Die ästhetische Dimension
Verfasst: 23.04.2005, 00:34
Auch im Rechnungswesen gibt es eine. Glaubt ihr nicht? Wartet ab.
Das Unterrichten hat nämlich, so lernt man das für die Klausur in Allgemeiner Didaktik, eine anthropologische, eine soziologische, eine lern- und entwicklungspsychologische, eine weltanschauliche, eine politische und eine ästhetische Dimension.
Bei BWL und Rechnungswesen sieht es ja mit manchen dieser Dimensionen einigermaßen düster aus. Die anthropologische Dimension zum Beispiel will ich lieber nicht zu genau erforschen, das Menschenbild, das da zu Tage käme, ist bedenklich: Menschen als Kostenfaktor, Zielgruppe und Humankapital. Meistens geht man davon aus, dass sie sich alle schön brav rational verhalten, Grenznutzen betrachten und sich somit so ungemein praktisch berechnen lassen, außer beim Marketing: da hält man sie in Bausch und Bogen für hirnamputierte Dillos, die ernsthaft glauben, sie könnten sich eine Persönlichkeit kaufen.
Die soziologische Dimension sieht so aus, dass in einer Handelsakademie üblicherweise alles drin sitzt: von der angepassten, übermotivierten Konzernleiterin-in-Spe, über den spirituoseninteressierten Fußball-Fan, der einfach nur eine Matura will, nach der er nicht unbedingt auf die Uni muss, um einen Job zu kriegen, bis zum dreadgelockten Freizeitkommunisten, den es mehr oder weniger zufällig hierher verschlagen hat, vielleicht sogar mit dem verwegenen Hintergedanken, das System zu unterwandern, was sich allerdings bald als unverhältnismäßig mühselig erweist und in ihm die Sehnsucht nach Latein und Philosophie und Oberstufenrealgymnasium weckt.
Auf die lern-und entwicklungspsychologische Dimension kann man sowieso keine Rücksicht nehmen, bei der Betriebswirtschaftlichen Diplomarbeit müssen sie dann alles können, 5 fette Wälzer, in BWL und in RW intus haben, und wenn sich jeder normale 15 bis 19jährige rein entwicklungspsychologisch gesehen hundertmal für alles andere mehr interessiert als für das Auswendig-Lernen von INCO-Terms. Hilft alles nichts.
Und über die weltanschauliche und politische Dimension, über die sollte ich wohl auch lieber den Mantel des Schweigens breiten, den im BWL und Rechnungswesen-Unterricht züchtet man bekanntlich unmündige, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschneiderte, neokonservative Arbeitsdrohnen heran, bei denen man nur hoffen kann, das die Geisteswissenschaften das Schlimmste wieder ausbügeln.
Ganz schön deprimierend.
Besonders, wenn man Wirtschaftspädagogik studiert mit dem festen Vorsatz, später auch zu unterrichten. Wie ich zum Beispiel. (Was soll ich meinen Schülern sagen? – „Ob ihr nun Rädchen sein wollt oder Sand, es schadet nicht, das Getriebe zu kennen.“ Kann ich das tun?)
Völlige unberücksichtig gelassen habe ich aber bisher die ästhetische Dimension. Die ästhetische Dimension des Rechnungswesen nämlich.
Ich werde nie den Moment vergessen, als ich mein erstes Hauptbuch abgeschlossen habe. Es war in der 1. HAK, im Sommersemester, wir konnten schon so allerhand verbuchen und ich saß im Garten, im Schatten des Apfelbaumes seit Stunden bei dieser Hausübung, und die Schatten der Apfelbaumblätter warfen ein lustiges Muster auf die Tischdecke.
Nun stellt sich natürlich die Frage, warum man Schüler eigenhändig Hauptbücher ausfüllen lässt. Die Aufgabe hat genau gar keinen Praxiswert, jeder noch so kleine Greißler macht das mittlerweile mit EDV und um das Prinzip von Soll-und Haben-Gleichheit zu veranschaulichen, reicht ein gelegentlich drüber gestreutes T-Konto zur Illustration einzelner Geschäftsfälle.
Meine Schüler werden später Hauptbücher ausfüllen wie die Blöden.
Denn wenn man selbst das Hauptbuch schreibt, kann man die Soll-und-Haben-Gleichheit nicht nur verstehen, man kann sie erfahren.
Ist es eine sinnvolle Erfahrung?
Nicht unbedingt. Das händische Ausfüllen von Hauptbüchern ist vielmehr eine ziemlich sinnfreie Angelegenheit. Und ich verwende „sinnfrei“ und nicht „sinnlos“, und ich verwende „sinnfrei“ nicht als ironischen Euphemismus. Die Abwesenheit von Sinn kann eine Freiheit sein. Manchmal liegt die Schönheit im Zweck, und manchmal beginnt sie dort, wo der Zweck endet.
Das Übertragen von Buchungssätzen ins Hauptbuch, das Übertragen der Salden in die Abschlusstabelle – das alles fordert natürlich nicht gerade den Intellekt. (Dafür um so mehr die Konzentration.) Ziemlich stumpfsinnig jedenfalls, das Ganze. Man könnte auch sagen: meditativ.
Überdies kann es einem zu ganz eigenen Sensationen verhelfen. Ich sage nur: die Spannung beim Bilden der letzen Summe – ein einziger Ziffernsturz irgendwo in diesen Zahlenkolonnen und das ganze Gebäude bricht zusammen – Adrenalin pur! Man muss natürlich auch Gefallen daran finden können, wie Ziffern feinsäuberlich über die Blätter wandern, die Beträge sich teilen und von Konto zu ziehen, um plötzlich da und dort wieder als Ganzes aufzutauchen, wie sie sich allmählich alle Zeilen erobern, aufaddieren und absubtrahieren, aufsplittern und zusammenströmen, auftürmen und aufheben bis schließlich, endlich, der große Moment kommt: Wird es sich ausgehen? Und ja, wenn man alles richtig gemacht hat – das ist die Schönheit der Ordnung, die Schönheit dieses Systems, dass man alles richtig gemacht haben kann – wird es sich ausgehen. Es geht sich aus. Summengleichheit. Soll-und-Haben. Alles hebt sich auf.
Das hat was Metaphysisches.
Und diese Erfahrung des „Sich-Ausgehens“, die kann man meiner Meinung nach in der Form nur mit Hauptbuchabschlüssen machen. Ist es nun eine wichtige Erfahrung? Eine, die einen intellektuell und emotional weiterbringt?
Nö.
Aber schön ist es schon.
Das Unterrichten hat nämlich, so lernt man das für die Klausur in Allgemeiner Didaktik, eine anthropologische, eine soziologische, eine lern- und entwicklungspsychologische, eine weltanschauliche, eine politische und eine ästhetische Dimension.
Bei BWL und Rechnungswesen sieht es ja mit manchen dieser Dimensionen einigermaßen düster aus. Die anthropologische Dimension zum Beispiel will ich lieber nicht zu genau erforschen, das Menschenbild, das da zu Tage käme, ist bedenklich: Menschen als Kostenfaktor, Zielgruppe und Humankapital. Meistens geht man davon aus, dass sie sich alle schön brav rational verhalten, Grenznutzen betrachten und sich somit so ungemein praktisch berechnen lassen, außer beim Marketing: da hält man sie in Bausch und Bogen für hirnamputierte Dillos, die ernsthaft glauben, sie könnten sich eine Persönlichkeit kaufen.
Die soziologische Dimension sieht so aus, dass in einer Handelsakademie üblicherweise alles drin sitzt: von der angepassten, übermotivierten Konzernleiterin-in-Spe, über den spirituoseninteressierten Fußball-Fan, der einfach nur eine Matura will, nach der er nicht unbedingt auf die Uni muss, um einen Job zu kriegen, bis zum dreadgelockten Freizeitkommunisten, den es mehr oder weniger zufällig hierher verschlagen hat, vielleicht sogar mit dem verwegenen Hintergedanken, das System zu unterwandern, was sich allerdings bald als unverhältnismäßig mühselig erweist und in ihm die Sehnsucht nach Latein und Philosophie und Oberstufenrealgymnasium weckt.
Auf die lern-und entwicklungspsychologische Dimension kann man sowieso keine Rücksicht nehmen, bei der Betriebswirtschaftlichen Diplomarbeit müssen sie dann alles können, 5 fette Wälzer, in BWL und in RW intus haben, und wenn sich jeder normale 15 bis 19jährige rein entwicklungspsychologisch gesehen hundertmal für alles andere mehr interessiert als für das Auswendig-Lernen von INCO-Terms. Hilft alles nichts.
Und über die weltanschauliche und politische Dimension, über die sollte ich wohl auch lieber den Mantel des Schweigens breiten, den im BWL und Rechnungswesen-Unterricht züchtet man bekanntlich unmündige, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschneiderte, neokonservative Arbeitsdrohnen heran, bei denen man nur hoffen kann, das die Geisteswissenschaften das Schlimmste wieder ausbügeln.
Ganz schön deprimierend.
Besonders, wenn man Wirtschaftspädagogik studiert mit dem festen Vorsatz, später auch zu unterrichten. Wie ich zum Beispiel. (Was soll ich meinen Schülern sagen? – „Ob ihr nun Rädchen sein wollt oder Sand, es schadet nicht, das Getriebe zu kennen.“ Kann ich das tun?)
Völlige unberücksichtig gelassen habe ich aber bisher die ästhetische Dimension. Die ästhetische Dimension des Rechnungswesen nämlich.
Ich werde nie den Moment vergessen, als ich mein erstes Hauptbuch abgeschlossen habe. Es war in der 1. HAK, im Sommersemester, wir konnten schon so allerhand verbuchen und ich saß im Garten, im Schatten des Apfelbaumes seit Stunden bei dieser Hausübung, und die Schatten der Apfelbaumblätter warfen ein lustiges Muster auf die Tischdecke.
Nun stellt sich natürlich die Frage, warum man Schüler eigenhändig Hauptbücher ausfüllen lässt. Die Aufgabe hat genau gar keinen Praxiswert, jeder noch so kleine Greißler macht das mittlerweile mit EDV und um das Prinzip von Soll-und Haben-Gleichheit zu veranschaulichen, reicht ein gelegentlich drüber gestreutes T-Konto zur Illustration einzelner Geschäftsfälle.
Meine Schüler werden später Hauptbücher ausfüllen wie die Blöden.
Denn wenn man selbst das Hauptbuch schreibt, kann man die Soll-und-Haben-Gleichheit nicht nur verstehen, man kann sie erfahren.
Ist es eine sinnvolle Erfahrung?
Nicht unbedingt. Das händische Ausfüllen von Hauptbüchern ist vielmehr eine ziemlich sinnfreie Angelegenheit. Und ich verwende „sinnfrei“ und nicht „sinnlos“, und ich verwende „sinnfrei“ nicht als ironischen Euphemismus. Die Abwesenheit von Sinn kann eine Freiheit sein. Manchmal liegt die Schönheit im Zweck, und manchmal beginnt sie dort, wo der Zweck endet.
Das Übertragen von Buchungssätzen ins Hauptbuch, das Übertragen der Salden in die Abschlusstabelle – das alles fordert natürlich nicht gerade den Intellekt. (Dafür um so mehr die Konzentration.) Ziemlich stumpfsinnig jedenfalls, das Ganze. Man könnte auch sagen: meditativ.
Überdies kann es einem zu ganz eigenen Sensationen verhelfen. Ich sage nur: die Spannung beim Bilden der letzen Summe – ein einziger Ziffernsturz irgendwo in diesen Zahlenkolonnen und das ganze Gebäude bricht zusammen – Adrenalin pur! Man muss natürlich auch Gefallen daran finden können, wie Ziffern feinsäuberlich über die Blätter wandern, die Beträge sich teilen und von Konto zu ziehen, um plötzlich da und dort wieder als Ganzes aufzutauchen, wie sie sich allmählich alle Zeilen erobern, aufaddieren und absubtrahieren, aufsplittern und zusammenströmen, auftürmen und aufheben bis schließlich, endlich, der große Moment kommt: Wird es sich ausgehen? Und ja, wenn man alles richtig gemacht hat – das ist die Schönheit der Ordnung, die Schönheit dieses Systems, dass man alles richtig gemacht haben kann – wird es sich ausgehen. Es geht sich aus. Summengleichheit. Soll-und-Haben. Alles hebt sich auf.
Das hat was Metaphysisches.
Und diese Erfahrung des „Sich-Ausgehens“, die kann man meiner Meinung nach in der Form nur mit Hauptbuchabschlüssen machen. Ist es nun eine wichtige Erfahrung? Eine, die einen intellektuell und emotional weiterbringt?
Nö.
Aber schön ist es schon.