Supporting
Verfasst: 27.02.2005, 08:38
Dr. Cynthia Hopper sitzt in ihrem Büro im Clarks Medical Center/Boston. Sie ist in einer Lektüre über Freud vertieft und merkt erst gar nicht, wie jemand an der Tür klopft. Erst als das Klopfen lauter wird, reagiert sie und schaut auf. „Ja bitte?“ Die Tür öffnet sich und eine in einem alten Ledermantel gekleidete Frau beitritt das Zimmer. Sie schaut sich ängstlich um tippelt auf den Stuhl vor Cynthias Schreibtisch zu. „Dr. Hopper?“ Cynthia nickt und reicht ihr die Hand; die wird aber nicht angekommen. Wieder schaut sich die Frau um. „Sind hier Kameras oder Mikros? Ich möchte nur auf Nummer sicher gehen. Die können uns nämlich hören.“ Cynthia zieht eine Augenbraue hoch und lehnt sich im Stuhl zurück. „Nein, hier sind keine Kameras und auch keine Mikrophone. Könnte ich bitte Ihren Namen wissen? Sonst sehe ich mich genötigt, den Wachdienst zu alarmieren. Nur zur Vorsicht. Sie verstehen?“ Die Frau nickt und zieht langsam den Mantel aus. „Adele Newman. Ich habe da ein kleines – nein, ein großes Problem.“ Cynthia deutet auf den Stuhl und Adele setzt sich. „Ich bin schwanger. Von... denen da oben.“ „Sie wurden von einem Politiker geschwängert?“, fragt Cynthia süffisant. Adele schüttelt energisch den Kopf. „Sie verstehen mich nicht. Ich rede von Marsmännchen. Kleine grüne Lebenswesen. Von da oben eben. Aliens. E.T.’s. Ich wurde vor ungefähr 3 Monaten von Ihnen entführt und einem medizinischen Experiment unterzogen. Und jetzt...“ Sie streichelt über ihren flachen Bauch. „Bekomme ich ein Alien-Baby.“ Sie kichert leise. „Das klingt ja hochinteressant. Wollen Sie mir davon erzählen, Adele?“ Cynthia lehnt sich im Stuhl zurück und spielt mit dem Bleistift in der linken Hand herum. Adele schluckt einmal und wirft einen schüchternen Blick nach draußen. „Ich war auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Ich arbeite als Lehrerin. Auf einmal werde ich von einem hellen Lichtstrahl geblendet und komme von der Straße ab. An das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, als ich im Krankenhaus aufgewacht bin.“ „Wie wollen sie dann wissen, dass Sie von Aliens entführt wurden sind? Sie waren doch bewusstlos und haben keine Erinnerung daran.“ Adele schlug in einem kurzen Anflug von Wut auf den Tisch. „Verdammt! Warum glaubt mir niemand? Ich bin schwanger! Verstehen Sie: Schwanger!“ Sie schaute Cynthia entgeistert an und lässt sich wieder in den Stuhl zurückfallen; den Mantel fest umklammert. „Ich... bin... von... einem Alien geschwängert wurden. Ich weiß es; und keiner kann mich davon abbringen.“ Ihr Blick verfinstert sich. „Wollen Sie wissen was ich glaube?“ „Erzählen Sie es mir, Adele. Sie können mir alles erzählen.“ „Sie gehören zu denen. Sie wollen mich wieder zurück auf ihr Mutterschiff bringen und mir mein Baby wieder wegnehmen, weil ich nicht der richtige Wirt bin.“ Cynthia atmet tief ein und beugt sich nach vorne. „Wenn Sie glauben, dass ich zu denen gehöre, warum sind Sie dann zu mir gekommen? Das macht doch keinen Sinn, oder?“ Adele schaute sie perplex an und zupft an ihrer Jacke rum. „Ich glaube, Sie haben Recht. Tut mir leid.“ Sie lacht auf. „Sie halten mich bestimmt für verrückt, oder?“ Wieder lacht sie laut auf. „Ich bin... ich...“ Sie fällt auf die Knie und fängt an zu weinen. Immer und immer wieder haut sie auf den Fußboden. „Wissen Sie eigentlich, wie lange ich mir schon ein Baby wünsche? Seit ich 20 bin.“ Sie rappelt sich auf und setzt sich wieder auf den Stuhl. Cynthia reicht ihr ein Taschentuch. „Meine Mutter sagte immer, dass ich mit Mitte 20 mindestens ein Kind haben müsste, weil alle aus unserer Familie mit Mitte 20 ihren ersten Kinder bekommen haben. Und ich? Sehen Sie mich an! Ist da eine Wölbung? Wo ein kleines Lebewesen heranwächst?“ „Ich kann da nichts erkennen. Sie wurden also nicht von Aliens entführt?“ Adele lässt den Kopf fallen. „Nein.“, murmelt sie. „Haben Sie einen Freund oder einen Ehemann? Vielleicht kann er Ihnen helfen, wenn Sie einfach mit Ihm über Ihren Kinderwunsch sprechen.“ Adele schaut wieder auf. „Ich bin Singel. Meine letzte Beziehung liegt schon Jahre zurück. Am besten ich geh jetzt. Es bringt ja doch nichts. Ich... ähm...“ Sie steht auf und zieht sich den Mantel wieder an. „Tut mir leid, dass ich Ihre kostbare Zeit in Anspruch genommen hab, Dr. Hopper.“ Mit diesen Worten verlässt sie das Büro und lässt eine ratlose Cynthia zurück.
„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst nicht gut aus.“, fragt Karen. Cynthia sitzt mit ihren beiden Freundinnen Karen Fern und Natalie Logan in einem Cafe und hält sich den Kopf mit der linken Hand. „Ich bin nur etwas müde von der Arbeit.“ Natalie tätschelt ihre andere Hand und lächelt ihr aufmunternd zu. „Hey Cynthia: Du wirst doch nicht etwa als Psychologien selber einen brauchen, oder? Das macht sich nicht gut in deiner Biografie.“ „Was ist denn passiert?“, fragt Karen. „Heute war eine Frau bei mir, die behauptet hat, sie sein schwanger; von einem Alien. Sie ist dann nach einigen Minuten seelisch zusammengebrochen und in Wirklichkeit war sie nur ein Singel mit einem sehr großen Babywunsch. Sie erinnerte mich an mich selber. Manchmal wünsche ich mir auch, dass ich entführt werde und schwanger wieder zurückgebracht werde.“ „Such dir endlich einen Mann! Was ist denn mit diesem schnuckeligen Analytiker? Dr. Goldberg?“ „Dr. Silverburg; und wie du gesagt hast, ist er Analytiker. Ich möchte keinen Ehemann, der mich auf Schritt und Tritt analysiert. Da werde ich ja noch verrückt bei. Du kannst ihn aber gerne haben, Natalie.“ „Oh, wirklich? Danke.“ Natalie grinst und nippt an ihrem Kaffee. „Aber im Ernst: Du muss Michael doch schon längst vergessen haben. Wie lange ist das jetzt her? 3 Jahre? Seitdem hattest du kein Date mehr. Du bist nur noch am Arbeiten. Soll ich dir mal sagen, wie dein Tagesablauf ist? Du stehst auf, gehst zur Arbeit, kommst nach Hause und legst sich in’s Bett. Dazwischen kommen Karen und ich vielleicht noch vor. Du zerstörst dich von innen selber, Cynthia.“ „Das weiß ich selber. Aber vielleicht möchte ich das ja auch: Mich von der Routine auffressen lassen. Wie ein Knochen von einem hungrigen Hund.“ Sie steht auf und zieht sich den Mantel an. „Wo willst du hin?“, fragt Karen. „Ich muss morgen früh im Büro sein. Ich habe Patienten, die meine Hilfe brauchen.“ Mit diesen Worten verlässt sie das Cafe. Natalie und Karen schauen ihr nach. „Hoffen wir, dass Du nicht selber Hilfe brauchst.“, sagt Natalie.
Cynthia öffnet die Tür und betriff ihre kleine, aber edel ausgestattete, Wohnung. Sie lässt den Mantel einfach auf den Boden fallen und geht direkt in die Küche. Dort öffnet sie den Kühlschrank und holt eine Weinflasche heraus. Sie öffnet die Flasche und gießt ein Glas voll. „Der Alkohol tötet die Trauer; oder verstärkt sie nur“, sagt sie zu sich selber und nimmt einen großen Schluck. Sie füllt nach, geht in’s Wohnzimmer, lässt sich auf das Sofa fallen und nimmt einen weiteren Schluck. „Auf mein kinderloses und von der Arbeit dominiertes Leben.“ Sie lehrt das Glas in einem Zug und füllt wieder nach.
Eine Aspirintablette löst sich in einem Wasserglas auf. Cynthia steht vor dem Waschbecken in ihrem Badezimmer und betrachtet ihr verkatertes Gesicht im Spiegel. „Schau nur, was aus dir geworden ist: Eine verkaterte, alte Junger. Ohne Kinder und ohne Mann. Vom Monster namens Job ausgezehrt.“ Wütend hebt sie die Hand um in den Spiegel reinzuschlagen, kann sich aber noch gerade so beherrschen. „Dann werde ich dem Monster mal wieder in die Augen schauen.“, sagt sie zu ihrem Spiegelbild und trinkt das Glas in einem Zug leer.
„Guten Morgen, Dr. Hopper. Ich bin Allison Beaumont und hatte einen Termin bei Ihnen. Ich weiß, dass ich etwas früh dran bin. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“ „Aber natürlich. Setzen Sie sich doch bitte.“ Allison setzte sich und schälte sich aus dem Mantel, den sie fein säuberlich zurecht legte und über die Stuhllehne legte. Immer noch mit einem leichten Brummschädel versucht sich Cynthia zu konzentrieren. „Warum sind Sie hier, Allison?“ Allison fährt sich mit der Hand durch ihre Haare. „Ich möchte sterben, Dr. Hopper.“ „Warum möchten Sie sterben? Sie haben doch noch ein langes Leben vor sich.“ „Sie scheinen gar nicht geschockt zu sein. Bekommen Sie das oft zu hören?“ Cynthia lächelt matt. „Täglich. Und bisher hat sich noch niemand meiner Patienten das Leben genommen. Ich habe eine gute Quote.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das klang nicht gut: Quote. Entschuldigen Sie. Ich bin heute etwas sehr durch den Wind.“ Allison beugte sich etwas nach vorne. „Ich kann den Menschen einfach nicht mehr helfen. Sie wollen alle meine Hilfe nicht mehr. Ich fühle mich so nutzlos. Ich arbeite als Sozialarbeiterin und komme täglich mit Leuten in Kontakt, die ihr Leben einfach so wegschmeißen und dahinvegetieren.“ Cynthia lächelt matt. „Kommt mir bekannt vor.“ „Wie meinen Sie das?“, fragt Allison. Aber sie erhält nur ein Kopfschütteln als Antwort. „Fahren Sie fort!“ „Ich sehe keinen Sinn mehr in meiner Existenz. Es ist so, als ob ich ein Tennisball wäre, den man immer wieder gegen eine Wand wirft und zurückkommt. Aber was hinterlässt der Ball an der Wand? Richtig: Gar nichts. So fühle ich mich.“ „Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?“ „Glauben Sie wirklich, ich würde mir Gedanken um den eigenen Tod machen, wenn ich Mann und Kinder hätte? Das wäre krank. Mich wird niemand vermissen, wenn ich sterbe.“ Allison legt den Kopf schief und schaut Cynthia an. „Sind Sie verheiratet? Bestimmt! Und zwei süße Kinder.“ Ein Lächeln spiegelt sich in ihrem Gesicht wieder. „Nein, ich bin weder verheiratet, noch habe ich zwei süße Kinder.“ „Aber sie möchten das alles gerne haben. Einen Mann, der Sie verwöhnt. Kinder, an denen Sie sich erfreuen können. Das alles, was ich nicht habe.“ Cynthia schüttelt den Kopf. „Bin ich hier die Psychologin oder Sie? Sie sind die Patientin; nicht ich!“ „Damit haben Sie absolut Recht, Dr. Hopper. Aber ich habe oft mir Menschen zu tuhen, die nach außen hin stark sein wollen und innerlich ein Haufen Elend sind. Die sich Abend für Abend in ihrem stillen Kämmerlein zurückziehen und sich auf die Routine vorbereiten. Und ich glaube, dass Sie zu dieser Sorte Mensch gehören, Cynthia.“ Cynthia schaut Allison mit offenen Mund an und sucht die passenden Worten. „Woher wollen Sie wissen, wie es in mir aussieht? Haben Sie Psychologie studiert?“ Ihre Stimme wird lauter. „Sie wissen gar nichts über mich! Sie wollen sterben! Nicht ich.“ Sie stoppt plötzlich und starrt aus dem Fenster nach draußen. „Tut mir leid. Es ist nicht so einfach für mich heute. Ach was sage ich: Die letzten Wochen und Monate eigentlich schon.“ Sie bekommt von Allison ein gütiges Lächeln geschenkt. „Sie haben Recht: Ich möchte sterben. Weil ich glaube, dass ich nichts mehr bewegen kann.“ „Aber Sie können noch so viele Menschen treffen, die Hilfe brauchen. Warum kommen Sie überhaupt zu mir, wenn Sie überhaupt jeden Lebensmut verloren haben?“, antwortet Cynthia. „Aus dem gleichen Grund, warum Sie jeden Tag zur Arbeit gehen: Sie wollen Menschen davor bewahren sich aus dieser Gesellschaft auszugrenzen. Leben Sie hier Leben nicht so weiter. Brechen Sie raus aus der Routine.“ Cynthia muss lachen. „Ich glaube, wir haben wirklich die Rollen getauscht: Sie sind die Psychologin und ich bin die Patientin, die sich das Leben nehmen will. Wollen Sie auf meinen Stuhl und ich gehe auf Ihren?“ Doch das einzige, was sie sieht, ist der erste Gesichtsausdruck von Allison. „Sie werden genau so enden wir ich, wenn Sie nicht anfangen Ihr Leben zu ordnen und in die eigene Hand zu nehmen. Leben Sie, Dr. Cynthia Hopper! Leben Sie!“ Mit diesen Worten steht Sie auf, geht auf das Fenster zu und öffnet es. Cynthia springt auf. „Was haben Sie vor?“ Allison lächelt sie an. „Ich glaube, dass ich damit meine Pflicht getan habe. Denken Sie an meine Worte. Fangen Sie endlich an zu Leben.“ Sie zwinkerte ihr zu. „Und vergessen Sie Michael, ok?“ Mit diesen Worten springt sie und lässt eine schockierte Cynthia am Fenster zurück.
[Es wird eingeblendet: 2 Monat später] „Sie wollen uns wirklich verlassen? Das wäre ein großer Verlust für unser Krankenhaus. Sie sind schließlich unsere beste Psychologin.“ Cynthia geht mit dem Verwaltungschef Paul Nathan den Gang entlang in Richtung ihres Büros und schüttelt den Kopf. „Ich war Ihre beste Psychologin. Oder haben Sie schon vergessen, was mit Allison Beaumont passiert ist?“ „Mein Gott, Cynthia! Wegen einer Frau, die Sie nur wenige Minuten gekannt haben und dann aus dem Fenster gesprungen ist, möchten Sie Ihren Job an den Nagel hängen? Das ist...“ „Verrückt? Ja, vielleicht. Aber nur weil man einen Menschen nur wenige Minuten kennt, kann er doch ein Leben verändern, oder?“ Paul seufzt auf. „Das kann sein. Aber verstehen Sie doch meine Lage: Wir verlieren doch schon genug gutes Personal. Bitte Cynthia! Schlafen Sie doch noch mal eine Nacht darüber.“ Die beiden stehen vor dem Büro, Cynthia öffnet die Tür und deutet auf das Fenster. „Sehen Sie dieses Fenster dort? Schauen Sie genau hin und stellen Sie sich vor, wie jemand daraus springt!“ Paul schaut hin und schließ die Augen. „Ich bin vielleicht zu alt, um jemanden zum Bleiben zu bewegen. Deshalb...“ Er reicht ihr die Hand. „Wagen Sie einen Neuanfang, Cynthia. Ich wünsche Ihnen alles erdenkliche Gute dabei.“ Sie nimmt die Hand entgegen und lächelt ihrem nun alten Chef zu. „Danke, Paul.“ Sie sieht den Gang herunter und hat das Gefühl, als ob die Ärztin, die gerade mit einen Patienten spricht, Allison ist: Sie sieht genau so aus. Paul schaut in die Richtung und legt die Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung?“ Sie nickt und verschwindet im Büro.
Cynthia entfernt das Namensschild von ihrer Bürotür und wirft es in den Karton mit ihren Unterlagen und privaten Gegenständen. Mit ein wenig Wehmut schaut sie noch mal in der leere Büro und ihr Blick verhaart für einige Sekunden an dem Fenster, aus dem ihr persönlicher Lebens-Engel Allison Beaumont in die Freiheit gesprungen war. Sie schluckt einige Tränen herunter und schließt die Tür. Dann verlässt sie das Krankenhaus und geht zu ihrem Auto. Als sie gerade den Schlüssel in das Schloss steckt und umdrehen will, schaut sie sich um und sieht in einigen Metern Entfernung eine Frau, von der sie angelächelt wird: Allison. Allison formt mit den Lippen das Wort „Lebe!“ Cynthia reibt sich kurz die Augen und schaut noch mal in die Richtung. Aber sie kann niemanden erkennen. Verwirrt steigt sie in ihr Auto, starrtet den Motor und fährt davon.
Gedankenversunken rührt Cynthia in ihrem Kaffee herum und beobachtet den Strudel in der Tasse. „Ist der Stuhl noch frei?“, ertönt plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie dreht sich um und blickt in das freundlich lächelnde Gesicht eines Mannes. „Sicher.“, murmelt sie und wendet sich wieder dem Strudel zu. Der Mann setzt sich vor Cynthia hin und legt seine Zeitung neben sich auf den Tisch. „Was für ein Tag: Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen; mein Hund wurde überfahren; mein Sohn ist Cracksüchtig; meine Tochter geht auf den Strich; mein Vermieter hat mir gekündigt und ich muss in ein Männer-Wohnheim; und meinen Job habe ich auch verloren.“ Cynthia schaut von dem Kaffee auf. „Was?“ Sie schaut den Mann vor sich an und hat die Augen weit aufgerissen. Da fängt der Mann an zu lachen und winkt eine Kellnerin an den Tisch. „Das war nur ein Witz um die Stimmung etwas zu lockern. Ist doch viel besser als dieses ständige ‚Hi, mein Name ist Joe. Schönes Wetter heute, oder?’, meinen Sie nicht?“ Dann sagt er mit einem Blick auf die Kellnerin: „Einen Kaffe bitte“ Cynthia muss darüber doch ein wenig lächeln. „Sie scheinen sehr direkt in Ihrer Art zu sein, kann das sein Joe?“ „Oh, ich heiße nicht Joe. Ich heiße Max Rocher.“ Max reicht ihr die Hand. „Cynthia Hopper. Freut mich.“, sagt sie und nimmt die Hand entgegen. „Sie leben noch nicht lange in Los Angeles, oder?“ „Erst seit zwei Wochen. Woher wussten Sie das?“ Max lächelt geheimnisvoll. „Sie sind noch nicht braun. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie eine Zugewanderte sind.“ „Sie sind doch auch nicht braun. Wie lange leben Sie denn schon hier?“, wirft Cynthia grinsend zurück. „Tja: Schon seit 5 Jahren.“ Er betrachtet seine Hände und seinen Arme. „Und man sieht es mir immer noch nicht an; verdammt!“ Er nippt an seinem Kaffe und muss grinsen. „Sind Sie immer so offen gegenüber anderen Menschen, Mr. Rocher?“ „Oh bitte: Nennen Sie mich Max. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, bin ich. Und die anderen Menschen sind auch so.“ Er beugt sich zu einem anderen Gast herüber. „Haben Sie zufällig eine Zigarette für mich?“ Der Mann schaut ihn böse an und zischt: „Verpiss dich, du Wichse!“ Cynthia muss sich ein Lachen verkneifen. Max hebt die Arme und lässt den Mann in Ruhe. „So kann man sich doch immer wieder in den Menschen irren. Aber der ist eine Ausnahme in der Stadt der Engel. Dürfte ich fragen, was Sie hierhin verschlagen hat? Familie? Beruf?“ Cynthia blickt abwesend durch den Raum und schaut dann wieder Max an. „Hätte ich eine Familie, würde ich jetzt nicht hier sein. Ich bin schon seit drei Jahren Singel und komme aus Boston.“ Max stöhnt. „Die Stadt der Anwälte? Bitte sagen Sie mir nicht, dass Sie auch eine Jura-Hexe sind. Das sind doch keine Menschen, sondern Geld-saugende-Monster.“ Sie muss auflachen. „Nein, ich bin keine Anwältin; viel schlimmer: Psychologin. Ich heile Menschen, die von Anwälten in Grund und Boden verklagt wurden.“ In ihre Stimme mischt sich ein wenig Kummer. „Auf jeden Fall versuche ich es. Aber manchmal, kann ich niemanden helfen.“ „So was ist menschlich. Könnte man jedem Menschen helfen, dann bestände die Welt nur noch aus perfekten und glücklichen Menschen. Wollen wir das wirklich? Ich denke nicht.“ Cynthia nippt an ihrer Tasse. „Und Sie? Was machen Sie beruflich?“ „Ich arbeite in der Werbebranche. Kennen Sie Millers Black Chocolate?“ Er verstellt seine Stimme in einen Reporter-Ton. „Millers Black Chocolate: So weiß wie die Landschaft Alaskas; und genau so stark.“ Cynthia schaut ihn irritiert an. „Haben Sie nicht gesagt, dass die Schokolade schwarz ist? Dann stimmt die erste Aussage des Spruches nämlich nicht.“ „Oh.... oh.“ Max schaut irritiert an die Wand. „Deshalb bekommen wir das Produkt nicht verkauft. Verdammt!“ „Schon mal daran gedacht, dass die Firma vielleicht auch weiße Schokolade herstellt? Nur so als Tipp.“ Max schaut sie an, als ob sie eine Offenbarung geäußert hätte und schlägt sich an die Stirn „Weiße Schokolade. Das ist es! Sie sind genial! Oder bin ich etwa nur verrückt?“ Wieder muss Cynthia lachen. „Sie können mich gerne besuchen wenn ich eine neue Stelle habe.“ Max lehrt seine Tasse Kaffe in einem Zug und zieht seine Jacke wieder an. „Meine Pause ist zuende. Wissen Sie was?“ Er kramt in seiner Jacke herum. „Rufen Sie mich doch an. Es ist immer gut, wenn man jemanden kennt, der sich in der Stadt auskennt. Vielleicht brauchen Sie ja mal jemanden, der Ihnen das beste Restaurant der Stadt zeigen kann; natürlich gleich neben diesem hier.“, sagt er grinsend Cynthia nimmt die Karte an. „Aber ich kenne Sie doch gar nicht richtig. Woher kann ich wissen, dass Sie kein Mörder sind, oder so was in der Art?“ Max lächelt und beugt sich vor. „Sie sind doch Psychologin. Hätten Sie es nicht schon längst rausgefunden, wenn ich wirklich einer wäre?“ Mit diesen Worten verschwindet er aus dem Restaurant.
Cynthia sitzt in ihrer neuen Wohnung und starrt auf die Visitenkarte. Sie greift zum Hörer und legt ihn wieder zurück auf den Tisch. „Na mach schon!“, murmelt sie zu sich selbst, nimmt den Hörer und tippt die Nummer von Max ein. „Das ist doch verrückt. Du bist verrückt, Cynthia.“, sagt sie laut zu sich. „Max Rocher?“, erklingt eine Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hallo... Max. Hier spricht Cynthia Hopper.“ „Ah: Die nette Psychologin aus dem Restaurant gestern. Ich habe schon sehnsüchtig auf Ihren Anruf gewartet. Soll ich Ihnen mal was erzählen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten erzählt er weiter. „Ich habe mich heute mal informiert: Miller verkauft auch weiße Schokolade. Sie sind ein Genie.“ Cynthia muss auflachen. „Ich bin ganz sicher kein Genie; ich bin nur eine verrückte Psychologin.“ „Und was beschert mir diesen Anruf? Wollen Sie etwa mein Angebot mit dem Essen annehmen?“ Cynthia wickelte die Telefonschnur um die Finger. „Ähm... deswegen rufe ich an. Wie Sie schon gesagt haben: Es ist immer gut, wenn man jemanden hier kennt.“ „Sie denken also nicht, dass ich ein Vergewaltiger bin?“ „Ach Quatsch: Sie arbeiten in der Werbebranche; kann es was schlimmeres geben?“ Sie lacht. „Ja: Anwalt. Haben Sie mir gestern nicht zugehört?“ Jetzt muss auch Max loslachen. „Also“, sagt er. „Wann möchte Sie denn gerne mit mir dinieren?“ Cynthia überlegt einen kurzen Augenblick. „Wie wäre es mit heute Abend? So in einer Stunde?“ „Wie Sie wollen. Dann hohle ich Sie um 20 Uhr ab, ok?“ Cynthia nennt ihm ihre Adresse und beide verabschieden sich. Als sie aufgelegt hat, merkt sie, dass ihre Hände schweißnass sind. „Wir sind doch nicht etwa aufgeregt, oder?“, erklingt plötzlich eine Stimme. Erschrocken dreht sich Cynthia um und erblickt Allison. Diese lächelt Cynthia an und geht langsam auf sie zu. „Keine Angst. Wie wissen beide, dass ich nur eine Einbildung bin. Ich bin aus deinem Fenster im Büro gesprungen; schon vergessen?“ Allison setzt sich neben Cynthia. „Warum sollte ich mit einer nicht realen Person sprechen? Das ist doch total verrückt. Ich sollte mich wirklich in Therapie begeben.“ „Och, so verrückt ist das gar nicht. Das habe ich schon oft gehört. Glaube mir: Du bist vollkommend in Ordnung; und dabei dir meine Worte zu Herzen zu nehmen. Das freut mich.“ Cynthia schaut Allison skeptisch an. „Warum rede ich mit einer Halluzination?“ „Du redest nicht mit einer Halluzination, sondern mit deinem Unterbewusstsein. Hast du dich damals nicht gewundert, woher ich den Namen deines Ex-Freundes kannte? Michael Skelton: 37 Jahre alt; 1 Meter 80 groß; 70 Kilogramm schwer; Börsenmakler. Du siehst, ich weiß noch viel mehr.“ Cynthia schüttelt unglaubwürdig den Kopf und versucht die Puzzleteile in ihrem Kopf zusammenzusetzen. „Soll das heißen, dass du nichts anderes bist und warst als eine Einbildung von mir?“ Mit einem milden Lächeln nickt Allison. „Ich war nichts weiteres als ein Hilferuf deines Herzens und deines Unterbewisseins. Du warst in dem Minuten ganz alleine im Büro.“ „Und was ist mit meinem Chef? Woher wusste er, dass ich eine Patientin verloren hatte, die aus dem Fenster gesprungen ist? Erkläre mir das bitte!“ „Das ist einfach: Er hat dir dass erzählt, was du hören wolltest. Sind nicht alle Chefs so? Wusstest du, dass er für dich einen Termin bei einem Analytiker machen wollte? Wegen deinen ‚Einbildungen, dass eine Patientin aus deinem Fenster gesprungen ist’. Hättest du nicht gekündigt, hätte er es gemacht.“ „Ich bin wirklich reif für das Irrenhaus. Ich habe doch einen Knall.“, murmelt Cynthia. Allison legt den Arm um sie und lächelt sie an. „Ich habe dir gesagt, dass du endlich Leben sollst. Und du bist auf den besten Weg es zu tuhen. Du brichst endlich aus deiner Isolation aus: Du hast deinen Job hinter dir gelassen; du bist in eine andere Stadt gezogen; und du hast ein spontanes Date mit einem Mann. Hättest du dir das noch vor wenigen Monaten erträumt?“ Cynthia bekommt Tränen in den Augen. „Nein.“ „Siehst du. Früher bestand dein Leben aus Routine: Aufstehen, arbeiten, schlafen; aufstehen, arbeiten und wieder schlafen. Du hast dein Leben wieder.“ Sie stand auf. „Und ich habe damit meine Aufgabe erfüllt.“ „Ich bin also nicht verrückt?“, murmelt Cynthia. „Du bist endlich wieder gesund. Denke an meine Worte; aber eigentlich sind es deine Worte, weil ich ja nur dein Unterbewusstein bin: Fang endlich an zu Leben. Du bist jetzt auf den richtigen Weg.“ In diesem Moment klingelt es an der Tür und Cynthia schreckt auf. Als sie sich im Wohnzimmer umschaut, ist niemand da. Immer noch etwas verunsichert öffnet sie die Tür und es steht Max mit einem Rosenstrauß davor. „Ich hoffe, Sie mögen Rosen. Sind Sie bereit die Stadt von ihrer schönsten Seite kennen zu lernen?“ Mit einem Lächeln nimmt Cynthia die Rosen an, stellt sie in eine Vase in der Diele und nimmt ihren Mantel. „Ich bin für alles bereit, Max. Zeigen Sie mir, wie man das Leben genießt.“ Sie hackt sie bei ihm ein und schließt die Tür.
„Alles in Ordnung mit dir? Du siehst nicht gut aus.“, fragt Karen. Cynthia sitzt mit ihren beiden Freundinnen Karen Fern und Natalie Logan in einem Cafe und hält sich den Kopf mit der linken Hand. „Ich bin nur etwas müde von der Arbeit.“ Natalie tätschelt ihre andere Hand und lächelt ihr aufmunternd zu. „Hey Cynthia: Du wirst doch nicht etwa als Psychologien selber einen brauchen, oder? Das macht sich nicht gut in deiner Biografie.“ „Was ist denn passiert?“, fragt Karen. „Heute war eine Frau bei mir, die behauptet hat, sie sein schwanger; von einem Alien. Sie ist dann nach einigen Minuten seelisch zusammengebrochen und in Wirklichkeit war sie nur ein Singel mit einem sehr großen Babywunsch. Sie erinnerte mich an mich selber. Manchmal wünsche ich mir auch, dass ich entführt werde und schwanger wieder zurückgebracht werde.“ „Such dir endlich einen Mann! Was ist denn mit diesem schnuckeligen Analytiker? Dr. Goldberg?“ „Dr. Silverburg; und wie du gesagt hast, ist er Analytiker. Ich möchte keinen Ehemann, der mich auf Schritt und Tritt analysiert. Da werde ich ja noch verrückt bei. Du kannst ihn aber gerne haben, Natalie.“ „Oh, wirklich? Danke.“ Natalie grinst und nippt an ihrem Kaffee. „Aber im Ernst: Du muss Michael doch schon längst vergessen haben. Wie lange ist das jetzt her? 3 Jahre? Seitdem hattest du kein Date mehr. Du bist nur noch am Arbeiten. Soll ich dir mal sagen, wie dein Tagesablauf ist? Du stehst auf, gehst zur Arbeit, kommst nach Hause und legst sich in’s Bett. Dazwischen kommen Karen und ich vielleicht noch vor. Du zerstörst dich von innen selber, Cynthia.“ „Das weiß ich selber. Aber vielleicht möchte ich das ja auch: Mich von der Routine auffressen lassen. Wie ein Knochen von einem hungrigen Hund.“ Sie steht auf und zieht sich den Mantel an. „Wo willst du hin?“, fragt Karen. „Ich muss morgen früh im Büro sein. Ich habe Patienten, die meine Hilfe brauchen.“ Mit diesen Worten verlässt sie das Cafe. Natalie und Karen schauen ihr nach. „Hoffen wir, dass Du nicht selber Hilfe brauchst.“, sagt Natalie.
Cynthia öffnet die Tür und betriff ihre kleine, aber edel ausgestattete, Wohnung. Sie lässt den Mantel einfach auf den Boden fallen und geht direkt in die Küche. Dort öffnet sie den Kühlschrank und holt eine Weinflasche heraus. Sie öffnet die Flasche und gießt ein Glas voll. „Der Alkohol tötet die Trauer; oder verstärkt sie nur“, sagt sie zu sich selber und nimmt einen großen Schluck. Sie füllt nach, geht in’s Wohnzimmer, lässt sich auf das Sofa fallen und nimmt einen weiteren Schluck. „Auf mein kinderloses und von der Arbeit dominiertes Leben.“ Sie lehrt das Glas in einem Zug und füllt wieder nach.
Eine Aspirintablette löst sich in einem Wasserglas auf. Cynthia steht vor dem Waschbecken in ihrem Badezimmer und betrachtet ihr verkatertes Gesicht im Spiegel. „Schau nur, was aus dir geworden ist: Eine verkaterte, alte Junger. Ohne Kinder und ohne Mann. Vom Monster namens Job ausgezehrt.“ Wütend hebt sie die Hand um in den Spiegel reinzuschlagen, kann sich aber noch gerade so beherrschen. „Dann werde ich dem Monster mal wieder in die Augen schauen.“, sagt sie zu ihrem Spiegelbild und trinkt das Glas in einem Zug leer.
„Guten Morgen, Dr. Hopper. Ich bin Allison Beaumont und hatte einen Termin bei Ihnen. Ich weiß, dass ich etwas früh dran bin. Ich hoffe, das geht in Ordnung.“ „Aber natürlich. Setzen Sie sich doch bitte.“ Allison setzte sich und schälte sich aus dem Mantel, den sie fein säuberlich zurecht legte und über die Stuhllehne legte. Immer noch mit einem leichten Brummschädel versucht sich Cynthia zu konzentrieren. „Warum sind Sie hier, Allison?“ Allison fährt sich mit der Hand durch ihre Haare. „Ich möchte sterben, Dr. Hopper.“ „Warum möchten Sie sterben? Sie haben doch noch ein langes Leben vor sich.“ „Sie scheinen gar nicht geschockt zu sein. Bekommen Sie das oft zu hören?“ Cynthia lächelt matt. „Täglich. Und bisher hat sich noch niemand meiner Patienten das Leben genommen. Ich habe eine gute Quote.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das klang nicht gut: Quote. Entschuldigen Sie. Ich bin heute etwas sehr durch den Wind.“ Allison beugte sich etwas nach vorne. „Ich kann den Menschen einfach nicht mehr helfen. Sie wollen alle meine Hilfe nicht mehr. Ich fühle mich so nutzlos. Ich arbeite als Sozialarbeiterin und komme täglich mit Leuten in Kontakt, die ihr Leben einfach so wegschmeißen und dahinvegetieren.“ Cynthia lächelt matt. „Kommt mir bekannt vor.“ „Wie meinen Sie das?“, fragt Allison. Aber sie erhält nur ein Kopfschütteln als Antwort. „Fahren Sie fort!“ „Ich sehe keinen Sinn mehr in meiner Existenz. Es ist so, als ob ich ein Tennisball wäre, den man immer wieder gegen eine Wand wirft und zurückkommt. Aber was hinterlässt der Ball an der Wand? Richtig: Gar nichts. So fühle ich mich.“ „Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?“ „Glauben Sie wirklich, ich würde mir Gedanken um den eigenen Tod machen, wenn ich Mann und Kinder hätte? Das wäre krank. Mich wird niemand vermissen, wenn ich sterbe.“ Allison legt den Kopf schief und schaut Cynthia an. „Sind Sie verheiratet? Bestimmt! Und zwei süße Kinder.“ Ein Lächeln spiegelt sich in ihrem Gesicht wieder. „Nein, ich bin weder verheiratet, noch habe ich zwei süße Kinder.“ „Aber sie möchten das alles gerne haben. Einen Mann, der Sie verwöhnt. Kinder, an denen Sie sich erfreuen können. Das alles, was ich nicht habe.“ Cynthia schüttelt den Kopf. „Bin ich hier die Psychologin oder Sie? Sie sind die Patientin; nicht ich!“ „Damit haben Sie absolut Recht, Dr. Hopper. Aber ich habe oft mir Menschen zu tuhen, die nach außen hin stark sein wollen und innerlich ein Haufen Elend sind. Die sich Abend für Abend in ihrem stillen Kämmerlein zurückziehen und sich auf die Routine vorbereiten. Und ich glaube, dass Sie zu dieser Sorte Mensch gehören, Cynthia.“ Cynthia schaut Allison mit offenen Mund an und sucht die passenden Worten. „Woher wollen Sie wissen, wie es in mir aussieht? Haben Sie Psychologie studiert?“ Ihre Stimme wird lauter. „Sie wissen gar nichts über mich! Sie wollen sterben! Nicht ich.“ Sie stoppt plötzlich und starrt aus dem Fenster nach draußen. „Tut mir leid. Es ist nicht so einfach für mich heute. Ach was sage ich: Die letzten Wochen und Monate eigentlich schon.“ Sie bekommt von Allison ein gütiges Lächeln geschenkt. „Sie haben Recht: Ich möchte sterben. Weil ich glaube, dass ich nichts mehr bewegen kann.“ „Aber Sie können noch so viele Menschen treffen, die Hilfe brauchen. Warum kommen Sie überhaupt zu mir, wenn Sie überhaupt jeden Lebensmut verloren haben?“, antwortet Cynthia. „Aus dem gleichen Grund, warum Sie jeden Tag zur Arbeit gehen: Sie wollen Menschen davor bewahren sich aus dieser Gesellschaft auszugrenzen. Leben Sie hier Leben nicht so weiter. Brechen Sie raus aus der Routine.“ Cynthia muss lachen. „Ich glaube, wir haben wirklich die Rollen getauscht: Sie sind die Psychologin und ich bin die Patientin, die sich das Leben nehmen will. Wollen Sie auf meinen Stuhl und ich gehe auf Ihren?“ Doch das einzige, was sie sieht, ist der erste Gesichtsausdruck von Allison. „Sie werden genau so enden wir ich, wenn Sie nicht anfangen Ihr Leben zu ordnen und in die eigene Hand zu nehmen. Leben Sie, Dr. Cynthia Hopper! Leben Sie!“ Mit diesen Worten steht Sie auf, geht auf das Fenster zu und öffnet es. Cynthia springt auf. „Was haben Sie vor?“ Allison lächelt sie an. „Ich glaube, dass ich damit meine Pflicht getan habe. Denken Sie an meine Worte. Fangen Sie endlich an zu Leben.“ Sie zwinkerte ihr zu. „Und vergessen Sie Michael, ok?“ Mit diesen Worten springt sie und lässt eine schockierte Cynthia am Fenster zurück.
[Es wird eingeblendet: 2 Monat später] „Sie wollen uns wirklich verlassen? Das wäre ein großer Verlust für unser Krankenhaus. Sie sind schließlich unsere beste Psychologin.“ Cynthia geht mit dem Verwaltungschef Paul Nathan den Gang entlang in Richtung ihres Büros und schüttelt den Kopf. „Ich war Ihre beste Psychologin. Oder haben Sie schon vergessen, was mit Allison Beaumont passiert ist?“ „Mein Gott, Cynthia! Wegen einer Frau, die Sie nur wenige Minuten gekannt haben und dann aus dem Fenster gesprungen ist, möchten Sie Ihren Job an den Nagel hängen? Das ist...“ „Verrückt? Ja, vielleicht. Aber nur weil man einen Menschen nur wenige Minuten kennt, kann er doch ein Leben verändern, oder?“ Paul seufzt auf. „Das kann sein. Aber verstehen Sie doch meine Lage: Wir verlieren doch schon genug gutes Personal. Bitte Cynthia! Schlafen Sie doch noch mal eine Nacht darüber.“ Die beiden stehen vor dem Büro, Cynthia öffnet die Tür und deutet auf das Fenster. „Sehen Sie dieses Fenster dort? Schauen Sie genau hin und stellen Sie sich vor, wie jemand daraus springt!“ Paul schaut hin und schließ die Augen. „Ich bin vielleicht zu alt, um jemanden zum Bleiben zu bewegen. Deshalb...“ Er reicht ihr die Hand. „Wagen Sie einen Neuanfang, Cynthia. Ich wünsche Ihnen alles erdenkliche Gute dabei.“ Sie nimmt die Hand entgegen und lächelt ihrem nun alten Chef zu. „Danke, Paul.“ Sie sieht den Gang herunter und hat das Gefühl, als ob die Ärztin, die gerade mit einen Patienten spricht, Allison ist: Sie sieht genau so aus. Paul schaut in die Richtung und legt die Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung?“ Sie nickt und verschwindet im Büro.
Cynthia entfernt das Namensschild von ihrer Bürotür und wirft es in den Karton mit ihren Unterlagen und privaten Gegenständen. Mit ein wenig Wehmut schaut sie noch mal in der leere Büro und ihr Blick verhaart für einige Sekunden an dem Fenster, aus dem ihr persönlicher Lebens-Engel Allison Beaumont in die Freiheit gesprungen war. Sie schluckt einige Tränen herunter und schließt die Tür. Dann verlässt sie das Krankenhaus und geht zu ihrem Auto. Als sie gerade den Schlüssel in das Schloss steckt und umdrehen will, schaut sie sich um und sieht in einigen Metern Entfernung eine Frau, von der sie angelächelt wird: Allison. Allison formt mit den Lippen das Wort „Lebe!“ Cynthia reibt sich kurz die Augen und schaut noch mal in die Richtung. Aber sie kann niemanden erkennen. Verwirrt steigt sie in ihr Auto, starrtet den Motor und fährt davon.
Gedankenversunken rührt Cynthia in ihrem Kaffee herum und beobachtet den Strudel in der Tasse. „Ist der Stuhl noch frei?“, ertönt plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie dreht sich um und blickt in das freundlich lächelnde Gesicht eines Mannes. „Sicher.“, murmelt sie und wendet sich wieder dem Strudel zu. Der Mann setzt sich vor Cynthia hin und legt seine Zeitung neben sich auf den Tisch. „Was für ein Tag: Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen; mein Hund wurde überfahren; mein Sohn ist Cracksüchtig; meine Tochter geht auf den Strich; mein Vermieter hat mir gekündigt und ich muss in ein Männer-Wohnheim; und meinen Job habe ich auch verloren.“ Cynthia schaut von dem Kaffee auf. „Was?“ Sie schaut den Mann vor sich an und hat die Augen weit aufgerissen. Da fängt der Mann an zu lachen und winkt eine Kellnerin an den Tisch. „Das war nur ein Witz um die Stimmung etwas zu lockern. Ist doch viel besser als dieses ständige ‚Hi, mein Name ist Joe. Schönes Wetter heute, oder?’, meinen Sie nicht?“ Dann sagt er mit einem Blick auf die Kellnerin: „Einen Kaffe bitte“ Cynthia muss darüber doch ein wenig lächeln. „Sie scheinen sehr direkt in Ihrer Art zu sein, kann das sein Joe?“ „Oh, ich heiße nicht Joe. Ich heiße Max Rocher.“ Max reicht ihr die Hand. „Cynthia Hopper. Freut mich.“, sagt sie und nimmt die Hand entgegen. „Sie leben noch nicht lange in Los Angeles, oder?“ „Erst seit zwei Wochen. Woher wussten Sie das?“ Max lächelt geheimnisvoll. „Sie sind noch nicht braun. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Sie eine Zugewanderte sind.“ „Sie sind doch auch nicht braun. Wie lange leben Sie denn schon hier?“, wirft Cynthia grinsend zurück. „Tja: Schon seit 5 Jahren.“ Er betrachtet seine Hände und seinen Arme. „Und man sieht es mir immer noch nicht an; verdammt!“ Er nippt an seinem Kaffe und muss grinsen. „Sind Sie immer so offen gegenüber anderen Menschen, Mr. Rocher?“ „Oh bitte: Nennen Sie mich Max. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, bin ich. Und die anderen Menschen sind auch so.“ Er beugt sich zu einem anderen Gast herüber. „Haben Sie zufällig eine Zigarette für mich?“ Der Mann schaut ihn böse an und zischt: „Verpiss dich, du Wichse!“ Cynthia muss sich ein Lachen verkneifen. Max hebt die Arme und lässt den Mann in Ruhe. „So kann man sich doch immer wieder in den Menschen irren. Aber der ist eine Ausnahme in der Stadt der Engel. Dürfte ich fragen, was Sie hierhin verschlagen hat? Familie? Beruf?“ Cynthia blickt abwesend durch den Raum und schaut dann wieder Max an. „Hätte ich eine Familie, würde ich jetzt nicht hier sein. Ich bin schon seit drei Jahren Singel und komme aus Boston.“ Max stöhnt. „Die Stadt der Anwälte? Bitte sagen Sie mir nicht, dass Sie auch eine Jura-Hexe sind. Das sind doch keine Menschen, sondern Geld-saugende-Monster.“ Sie muss auflachen. „Nein, ich bin keine Anwältin; viel schlimmer: Psychologin. Ich heile Menschen, die von Anwälten in Grund und Boden verklagt wurden.“ In ihre Stimme mischt sich ein wenig Kummer. „Auf jeden Fall versuche ich es. Aber manchmal, kann ich niemanden helfen.“ „So was ist menschlich. Könnte man jedem Menschen helfen, dann bestände die Welt nur noch aus perfekten und glücklichen Menschen. Wollen wir das wirklich? Ich denke nicht.“ Cynthia nippt an ihrer Tasse. „Und Sie? Was machen Sie beruflich?“ „Ich arbeite in der Werbebranche. Kennen Sie Millers Black Chocolate?“ Er verstellt seine Stimme in einen Reporter-Ton. „Millers Black Chocolate: So weiß wie die Landschaft Alaskas; und genau so stark.“ Cynthia schaut ihn irritiert an. „Haben Sie nicht gesagt, dass die Schokolade schwarz ist? Dann stimmt die erste Aussage des Spruches nämlich nicht.“ „Oh.... oh.“ Max schaut irritiert an die Wand. „Deshalb bekommen wir das Produkt nicht verkauft. Verdammt!“ „Schon mal daran gedacht, dass die Firma vielleicht auch weiße Schokolade herstellt? Nur so als Tipp.“ Max schaut sie an, als ob sie eine Offenbarung geäußert hätte und schlägt sich an die Stirn „Weiße Schokolade. Das ist es! Sie sind genial! Oder bin ich etwa nur verrückt?“ Wieder muss Cynthia lachen. „Sie können mich gerne besuchen wenn ich eine neue Stelle habe.“ Max lehrt seine Tasse Kaffe in einem Zug und zieht seine Jacke wieder an. „Meine Pause ist zuende. Wissen Sie was?“ Er kramt in seiner Jacke herum. „Rufen Sie mich doch an. Es ist immer gut, wenn man jemanden kennt, der sich in der Stadt auskennt. Vielleicht brauchen Sie ja mal jemanden, der Ihnen das beste Restaurant der Stadt zeigen kann; natürlich gleich neben diesem hier.“, sagt er grinsend Cynthia nimmt die Karte an. „Aber ich kenne Sie doch gar nicht richtig. Woher kann ich wissen, dass Sie kein Mörder sind, oder so was in der Art?“ Max lächelt und beugt sich vor. „Sie sind doch Psychologin. Hätten Sie es nicht schon längst rausgefunden, wenn ich wirklich einer wäre?“ Mit diesen Worten verschwindet er aus dem Restaurant.
Cynthia sitzt in ihrer neuen Wohnung und starrt auf die Visitenkarte. Sie greift zum Hörer und legt ihn wieder zurück auf den Tisch. „Na mach schon!“, murmelt sie zu sich selbst, nimmt den Hörer und tippt die Nummer von Max ein. „Das ist doch verrückt. Du bist verrückt, Cynthia.“, sagt sie laut zu sich. „Max Rocher?“, erklingt eine Stimme am anderen Ende der Leitung. „Hallo... Max. Hier spricht Cynthia Hopper.“ „Ah: Die nette Psychologin aus dem Restaurant gestern. Ich habe schon sehnsüchtig auf Ihren Anruf gewartet. Soll ich Ihnen mal was erzählen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten erzählt er weiter. „Ich habe mich heute mal informiert: Miller verkauft auch weiße Schokolade. Sie sind ein Genie.“ Cynthia muss auflachen. „Ich bin ganz sicher kein Genie; ich bin nur eine verrückte Psychologin.“ „Und was beschert mir diesen Anruf? Wollen Sie etwa mein Angebot mit dem Essen annehmen?“ Cynthia wickelte die Telefonschnur um die Finger. „Ähm... deswegen rufe ich an. Wie Sie schon gesagt haben: Es ist immer gut, wenn man jemanden hier kennt.“ „Sie denken also nicht, dass ich ein Vergewaltiger bin?“ „Ach Quatsch: Sie arbeiten in der Werbebranche; kann es was schlimmeres geben?“ Sie lacht. „Ja: Anwalt. Haben Sie mir gestern nicht zugehört?“ Jetzt muss auch Max loslachen. „Also“, sagt er. „Wann möchte Sie denn gerne mit mir dinieren?“ Cynthia überlegt einen kurzen Augenblick. „Wie wäre es mit heute Abend? So in einer Stunde?“ „Wie Sie wollen. Dann hohle ich Sie um 20 Uhr ab, ok?“ Cynthia nennt ihm ihre Adresse und beide verabschieden sich. Als sie aufgelegt hat, merkt sie, dass ihre Hände schweißnass sind. „Wir sind doch nicht etwa aufgeregt, oder?“, erklingt plötzlich eine Stimme. Erschrocken dreht sich Cynthia um und erblickt Allison. Diese lächelt Cynthia an und geht langsam auf sie zu. „Keine Angst. Wie wissen beide, dass ich nur eine Einbildung bin. Ich bin aus deinem Fenster im Büro gesprungen; schon vergessen?“ Allison setzt sich neben Cynthia. „Warum sollte ich mit einer nicht realen Person sprechen? Das ist doch total verrückt. Ich sollte mich wirklich in Therapie begeben.“ „Och, so verrückt ist das gar nicht. Das habe ich schon oft gehört. Glaube mir: Du bist vollkommend in Ordnung; und dabei dir meine Worte zu Herzen zu nehmen. Das freut mich.“ Cynthia schaut Allison skeptisch an. „Warum rede ich mit einer Halluzination?“ „Du redest nicht mit einer Halluzination, sondern mit deinem Unterbewusstsein. Hast du dich damals nicht gewundert, woher ich den Namen deines Ex-Freundes kannte? Michael Skelton: 37 Jahre alt; 1 Meter 80 groß; 70 Kilogramm schwer; Börsenmakler. Du siehst, ich weiß noch viel mehr.“ Cynthia schüttelt unglaubwürdig den Kopf und versucht die Puzzleteile in ihrem Kopf zusammenzusetzen. „Soll das heißen, dass du nichts anderes bist und warst als eine Einbildung von mir?“ Mit einem milden Lächeln nickt Allison. „Ich war nichts weiteres als ein Hilferuf deines Herzens und deines Unterbewisseins. Du warst in dem Minuten ganz alleine im Büro.“ „Und was ist mit meinem Chef? Woher wusste er, dass ich eine Patientin verloren hatte, die aus dem Fenster gesprungen ist? Erkläre mir das bitte!“ „Das ist einfach: Er hat dir dass erzählt, was du hören wolltest. Sind nicht alle Chefs so? Wusstest du, dass er für dich einen Termin bei einem Analytiker machen wollte? Wegen deinen ‚Einbildungen, dass eine Patientin aus deinem Fenster gesprungen ist’. Hättest du nicht gekündigt, hätte er es gemacht.“ „Ich bin wirklich reif für das Irrenhaus. Ich habe doch einen Knall.“, murmelt Cynthia. Allison legt den Arm um sie und lächelt sie an. „Ich habe dir gesagt, dass du endlich Leben sollst. Und du bist auf den besten Weg es zu tuhen. Du brichst endlich aus deiner Isolation aus: Du hast deinen Job hinter dir gelassen; du bist in eine andere Stadt gezogen; und du hast ein spontanes Date mit einem Mann. Hättest du dir das noch vor wenigen Monaten erträumt?“ Cynthia bekommt Tränen in den Augen. „Nein.“ „Siehst du. Früher bestand dein Leben aus Routine: Aufstehen, arbeiten, schlafen; aufstehen, arbeiten und wieder schlafen. Du hast dein Leben wieder.“ Sie stand auf. „Und ich habe damit meine Aufgabe erfüllt.“ „Ich bin also nicht verrückt?“, murmelt Cynthia. „Du bist endlich wieder gesund. Denke an meine Worte; aber eigentlich sind es deine Worte, weil ich ja nur dein Unterbewusstein bin: Fang endlich an zu Leben. Du bist jetzt auf den richtigen Weg.“ In diesem Moment klingelt es an der Tür und Cynthia schreckt auf. Als sie sich im Wohnzimmer umschaut, ist niemand da. Immer noch etwas verunsichert öffnet sie die Tür und es steht Max mit einem Rosenstrauß davor. „Ich hoffe, Sie mögen Rosen. Sind Sie bereit die Stadt von ihrer schönsten Seite kennen zu lernen?“ Mit einem Lächeln nimmt Cynthia die Rosen an, stellt sie in eine Vase in der Diele und nimmt ihren Mantel. „Ich bin für alles bereit, Max. Zeigen Sie mir, wie man das Leben genießt.“ Sie hackt sie bei ihm ein und schließt die Tür.