Vom Fliegen

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Silentium
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Vom Fliegen

Beitragvon Silentium » 16.01.2005, 22:03

Ich mochte schon immer Klippen und Abgründe. Mama hat das immer ganz wahnsinnig gemacht. „Komm weg da!“, hat sie geschrieen. Ich hab gelacht, bin noch ein Schrittchen näher zum Rand.

Sie sitzt am Fenster, aber keiner hat sich die Mühe gemacht, ihren Kopf so zu drehen, dass sie hinausschauen kann. Auch ihr gesundes Auge ist blind, weil nicht mehr genug von ihrem Verstand übrig ist.

Das mit den Klippen hab ich vielleicht von meinem Vater geerbt. Er geht auch immer so nah hin, wie er nur irgend kann. In Norwegen, bei den Vogelfelsen, hat Mama sich kaum entscheiden können, ob sie zuerst ihn oder mich schimpfen soll.

Manchmal verdreht sich das Glasauge von selbst, dann schielt sie oder man sieht nur das Weiße. Die Pfleger finden das lustig. „Schau mich nicht so blöd an!“, ruft einer und verdreht das Glasauge noch mehr.

Es gibt bei uns in der Nähe einen alten Steinbruch, aufgelassen schon lang vor meiner Geburt. Manchmal stehe ich dort oben, lehne mich so weit vor, wie es nur irgend geht, halt mich mit einem Arm an einer der Buchen fest. Auf der anderen Donauseite ist Wald.

Wenn besuch kommt, dann kämmen sie die paar weißen Strähnen, die noch da sind, und waschen sie. Sie lässt sich das alles gefallen, sie ist ganz wo anders. Weil nichts mehr da ist von dem, was sie einmal war.

Ein Ziehen zwischen den Schulterblättern, eine dumme, verstohlene Idee. Wie es wäre, denke ich mir manchmal, noch ein bisschen weiter zum Rand zu gehen, nur ein kleines Bisschen, um auszuprobieren, ob man wirklich fällt? Ein klein wenig war ich immer in Versuchung, einfach neugierig, ob man nicht doch fliegt.

Einmal besucht der Primar, ein rechts Arschloch, die Station zu Weihnachten. Weil er allen die Hand gegeben hat, gibt er auch ihr die Hand. Ganz feierlich sagt er zu der in die Ferne Starrenden, dass er ihr ein frohes, besinnliches Fest wünscht.

Dort am Steinbruch, da ist es bei Nebel besonders schön, weil der Wald dann so ausschaut, als gäbe es dort was anderes als nur Bäume. Wenn Blau und Grau und Grün und Schwarz und Braun verschmelzen, die Luft kühl ist und nach feuchtem Laub riecht. In solchen Wäldern wohnen Geister. Man sieht den Boden unten nicht einmal, aber der Himmel ist da, ganz weit und leer. Natürlich hab ich schon als kleines Kind gewusst, dass man da nicht weitergehen darf. Weil man, obwohl man es sich da oben immer denkt, nicht fliegen kann und dann wird man nicht alt.

Der Primar gibt ihr die Hand, die Pfleger schauen zu und grinsen, dass man einer, von der nichts mehr da ist, besinnliche Weihnachten wünscht. Nur: da rinnt eine Träne aus dem gesunden Auge. Wenn man lang genug nicht stirbt, dann wird man eine alte Frau.
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Lene
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Re: Vom Fliegen

Beitragvon Lene » 16.01.2005, 23:14

Ich bin nach dem ersten Lesen ein bisschen verwirrt und auch berührt.

Über zwei Dinge denke ich nach:

erstens die (bayrisch anmutende) Umgangssprache (warum?)

zweitens das Abwechseln von Text über die Klippen mit Text über die Mama (vielleicht gar zu abwechselnd, gar zu oft hin und her?)

...so, jetzt habe ich mir schon etwa 10 Minuten lang meine Gedanken gemacht... der Text gefällt mir... Weil man nicht so schnell einfach weitergeht, nachdem man ihn gelesen hat, sondern an ihm hängen bleibt.

LG Lene
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Re: Vom Fliegen

Beitragvon Edekire » 18.01.2005, 13:54

Mir geht es ähnlich wie lene, der text gefällt mir.

auch der wechsel ziwschen den beiden strängen, die dann zusammenlaufen.

Weil man, obwohl man es sich da oben immer denkt, blöderweise nicht fliegen kann und dann wird man nicht alt.


ich würde das blöderweise einfach aus dem satz streichen...ihc finde es passt nicht so wirklich zu der stimmung des textes, finde ich.

Ein Ziehen zwischen den Schulterblättern, eine kleine, dumme, verstohlene Idee

an sich ein toller satz, aber drei adjektive? ich würde dafür plädieren das klein zu streichen. es ergibt sich irgendwie doch genug aus dem verstohlen meinst du nicht?
ein rechts Arschloch

rechtes oder? *nichtsichersei* ich und rechtschreibung...

lg
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Re: Vom Fliegen

Beitragvon razorback » 19.01.2005, 12:01

Die bayerische Anmutung, Lene, mag daher kommen, dass die Autorin Ästreichrin is... ;-)

Guter Text, Silly, mit einem sehr, sehr, sehr, sehr guten letzten Satz. Ansonsten allerdings - für Deine Verhältnisse - kein herausragendes Werk. Nicht falsch verstehen: Es ist, wie gesagt, ein guter Text. Ich messe Dich nur an Dir, und da hängt die Latte eben hoch.

Zwei Hauptkritikpunkte habe ich, und für den einen kannst Du gar nichts:

1.) Der Text ist - von der Herangehensweise an das Thema - etwas unoriginell. Innenleben versus Aussenleben ist als Ansatz so unglaublich häufuig, dass ich mich fast frage, ob Du diesen Text zur Übung geschrieben hast. Das WIE ist dann wieder - silentiumtypisch - gut gelöst, die Ausgestaltung von Innen- und Aussenleben ist pointiert, treffend, mit dem richtigen Maß an guter Symbolik... alles tadellos.

2.) Der Titel. Schwerer Fehler!!! Ich habe ihn - gottlob - erst nach dem Text gelesen. Dadurch, dass diese Gegenüberstellung eben nicht gerade selten ist, hat man schnell begriffen, was hier los ist. Dennoch bleibt die anfängliche Verwirrung (die ich für einen sehr wünschenswerten Effekt halte, also auch von daher: gelungen) eine ganze Weile erhalten, wenn man nicht weiss, worum es wirklich geht. Diese Ungewissheit ist aber weg, wenn der Leser den Titel kennt.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

Silentium
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Re: Vom Fliegen

Beitragvon Silentium » 19.01.2005, 15:19

Danke ihr drei! Seid's sehr hilfreich. :-)

Ähm, ja, also, vorneweg:

Razor:
dass ich mich fast frage, ob Du diesen Text zur Übung geschrieben hast.

Ja, hab ich. Recht hast. Um genau zu sein: die alte Frau, die zu weihnachten weint, von der hat mir Mama neulich erzählt. Sie war selber dabei. Ich hab mehrere Ansätze ausprobiert, um die sache aufzuschreiben. Der Steinbruch ist wirklich in der Nähe... lustig eigentlich, weil: eigentlich sind alte Frau und Steinbruch zwei völlig getrennte geschichten. Ich hab's beim Aufschreiben nicht mal als inneren Monolog des Weibleins empfunden. Soll's eigentlich auch gar nicht sein, möcht ich noch irgendwie abgrenzen. Eher zwei paralell laufende Überlegungen... innere Monologe mag ich nicht. 8-o
Ist aber eben mehr so eine Randnotiz, eben: eine Übung, weil ich das schnelle Wechseln ausprobieren wollte.

Der Titel. Schwerer Fehler!!!

Scheiße. Da hast du recht. Ähm. Besser so?

Ede: stimmt, "rechtes" natürlich, rechts is umgangssprachlich. Genau diese Wendung hat Mama verwendet. Recht jetzt nicht politisch, sondern im sinne von "ziemliches", durch das ich's ersetzen werde.
Das "blöderweise" gehört auch weg, "klein" ebenso. Hast natürlich recht.

Lene: ja, das umgangssprachliche... es hat sich für mich einfach natürlicher angefühlt, das jetzt umgangssprachlich zu machen. Österreichisch aber, nicht bayrisch! Wichtiger Unterschied! :-D

Sind die Wechsel zu oft? Soll ich zusammenfassen?
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