Übertreibung
Verfasst: 06.01.2005, 21:55
Erwartungen, einen Kindergeburtstag betreffend
„Nein!“
„Bitte!“
„Nein.“ Interessanterweise wirkt ein Nein mit einem Punkt dahinter viel entschiedener als ein Nein mit einem Rufzeichen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es schon das Voreilig-panische des Rufzeichens abgelegt hat und daher über eine bodenständig-solide Entschlossenheit verfügt. Dieses ganz spezielle Nein und der dazugehörige Punkt beziehen sich auf meine Mithilfe bei einem Kindergeburtstag. Welch herrlich harmloses Wort! Hat auch nur ganz zufällig gleich viele Silben wie Apokalypse.
„Wie viele hat er eingeladen?“, frage ich, nach dem der hinter dem Nein platzierte Punkt sich entfaltet und im Raum ausgebreitet hat.
„Zwölf.“
„ZWÖLF?“
„Zwölf.“
„Warum nicht zehn, so wie die Plagen?“
„Du übertreibst“, sagt Mutter. Wenn sie sagt, ich übertreibe, dann übertreibe ich ganz sicher nicht. Wenn ich nämlich übertreibe, dann ist das so offensichtlich, dass niemand extra darauf hinweisen muss. Wenn aber Mama behauptet, ich würde übertreiben, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie genau weiß, dass ich eine sehr konkrete Vorstellung von den zu erwartenden Schrecken habe.
„Ich übertreibe nicht“, stelle ich daher fest: „Zwölf Jünger waren okay, zwölf Monate sind auch in Ordnung, aber zwölf Monsterhobbits sind zu viel.“
„Jetzt sei nicht so.“
„Mutter, im Prinzip habe ich nichts gegen zehnjährige Buben. Solange sie unter Drogen stehen und an einem denkbar entlegenen Ort, wie beispielsweise der südlichen Sahara, gefesselt und kastriert in Meerschweinchenkäfigen aufbewahrt werden, sind sie mir herzlich willkommen. Aber hier, in diesem Haushalt, diesem Hauptschauplatz meiner Jugend, diesem Rückzugsgebiet, diesem Hort an Beschaulichkeit und Familienglück, haben dies verderbten Individuen keine Existenzberechtigung!“
Lena sitzt auf der Couch und schaut Michi zu, wie er vermittels Konsole Playstadtion-Monster hinmeuchelt. „Das kannst du nicht normal auch sagen?“
Ich ringe die Hände: „Setz mich unter Stress und ich rede geschwollen. Das ist mein Äquivalent zu aufgeplustertem Gefieder und Katzenbuckelfauchen. Reine Instinkthandlung.“
Cousinchen schaut so verächtlich, dass ein bisschen etwas von ihrem Grant mehr oder weniger in der Luft zwischen ihr und mir materialisiert und auf den Teppich bröselt.
Im Grunde ist es sowieso wurscht, ob ich mit Mama verhandle oder nicht. Am Ende gewinnt sie immer. Sogar wenn meine Argumente besser sind. Sogar wenn ich im Recht bin. Ganz wurscht. Papa lässt sich auf der argumentativen Schiene ausmanövrieren, Mama setzt auf die geballte Wucht eines Ich-bin-arm-und-verlassen-und-eine-Märtyrerin-und-werde-so-du-(Undankbare!)-nicht-tust-was-ich-so-dringend-von-dir-verlange-und-wonach-sich-mein-Herz-verzehrt-dann-werde-ich-zweifellos-aus-Gram-über-dich-und-die-Schlechtheit-der-Welt-sterben-Blick. Das ist ein Blick, der geht über drei Zeilen. Chancenlos. Weckt quasi einen umgekehrten Mutterinstinkt. Ich gebe also nach. Wundervoll. Vielleicht kann ich ja den Orangensaft vergiften..
„Welches Thema hat er sich ausgesucht?“ frage ich.
„Herr der Ringe.“
Ich bin nahe dran, zu Hyperventilieren. Es gibt Dinge, die will man sich nicht entweihen lassen. Nie. Der Herr der Ringe gehört dazu.
Vielleicht bin ich da sowieso ungebührlich egoistisch. Aber wenn ich aus einem Kinofilm komme, den ich für genial halte, will ich nicht hinter mir jemanden sagen hören: „Ja, und die eine Szene, wo er ihr, wie hat sie geheißen, wie er ihr sagt, dass der andere, der, der, der, du weißt schon, der mit der blauen Hose, des Ding da gegeben hat, die war schon geil, nicht?“
Ich will nicht, dass jemand, der „Szene“ wie „Zähne“ ausspricht und sich die Namen nicht gemerkt hat, sich über den Film auslässt und sich einbildet, er habe ein Recht dazu. Das hat der Film nicht verdient.
Schlimm: ich schau mir „Tanz der Vampire an“. Im hinausgehen, eine stark geschminkte Lady zu ihrer noch stärker geschminkten Freundin: „Du, der eine da, der hat einen Grammatikfehler gehabt!“
Grammatik?! Alfred lispelt, du blöde Kuh! Sprachfehler von mir aus, aber nicht Grammatikfehler.
Das klingt jetzt so, als ob ich jeden verabscheue, nur weil er Lispeln einen Grammatikfehler nennt. Absolut nicht. Das darf normalerweise jeder. Ist mir vielleicht auch schon mal passiert. Aber nicht, bitte nicht, wenn ich grad in einem Zustand zwischen meditativer Versenkung und quasi-religiöser Verzückung schwebe und die Welt für einen Ort reiner, unverfälschter Ästhetik halte. Dann darf da keiner so oberflächlich sein und Lispeln einen Grammatikfehler nennen.
Das absolute Horrorerlebnis in diese Richtung: Die Schule organisiert eine Fahrt nach Wien, damit wir uns dort ein Musical anschauen. Hernach sitze ich im Bus und schwelge noch still in Genialität von Musik, Text und Darstellung, gehe im Kopf noch einmal bestimmte Szenen durch und bin durch und durch glücklich. Und hinter mir kräht Lisa, die jede Fernsehserie dieser Welt kennt, Lisa, die Szene wie Zähne ausspricht, kräht also diese Lisa: „Aber der Tod hat schon einen geilen Arsch gehabt.“
Lischen, mir ist der Arsch des Todes so was von wurscht! Lischen, du hast die Aussage nicht verstanden! Lischen, Lischen, sogar wenn er dir, der Todesarsch, wirklich wichtig ist und wenn du darin den größten künstlerischen Ausdruck des Abends siehst, was ich dir ja von Herzen gönne, dann sag es nicht laut. Nicht so laut, dass ich es hören muss. Du reißt mich aus meiner Andacht!
Das will man dann schreien. Vor allem, wenn in der Sitzreihe vor mir zwei Damen anfangen, ganz, ganz falsch das Leitmotiv zu summen.
Das einzige, was noch schlimmer ist, sind die Expertengespräche. Wenn sie sich nachher laut hörbar für jeden über den Kunstgenuss auslassen und zerlegen bis ins kleinste Tremolo, um mir und allen anderen klar zu machen, dass wir keine Ahnung haben. Wenn mir dann auch noch klar wird, dass ich wirklich keine Ahnung habe, dann ist der Abend gänzlich dahin. Deswegen bin ich a) für einen IQ-Test an der Abendkassa und b) ein Schweigegebot für die Pause und den Bus. Lisa darf überhaupt nie wieder ins Musical.
Ich gebe zu: das ist eine durch und durch und durch egozentrische, egoistische und banausische Einstellung. Gut. Ich stehe dazu. Ich will nicht, dass eine Gruppe von bösartigen Gnomen, von denen nicht ein einziger das Buch gelesen hat, von denen nicht ein einziger den Unterschied zwischen der Krege- und der von-Freymann-Übersetzung kennt, die allesamt Zwerge für stärker behaarte Hobbits halten, kurz: die den Herrn der Ringe nur im Kino konsumiert haben, dieses erhabene Buch einen ganzen Tag lang in ihren kariesverseuchten Mündern führen dürfen, ohne dass ich sie dafür erschlagen darf.
Der absolute Höhepunkt: Mütterchen will eine Schnitzeljagd nach Herr-der-Ringe-Motiven.
„Ich kenn mich da nicht aus, das musst du machen“, sagt sie.
„Mutter, ich gedenke nicht, bei der Schändung der Alba Longa der fantastischen Literatur der Neuzeit zu assistieren.“ Drei Genitive. Ich bin beinahe stolz auf mich.
„Du übertreibst“, sagt Mama, womit alles geklärt ist.
Auf der Autofahrt nach Linz, wo man am Vortag letzte Einkäufe zu tätigen gedenkt, diskutieren Jo und ich mögliche Schnitzeljagd-Szenarien. Beziehungsweise: Jo diskutiert und ich versuche, ihn daran zu hindern. Jo hat das Buch nämlich auch nicht gelesen.
Jo: „Wir könnten sagen, wir veranstalten ein Orktrainingslager, da lassen wir sie dann Bogenschießen und…“
Ich: „Orktrainingslager? Bruder, das hat definitiv nicht den nötigen epischen Charakter.“
Jo: „Sicher! Was denn sonst?“
Was denn sonst? Die Liste der wieder verworfenen Überlegungen ist lang:
- Gandalf flieht vor einer Orkherde, öffnet ein Tor zwischen den Welten und landet auf unserem Dachboden. Er ist sehr geschwächt, kritzelt aber noch einen Abschiedsbrief von wegen verstecktem Schatz und stirbt. Zehn Jahre später finden wir den (künstlich gealterten) Brief und einen Knochen
-ein Zwerg flieht vor einer Orkherde, erreicht schwer verletzt unsere Haustüre, läutet, hinterlässt der öffnenden Mutter mündlich ein paar gehauchte Abschiedsworte von wegen verstecktem Schatz und stirbt.
-ein Hobbit landet bekifft vom Königskraut in unserem Blumenbeet, vergräbt dort einen Schatz, hinterlässt es schriftlich und wird von einer Orkherde verfolgt.
Das Problem: es gibt zwischen den einzelnen Ansätzen verdächtige Parallelen.
Weil ich also auch keinen vernünftigen und angemessen episch-kitschigen Ansatz anbieten kann, lenke ich Brüderchen auf ein anderes Thema, damit er den Herrn der Ringe nicht weiter blasphemisch behandeln kann. Gemeinsames Lieblingsthema? Warum wir Michis Freunde nicht ausstehen können und wie man sie töten kann.
„Wir könnten wirklich ein Bogenschießen veranstalten.“
„Ja. Wilhelm Tell.“
„Ohne Apfel.“
„Ohne Apfel geht nicht.“
„Aber wir könnten sehr kleine Äpfel verwenden.“
„Vergiftete Äpfel.“
„Aber sie haben sie ja auf dem Kopf und essen sie nicht.“
„Oh.“
„Wir könnten Halluzinogene in den Kuchen mischen.“
„Und was bringt das?“
„Es fällt ihnen nicht auf, wenn wir sie in den Keller sperren.“
„Dann hauen sie aus Versehen das Weinregal um.“
„Und? Dann können wir behaupte, dass sie sich besoffen haben.“
„Was? Zehnjährige? Erste Klasse Gymnasium? Auf einem Kindergeburtstag? Klingt das plausibel?“
„Kramer David, Gruber Stefan, Wimmer Micky.“
„Klingt plausibel.“
Exakt um zehn Minuten nach Mitternacht am heutigen Tage, kommt Michi in mein Zimmer. Ich grüble noch immer über der bescheuerten Schnitzeljagd.
Mittlerweile habe ich auch noch die Ansätze:
-eine Horde Orks hat einen Schatz versteckt und eine Spur aus Zuckerwatte und gelben Wärmeflaschen hinterlassen
-die Katze ist von einer Horde Orks enführt worden. Retten sie die Katze.
- Michi ist von einer Horde Orks enführt worden. Retten sie die Orks.
Die Orkhorde ist tatsächlich ein durchgängiges Thema. Irgendwie bin ich da fixiert.
„Was willst du, Zwergerl?“, frage ich also den Knirps. Er zeigt auf die Uhr.
„Falls du ein Geschenk für mich hast: ich habe jetzt Geburtstag. Du kannst es mir geben.“
Noble Zurückhaltung ist nicht so Michis Ding. Ich überreiche ihm sein Geschenk und schaue ihm beim Auspacken zu. Sein Gesicht wird lang. Es ist ein Buch. Eigentlich sollte er das gewöhnt sein, denn seit ich festgestellt habe, dass er über Büchergaben nicht besonders begeistert ist, schenke ich ihm nur noch Bücher, meist mit einem aufmunternd-liebevollen Kommentar auf einem Zettelchen. Dieses Mal steht da:
Gib’s auf, Süßer. Sogar ins Grab werde ich dir noch Bücher nachwerfen, wenn du nicht endlich ordentlich anfängst zu Lesen. Sogar ins Grab.
Ich fand die Grabformulierung einfach so schön eingängig. Mal sehen, ob es was bringt.
Ja, genau: ich habe übertrieben. Ich bin heute mittelspät aufgestanden, hab trotzdem problemlos die blöde Schnitzeljagd zusammengebastelt. Die Zwerge waren laut und blöd und ich hab um zwei herum eine Kopfwehtablette geschluckt, aber es ging nichts zu Bruch, die Katze lebt noch und kaum ein ungebührlicher Kommentar zum Herrn der Ringe wurde getätigt. Sie haben meine stupiden Rätsel gelöst, ihre Belohnung gefunden und Brettspiele gespielt. Sie waren enttäuschen zivilisiert und wurden pünktlich um halb sieben abgeholt. Das stört mich. Um genau zu sein: es ist eine riesige Schweinerei: ich investiere einen Haufen genial formulierter böser Vorahnungen und düsterer Prophezeiungen und mindestens ein halbes Kilo berechtigte Hysterie und dann ist das Ereignis so völlig unspektakulär, dass es sich nicht für eine Satire und ein bisschen berechtigtes Selbstmitleid eignet. Ich fühle mich geprellt.
„Nein!“
„Bitte!“
„Nein.“ Interessanterweise wirkt ein Nein mit einem Punkt dahinter viel entschiedener als ein Nein mit einem Rufzeichen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es schon das Voreilig-panische des Rufzeichens abgelegt hat und daher über eine bodenständig-solide Entschlossenheit verfügt. Dieses ganz spezielle Nein und der dazugehörige Punkt beziehen sich auf meine Mithilfe bei einem Kindergeburtstag. Welch herrlich harmloses Wort! Hat auch nur ganz zufällig gleich viele Silben wie Apokalypse.
„Wie viele hat er eingeladen?“, frage ich, nach dem der hinter dem Nein platzierte Punkt sich entfaltet und im Raum ausgebreitet hat.
„Zwölf.“
„ZWÖLF?“
„Zwölf.“
„Warum nicht zehn, so wie die Plagen?“
„Du übertreibst“, sagt Mutter. Wenn sie sagt, ich übertreibe, dann übertreibe ich ganz sicher nicht. Wenn ich nämlich übertreibe, dann ist das so offensichtlich, dass niemand extra darauf hinweisen muss. Wenn aber Mama behauptet, ich würde übertreiben, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie genau weiß, dass ich eine sehr konkrete Vorstellung von den zu erwartenden Schrecken habe.
„Ich übertreibe nicht“, stelle ich daher fest: „Zwölf Jünger waren okay, zwölf Monate sind auch in Ordnung, aber zwölf Monsterhobbits sind zu viel.“
„Jetzt sei nicht so.“
„Mutter, im Prinzip habe ich nichts gegen zehnjährige Buben. Solange sie unter Drogen stehen und an einem denkbar entlegenen Ort, wie beispielsweise der südlichen Sahara, gefesselt und kastriert in Meerschweinchenkäfigen aufbewahrt werden, sind sie mir herzlich willkommen. Aber hier, in diesem Haushalt, diesem Hauptschauplatz meiner Jugend, diesem Rückzugsgebiet, diesem Hort an Beschaulichkeit und Familienglück, haben dies verderbten Individuen keine Existenzberechtigung!“
Lena sitzt auf der Couch und schaut Michi zu, wie er vermittels Konsole Playstadtion-Monster hinmeuchelt. „Das kannst du nicht normal auch sagen?“
Ich ringe die Hände: „Setz mich unter Stress und ich rede geschwollen. Das ist mein Äquivalent zu aufgeplustertem Gefieder und Katzenbuckelfauchen. Reine Instinkthandlung.“
Cousinchen schaut so verächtlich, dass ein bisschen etwas von ihrem Grant mehr oder weniger in der Luft zwischen ihr und mir materialisiert und auf den Teppich bröselt.
Im Grunde ist es sowieso wurscht, ob ich mit Mama verhandle oder nicht. Am Ende gewinnt sie immer. Sogar wenn meine Argumente besser sind. Sogar wenn ich im Recht bin. Ganz wurscht. Papa lässt sich auf der argumentativen Schiene ausmanövrieren, Mama setzt auf die geballte Wucht eines Ich-bin-arm-und-verlassen-und-eine-Märtyrerin-und-werde-so-du-(Undankbare!)-nicht-tust-was-ich-so-dringend-von-dir-verlange-und-wonach-sich-mein-Herz-verzehrt-dann-werde-ich-zweifellos-aus-Gram-über-dich-und-die-Schlechtheit-der-Welt-sterben-Blick. Das ist ein Blick, der geht über drei Zeilen. Chancenlos. Weckt quasi einen umgekehrten Mutterinstinkt. Ich gebe also nach. Wundervoll. Vielleicht kann ich ja den Orangensaft vergiften..
„Welches Thema hat er sich ausgesucht?“ frage ich.
„Herr der Ringe.“
Ich bin nahe dran, zu Hyperventilieren. Es gibt Dinge, die will man sich nicht entweihen lassen. Nie. Der Herr der Ringe gehört dazu.
Vielleicht bin ich da sowieso ungebührlich egoistisch. Aber wenn ich aus einem Kinofilm komme, den ich für genial halte, will ich nicht hinter mir jemanden sagen hören: „Ja, und die eine Szene, wo er ihr, wie hat sie geheißen, wie er ihr sagt, dass der andere, der, der, der, du weißt schon, der mit der blauen Hose, des Ding da gegeben hat, die war schon geil, nicht?“
Ich will nicht, dass jemand, der „Szene“ wie „Zähne“ ausspricht und sich die Namen nicht gemerkt hat, sich über den Film auslässt und sich einbildet, er habe ein Recht dazu. Das hat der Film nicht verdient.
Schlimm: ich schau mir „Tanz der Vampire an“. Im hinausgehen, eine stark geschminkte Lady zu ihrer noch stärker geschminkten Freundin: „Du, der eine da, der hat einen Grammatikfehler gehabt!“
Grammatik?! Alfred lispelt, du blöde Kuh! Sprachfehler von mir aus, aber nicht Grammatikfehler.
Das klingt jetzt so, als ob ich jeden verabscheue, nur weil er Lispeln einen Grammatikfehler nennt. Absolut nicht. Das darf normalerweise jeder. Ist mir vielleicht auch schon mal passiert. Aber nicht, bitte nicht, wenn ich grad in einem Zustand zwischen meditativer Versenkung und quasi-religiöser Verzückung schwebe und die Welt für einen Ort reiner, unverfälschter Ästhetik halte. Dann darf da keiner so oberflächlich sein und Lispeln einen Grammatikfehler nennen.
Das absolute Horrorerlebnis in diese Richtung: Die Schule organisiert eine Fahrt nach Wien, damit wir uns dort ein Musical anschauen. Hernach sitze ich im Bus und schwelge noch still in Genialität von Musik, Text und Darstellung, gehe im Kopf noch einmal bestimmte Szenen durch und bin durch und durch glücklich. Und hinter mir kräht Lisa, die jede Fernsehserie dieser Welt kennt, Lisa, die Szene wie Zähne ausspricht, kräht also diese Lisa: „Aber der Tod hat schon einen geilen Arsch gehabt.“
Lischen, mir ist der Arsch des Todes so was von wurscht! Lischen, du hast die Aussage nicht verstanden! Lischen, Lischen, sogar wenn er dir, der Todesarsch, wirklich wichtig ist und wenn du darin den größten künstlerischen Ausdruck des Abends siehst, was ich dir ja von Herzen gönne, dann sag es nicht laut. Nicht so laut, dass ich es hören muss. Du reißt mich aus meiner Andacht!
Das will man dann schreien. Vor allem, wenn in der Sitzreihe vor mir zwei Damen anfangen, ganz, ganz falsch das Leitmotiv zu summen.
Das einzige, was noch schlimmer ist, sind die Expertengespräche. Wenn sie sich nachher laut hörbar für jeden über den Kunstgenuss auslassen und zerlegen bis ins kleinste Tremolo, um mir und allen anderen klar zu machen, dass wir keine Ahnung haben. Wenn mir dann auch noch klar wird, dass ich wirklich keine Ahnung habe, dann ist der Abend gänzlich dahin. Deswegen bin ich a) für einen IQ-Test an der Abendkassa und b) ein Schweigegebot für die Pause und den Bus. Lisa darf überhaupt nie wieder ins Musical.
Ich gebe zu: das ist eine durch und durch und durch egozentrische, egoistische und banausische Einstellung. Gut. Ich stehe dazu. Ich will nicht, dass eine Gruppe von bösartigen Gnomen, von denen nicht ein einziger das Buch gelesen hat, von denen nicht ein einziger den Unterschied zwischen der Krege- und der von-Freymann-Übersetzung kennt, die allesamt Zwerge für stärker behaarte Hobbits halten, kurz: die den Herrn der Ringe nur im Kino konsumiert haben, dieses erhabene Buch einen ganzen Tag lang in ihren kariesverseuchten Mündern führen dürfen, ohne dass ich sie dafür erschlagen darf.
Der absolute Höhepunkt: Mütterchen will eine Schnitzeljagd nach Herr-der-Ringe-Motiven.
„Ich kenn mich da nicht aus, das musst du machen“, sagt sie.
„Mutter, ich gedenke nicht, bei der Schändung der Alba Longa der fantastischen Literatur der Neuzeit zu assistieren.“ Drei Genitive. Ich bin beinahe stolz auf mich.
„Du übertreibst“, sagt Mama, womit alles geklärt ist.
Auf der Autofahrt nach Linz, wo man am Vortag letzte Einkäufe zu tätigen gedenkt, diskutieren Jo und ich mögliche Schnitzeljagd-Szenarien. Beziehungsweise: Jo diskutiert und ich versuche, ihn daran zu hindern. Jo hat das Buch nämlich auch nicht gelesen.
Jo: „Wir könnten sagen, wir veranstalten ein Orktrainingslager, da lassen wir sie dann Bogenschießen und…“
Ich: „Orktrainingslager? Bruder, das hat definitiv nicht den nötigen epischen Charakter.“
Jo: „Sicher! Was denn sonst?“
Was denn sonst? Die Liste der wieder verworfenen Überlegungen ist lang:
- Gandalf flieht vor einer Orkherde, öffnet ein Tor zwischen den Welten und landet auf unserem Dachboden. Er ist sehr geschwächt, kritzelt aber noch einen Abschiedsbrief von wegen verstecktem Schatz und stirbt. Zehn Jahre später finden wir den (künstlich gealterten) Brief und einen Knochen
-ein Zwerg flieht vor einer Orkherde, erreicht schwer verletzt unsere Haustüre, läutet, hinterlässt der öffnenden Mutter mündlich ein paar gehauchte Abschiedsworte von wegen verstecktem Schatz und stirbt.
-ein Hobbit landet bekifft vom Königskraut in unserem Blumenbeet, vergräbt dort einen Schatz, hinterlässt es schriftlich und wird von einer Orkherde verfolgt.
Das Problem: es gibt zwischen den einzelnen Ansätzen verdächtige Parallelen.
Weil ich also auch keinen vernünftigen und angemessen episch-kitschigen Ansatz anbieten kann, lenke ich Brüderchen auf ein anderes Thema, damit er den Herrn der Ringe nicht weiter blasphemisch behandeln kann. Gemeinsames Lieblingsthema? Warum wir Michis Freunde nicht ausstehen können und wie man sie töten kann.
„Wir könnten wirklich ein Bogenschießen veranstalten.“
„Ja. Wilhelm Tell.“
„Ohne Apfel.“
„Ohne Apfel geht nicht.“
„Aber wir könnten sehr kleine Äpfel verwenden.“
„Vergiftete Äpfel.“
„Aber sie haben sie ja auf dem Kopf und essen sie nicht.“
„Oh.“
„Wir könnten Halluzinogene in den Kuchen mischen.“
„Und was bringt das?“
„Es fällt ihnen nicht auf, wenn wir sie in den Keller sperren.“
„Dann hauen sie aus Versehen das Weinregal um.“
„Und? Dann können wir behaupte, dass sie sich besoffen haben.“
„Was? Zehnjährige? Erste Klasse Gymnasium? Auf einem Kindergeburtstag? Klingt das plausibel?“
„Kramer David, Gruber Stefan, Wimmer Micky.“
„Klingt plausibel.“
Exakt um zehn Minuten nach Mitternacht am heutigen Tage, kommt Michi in mein Zimmer. Ich grüble noch immer über der bescheuerten Schnitzeljagd.
Mittlerweile habe ich auch noch die Ansätze:
-eine Horde Orks hat einen Schatz versteckt und eine Spur aus Zuckerwatte und gelben Wärmeflaschen hinterlassen
-die Katze ist von einer Horde Orks enführt worden. Retten sie die Katze.
- Michi ist von einer Horde Orks enführt worden. Retten sie die Orks.
Die Orkhorde ist tatsächlich ein durchgängiges Thema. Irgendwie bin ich da fixiert.
„Was willst du, Zwergerl?“, frage ich also den Knirps. Er zeigt auf die Uhr.
„Falls du ein Geschenk für mich hast: ich habe jetzt Geburtstag. Du kannst es mir geben.“
Noble Zurückhaltung ist nicht so Michis Ding. Ich überreiche ihm sein Geschenk und schaue ihm beim Auspacken zu. Sein Gesicht wird lang. Es ist ein Buch. Eigentlich sollte er das gewöhnt sein, denn seit ich festgestellt habe, dass er über Büchergaben nicht besonders begeistert ist, schenke ich ihm nur noch Bücher, meist mit einem aufmunternd-liebevollen Kommentar auf einem Zettelchen. Dieses Mal steht da:
Gib’s auf, Süßer. Sogar ins Grab werde ich dir noch Bücher nachwerfen, wenn du nicht endlich ordentlich anfängst zu Lesen. Sogar ins Grab.
Ich fand die Grabformulierung einfach so schön eingängig. Mal sehen, ob es was bringt.
Ja, genau: ich habe übertrieben. Ich bin heute mittelspät aufgestanden, hab trotzdem problemlos die blöde Schnitzeljagd zusammengebastelt. Die Zwerge waren laut und blöd und ich hab um zwei herum eine Kopfwehtablette geschluckt, aber es ging nichts zu Bruch, die Katze lebt noch und kaum ein ungebührlicher Kommentar zum Herrn der Ringe wurde getätigt. Sie haben meine stupiden Rätsel gelöst, ihre Belohnung gefunden und Brettspiele gespielt. Sie waren enttäuschen zivilisiert und wurden pünktlich um halb sieben abgeholt. Das stört mich. Um genau zu sein: es ist eine riesige Schweinerei: ich investiere einen Haufen genial formulierter böser Vorahnungen und düsterer Prophezeiungen und mindestens ein halbes Kilo berechtigte Hysterie und dann ist das Ereignis so völlig unspektakulär, dass es sich nicht für eine Satire und ein bisschen berechtigtes Selbstmitleid eignet. Ich fühle mich geprellt.