Der Schacht
Verfasst: 02.11.2004, 21:38
Dies ist der Versuch nach langer Zeit mal wieder etwas prosaartiges zu schreiben ...
Der Schacht
Ich hatte das Ziel aus den Augen verloren. Ich war vom Weg abgekommen. Seit Tagen waren wir unterwegs und ich fragte den, der vor mir ging: «Wohin?». Er lachte und sagte: «Weiter, immer weiter.» Ich drehte mich um und fragte den, der hinter mir ging. Er sagte: «Was fragst du mich? Ich folge dir.» Und sein Blick war kalt und abweisend. So ging ich weiter, ich weiß nicht, wie lang. Die Landschaft zog an meinen Augen vorüber, ewig und unveränderlich, den immergleichen, stumpfsinnig machenden Anblick bietend. War es denn möglich, dass es niemand bemerkte, dass niemand begriff, dass wir im Kreis liefen und so nie an unser Ziel kommen würden?
Da trat ich aus der Reihe heraus und sprang in den Graben. Doch, wie wundersam, niemand würdigte mich auch nur eines Blickes. Mein Hintermann zuckte nur kurz zusammen, als wäre er kurz eingenickt, und schloss dann zügig zu meinem Vordermann auf und in einer langen, nicht enden wollenden Kette zogen die sich verdächtig ähnelnden Gestalten vorüber. Ich drückte mein Gesicht tief in die Erde und das Laub, ohne mir klar zu sein, warum. War es, damit mich nicht doch jemand sähe und mich im letzten Augenblick noch packen würde, um mich zu fragen, was ich mir dabei gedacht hätte, oder war es, weil ich vor Scham in der Erde versinken wollte? Über mir gingen die Schritte, die immer gleichen, nicht enden wollenden vorwurfsvollen Schritte meiner Gefährten.
Ich war schon selbst halb zur Erde geworden, meine Kleider waren von Moder und Nässe durchdrungen und mein Gesicht eine Maske aus Schlamm, ehe ich mich traute, auf der anderen Seite des Grabens empor zu kriechen. Wie ein Tier krallte ich mich in den Boden und kroch langsam in den Wald. Und dort lag ich dann und schlief unter freiem Himmel – und die Sterne wunderten sich und schauten mich neugierig an. Am dritten Tag stand ich auf und ging, noch schwankend und unsicher auf den Beinen, davon. Ich ging wie im Traum, alles war neu, so schrecklich neu und aufregend. Die ungewohnte Freiheit berauschte und verwirrte mich zugleich. Wenn ich daran dachte, dass ich jetzt hingehen konnte, wo ich wollte, wurde mir ganz schwindelig – und die kühle, aber würdig-unergründliche Macht der Einsamkeit tat ihr übriges.
Es war ein Monat vergangen – oder vielleicht auch nur eine Woche – und ich traf zwischen den Bäumen auf eine große, ebenmäßig gebaute Mauer, die in gerade Linie durch den Wald zu verlaufen schien. Sie war zu hoch und viel zu steil und glatt, als dass ich sie durch Klettern hätte überwinden können. Doch vom ersten Augenblick an faszinierte sie mich. Und das, was dahinter lag und von dem ich nicht wissen konnte, ob es gefährlich oder wünschenswert für mich war, übte einen ungeahnten Reiz auf mich aus. Ich presste auch gleich mein Ohr dagegen und horchte und schaute in beide Richtungen, ob es nicht irgendwo einen Wachturm oder einen Durchlass gäbe. Doch ich sah und hörte nichts. Ich klopfte. Nichts. Ich rief. Wieder nichts, außer das dumpfe Echo meiner eigenen Stimme.
In welche Richtung sollte ich gehen? Ich schlief drei Tage am selben Fleck und entschied mich dann, unschlüssig, aber nicht fähig, länger zu warten, in die Richtung zu gehen, in der die Mauer linker Hand von mir blieb und rechts der Wald. Bald bemerkte ich, dass es in südliche Richtung ging und dass ich den Norden hinter mir ließ. Denn die Sonne ging über dem Wald auf und schien mir am Mittag ins Gesicht. So ging ich vormittags im Licht und nachmittags im Schatten der Mauer, während ein gerader Streifen des Lichts am Abend auf die Bäume fiel und sie langsam in einen warmen, purpunen Glanz tauchte.
Ich begegnete niemandem. Ich erreichte auch weder einen Turm, noch ein Tor, noch einen anderen Durchlass. Ich ging immer weiter und versuchte mich ganz auf die Mauer zu konzentrieren. Ich suchte nach Unebenheiten, nach Vorsprüngen, nach einer kleinen Veränderung, nach einem Spalt oder einer Lücke, die es mir wenigstens ein einziges Mal ermöglicht hätte, zu erspähen, was sich dahinter verbarg. Doch ich fand nichts dergleichen und so zog tagein, tagaus nur immer dieselbe glatte und schnörkellose Wand aus Stein an meinen Augen vorüber, ewig und unveränderlich, den immer gleichen, stumpfsinnig machenden Anblick bietend. Da kamen mir Zweifel, ob ich in die richtige Richtung gegangen war, ob ich richtig gewählt hatte und ich lehnte mich gegen die Wand, ruhte aus und grübelte. Doch es machte keinen Sinn, umzukehren. «Irgendwo muss ja ein Ende sein oder ein Eingang», sagte ich zu mir, um mich selbst aufzumuntern.
Hin und wieder hob ich einen Stein oder eine Eichel auf, trat einige Schritte von der Mauer weg und warf ihn mit aller Kraft hinüber – und lauschte ganz aufmerksam auf das Geräusch hinter der Mauer. Doch es war nichts zu hören, rein gar nichts. Es war fast schon ein bisschen unheimlich. Auch schienen auf der anderen Seite keine Bäume zu stehen – oder sie waren nicht groß genug, um über die Mauer zu reichen. Natürlich hatte ich mehrfach versucht einen Baum diesseits der Mauer zu erklettern, um hinüberzuschauen. Aber die Stämme waren allesamt so breit und hoch und boten meinen Händen keinen Halt. Diese Bäume waren so abweisend und widerspenstig wie das Bauwerk selbst und, wenn ein großer Ast hoch über den Rand hinausragte, wollte es mir manchmal so vorkommen, als reichten sich der Wald und die Mauer verschwörerisch die Hand.
Ich ging weiter, immer weiter – meinen Blick fest auf die fortlaufenden Steinwand gerichtet. Aber um meine Aufmerksamkeit war es inzwischen nicht mehr so gut bestellt, meine Gedanken schweiften ab und ich stellte mir in immer fantastischeren Bildern vor, welche Wunderwelt – oder welches Grauen – mich auf der anderen Seite erwarten würde. Irgendwann hatte ich aufgehört zu rufen und die Mauer abzuklopfen. Ich hatte aufgehört, Steinchen hinüberzuwerfen. Ich hatte aufgehört, die Mauer konzentriert nach Besonderheiten abzusuchen, denn die bisherige Erfahrung hatte mich gelehrt, dass es da nichts Besonderes gab. Es war immer das gleiche damit. Aber, als ich eines Abends im Schatten der Mauer saß und verschnaufte, stellte ich fest, dass sich doch etwas verändert hatte. Es war noch nicht allzu spät und dennoch waren die Spitzen der Bäume, die der Mauer am nächsten standen, bereits in Schatten getaucht. Ich ging einige Schritte in den Wald, drehte mich um und schaute herauf. Es gab keinen Zweifel, die Mauer war höher als zuvor. Es mussten wenigstens zwei oder drei Meter Höhenunterschied sein.
Die Entdeckung stachelte meinen Optimismus an und erneuerte die Hoffnung, jetzt bald den ersehnten Durchgang zu finden. Wie konnte es denn auch anders sein? Dass die Mauer hier höher war, konnte doch nur bedeuten, dass bald darauf ein mächtiger Wachturm oder das Tor zu einer großen Stadt kommen mussten. Ich lief schneller. Ich rannte und blickte ungeduldig in die Ferne, ob ich nicht vom Weiten schon den Turm sehen könnte oder die Fahne, die über alles hinausragte. Und dann sah ich tatsächlich etwas, in etwa fünfhundert Metern Entfernung schimmerte etwas in der Mauer. Das sah wie ein Loch aus, wie ein helles Fenster in die andere Welt. Ich rannte und als ich dort war, sah ich, was es in Wirklichkeit war. Es war ein Schild und darauf stand: «Vorsicht! Bissiger Hund.»
Das konnte nicht wahr sein! Das konnte nur ein schlechter Scherz sein! Ich riss das Schild herunter und untersuchte die Rückseite – und tatsächlich – dort stand noch etwas anderes, in kleineren Buchstaben fein säuberlich eingeprägt: «Nein, Sie haben ganz Recht, es gibt keinen Hund. Weder einen bissigen, noch sonst irgendeinen. Aber Sie sollten trotzdem nicht weitergehen. Gehen Sie zurück. Wo wollen Sie denn hin? Hier gibt es nichts. Gehen Sie dorthin zurück, von wo Sie gekommen sind. Finden Sie Ihre Gefährten wieder. Gehen Sie nicht in dieser Richtung weiter. Das führt doch zu nichts. Gehen Sie zurück und reihen Sie sich wieder in den Tross ein, den sie verlassen haben. Es gibt hier nichts. Nichts, was Sie suchen, noch sonst irgendwas. Gehen Sie nicht weiter. Kehren Sie um. Und halten Sie sich von der Mauer fern. Es ist zu Ihrem eigenen Wohl.»
Ich sank erschöpft auf die Knie. Was sollte das? Was sollte ich von dieser Warnung halten? War man mir gefolgt? Hatte man mich die ganze Zeit beobachtet? Gab es doch eine Wache, die hinter der Mauer patrouillierte und jeden meiner Schritte aufmerksam verfolgte? War es von daher so gespenstisch still? Ich fühlte mich augenblicklich sehr unwohl und schaute mich nach allen Seiten um. Was sollte ich jetzt tun? Umkehren? Nein, und abermals nein, es gab kein Zurück, ich war zu weit gegangen. Jetzt wollte ich wissen, was sich hinter dieser Sache verbarg und irgendetwas sagte mir, dass jetzt der Weg, der vor mir lag, sehr viel kürzer war, als der Weg, den ich bis hier zurückgelegt hatte. Ich war dem Ziel näher als jemals zuvor. Das spürte ich. Man hatte mich also gewarnt – jemand wollte mich davon abhalten weiterzugehen, wollte mich davon abbringen, nachzuforschen, was es mit dieser Mauer auf sich hatte. Aber ich würde weitergehen und es herausfinden. Ich trat ein paar Schritte zurück und schleuderte das Schild über die Mauer, die inzwischen so hoch war, dass ich meine ganze Kraft dazu brauchte, es überhaupt noch zu schaffen. Und in die Stille rief ich so laut und so mutig ich vermochte: «Nein.» Die Mauer antwortete mit dem hohlen Echo meiner Stimme.
So setzte ich meine Wanderung fort und jeden Morgen, wenn ich die Augen auftat, trat ich als erstes ein Stück in den Wald hinein, musterte die Höhe der Mauer und schrie aus Leibeskraft und Überzeugung: «Nein!» Um anschließend eine Kleinigkeit zu essen, meine Sachen zusammenzupacken und weiterzugehen. Doch eines Morgens passierte etwas Seltsames: Mein Echo antwortete zweimal. Einmal – wie gewohnt – von vorn, reflektiert von dem massiven Bauwerk, das mir seine Stirn bot, und ein zweites Mal – und so leise, dass ich es beinah überhört hätte – aus dem Wald: Nein! Erschreckt drehte ich mich um. Da war etwas hinter den Bäumen. Ich ging noch ein Stück tiefer in den Wald, der ungewohnt düster war zu dieser frühen Stunde, doch ich brauchte nicht weit, um zu entdecken, was es war. Eine andere, eine zweite riesige Mauer war es, die sich dunkel und drohend über den Bäumen erhob und die aufgehende Sonne im Osten verdeckte.
Ich saß in der Falle. Das war mir jetzt vollkommen klar. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich im Gras lag, halb besinnungslos an einen Baum gelehnt und wie lange ich diese zweite Mauer anstarrte, die sich in nichts von der ersten zu unterscheiden schien. Irgendwann tanzten eine paar Lichtenflecken zwischen den Ästen hindurch und auf meinem Gesicht, die mich weckten. Ich stand auf – es half ja alles nichts – ich musste weiter. Ich musste dem ins Auge sehen, was mich da erwartete. So ging ich, jetzt die Mauer zur rechten Hand, was ganz neu und ungewohnt war. Aber ich wechselte auch wieder durch den Wald zu der anderen hinüber. Ich hüpfte über die Wurzeln der Bäume und kicherte wie ein kleines Kind oder kauerte mich, wenn es mich überkam, einfach auf der Erde zusammen und weinte bittere Tränen. Ich hatte mich vertan. In die andere Richtung hätte ich gehen sollen, als ich seinerzeit auf die Mauer gestoßen bin. Ich hätte umkehren sollen, als ich es noch konnte. Aber jetzt war es zu spät. Hinter mir war sicherlich schon der Hund und schnitt mir den Rückweg ab. Ich musste weiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Einen Monat später erreichte ich das Ende des Waldes. Die Sonne war vor einigen Stunden untergegangen und die kalte, silbern funkelnde Sense des Mondes schob sich langsam zwischen den knöchernen Ästen des letzten Baumes in Stellung, um den dunklen Schacht vor mir etwas auszuleuchten. Ich stand zwischen den beiden riesigen Mauern, beide waren jetzt etwa dreißig Meter hoch und standen ebenso weit auseinander. Sie verschmolzen mit dem Horizont und der Dunkelheit zu einem gähnenden Nichts. Es war, als hätte sich vor mir der unheilvoll klaffende Schlund der Hölle selbst aufgetan. Ich müsste nur noch einen Schritt tun, dann fiele ich von selbst hinein.
Ich legte mich in den Schatten des Baumes und schlief bis in den Mittag. Doch das Schreckensbild der Nacht war auch dem Tageslicht nicht gewichen. Ich redete mir ein, dass es am Ende des sich verjüngenden Schachtes eine Tür geben müsse, einen Durchlass oder irgendetwas, dass meine lange Reise rechtfertigen würde. «Irgendwo muss ja ein Ende sein», sagte ich noch einmal zu mir, stand auf und setzte meinen Weg fort. Die Mauern rückten näher. Jeden Tag um einen Meter, und soweit sich das aus dieser Perspektive noch schätzen ließ, wuchsen sie auch immer noch in die Höhe. Auch schien es mir, als würde der Weg langsam abfallen. Ich rief das allmorgendliche «Nein!» jetzt in die Richtung, in die ich ging. Doch in meiner Stimme lag weder Kraft, noch Zuversicht. Es war nur noch eine Gewohnheit, ein kümmerliches Ritual, an das ich mich mit dem letzen Rest meines Verstandes klammern konnte. Nachts träumte ich davon, wie die Mauern auf mich zukamen, um mich zu zerquetschen. Dann wachte ich auf und bekam keine Luft und der Sternenhimmel von einst, der mir so groß und unendlich vorgekommen war, war jetzt auf einen schmalen Streifen zusammengeschrumpft. Spöttisch und gleichgültig sahen die Sterne auf mich herab, als hätten sie es besser gewusst.
Immer tiefer ging es und immer schmaler wurde mein Weg. Knapp einen Monat, nachdem ich den Rand des Waldes hinter mir gelassen hatte, erhoben sich vor mir zwei gewaltige Wände, glatt und makellos, hundert Meter oder mehr, ein beeindruckendes Bauwerk, einschüchternd und erdrückend, das jeden Menschen daran zu erinnern schien, wie klein, vergänglich und unbedeutend er war. Die Sonne schien nur noch während der Mittagszeit für einige Minuten frontal in den Schacht, der jetzt noch knapp zwei Meter in der Breite maß, sodass man auch dann, wenn er ausgeleuchtet wurde, nicht zu erkennen vermochte, was vor einem lag. Ich schaute nicht zurück, ich schaute nicht nach oben, denn davon wurde mir nur schwindelig. Ich richtete meinen Blick geradeaus und schritt langsam voran. Bald konnte ich beide Wände zugleich mit den Händen berühren, und einen Tag später, waren die Mauern bis an meine Schultern herangerückt.
Nach dem Weg von einem weiteren Tag, wurde ich durch die unerbittlich fortschreitende Verjüngung des Weges gezwungen, seitlich weiterzugehen, was nicht nur ein unnatürliches Gehen, sondern nach einer gewissen Zeit auch recht anstrengend wurde. Ein Schmerz begann sich von meinem Nacken über die Schulter und den ganzen Rücken auszubreiten. Auch war die lange beschwerliche Reise nicht schadlos an mir vorüber gegangen, desto näher ich dem Ende kam, desto schneller schienen meine Kräfte zu schwinden. Immer wieder blieb ich erschöpft stehen, lehnte mich mit dem Rücken gegen die hintere Wand – oder falls mir auch das nach einiger Zeit zu beschwerlich wurde – mit der Stirn gegen die Wand voraus. Da erschien es mir für einen Augenblick, als hätte ich den Tross nie verlassen, als würde ich noch immer meinen Gefährten folgen auf dem immergleichen Weg, der sie, ohne dass sie es merkten, im Kreis führte. Da war er wieder, mein Vordermann, ich brauchte nur die Hand ausstrecken, brauchte mich nur ein wenig nach vorne lehnen, und ich brauchte nur ein winziges Stück zurückfallen, da schubste mich mein Hintermann, als wollte er mich ermahnen, wieder aufzuschließen. Doch ich war nicht im Kreis gegangen, ich hatte den Zirkel durchbrochen. Ich fühlte, dass ich meinem Ziel jetzt ganz nah sein musste. Es konnte nicht mehr weit sein. Und die Aussicht, endlich anzukommen, belebte mich mit neuer Kraft.
Ich klammerte mich an die Wände und zog mich Meter um Meter vorwärts. Ich schaute noch einmal nach oben. Es musste Nacht sein, es war ja ganz finster und nicht das Licht eines einzigen Sterns wollte mir noch Orientierung geben. Ich tastete mich vorwärts. Ich klopfte die Wände ab. Hier irgendwo musste es sein, hier irgendwo, ich musste aufpassen, dass ich nicht im letzten Moment daran vorbeilief. Die Wände begannen mich zu umarmen und ich drückte meinen Körper dazwischen wie einen menschlichen Keil. Ganz sicher nur noch ein kleines Stück, dann würde ich da sein. So kurz vor meinem Ziel durfte ich nicht aufgeben. Aber es ging nicht mehr weit. Bald war ich derart eingeklemmt zwischen den Wänden des Schachtes, dass nichts mehr vor und nichts mehr zurück ging. Ich steckte fest. Ich suchte noch mit den Füßen nach Halt, um mich doch noch etwas vorwärts zu drücken. Ich presste meinen Kopf zwischen die Mauern und spannte meinen Kiefer, als könnte ich mit meinem Schädel den Schacht aufspalten und hineinrutschen. Ich tastete verzweifelt mit meiner Hand vor mir in der Dunkelheit herum, einen Griff, einen Vorsprung in der Mauer zu finden, an dem ich mich herausziehen könnte. Es musste doch hier irgendetwas sein! Aber die Hand griff ins Leere. Fest und unbeweglich standen die Mauern und ihr ganzes Gewicht begann mich zu erdrücken. Hier war nichts. Ich schaute hinab in die Dunkelheit und mit der letzten Kraft meiner Stimme rief ich in das Unergründliche: «Was ist das? Was ist das?»
Der Schacht
Ich hatte das Ziel aus den Augen verloren. Ich war vom Weg abgekommen. Seit Tagen waren wir unterwegs und ich fragte den, der vor mir ging: «Wohin?». Er lachte und sagte: «Weiter, immer weiter.» Ich drehte mich um und fragte den, der hinter mir ging. Er sagte: «Was fragst du mich? Ich folge dir.» Und sein Blick war kalt und abweisend. So ging ich weiter, ich weiß nicht, wie lang. Die Landschaft zog an meinen Augen vorüber, ewig und unveränderlich, den immergleichen, stumpfsinnig machenden Anblick bietend. War es denn möglich, dass es niemand bemerkte, dass niemand begriff, dass wir im Kreis liefen und so nie an unser Ziel kommen würden?
Da trat ich aus der Reihe heraus und sprang in den Graben. Doch, wie wundersam, niemand würdigte mich auch nur eines Blickes. Mein Hintermann zuckte nur kurz zusammen, als wäre er kurz eingenickt, und schloss dann zügig zu meinem Vordermann auf und in einer langen, nicht enden wollenden Kette zogen die sich verdächtig ähnelnden Gestalten vorüber. Ich drückte mein Gesicht tief in die Erde und das Laub, ohne mir klar zu sein, warum. War es, damit mich nicht doch jemand sähe und mich im letzten Augenblick noch packen würde, um mich zu fragen, was ich mir dabei gedacht hätte, oder war es, weil ich vor Scham in der Erde versinken wollte? Über mir gingen die Schritte, die immer gleichen, nicht enden wollenden vorwurfsvollen Schritte meiner Gefährten.
Ich war schon selbst halb zur Erde geworden, meine Kleider waren von Moder und Nässe durchdrungen und mein Gesicht eine Maske aus Schlamm, ehe ich mich traute, auf der anderen Seite des Grabens empor zu kriechen. Wie ein Tier krallte ich mich in den Boden und kroch langsam in den Wald. Und dort lag ich dann und schlief unter freiem Himmel – und die Sterne wunderten sich und schauten mich neugierig an. Am dritten Tag stand ich auf und ging, noch schwankend und unsicher auf den Beinen, davon. Ich ging wie im Traum, alles war neu, so schrecklich neu und aufregend. Die ungewohnte Freiheit berauschte und verwirrte mich zugleich. Wenn ich daran dachte, dass ich jetzt hingehen konnte, wo ich wollte, wurde mir ganz schwindelig – und die kühle, aber würdig-unergründliche Macht der Einsamkeit tat ihr übriges.
Es war ein Monat vergangen – oder vielleicht auch nur eine Woche – und ich traf zwischen den Bäumen auf eine große, ebenmäßig gebaute Mauer, die in gerade Linie durch den Wald zu verlaufen schien. Sie war zu hoch und viel zu steil und glatt, als dass ich sie durch Klettern hätte überwinden können. Doch vom ersten Augenblick an faszinierte sie mich. Und das, was dahinter lag und von dem ich nicht wissen konnte, ob es gefährlich oder wünschenswert für mich war, übte einen ungeahnten Reiz auf mich aus. Ich presste auch gleich mein Ohr dagegen und horchte und schaute in beide Richtungen, ob es nicht irgendwo einen Wachturm oder einen Durchlass gäbe. Doch ich sah und hörte nichts. Ich klopfte. Nichts. Ich rief. Wieder nichts, außer das dumpfe Echo meiner eigenen Stimme.
In welche Richtung sollte ich gehen? Ich schlief drei Tage am selben Fleck und entschied mich dann, unschlüssig, aber nicht fähig, länger zu warten, in die Richtung zu gehen, in der die Mauer linker Hand von mir blieb und rechts der Wald. Bald bemerkte ich, dass es in südliche Richtung ging und dass ich den Norden hinter mir ließ. Denn die Sonne ging über dem Wald auf und schien mir am Mittag ins Gesicht. So ging ich vormittags im Licht und nachmittags im Schatten der Mauer, während ein gerader Streifen des Lichts am Abend auf die Bäume fiel und sie langsam in einen warmen, purpunen Glanz tauchte.
Ich begegnete niemandem. Ich erreichte auch weder einen Turm, noch ein Tor, noch einen anderen Durchlass. Ich ging immer weiter und versuchte mich ganz auf die Mauer zu konzentrieren. Ich suchte nach Unebenheiten, nach Vorsprüngen, nach einer kleinen Veränderung, nach einem Spalt oder einer Lücke, die es mir wenigstens ein einziges Mal ermöglicht hätte, zu erspähen, was sich dahinter verbarg. Doch ich fand nichts dergleichen und so zog tagein, tagaus nur immer dieselbe glatte und schnörkellose Wand aus Stein an meinen Augen vorüber, ewig und unveränderlich, den immer gleichen, stumpfsinnig machenden Anblick bietend. Da kamen mir Zweifel, ob ich in die richtige Richtung gegangen war, ob ich richtig gewählt hatte und ich lehnte mich gegen die Wand, ruhte aus und grübelte. Doch es machte keinen Sinn, umzukehren. «Irgendwo muss ja ein Ende sein oder ein Eingang», sagte ich zu mir, um mich selbst aufzumuntern.
Hin und wieder hob ich einen Stein oder eine Eichel auf, trat einige Schritte von der Mauer weg und warf ihn mit aller Kraft hinüber – und lauschte ganz aufmerksam auf das Geräusch hinter der Mauer. Doch es war nichts zu hören, rein gar nichts. Es war fast schon ein bisschen unheimlich. Auch schienen auf der anderen Seite keine Bäume zu stehen – oder sie waren nicht groß genug, um über die Mauer zu reichen. Natürlich hatte ich mehrfach versucht einen Baum diesseits der Mauer zu erklettern, um hinüberzuschauen. Aber die Stämme waren allesamt so breit und hoch und boten meinen Händen keinen Halt. Diese Bäume waren so abweisend und widerspenstig wie das Bauwerk selbst und, wenn ein großer Ast hoch über den Rand hinausragte, wollte es mir manchmal so vorkommen, als reichten sich der Wald und die Mauer verschwörerisch die Hand.
Ich ging weiter, immer weiter – meinen Blick fest auf die fortlaufenden Steinwand gerichtet. Aber um meine Aufmerksamkeit war es inzwischen nicht mehr so gut bestellt, meine Gedanken schweiften ab und ich stellte mir in immer fantastischeren Bildern vor, welche Wunderwelt – oder welches Grauen – mich auf der anderen Seite erwarten würde. Irgendwann hatte ich aufgehört zu rufen und die Mauer abzuklopfen. Ich hatte aufgehört, Steinchen hinüberzuwerfen. Ich hatte aufgehört, die Mauer konzentriert nach Besonderheiten abzusuchen, denn die bisherige Erfahrung hatte mich gelehrt, dass es da nichts Besonderes gab. Es war immer das gleiche damit. Aber, als ich eines Abends im Schatten der Mauer saß und verschnaufte, stellte ich fest, dass sich doch etwas verändert hatte. Es war noch nicht allzu spät und dennoch waren die Spitzen der Bäume, die der Mauer am nächsten standen, bereits in Schatten getaucht. Ich ging einige Schritte in den Wald, drehte mich um und schaute herauf. Es gab keinen Zweifel, die Mauer war höher als zuvor. Es mussten wenigstens zwei oder drei Meter Höhenunterschied sein.
Die Entdeckung stachelte meinen Optimismus an und erneuerte die Hoffnung, jetzt bald den ersehnten Durchgang zu finden. Wie konnte es denn auch anders sein? Dass die Mauer hier höher war, konnte doch nur bedeuten, dass bald darauf ein mächtiger Wachturm oder das Tor zu einer großen Stadt kommen mussten. Ich lief schneller. Ich rannte und blickte ungeduldig in die Ferne, ob ich nicht vom Weiten schon den Turm sehen könnte oder die Fahne, die über alles hinausragte. Und dann sah ich tatsächlich etwas, in etwa fünfhundert Metern Entfernung schimmerte etwas in der Mauer. Das sah wie ein Loch aus, wie ein helles Fenster in die andere Welt. Ich rannte und als ich dort war, sah ich, was es in Wirklichkeit war. Es war ein Schild und darauf stand: «Vorsicht! Bissiger Hund.»
Das konnte nicht wahr sein! Das konnte nur ein schlechter Scherz sein! Ich riss das Schild herunter und untersuchte die Rückseite – und tatsächlich – dort stand noch etwas anderes, in kleineren Buchstaben fein säuberlich eingeprägt: «Nein, Sie haben ganz Recht, es gibt keinen Hund. Weder einen bissigen, noch sonst irgendeinen. Aber Sie sollten trotzdem nicht weitergehen. Gehen Sie zurück. Wo wollen Sie denn hin? Hier gibt es nichts. Gehen Sie dorthin zurück, von wo Sie gekommen sind. Finden Sie Ihre Gefährten wieder. Gehen Sie nicht in dieser Richtung weiter. Das führt doch zu nichts. Gehen Sie zurück und reihen Sie sich wieder in den Tross ein, den sie verlassen haben. Es gibt hier nichts. Nichts, was Sie suchen, noch sonst irgendwas. Gehen Sie nicht weiter. Kehren Sie um. Und halten Sie sich von der Mauer fern. Es ist zu Ihrem eigenen Wohl.»
Ich sank erschöpft auf die Knie. Was sollte das? Was sollte ich von dieser Warnung halten? War man mir gefolgt? Hatte man mich die ganze Zeit beobachtet? Gab es doch eine Wache, die hinter der Mauer patrouillierte und jeden meiner Schritte aufmerksam verfolgte? War es von daher so gespenstisch still? Ich fühlte mich augenblicklich sehr unwohl und schaute mich nach allen Seiten um. Was sollte ich jetzt tun? Umkehren? Nein, und abermals nein, es gab kein Zurück, ich war zu weit gegangen. Jetzt wollte ich wissen, was sich hinter dieser Sache verbarg und irgendetwas sagte mir, dass jetzt der Weg, der vor mir lag, sehr viel kürzer war, als der Weg, den ich bis hier zurückgelegt hatte. Ich war dem Ziel näher als jemals zuvor. Das spürte ich. Man hatte mich also gewarnt – jemand wollte mich davon abhalten weiterzugehen, wollte mich davon abbringen, nachzuforschen, was es mit dieser Mauer auf sich hatte. Aber ich würde weitergehen und es herausfinden. Ich trat ein paar Schritte zurück und schleuderte das Schild über die Mauer, die inzwischen so hoch war, dass ich meine ganze Kraft dazu brauchte, es überhaupt noch zu schaffen. Und in die Stille rief ich so laut und so mutig ich vermochte: «Nein.» Die Mauer antwortete mit dem hohlen Echo meiner Stimme.
So setzte ich meine Wanderung fort und jeden Morgen, wenn ich die Augen auftat, trat ich als erstes ein Stück in den Wald hinein, musterte die Höhe der Mauer und schrie aus Leibeskraft und Überzeugung: «Nein!» Um anschließend eine Kleinigkeit zu essen, meine Sachen zusammenzupacken und weiterzugehen. Doch eines Morgens passierte etwas Seltsames: Mein Echo antwortete zweimal. Einmal – wie gewohnt – von vorn, reflektiert von dem massiven Bauwerk, das mir seine Stirn bot, und ein zweites Mal – und so leise, dass ich es beinah überhört hätte – aus dem Wald: Nein! Erschreckt drehte ich mich um. Da war etwas hinter den Bäumen. Ich ging noch ein Stück tiefer in den Wald, der ungewohnt düster war zu dieser frühen Stunde, doch ich brauchte nicht weit, um zu entdecken, was es war. Eine andere, eine zweite riesige Mauer war es, die sich dunkel und drohend über den Bäumen erhob und die aufgehende Sonne im Osten verdeckte.
Ich saß in der Falle. Das war mir jetzt vollkommen klar. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich im Gras lag, halb besinnungslos an einen Baum gelehnt und wie lange ich diese zweite Mauer anstarrte, die sich in nichts von der ersten zu unterscheiden schien. Irgendwann tanzten eine paar Lichtenflecken zwischen den Ästen hindurch und auf meinem Gesicht, die mich weckten. Ich stand auf – es half ja alles nichts – ich musste weiter. Ich musste dem ins Auge sehen, was mich da erwartete. So ging ich, jetzt die Mauer zur rechten Hand, was ganz neu und ungewohnt war. Aber ich wechselte auch wieder durch den Wald zu der anderen hinüber. Ich hüpfte über die Wurzeln der Bäume und kicherte wie ein kleines Kind oder kauerte mich, wenn es mich überkam, einfach auf der Erde zusammen und weinte bittere Tränen. Ich hatte mich vertan. In die andere Richtung hätte ich gehen sollen, als ich seinerzeit auf die Mauer gestoßen bin. Ich hätte umkehren sollen, als ich es noch konnte. Aber jetzt war es zu spät. Hinter mir war sicherlich schon der Hund und schnitt mir den Rückweg ab. Ich musste weiter. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Einen Monat später erreichte ich das Ende des Waldes. Die Sonne war vor einigen Stunden untergegangen und die kalte, silbern funkelnde Sense des Mondes schob sich langsam zwischen den knöchernen Ästen des letzten Baumes in Stellung, um den dunklen Schacht vor mir etwas auszuleuchten. Ich stand zwischen den beiden riesigen Mauern, beide waren jetzt etwa dreißig Meter hoch und standen ebenso weit auseinander. Sie verschmolzen mit dem Horizont und der Dunkelheit zu einem gähnenden Nichts. Es war, als hätte sich vor mir der unheilvoll klaffende Schlund der Hölle selbst aufgetan. Ich müsste nur noch einen Schritt tun, dann fiele ich von selbst hinein.
Ich legte mich in den Schatten des Baumes und schlief bis in den Mittag. Doch das Schreckensbild der Nacht war auch dem Tageslicht nicht gewichen. Ich redete mir ein, dass es am Ende des sich verjüngenden Schachtes eine Tür geben müsse, einen Durchlass oder irgendetwas, dass meine lange Reise rechtfertigen würde. «Irgendwo muss ja ein Ende sein», sagte ich noch einmal zu mir, stand auf und setzte meinen Weg fort. Die Mauern rückten näher. Jeden Tag um einen Meter, und soweit sich das aus dieser Perspektive noch schätzen ließ, wuchsen sie auch immer noch in die Höhe. Auch schien es mir, als würde der Weg langsam abfallen. Ich rief das allmorgendliche «Nein!» jetzt in die Richtung, in die ich ging. Doch in meiner Stimme lag weder Kraft, noch Zuversicht. Es war nur noch eine Gewohnheit, ein kümmerliches Ritual, an das ich mich mit dem letzen Rest meines Verstandes klammern konnte. Nachts träumte ich davon, wie die Mauern auf mich zukamen, um mich zu zerquetschen. Dann wachte ich auf und bekam keine Luft und der Sternenhimmel von einst, der mir so groß und unendlich vorgekommen war, war jetzt auf einen schmalen Streifen zusammengeschrumpft. Spöttisch und gleichgültig sahen die Sterne auf mich herab, als hätten sie es besser gewusst.
Immer tiefer ging es und immer schmaler wurde mein Weg. Knapp einen Monat, nachdem ich den Rand des Waldes hinter mir gelassen hatte, erhoben sich vor mir zwei gewaltige Wände, glatt und makellos, hundert Meter oder mehr, ein beeindruckendes Bauwerk, einschüchternd und erdrückend, das jeden Menschen daran zu erinnern schien, wie klein, vergänglich und unbedeutend er war. Die Sonne schien nur noch während der Mittagszeit für einige Minuten frontal in den Schacht, der jetzt noch knapp zwei Meter in der Breite maß, sodass man auch dann, wenn er ausgeleuchtet wurde, nicht zu erkennen vermochte, was vor einem lag. Ich schaute nicht zurück, ich schaute nicht nach oben, denn davon wurde mir nur schwindelig. Ich richtete meinen Blick geradeaus und schritt langsam voran. Bald konnte ich beide Wände zugleich mit den Händen berühren, und einen Tag später, waren die Mauern bis an meine Schultern herangerückt.
Nach dem Weg von einem weiteren Tag, wurde ich durch die unerbittlich fortschreitende Verjüngung des Weges gezwungen, seitlich weiterzugehen, was nicht nur ein unnatürliches Gehen, sondern nach einer gewissen Zeit auch recht anstrengend wurde. Ein Schmerz begann sich von meinem Nacken über die Schulter und den ganzen Rücken auszubreiten. Auch war die lange beschwerliche Reise nicht schadlos an mir vorüber gegangen, desto näher ich dem Ende kam, desto schneller schienen meine Kräfte zu schwinden. Immer wieder blieb ich erschöpft stehen, lehnte mich mit dem Rücken gegen die hintere Wand – oder falls mir auch das nach einiger Zeit zu beschwerlich wurde – mit der Stirn gegen die Wand voraus. Da erschien es mir für einen Augenblick, als hätte ich den Tross nie verlassen, als würde ich noch immer meinen Gefährten folgen auf dem immergleichen Weg, der sie, ohne dass sie es merkten, im Kreis führte. Da war er wieder, mein Vordermann, ich brauchte nur die Hand ausstrecken, brauchte mich nur ein wenig nach vorne lehnen, und ich brauchte nur ein winziges Stück zurückfallen, da schubste mich mein Hintermann, als wollte er mich ermahnen, wieder aufzuschließen. Doch ich war nicht im Kreis gegangen, ich hatte den Zirkel durchbrochen. Ich fühlte, dass ich meinem Ziel jetzt ganz nah sein musste. Es konnte nicht mehr weit sein. Und die Aussicht, endlich anzukommen, belebte mich mit neuer Kraft.
Ich klammerte mich an die Wände und zog mich Meter um Meter vorwärts. Ich schaute noch einmal nach oben. Es musste Nacht sein, es war ja ganz finster und nicht das Licht eines einzigen Sterns wollte mir noch Orientierung geben. Ich tastete mich vorwärts. Ich klopfte die Wände ab. Hier irgendwo musste es sein, hier irgendwo, ich musste aufpassen, dass ich nicht im letzten Moment daran vorbeilief. Die Wände begannen mich zu umarmen und ich drückte meinen Körper dazwischen wie einen menschlichen Keil. Ganz sicher nur noch ein kleines Stück, dann würde ich da sein. So kurz vor meinem Ziel durfte ich nicht aufgeben. Aber es ging nicht mehr weit. Bald war ich derart eingeklemmt zwischen den Wänden des Schachtes, dass nichts mehr vor und nichts mehr zurück ging. Ich steckte fest. Ich suchte noch mit den Füßen nach Halt, um mich doch noch etwas vorwärts zu drücken. Ich presste meinen Kopf zwischen die Mauern und spannte meinen Kiefer, als könnte ich mit meinem Schädel den Schacht aufspalten und hineinrutschen. Ich tastete verzweifelt mit meiner Hand vor mir in der Dunkelheit herum, einen Griff, einen Vorsprung in der Mauer zu finden, an dem ich mich herausziehen könnte. Es musste doch hier irgendetwas sein! Aber die Hand griff ins Leere. Fest und unbeweglich standen die Mauern und ihr ganzes Gewicht begann mich zu erdrücken. Hier war nichts. Ich schaute hinab in die Dunkelheit und mit der letzten Kraft meiner Stimme rief ich in das Unergründliche: «Was ist das? Was ist das?»