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Es sagen
Verfasst: 11.01.2005, 16:16
von Lene
Es sagen
In einem der späteren Räume erkannte ich ihn. Er blickte mich freundlich an. Er schien sehr weise zu sein, und doch war er sein ganzes Leben lang hier eingeschlossen gewesen. Unmöglich konnte er wissen, welchen Weg ich gekommen war. Ich wollte ihn fragen, ob er auf mich gewartet hatte. Dann aber besann ich mich, wie überrascht ich selbst war, ihm zu begegnen. Alt und zerbrechlich sah er aus. Er hatte mir gefehlt, das spürte ich jetzt.
Ich stand noch immer an der Wand, er saß mitten im Zimmer. Ich hätte ihn so gern umarmt.
Re: Es sagen
Verfasst: 11.01.2005, 19:20
von Surjaninov
Hej Lene,
ein schöner Text, doch er gefällt mir.
Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings:
aber besann ich mich, wie überrascht ich selbst
- Sich darauf besinnen, wie überrascht man ist? Besinnen, Überraschung?
Das passt mir nicht ganz zusammen.
Da würde ich lieber etwas sehen wie "erinnerte" oder "merkte ich wieder" oder so.
Aber vielleicht geht es nur mir so.?
Ah es könnten doch zwei Kritikpunkte sein.
späteren Räume
- Was meinst du mit "späteren"? Soetwas wie "der hinteren Räume"? Dann würde ich das auch so schreiben.
Alles in allem aber gefällt mir dein Text, (wie oben schon gesagt

).
Soweit von mir
lg
Surja
Re: Es sagen
Verfasst: 11.01.2005, 20:29
von SMID
Hallo Lene,
ich schliesse mich Surja an, wenn auch aus anderen Gruenden.
Zuerst noch ein Rueckblick auf Surjas Kritikpunkt. Das /wie/ in /Dann aber besann ich mich, wie überrascht ich selbst war, ihm zu begegnen./ lese ich als ein junktives /weil/, das es grammatisch zwar nicht gibt, aber es macht trotzdem Sinn. Vielleicht kann ma es auch als /wobei/ verstehen. Jedenfalls kann ich /Besinnen, Überraschung?/, die widerspruechliche Dichotomie, wie sie Surja auffasst, nicht nachvollziehen. Um das zu erklaeren, muss ich kurz auf den gesamten Text eingehen.
Der Text ist kryptisch. Ein Ich begegnet einem Ihm, das raetselhaft bleibt, dem Leser unerklaert, aber dir sehr nah steht. Gerade dieser Gegensatz erzeugt die Spannung, von dem das Textlein lebt.
Es besteht eine Beziehung zwischen dem Ich und dem Ihm: freundlich blicken, das Wissen ueber sein ganzes Leben, ein Warten?, Mitfuehlen seiner Zerbrechlichkeit, Zuneigung, die sich hier eroeffnet, eine Umarmung, die nicht moeglich oder noch nicht moeglich ist.
Dazu im Widerspruch die Entfernung vom Leser: das Er ist zuerst einmal nur ein Er, ein Unbekannter. Doch ein raetselhafter zugleich. Er ist ein Weise, jemand, den man nur aus Sagen und Anekdoten kennt, und Er hat Unmoegliches geleistet, da er sein Leben nur in einem Zimmer verbracht hat, er erscheint sogar dem Ich, das eine grosse Zuneigung empfindet, ploetzlich und unerwartet. Dabei erscheint es dem Leser gerado so, als ob das Ich, und hier wieder ein Widerspruch, diesen Ihn willentlich besucht und nicht nur zufaellig getroffen haben muss. Denn Er hat ja, so der Text, sein Zimmer ein Leben lang nicht verlassen!
Und weiter, dieser Er ist von einer (nicht mitgeteilten) Entfremdung und Begrenzung umgeben, die es sogar dem Ich nicht zulaesst, sich ihm zu naehern.
Zwischen diesen Polen bewegt sich die Spannung. Der Titel und die Konstruktion des Textes lassen vermuten, dass wir es mit einer Metapher zu tun haben, die es aufzuloesen gilt. Eine Metapher fuer eine Situation. Fuer eine Situation, die das Ich mit sich selbst konfrontiert, herausfordert, ueberwunden werden will.
Das, was ueberwunden werden soll, wird durch die Unnahbarkeit dargestellt, die sich zwischen Ich und Ihm aufgebaut hat. Es ist vielleicht nicht das Er selbst, aber die Verschraenkung in die Unerreichbarkeit, aus der Er nicht mehr herauszuloesen ist. Dass das Ich in sich selbst diese Unfaehigkeit und Grenze entdeckt, das ueberrascht, aber auch wieder nicht, denn das Ich hatte sich lange mit dieser Situation auseinandergesetzt (/In einem der späteren Räume.../) , sie durchgespielt, vielleicht sogar auf sie gewartet (/Ich wollte ihn fragen, ob er auf mich gewartet hatte./), doch nun, da die Situation tatsaechlich eingetreten und das Ich in den Raum eingetreten ist, da gibt es noch viel Ueberwindungsarbeit zu tun, von dessen Erfolg oder Misserfolg dem Leser kein Bericht erstattet wird.
Man kann nur raten, um welche Art von Situation es sich handelt. Vielleicht um eine erste Beruehrung, Annaeherung, ein Wort, das man aussprechen wollte, aber sich nie getraut hatte?
Der Text endet mit einer unausgefuehrten, aber antizipierten Umarmung, das laesst jedenfalls darauf schliessen, dass es sich um eine erfreuliche, wahrscheinlich sogar erhoffte Situation handelt, die gut enden wird, sofern es die Autorin zulassen wird.
SMID
Re: Es sagen
Verfasst: 11.01.2005, 20:46
von Surjaninov
Erinnert mich jetzt irgendwie an ein Lied von Tocotronic. Auf den Album KOOK.
17
An einem Weihnachtsabend
An dem niemand mich rief
Kam ein Freund in mein Zimmer
In dem ich schon schlief
Er nahm meine Hand
Er war mir bekannt
Seine Stimme war naturgemäß tief
In den Bäumen und in den Sträuchern
Regt sich ein Windhauch und bläst in mein Ohr
Heute bin ich glücklich wie niemals zuvor
Wir hatten was zu reden
Wie er so vor mir steht
Vor meinem Bett in der Ecke
Langsam wurde es spät
Er nahm meine Hand
Er war mir bekannt
Ich wollte nicht daß er geht
In den Bäumen...
---
Obwohl, vielleicht hat es doch nicht so viel mit deinem Text gemein.....
Naja - anyway
Obwohl, ein FREUND kommt in ein Zimmer, da gibt es Glück.....
Naja - anyway
Re: Es sagen
Verfasst: 11.01.2005, 21:51
von Lene
Hallo -
ich bin total überrascht (ohne mich besinnen zu müssen) und tatsächlich sogar richtig glücklich, dass der Text anscheinend genau das tut, was ich von ihm wollte. Dadurch, dass er so kryptisch ist, war ich mir darüber sehr unsicher.
Deine Interpretation finde ich treffend, SMID, ebenso das Lied, Surjaninov.
Das "besann ich mich, wie überrascht ich war" entstand aus einer formellen Notlage - zuerst hatte ich es anders formuliert. Deshalb bin ich bei eurer Kritik besonders hellhörig geworden und werde versuchen, das umzuschreiben.
Danke!
LG Lene
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 02:32
von SMID
Warum umschreiben? Veroeffentlichen!
SMID
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 03:05
von Surjaninov
Naja, Lene kann uns ja erstmal verraten wie es hieß bevor sie`s umgeschrieben hatte...

Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 12:39
von SMID
Surja, da gebe ich dir vollkommen recht.
Noch rechter waers mir, Lene wuerde uns erstmal verraten, wie es mit der gescheiterten Umarmung ausgegangen ist.
Und dann zum Schluss, quasi als Hoehepunkt, wuerde sie uns dann einweihen, ob sie warum fuer wie und wo fuer was geschrieben hatte, bevor sie veraenderte was wir zu veraendern uns nicht aendern entschlossen haetten aenderte sich am Ende nicht entsprechendes anders in etwas, wofuer uns bisher die Worte fehlen.
SMID
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 12:56
von Glaukos
Nöö, Lene, verrat da mal den Herren nix!
Wäre ja noch schöner!
Hätte Kafka sein "Gibs auf" oder seine Mäuseparabel erklärt, wozu hätte er sie dann wohl geschrieben?
Das mit den späteren Räumen verstehe ich wörtlich. Es gibt frühere Räume, aus dem frühen Leben. Und spätere, aus dem späteren Leben. Die Räume sind somit für mich so etwas wie Jahre ... oder Hüllen, die man ablegt.
Kafka scheint hier tatsächlich mehrfach anwesend. Der, der auf sie gewartet hat, erinnert an den Türhüter in der Türparabel. Nur dass es jetzt ganz umgekehrt ist. Dass das ICH nun im Zentrum angekommen ist.
Für mich ist das eine wunderbare und sehr religiöse Kurzprosa. Trefflicher und kürzer gings nimmer, und jedes Wort mehr wäre womöglich schon zu viel.
Beste Grüße
Tolya
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 18:30
von SMID
Also noenoe, verehrter Herr Glaukos,
jetzt lassen Sie doch mal Lene Lene sein, warum muss man sich immer mit Kafka & Co. auseinanderzusetzen haben? Geht's nicht auch etwas privater? Ich habe den Eindruck, da will man Schubladen finden und Literatursticker verschenken, die mehr verwirren als Sinn stiften. Zumal Lene doch mit einer ganz eigenen Stimme spricht! Nicht gemerkt?
Natuerlich soll sie uns nicht verraten, wie die Umarmung und andere Scheiterung ausgegangen sind, das war ja auch nur ein Spass meinerseits. :-p
So denn, Herr Glaukos,
wann hoert man wieder mehr von Ihnen?
SMID lebt wohl
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 18:45
von Glaukos
Geht's nicht auch etwas privater? Ich habe den Eindruck, da will man Schubladen finden und Literatursticker verschenken, die mehr verwirren als Sinn stiften.
Öhem. Werter Smid, wie wäre es dann damit:
EIN TEXT IST EIN TEXT IST EIN TEXT?
Lene ist Lene und Smid ist Smid?
Nur so gibts dann einzigartige, identische Schubladen. Alles ist dann "sich selbst", ums mal philosophisch zu machen.
Und ein Astrophysiker (Namen nenn ich lieber nicht, kommt scheinbar nicht gut an, oder ist nicht privat) hat ja sogar geschrieben: DAS UNIVERSUM IST.
Na denn guten Appetit! Da kann man sich nur noch gegenseitig an den Händen fassen und Ringelreihen tanzen.
Ist ja auch schön, oder?

Staunend,
der Glaukos
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 18:59
von SMID
Lieber Herr Glaukos,
Sie haben den Nagel auf den werten Kopf getroffen.
Lene ist Lene und SMID ist SMID, nominla gesehen. Was wollen Sie noch mehr? Eine Bewertung, die ALLES beruecksichtigt? Unmoeglich. Eine, die mehr sagt als nur ein Ettikettenschwindel? Nun, dann kommen Sie in die Gefahr mehr und weniger zu sagen, als wahr ist.
Die Wahrheit ist doch, Herr Glaukos, es geht auch ohne Vergleich. Lene schreibt einen Text, und wir probieren, ihm naeherzukommen, auf intellektuelle Weise. Da passiert mehr als Ettikettenhandel. Das ist die Heimatschutzpolizei auf dem Gebiet der Gadamerschen Interpretationswiese angelangt. Und nur so macht es Spass.
Richtig, das Universum ist. Dass es /ist/, sogar das ist etwas unvorsichtig. Sager wir es so; /wir vermeinen, dass es ist/. Denn ob es wirklich ist, das muss ich glauben. Wirklichkeit ist nur der Glaube daran, an das /ist/. Es geht nicht anders, wir muessen uns auf diesen minimalen Standpunkt zurueckziehen.
Insofern ist jedes Wort ein Wort in Unsicherheit. Empfinden Sie Ungluecklichkeit darueber, Herr Glaukos? Ich stelle mir vor, dass fuer Sie, als Schriftsteller, diese Wahrheit schmerzvoll sein muss.
Aber sehen Sie es so: ein Wort in Unsicherheit, ist ein Wort des Selbst, ein Ausdruck des Selbst als eine Antwort auf die Welt. Natuerlich unsicher, was sonst!
Aber es ist privat. Es ist Ihr privater Standpunkt. Und da unterscheiden Sie sich, formal jedenfalls, nicht von allen anderen Existenzen im Weltraum. Darueber koennen Sie sicher sein!
Nun, ein Unterschied gibt es: manche empfinden diese Unsicherheit fuer einen Schmerz, den Schmerz der Hilflosigkeit und der Kleinheit.
Ja potztausend!
Fuer was halten wir uns denn! Sind wir, das heisst Sie, Herr Glaukos, und mich nicht ausgeschlossen, und jeder von uns, ich meine, was sind wir MEHR oder BESSER als ein Pausenbrot? Eine Banane? Ein Wald? Ein Stueck dampfende Erde?
Was sind wir besser? frage ich Sie. Nicht im geringsten, das ist meine Antwort. Alles nur Ueberheblichkeit, Herr Glaukos.
Wir sind vom Thema abgekommen. Wie auch immer. Ihren Urlaub sollten Sie mal auf Taiwan verbringen.
SMID
Re: Es sagen
Verfasst: 12.01.2005, 21:54
von Lene
Recht habt ihr, gar nichts werde ich verraten!
Danke für die "ganz eigene Stimme". Und die Verteidigung der späteren Räume.
Lene
Re: Es sagen
Verfasst: 13.01.2005, 16:47
von Glaukos
Werter Smid,
wohlwissend, dass dies nur eine Ausrede ist, aber:
Ich möchte diesen lenischen Thread nicht missbrauchen für etwaige Philosophien über das ALL, das ALLES und das NICHTS.
Nur soviel: Ein Leben ohne Vergleiche erscheint mir als sehr interessante Vorstellung. Aber logisches Denken funktioniert nur über Analogien. Über die Herausarbeitung von Gleichheit und Unterschied. Dass alles so ist, wie es ist, mag im letzten philosophischen Sinn vielleicht stimmen ... aber in Sachen Lebenspraxis eben nicht. Da muss es schon erlaubt sein, einen Text mit anderen Texten zu vergleichen. Und auch einen Menschen mit anderen Menschen, etc.
Vergleiche müssen ja nicht darauf abzielen, eine Wertung vorzunehmen im Sinne von besser/schlechter. Sie können auch umschreibend sein, einkreisend, etc.
Und Unsicherheit:
Ja und nein. Frau Jelinek schrieb in ihrer Nobelpreisrede vom ungebändigten Haar, von der Unmöglichkeit einer Frisur, einer Ordnung in den Dingen. Braucht die Welt einen Kamm? Oder eine Kurzhaarfrisur? - damit die Unsicherheit endlich nicht mehr stört?
Ich finde, das Denken und das Lernen ist eine gute Möglichkeit, die Unsicherheit zu verringern. Je besser ich die Welt verstehe, desto sicherer fühle ich mich in ihr.
Denkbar, dass ein Pausenbrot wenig denkt. Ich habe keine Ahnung, wie sicher es sich fühlt, und ob es sich fühlt ...
Herzlichst,
Tolya
(irgendwo aus den mittleren Räumen her schreibend)
Re: Es sagen
Verfasst: 19.01.2005, 12:35
von razorback
Nee, nee, sagen kommt gar nicht in Frage! Text mit Bedienungsanleitung... bloss nicht

.
Allerdings hast Du damit, Lene, natürlich eine tödliche Waffe gegen jede Kritik in der Hand - jeder Kritiker muss im Grunde beginnen mit "Ich weiss nicht, ob ich's wirklich kapiert habe, aber..."
Aber das trifft auf Kafka (um den Vergleich aufzunehmen) ja auch zu. Auch wenn der Vergleich reichlich... aber egal...
Ich versuchs mal: Ich weiss nicht, ob ich's wirklich kapiert habe, aber so, wie ich es begreife, ist es entweder zu kurz oder zu lang. Die Beschreibung des alten Mannes ist mehrmals der selbe Aspekt, von verschiedenen Richtungen beleuchtet. An sich kein Fehler, aber wenn es für sich den Hauptteil des Textes ausmacht - so wie hier - etwas zu aufgeblasen. Vielleicht solltest Du den Text noch um ein oder zwei Aspekte/Metaphern/Symbole anreichern.
Dennoch - und das ist für so einen kurzen Text doch erstaunlich - alles in allem eher gelungen, finde ich. Besonders gefällt mir, wie Du die Beschreibung abschliesst ("Er hatte mir gefehlt, das spürte ich jetzt.") Wenn man so kurz schreibt, sollte besser jeder Satz ein Treffer sein, und dieser ist zweifelsohne ein Volltreffer.