es rundherum dunkel ist. Da denkt man dann an die Katze.
Und wegen dem allen ist jetzt der junge Mann nicht arbeiten, sondern zuhause, obwohl ein Werktag ist.
Du, aber der Unfall und so- das ist jetzt nur eine Theorie von mir, gell?
Auf jeden Fall wird die Mama jetzt lange alleine sein, weil ja der Papa tot ist und die Tochter mit dem Mann im Rollkragenpulli lebt. Die gebrochenen Unterschenkel, die wachsen nimmer so gut zusammen, weil sie ja schon alt ist. Also wird sie dick werden, ganz dick, und auf dem Sofa sitzen und den Fernseher laufen lassen. Sehr laut lässt sie den Fernseher laufen, weil alte Leute nicht mehr so gut hören, weißt du? Und sie spielt mit sich selbst Mensch-ärgere-dich-nicht. Aber obwohl das Spiel so heißt, obwohl es heißt, dass man sich nicht ärgern darf, ärgert sie sich schon, wenn sie verliert. Ich meine, sie freut sich auch, wenn sie gewinnt. Nur verlieren eben drei Farben beim Mensch-ärgere-dich-nicht wenn eine Farbe gewinnt. Jetzt ärgert sie sich also dreimal so viel wie sie sich freut. Jetzt schummelt sie ein bisschen, damit wenigstens ihre Lieblingsfarbe gewinnt. Die Lieblingsfarbe, dass ist Grün. Weil nämlich der hässliche Plastikpapagei, der auf dem Fernseher sitzt, auch grün ist.
Aber du, das denke ich mir jetzt alles nur so schnell zusammen, quasi ich schließe aus den Fakten auf das Wahrscheinliche. Rationalismus nennt man das. So, und jetzt ist das Fenster schon vorbei. Ganz schnell geht das.
Auf dem Gehsteig geht eine Handelsdelegation. Die gehen bis nach China, so, wie sie ausschauen. Ganz wichtig schauen sie aus, wirklich. Schwarze Anzüge. Mit Krawatten! Einer von ihnen redet in sein Handy. „Nein, Schatzerl, ich komm nicht nach Hause am Sonntag“, sagt er. „Ich gehe jetzt nämlich bis nach China. Was ich dort mache? Ich telefoniere, nehme ich an. Ich muss ja arbeiten, Schatzerl.“
Das sagt er wahrscheinlich. Vielleicht aber auch nicht, weil er noch sehr jung aAusschaut. Wirklich! Grad frisch von der Matura! Alle schauen sie so jung aus, sehr sehr grün für so schwarze, schwarze Anzüge. Vor allem der, der da ganz vorne geht, der mit dem roten, runden Gesicht und den abstehenden Ohren, der gerade lacht. Die ganze Familie ist stolz auf ihn, weil er so einen wichtigen Beruf haben wird einmal. Sein Bruder ist behindert auf die Welt gekommen. Der schielt und ist im Kopf nicht ganz richtig und hat ein ganz verzogenes Gesicht. Der spielt drei Straßen weiter auf seinem Keyboard und singt dazu. Liebeslieder singt er, auf Englisch. Eine wunderschöne, tiefe Stimme hat er und er spielt ganz richtig auf dem Keyboard. Und alle Leute werfen ihm Münzen in den Kasten, in dem er das Keyboard bis zu seiner Straßenecke trägt. Die Leute werfen ihm Münzen in den Kasten, damit sie einen Grund haben, um näher an ihn heran zu kommen. Die wollen nämlich schauen, ob irgendwo ein Tonband läuft. Und die Tauben bleiben stehen und wackeln nicht mit dem Kopf, weil sie die Stimme hören wollen, die so schön traurig ist.
Das mit dem Keyboardspieler, das schließe ich jetzt wieder aus den Fakten, das weißt du ja.
Jetzt findest du doch glatt einen Parkplatz! Ein Glück aber auch, wo doch alle ihre Autos in der Stadt abstellen, wenn sie arbeiten. Und weil sie alle Arbeiten sind, kauft auch niemand dem Mann dort eine Kupfermuckn ab. Du aber, weil du dir seine Hände näher anschauen willst. Die hat er nämlich mit Filzstift schwarz angemalt. Wahrscheinlich will er, dass die Leute glauben, dass er Lederhandschuhe anhat. Du gehst weiter, bis er dich nicht mehr sieht- du magst es nicht, wenn dich jemand bei etwas beobachtet!- und wirfst die Kupfermuckn in den Papierkorb, weil du die eh nie liest. Aber einen Euro darf der Verkäufer behalten.
Das du die Zeitung weggeworfen hast, war aber recht dumm von dir. Da wäre nämlich drinnen gestanden, dass die junge Frau mit dem Rollkragenpullovermann geweint hat, weil ihr Goldfisch Goldi gestorben ist. Aber das kannst du ja nicht wissen. Denn du schaust dir Ausstellungen und Museen immer werktags an.