Beitragvon Glaukos » 08.02.2005, 02:33
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-Prost!
Laura nahm einen festen Schluck.
-Leider etwas warm.
-Aber dennoch sehr lecker ...
Aus der gleichen Weinflasche zu trinken war fast so intim wie ein Kuss.
Luca sah sie an.
Was hatte sie? Ihr Gesicht war von einem Moment zum nächsten ganz ohne Ausdruck. Weder freundlich noch unfreundlich blickte sie zur Seite, völlig unbewegt, so als hätte ein Regisseur an dieser Stelle das Bild eingefroren. Sie blinzelte nicht einmal.
Ihr Gesicht sah aus wie ein Gemälde. Zeitlos, aus einer anderen Welt. Ein kühler Wind strich ihm um die Schultern.
Seine Hände aber schwitzten.
Sie hatten sich auf die oberste Stufe des Portals gesetzt, jeder lehnte sich gegen eine Säule. Die Fackel steckte in einem Blumenkübel, und allein das flackernde Licht sorgte für etwas Bewegung in Lauras Gesicht. Auch sonst war ihre Haltung verschlossen, sie hatte ihre Beine angehockt, die Arme umfingen ihre Knie, die Finger waren halb ineinander gehakt. Sie trug noch immer ihren Trenchcoat, und auch der Wein hätte sie von innen wärmen müssen; dennoch fror sie.
-Was war deine seltsamste Eroberung?
Die Frage kam unvermittelt.
Aber Luca musste nicht lange überlegen.
-Das ist schon lange her, und meine Erinnerungen sind etwas verblasst. Es war in meinem Jahr beim Zivildienst. Mein Freund Matthias nahm mich mit auf eine Feier. Es war eine dieser Die-Eltern-sind-nicht-zu-Hause-Parties in der Vorstadt, und die meisten der Gäste zählten zu einer christlichen Gemeinschaft. Aber als sich alle im Partykeller versammelt hatten, war von Frömmigkeit nicht mehr viel zu spüren. Ich unterhielt mich mit Matthias, behielt aber immer dieses Mädchen mit den blonden Haaren im Blick. Sie sah sehr traurig aus. Anscheinend beriet sie sich gerade mit ihrer Freundin.
-Was gefiel dir an ihr?
-Hmh. Sie berührte mich auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Es war wohl Mitleid ... aber ich kann auch nicht ausschließen, dass ich nur das getan hab, was alle Singles auf solch einer Party tun.
Er grinste.
Nahm einen festen Schluck aus der Flasche. Der Frascati schmeckte nach Wiesenblumen und perlte im Rachen wie Sekt.
-Und was wäre das bitte?
-Na, der biologische Imperativ eben!
Laura nickte ihm herausfordernd zu, indem sie den Kopf erst kurz anhob und dann wieder senkte. Nein, sie ließ nicht locker.
-Was jetzt?
-... na du weißt schon, die hübscheste Frau erobern zu wollen!
Laura schnalzte mit der Zunge. Dann strich sie sich die Locken hinters Ohr.
-Aha, die hübscheste wolltest du also! Und warum nicht die klügste?
-Ach, wir Männer sind so simpel.
-Okay, damit magst du Recht haben. Jetzt aber raus mit der Sprache: Wie hast du sie nun erobert?
-Also, das kam so: Ich saß an der Seite, sie hingegen hockte jetzt mitten im Raum. Sie hatte mir den Rücken zugewandt. Ihre Freundin war nach oben gegangen, sie saß nun ganz allein. Hielt den Rücken leicht gebeugt, und hätte ein Bildhauer sie in dieser Pose modelliert, er hätte die Skulptur wohl Die Traurigkeit genannt. Ja, ihr trauriger Rücken faszinierte mich. Ich stand auf und wollte nach oben gehen, zur Toilette. Doch als ich neben ihr angelangt war, kam etwas über mich. Eine Affekthandlung, die ich bis heute nicht verstehe. Hätte mir eine Sekunde zuvor jemand unterstellt, dass ich nun genau das tun würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Bei einem wildfremden Mädchen! Niemals! Ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben! Nein, völlig undenkbar! Aber ich tat es. Ich ging neben ihr in die Knie und strich ihr über den traurigen Rücken. Nein, wir hatten uns zuvor noch kein einziges Mal in die Augen gesehen ... und ich, der völlig Fremde und Unbekannte, strich ihr nun wie ein guter Freund aufmunternd über den Rücken.
-Und was tat sie?
-Was hättest du getan?
Laura zog die Schultern hoch.
-Eigentlich hätte sie mir sofort eine scheuern müssen. Aber sie hats nicht getan ...
-Und dann?
-Ich weiß nicht genau. Wir werden uns wohl unterhalten haben. Meine Erinnerung setzt erst wieder ein, als wir in der Hausbibliothek angelangt waren. Vielleicht hatte sie mir ein Buch zeigen wollen, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls landeten wir auf dem Orientteppich und küssten uns, bis die Sonne wieder aufging.
-Und dann?
-Es war nicht ganz einfach. Weil wir schon mit den Zärtlichkeiten angefangen hatten, mussten wir nun die Kennenlerngespräche nachholen. Aber wir waren uns sympathisch, und so begann eine kleine Romanze. Wenn ich heute an sie denke, dann denke ich sofort an ihr blondes Haar, das mich immer an Heu erinnerte, denn es roch auch so – vermutlich, weil sie eine Pferdenärrin war und in ihrer Freizeit auf einem Pferdehof arbeitete. Und ich denke an den Nachmittag draußen auf der Wiese, als ich so viel niesen musste wegen meiner Allergie. Und ...
Er hielt inne. In Lauras Blick meinte er Ungeduld zu erkennen, oder gar Missmut.
-Nun, wie auch immer ... nach ein oder zwei Monaten schließlich wollte ich mit ihr schlafen. Sie aber zögerte. Irgendwann rückte sie heraus mit der Sprache: Sie sei überzeugte Christin, und Sex sei für sie erst nach der Ehe denkbar. Denk nur, das war der einzige Heiratsantrag, den ich in meinem Leben erhalten habe!
-Warum wolltest du nicht?
-Ich war zwanzig. Ich kannte mich selbst noch kein bisschen, ich war mir fremd wie der Mond. Wie sollte ich da solch wichtige Lebensfragen entscheiden ... möglich, dass ich damals auch nur ein Schuft war, der seine Verführungskünste austesten wollte. Denn anstelle sie zu heiraten, habe ich dann einen mehr als zweifelhaften Entschluss gefasst: Nein, ich wollte sie nicht so einfach ziehen lassen. Ich setzte mir das Ziel, sie vor Begierde schier wahnsinnig zu machen. Ich glaubte nicht an den Christengott, seine Gesetze erschienen mir als schlimme Folter. Ich wähnte mich dazu berufen, dieses arme Mädchen aus seiner religiösen Knechtschaft zu befreien. Und ich würde Erfolg haben! Denn ein leidenschaftliches Mädchen war sie ohne Zweifel. Nein, sie war keineswegs verklemmt, also würde es mir gewiss gelingen, ihren dummen Vorsatz zu brechen.
Laura lächelte spöttisch, aber eine Bemerkung verkniff sie sich.
Luca aber konnte über sich selbst noch weit besser spotten, und das tat er jetzt auch ausgiebig:
-Aber damit erreichte ich natürlich das genaue Gegenteil: Nicht ich machte sie wahnsinnig nach mir, nicht sie wurde willenlos, wehrlos, formbares Wachs in meinen Händen ... nein, ich selbst war es, der nun verrückt wurde nach ihrer Liebe.
-Und habt ihr dann?
Luca jauchzte.
-Natürlich nicht!
Dann sah er zur Seite.
-Aha.
Luca schien mit seiner Geschichte am Ende zu sein. Er wirkte auf einmal verstimmt, obwohl er gerade noch Scherze gemacht hatte.
Laura erwartete, dass er sie nun nach ihrer seltsamsten Liebesgeschichte fragte. Aber Luca fragte nicht, und so musste sie von selbst damit beginnen.
-Auch ich habe einmal eine sehr sonderbare Eroberung gemacht. Ich war vierzehn und machte mit meinen Eltern Urlaub in Spanien. Wir wohnten in Ronda, im Sommerhaus von Freunden, und es waren tolle drei Wochen, die ich dort verbrachte. Eine unvergessliche Zeit, schon allein wegen der Stadt. Ronda ist atemberaubend. Man hat sie schon in Urzeiten auf diese hohen Felsen gebaut. Und zwischen ihren Stadtteilen verläuft eine mächtige Schlucht.
-Ja, ich habe einige Fotografien gesehen. Sie muss wirklich sehr eindrucksvoll sein.
-Rilke nannte sie die geträumte Stadt, und auch meine Geschichte hat etwas von einem Traum ...
-Das Gefühl kenne ich gut.
Laura strahlte.
-So, mein lieber Luca, und jetzt komm mit mir auf diese Reise in meine Vergangenheit! Als erstes denk dir bitte diese Stadt mit ihren weißen Würfelhäusern hoch droben auf dem Felsen, denk dir diese steinalte Stadt, diese ewige Stadt, den ewigen Felsen, wie ihn nur Gott selbst vor vielen tausend Jahren mit einem gewaltigen Hieb gespalten haben kann ...
Sie unterstrich ihre Worte mit der schnellen Handbewegung eines Karatekämpfers, der einen Ziegelstein durchschlägt.
Luca blinzelte sie an wie ein schläfriger Kater. Laura störte sich nicht daran.
-So, und jetzt denk dir eine dramatische Brücke über der Schlucht, denk dir den heißen spanischen Sommer, der den Fluss bis auf den letzten Tropfen ausgedörrt hat, denk dir den Wind, der den Staub von unten heraufbläst ... auf dieser Brücke nun traf ich ihn. Mittags, während die anderen Spanier Siesta hielten, setzte er sich zum Malen auf die Brücke, in die pralle Sonne. Er trug nicht einmal einen Sonnenhut, er liebte die Hitze. Ich lief auf meinen Erkundungsgängen oft an ihm vorbei, und immer warf ich dabei einen Blick auf seine Staffelei. Ich wunderte mich, dass er niemals die Brücke oder die Schlucht malte, sondern immer nur fantastische Landschaften. Irgendwann konnte ich meine Neugier nicht mehr bezähmen. Ich ging zu ihm und fragte, warum er so angestrengt in die Schlucht schaute, obwohl er in Wahrheit ganz andere Landschaften malte. Ja, das war meine erste Frage. Und er erklärte mir, dass er die Welt hinter der Brücke und der Schlucht zu malen versuche. Die Schlucht, sagte er, sei nur die Oberfläche.
-Du weißt noch so genau, was er dir sagte?
-Ja, ich kann mich sehr gut daran erinnern, weil ich sein Englisch so schwer verstand und immer noch einmal nachfragen musste ... außerdem habe ich ein sehr gutes Gedächtnis.
-Gut, dass du mich vorwarnst, scherzte Luca. Aber erzähl weiter.
-Ich habe noch nicht erwähnt, dass er schon älter war, oder? Er war Ende Vierzig, und man sah ihm an, dass er gelebt hatte. Aber auch in seinen jungen Jahren war er bestimmt keine Schönheit gewesen.
-Was reizte dich an ihm? Ich meine, er hätte dein Vater sein können!
-Er war markant. Er hatte diese strahlendgrünen Augen, mit denen er die Welt zu beherrschen schien. Hände, lang und schlank. Sein wildes Haar! Und dann natürlich seine Bilder. Ich begann, für seine Malerei zu schwärmen.
-Was malte er denn?
-Er malte fantastische Szenerien, in denen die Menschen mitten in den schönsten Landschaften platziert waren und ihren Alltagsverrichtungen nachgingen. Sie saßen nebeneinander auf unsichtbaren Stühlen, bereiteten unsichtbaren Tee zu oder fertigten hinter unsichtbaren Arbeitstischen unsichtbare Werkstücke. In dieser schönen Natur wirkten sie schrullig, ja lächerlich. Oft waren sie sogar traurig anzusehen, weil man nicht sagen konnte, was sie eigentlich taten, aber die Traurigkeit wurde von der Sonne, den Bergen, den sprudelnden Bächen überstrahlt ... mich beschäftigte das sehr. So sehr, dass ich ihn an einem der folgenden Tage fragte, ob er nicht einmal fröhliche Menschen malen wolle. Meine Frage schien ihm zu gefallen. Er stand auf, packte seine Sachen zusammen und lud mich in sein Atelier ein: Ich möchte dir etwas zeigen, sagte er. Es war später Nachmittag, und im Stadtpark traf man gerade die letzten Vorbereitungen für das Folklorefestival. Meine Eltern hatten Karten gekauft, und ich hatte versprochen, mitzukommen. Aber jetzt zählte für mich nur der Besuch bei dem Maler. Ganz vorne in seinem Geschäft war der Malerbedarf untergebracht, den er in der restlichen Zeit seines Tages verkaufte: Farben, Pinsel, Blöcke, Leinwand, alles war ordentlich aufgebaut und sah seinerseits aus wie ein Kunstwerk. Er führte mich in die Galerie, die im Hinterhaus untergebracht war. Im ersten Raum hingen die schönen Landschaften mit den traurigen Menschen, einige der Bilder kannte ich schon. Im zweiten Raum war es umgekehrt: Hier sah ich glückliche Menschen vor apokalyptischen Landschaften. Auch hier spielte er also mit dem Kontrast zwischen Mensch und Natur, Zivilisation und Wildnis. Ich hatte so viele Fragen, aber ich wagte nicht, auch nur eine einzige zu stellen. Der Maler indessen stand neben mir und betrachtete mich aufmerksam mit seinen grünen Augen ...
Da fiel ihr Luca ins Wort:
-Hast du mehr auf die Bilder geachtet, oder auf ihn?
-Auf die Bilder, doch doch. Weißt du, sie sagten mir etwas über mich selbst. Aber warum fragst du?
Luca winkte ab.
-Erzähl ruhig weiter.
-Okay. Weil ich nur dastand und nichts mehr sagte, fragte er mich: Denkst du, dass das alles ist? Ich zuckte mit den Achseln. Dann stellte ich ihm die Frage, auf die er anscheinend nur gewartet hatte: Hast du auch schöne Menschen vor schönen Landschaften gemalt? Als Antwort ließ er seine blendend weißen Zähne blitzen, so sehr freute ihn das. Aber dann war seine Freude auf einmal wie weggeblasen, und seine grünen Augen wurden ganz stumpf. Er beugte das Kreuz durch wie ein Buckliger und trottete in den nächsten Raum. Ich wusste nicht, ob ich mitkommen sollte – da winkte er mir kurz. So, wie man einem Tier winkt, diese Geste hat mir gar nicht gefallen. Widerstrebend folgte ich ihm. In diesem Raum befand sich nur ein Sofa, ein kleiner Tisch und eine Staffelei. Die Wände selbst waren kahl, kein einziges Bild war hier zu sehen. Allerdings gab es hellere und dunklere Stellen. An den helleren hatten einmal Bilder gehangen, dachte ich, und fragte ihn, warum er sie abgehängt habe. Sie hängen noch da, erklärte er, sieh genau hin. Und er sagte es so nachdrücklich, dass ich wie verzweifelt auf die Wand starrte. Hatte er dort tatsächlich etwas hingemalt, das ich blindes Huhn nicht erkannte? Ich war so verwirrt, dass ich am liebsten weglaufen wollte. Er aber fasste mich an der Schulter und flüsterte: Dich würde ich malen, als glückliche Frau vor glücklicher Landschaft. Ja, er sagte lucky. Ich weiß es genau, zweimal lucky. Und er nannte mich wife, nicht girl – das schmeichelte mir. Wann willst du mich malen?, wollte ich wissen. Warum nicht jetzt? entgegnete er. Wieder wollte ich weglaufen. Meine Eltern warteten gewiss schon auf mich. Aber er fasste mich erneut an der Schulter und führte mich nun in seine Kleiderkammer. Die meisten Kleider sahen aus wie vom Kostümverleih. Ich solle mich in aller Ruhe schön machen, er würde inzwischen die Vorbereitungen treffen. Ich fragte ihn, was ich anziehen sollte, aber er überließ mir die Wahl. Ich konnte mich lange nicht entscheiden. Dann wählte ich ein folkloristisches Kleid, an dem die Brust ausgepolstert war. Tja, damals war ich noch nicht so gesegnet wie heute ...
Sie sah selbstzufrieden an sich herab.
Dann griff sie nach der Flasche und genehmigte sich einen tiefen Schluck.
-Und rote Pumps. Zwar konnte ich in den Dingern nicht gut laufen, aber im Notfall würde ich es mir auf dem Sofa bequem machen. Ich kehrte ins Atelier zurück. Er aber beachtete mich nicht. Das verunsicherte mich. Tu so, als sei ich gar nicht da, zischte er durch die Zähne, ohne mich anzusehen. Was bezweckte er? Ich schlurfte in den Pumps über den Steinfußboden, als sei ich ein kleines Mädchen, das sich mit Mutters Schminkkasten das Gesicht verschönert hat und in deren Hochhackigen geschlüpft ist ...
Lauras Handy brummte.
Sie zog es vor und sah auf das Display. Murmelte ein Sorry und drehte sich zur Seite.
Luca nahm einen Schluck Wein. Blickte in Richtung der Hütte, aber aus dieser Perspektive war sie nicht zu sehen, hunderte Kiefern standen im Weg. Auch zu hören war nur noch wenig, dumpfe Bässe klopften einen strengen Rhythmus gegen den Berg.
Laura tippte eine Antwort, und das sanfte Lächeln, das über ihr Gesicht spielte, machte sie hübsch, begehrlich, und auch beneidenswert.
Er nahm einen Schluck vom warmen Wein.
-Sorry, aber das war wichtig, erklärte sie ihm. Wo war ich?
-Du stolpertest im Raum herum.
-Ja, genau. Ich wusste nicht, wofür das alles gut sein sollte. Unschlüssig wie ich war, suchte ich nun die Wände ab, vielleicht sah ich ja jetzt die angeblichen Bilder. Sollte er doch malen was er wollte, meinetwegen meinen Rücken, meinen Arsch, es war mir völlig egal. Ich tastete jetzt sogar die Wände ab, aber ich konnte nichts Besonderes an ihnen entdecken. Ich gab es auf. Vermutlich hatte er einmal mehr einen Scherz gemacht. Und da wurde ich auf ihn böse, sehr böse sogar. Doch die Wut kann nicht erklären, warum ich jetzt ausgerechnet das tat. Ich verstehe es so wenig, wie du die Sache mit dem Mädchen verstehst. Wieso auch immer, ich stellte mich jetzt direkt vor ihn hin und begann, Fäden aus dem schönen Kleid zu ziehen. Zuerst nur Fusseln, dann auch Fasern, die hervorstanden. Schließlich begann ich, an den Fäden und Knöpfen zu reißen, ich machte das wunderbare Kleid kaputt. Er aber lächelte nur. Erst heute ahne ich, was ihm daran so gefallen hat ...
-Ja? Was denn? wollte Luca wissen.
Aber Laura blieb eine Antwort schuldig.
-Ich provozierte ihn, aber er reagierte nicht. Also drehte ich mich weg und begann zu tanzen. Trällerte ein Liedchen, ganz sorglos. Und dieses Singen machte mich auf einmal sehr froh. Ich kanns nicht erklären, aber plötzlich war die ganze Wut wie weggeblasen, und irgendwo in mir ist ein Knopf aufgegangen. Urplötzlich waren die kahlen Wände Landschaften, ich hätte mit meinen bloßen Händen hindurchgreifen können, ja, ich hätte mitten hindurch gegen können! Und oben hatte sich die Decke geöffnet, ich sah den Himmel, einige weiße Wolken reichten direkt in das Atelierzimmer hinein.
-Wow! Hast du dir das nur gedacht, oder hast du es wirklich gesehen?
-Ich habs gesehen. Und du kannst dir denken, dass mich das ganz schön umgehauen hat! Ich kam ins Schwitzen, und das nicht nur, weil ich dieses schwere Kleid anhatte. Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Schloss die Augen und döste weg. Als ich die Augen wieder aufmachte, war er nicht mehr im Zimmer. Die Staffelei stand jetzt dem Raum zugewandt. Luca, was ich jetzt sah, rührte mich zu Tränen. Es war Zauberei! Er hatte in Nullkommanichts ein halbes Dutzend Lauras aufgemalt, eine jede in einer anderen Position, aber alle sahen unvorstellbar glücklich aus, und sie verschmolzen geradezu mit der glänzenden Landschaft. Goldene Berge sah ich da, mit weißen Schneegipfeln, unten silberne Flüsse, links eine rote Ebene ... du findest das jetzt bestimmt kitschig, aber du hast das Bild nicht gesehen, es war ein Wunder an Schönheit ... Als er wieder zurückkam, hockte ich direkt vor der Leinwand, hatte das Gesicht und das Haar voller Farbe, und meine Fingerspitzen krallten sich in die Leinwand. Alles war verdorben: Das Bild, das Kleid, und auch ich.
Sie seufzte laut, so als wäre all das erst gestern geschehen.
-Ja, ich war die Verdorbenste von allen. Wie hatte ich das tun können? Er aber schalt mich nicht, obwohl ich es verdient gehabt hätte. Er redete mir gut zu und half mir auf. Zog sein Taschentuch hervor und wischte mir das Gesicht frei. Er tat das gewissenhaft. Putzte es, so wie man eine Fensterscheibe reinigt. Als er fertig war, nahm er meine Hand, küsste meinen Handrücken, dann drückte er mir den feuchten Handrücken an den Mund ... und dann war es so weit, er küsste mich ... ja, es war mein erster Kuss ...
Sie sah ihn schon eine ganze Weile nicht mehr an. Sah nur noch nach innen. Ihre Stimme war höher als sonst, und jetzt wurde sie sogar brüchig.
-Er küsste mich so wie ... und seither ... ich habe das nie ... nie mehr hab ich das ... so gewollt.
Eine Träne lief durch ihr Gesicht.
-Sorry, was flenne ich hier herum! Scheiße, warum habe ich mit diesem Blödsinn angefangen, was erzähle ich hier für einen Quatsch? Ist doch kindisch, diese ollen Kamellen aufzuwärmen. Sorry, Luca.
-Hey, hey.
Er strich ihr über Schulter und Arm.
Die Berührung tat gut.
-War er nicht sauer, dass du ihm das Bild versaut hattest?
-Nein. Verstehst du nicht? Die Bilder an den Wänden, die er abgehängt hat ... er wusste, wieso ... ich kann dir dieses Gefühl nicht mehr beschreiben, aber es ... es war eine unheimliche Wirkung darin. Übermäßiges Glück kann Angst machen, verstehst du? Es kann noch verheerender sein als ...
Luca aber dachte nicht an die Bilder.
Lucas Neugier lief in die andere Richtung.
-Er hat dich geküsst – und dann? Wie ging es weiter?
-Diese Küsse ... ach, diese Küsse!
Und schon sprach sie wieder wie im Fieber, aufgeregt, aufgelöst, jeder kleinste Gedanke zu noch kleineren Fetzen zerrissen.
-Andere Küsse als diese machen keinen Sinn ... weißt du ... eigentlich macht alles andere keinen Sinn ... obwohl es verkehrt ist ... völlig verkehrt ... es gibt keine größere ... aber ...
-Was redest du da?
-Luca, versteh doch! flehte sie. Es musste nicht mehr weitergehen ... das war das Beste, mehr war nicht zu haben ... natürlich hätte ich jetzt alles für ihn gemacht, ich hätte ihm nackt Modell gestanden, wenn er es verlangt hätte ... und alles andere! Aber ... er schickte mich weg ... ja, er war älter. Er wusste, was er tat, und er wusste, was richtig war. Er kannte die Gefühle.
Erneut ging ihr Handy.
Sie versuchte, es zu ignorieren, aber ihre Gedanken schweiften in diese andere Welt, die mit Luca und mit dieser Nacht unter dem halben Mond nicht viel gemein hatte.
Er sagte nichts.
Laura beruhigte sich wieder.
-Als ich ihn am nächsten Tag wieder auf der Brücke traf und Andeutungen machte, ja nach einer Fortsetzung fragte, da erklärte er mir ebenso schlicht wie resolut: Zu Lieben ist nur eine Methode, die Welt besser zu machen.
-Oh.
-Das habe ich lange nicht verstanden.
-Und jetzt verstehst du es?
-Ich denke schon. Weißt du, er war sehr politisch.
-Aha. Eigenartig nur, dass er dann immer bloß Landschaften gemalt hat.
-Stimmt, da hast du Recht, das ist eigenartig.
-Es war deine erste Liebe?
Laura feixte schon wieder, und ihre Stimme war wieder erfrischend tief und profan:
-Vielleicht sogar die einzig Richtige.
Er antwortete ihr mit einem ebenso breiten Grinsen.
-Lass uns hineingehen.
Sie zündeten vor dem Altar ein Grablicht an, dessen rote Plastikumhüllung zur Hälfte weggeschmolzen war. Wachs war ausgelaufen, aber der Docht war noch intakt.
Sie sahen ihm beim Brennen zu.
Waren unschlüssig, was sie als nächstes tun sollten. Standen Seite an Seite und schwiegen. Reichten sich wortlos die Weinflasche hin und her, so lange, bis sie leer war.
Es war Laura, die als erste hinausging.
-Ich muss mal schnell ins Gebüsch, erklärte sie und verschwand.
Luca blieb vor dem Altar stehen und versuchte sich vorzustellen, wie sie jetzt draußen unter einer Kiefer hockte, den Trenchcoat zur Seite gewickelt, den Rock heraufgerefft, den Slip herabgestreift oder streng zur Seite gehalten. In der anderen Hand aber hielt sie vermutlich das Handy, um die Botschaft zu lesen, die sie vorhin empfangen hatte.
Von wem?
Er hatte eine Vermutung, aber gänzlich beruhigen konnte sie ihn nicht. Nichts war mehr unerreichbar. Jede Sekunde konnte die ganze Welt anders sein.
Luca wollte alles wissen.