Die Fremde
Verfasst: 31.05.2005, 11:06
Die Fremde
Finster schien das Haus sie anzustarren. Blasse, leere Fensterscheiben. Unverzagt schritt die Fremde dennoch voran und der dunkle Hauseingang verschluckte sie. In ihrem Zimmer im dritten Stockwerk angekommen erfreute sie sich des sicheren Geschmacks ihrer Eltern, die es sich nicht hatten nehmen lassen, dieses bis zu ihrem Einzug wohnlich einzurichten, ohne dass sie dabei zugegen sein durfte. Das war geschehen in den besten Absichten der Überraschung (sie war ein geliebtes Kind) und ihr Vater, ein wohlhabender und angesehener Arzt, hatte alles unternommen, um seiner Tochter den Umzug in die fremde Stadt so angenehm als möglich zu gestalten. Sogar einen Blumenstrauß, der ihr gleich bei ihrem Eintritt ins Zimmer auffiel und ihr giftigrot entgegenstarrte, war als Willkommensgruß auf den dunkelbraunen Schreibtisch gestellt worden. Neue, ihr unbekannte Möbel standen schweigend in den Ecken des Zimmers. Um nichts hatte sie sich kümmern müssen.
Mit diesem Tag also sollte ihr Leben in Selbstständigkeit beginnen, gleich am nächsten Tag würde sie die ersten Vorlesungen der Psychologie besuchen. Angesichts dieser Verän¬derungen in ihrem Leben vermeinte sie, nun eigentlich Aufregung, vielleicht sogar etwas wie Vorfreude oder Euphorie verspüren zu müssen – indes, sie fühlte sich nüchtern und ruhig. Sie setzte sich in einen der beiden dunkelroten Sessel, in dessen Bequemlichkeit sie so tief einsank, dass sie zunächst glaubte, er wolle sie ganz in sich aufsaugen; dann aber gefiel ihr das Gefühl, von ihm rundum geborgen zu sein und sie blickte über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster. Innerhalb der wenigen Minuten seit sie das Haus betreten hatte, war draussen ein dichter Nebel aufgestiegen, der ihr den Eindruck vermittelte, sie sei gänzlich isoliert von der Außenwelt, nur das matte Licht einer Straßenlampe, das immer noch irgendwo von weit her bis zu ihr hindurchdrang, zerstörte diese Illusion.
Sie dachte an ihre Mutter und daran, wie schwer es ihr gefallen war, die Tochter gehen zu lassen. Sie würde jetzt bestimmt sehr alleine sein in dem großen, altertümlichen Gutshaus, das der Vater vor zwei Jahren gekauft hatte. Das Mädchen überkam plötzlich ein unbekanntes Gefühl der Einsamkeit und Angst, sie stürmte hinaus aus dem Zimmer in die abendliche Dunkelheit und durchwanderte im strömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, die Stadt. Dicke Regentropfen durchdrangen ihre Kleidung, ihr dunkles, lockiges Haar; und die nasse Kälte und die Ausdruckslosigkeit ihres margeren blassen Gesichtes ähnelten so sehr dem Anblick einer Wasserleiche, dass manche Passanten tatsächlich die Straße wechselten, wenn sie sie erblickten.
Erst mitten in der Nacht kehrte sie am ganzen Leib zitternd zurück. Nachdem sie das Haus betreten hatte, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und sie floh, erschreckt von dem dumpfen, lauten Geräusch, die Treppen hinauf. Sie schloss die Zimmertür hinter sich zweimal ab, riss sich die nassen Kleider vom Körper, warf sie nachlässig auf den Boden und hastete ins Bett. Es verging keine Minute ehe sie erschöpft einschlief.
In der Nacht wachte sie einmal auf, weil sie schlecht geträumt hatte. Sie war gefangen gewesen in einer kahlen hellblauen Ebene. In ihrer Mitte hatte auf dem einzigen kleinen Hügel weit und breit ein alter Mann gestanden und ihr aus hellen grauen Augen die Freuden der Einsamkeit verkündet. Dann hatte er sich plötzlich in Luft aufgelöst und auf der Suche nach ihm war sie den Hügel hinauf geeilt. Als sie dort aber angekommen war, öffnete sich unter ihren Füßen der Boden und sie fiel in Schwärze. Von irgendwoher erklang das Hohngelächter des Alten.
Danach schlief sie bald wieder ein und erwachte erst am nächsten Morgen. Verursacht wahrscheinlich durch ihren abendlichen Ausflug in Kälte und Regen, hatte ein hohes Fieber Besitz von ihr ergriffen, das es ihr unmöglich machte, das Haus zu verlassen: die Universität würde warten müssen. Sie rief ihre Mutter an und berichtete ihr mit kränklich-heiserer Stimme von ihrem Zustand. Als die Mutter von dem nächtlichen Spaziergang erfuhr, schimpfte sie die Tochter wegen ihres unbedachten Handelns, gab ihr dann aber sogleich hilfreiche Ratschläge zur baldigen Genesung, die das Mädchen dankbar annahm. Mit freundlichen Grüßen an den Vater beendete sie das Gespräch.
Sie ging hinüber in die kleine Küche und setzte einen Tee auf. Sie ging zurück ins Bett und schaltete den Fernseher an. Sie schaltete ihn wieder aus und nahm ein Buch zur Hand. Auch das legte sie nach wenigen Sätzen beiseite und starrte auf dem Rücken liegend die Deckenlampe an, die neben einem großen, rostigen Haken hing, der zu einem nicht erkennbaren Zweck - wahrscheinlich vom Vormieter - in das Holz geschlagen worden war. Wie Blei lag die Bettdecke auf ihrer Brust und drohte sie zu ersticken. Schwitzend warf das Mädchen sie von sich und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Alles an ihrem Körper schien zu kleben, sie bekam Angst, ihre Gliedmaßen könnten mit ihm zusammenwachsen, bis sie sich nicht mehr bewegen könnte und sie hilflos und ausgeliefert daläge.
Von draußen drang kein Laut ins Zimmer und das einzige Geräusch, das zu vernehmen war, war das unablässige Ticken des Weckers auf dem Nachttisch. Sie schlief mehrmals ein an diesem Tag, befand sich ansonsten beständig in einem trüben Dämmerzustand, war kaum einer Regung fähig. Sie wünschte sich nach Hause, wo die Mutter und die Haushälterin sich gewiss um sie gesorgt und sie mit guter Unterhaltung und dem leckersten Essen aufzuheitern gewusst hätten. Ausgerechnet jetzt, zum ersten Mal auf sich alleine gestellt, musste sie krank werden. Aber sie war jetzt schließlich auch selbst für ihre Gesundheit verantwortlich. Zuhause hätte ihre Mutter nie erlaubt, bei solch schlechtem Wetter das Haus zu verlassen.
Der Morgen und der Nachmittag vergingen, schleichend verrannen die Minuten auf dem Zifferblatt des Weckers, wurden zu bedeutungslosen Zahlen inmitten eines kreiselnden, wirbelnden Zeitgefüges, das mit beständiger Sicherheit immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte, um den eintönigen Ablauf ein um das andere Mal zu wiederholen. Der Kopf des Mädchens wurde heißer und heißer, ganze Bäche bunten Schweißes rannen von ihrer hohen Stirn. Wände und Decke schienen sich zu verschieben, begannen, sich auf sie zu zu bewegen, nahmen ihr schon jetzt die Luft zum Atmen und riefen ein nie gekanntes Gefühl der Pein in ihrer Brust hervor. Flackernde Schatten wurden zu den bösen Fabelwesen ihrer Kindheit, zogen die grünen Augen des Mädchens in ihren Bann und lähmten ihren Blick.
So lag sie lange da, als ob draussen die Welt ihren ruhigen Gang nähme und Generation um Generation aufblühte, welkte und endlich in den verdienten Untergang gerissen würde. Nur mit eiserner Willenskraft und getrieben von namenloser instinktiver Furcht gelang es ihr schließlich, sich aus ihrer Starre zu lösen. Nichts hielt sie jetzt mehr. Von Verzweiflung getrieben sprang sie auf und rötlich-gelber Schwindel umfiel sie. Da war kein Funken eines Gefühls mehr in ihrem Leib. Schlaff hingen die Arme zu ihren Seiten herab, die Beine gaben widerstandslos unter ihr nach. Sie stürzte auf den Boden und kam zwischen Wand und Bett zum Liegen. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf, gegen ihr Schicksal aufbäumend, und schlug den Kopf mit den schweißigen, strähnigen Haaren, die ihr ungebändigt ins Gesicht fielen, so fest sie konnte gegen die Wand. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Endlich drang wieder ein Gefühl zu ihr durch, ein pochender Schmerz zwar, nichtsdestotrotz ein Gefühl, das sich von vorne nach hinten in ihrem ganzen Schädel ausbreitete. Ein dünnes rotes Rinnsal lief über ihre Stirn, über ihre Nase und tropfte behutsam auf das Parkett. - Wenigstens hatten ihr die Schläge gegen die Wand die Kontrolle über ihren eigenen Körper wiedergegeben, in einem Maße, das ausreichte, um sich an der Bettkante emporzuziehen und aufzustehen. Beinahe nackt wie sie war, nur bekleidet mit einem Nachthemd, stolperte sie aus der Wohnungstür. So schnell sie konnte, eilte sie die Treppe hinab ohne einer Menschenseele zu begegnen und stürzte hinaus ins Freie, wo sie gierig die kalte, feuchte Luft einsaugte. Sie musste weg von hier, musste diesem elenden Zustand entrinnen.
Sie warf einen Blick zurück auf das düstere Haus, das ihr Zuhause hatte werden sollen, dann drehte sie sich um und floh durch die Stadt. Wie bereits am Tag zuvor, war sie schon bald vom Regen völlig durchnässt, stolperte orientierungs- und gedankenlos durch fremde Straßen und enge Gassen, vorbei an Häuserfassaden, die sich wie zornige, graue Ungeheuer über ihrem Kopfe zu neigen schienen und ihr drohende Flüche entgegenschleuderten. Ihre Augen nahmen dumpfes Neonlicht und riesige Plakatwände wahr und hinter jedem Fenster glotzten seelenlose Fratzen. Gebückte menschliche Kreaturen, hohle Stirnen und Augenhöhlen, aufgeworfene grelle Nutten, alles im Anschein der Biederkeit und des guten Anstands, eine Welt vortäuschend, wie sie niemals gewesen war, wie sie niemals sein würde, traumgetäuscht, lügenverzerrt, dem Verfall preisgegeben. Dabei Sklavenromantik heuchelnd, das gezückte Messer stets hinter lächelndem Mund verborgen. Oh, wie sie diese Welt leidete, welch unsäglicher Hass begann in der Fiebernden aufzulodern, nun da sie sehend war. Wie unsäglich stark schwoll der Wille zu zerstören, zu vernichten, in ihr an, wie sehr verabscheute sie mit einem Mal ihre Eltern, die es gewagt hatten, sie isoliert in einem weißen Raum der Stille, der Isolation, der Behütetheit und der Lüge aufwachsen zu lassen, sie fernhaltend vom Schmerz und Leid der Seins. Ihr war, als ob sie viele Jahre von innen heraus verschimmelt sei, plötzlich wollte sie alles von sich wegwerfen, was ihr bisher bekannt und vertraut gewesen, wollte ausspeien, was sie bisher genährt, ausbluten, was sie bisher geglaubt hatte. Ihre Haut wollte sie sich in Fetzen vom Leibe reißen, ihren Schmerz und ihre Wut in das All hinausschleudern. Verrotten sollte, was sie bis zu diesem Tage war, alles an ihr war würdig, für immer unterzugehen.
Mit einem Male wurde ihr Kopf klarer, das Fieber schien ihr nun überwunden. Eine freudige Erregung ergriff Besitz von ihr und in ihrem Nachthemd eilte sie, die Genesene, gegen den Wind an, lief zurück in ihr neues Zimmer, während der Hagel ihr seine harten Körner gegen den Kopf hämmerte und die wenigen Passanten, die ihr begegneten, gesenkten Hauptes die Straßenseite wechselten. Angekommen und das finstere Gebäude keines Blickes würdigend, stürmte sie durch die Eingangstür und flog die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf, das ihrer - nun aller Macht beraubt - wehrlos entgegenharrte. Doch sie würde keine Gnade walten lassen, plötzlich befreit würde sie Rache nehmen für all die an ihr begangenen Untaten. Den giftigroten Blumenstrauß mit den Rosen riss sie heftig aus der Vase, so dass diese vom Tisch glitt und am Boden zerschellte. Mit beiden Händen brach sie unter Anstrengung die Stengel entzwei und ein Dorn blieb tief in ihrer Handfläche stecken. Das Telefon warf sie durch das Fenster, nie wieder sollte sie mit ihren Eltern reden müssen, alle Erinnerungen und Möglichkeiten des Kontaktes sollten getilgt werden. Sie zerriss das Familienbild auf dem Nachttisch in kleine Fetzen und ließ sie zu Boden fallen, mit den bloßen Fäusten schlug sie gegen den Spiegel, bis er endlich zersplitterte, sie war ihres eigenen Anblicks, ihrer aussagelos geformten blassen Maske überdrüssig, all den darunter verborgen quellenden Ekel und Abschaum, all den Eiter und Gestank, all die Lügen und das lüsternfleischige Sie-Selbst wollte sie nun leben und es jedem, der ihr begegnete ins Gesicht schleudern...
Noch bis in die Morgenstunden wütete sie weiter, bis andere Mieter des Hauses, gestört in ihrer nächtlichen Ruhe, entnervt und aufgebracht die Polizei riefen. Als diese eintraf, fand sie die Fremde aufgehängt an einem Haken über dem Bett schwebend: ihr ganzer Körper kotverschmiert.
Finster schien das Haus sie anzustarren. Blasse, leere Fensterscheiben. Unverzagt schritt die Fremde dennoch voran und der dunkle Hauseingang verschluckte sie. In ihrem Zimmer im dritten Stockwerk angekommen erfreute sie sich des sicheren Geschmacks ihrer Eltern, die es sich nicht hatten nehmen lassen, dieses bis zu ihrem Einzug wohnlich einzurichten, ohne dass sie dabei zugegen sein durfte. Das war geschehen in den besten Absichten der Überraschung (sie war ein geliebtes Kind) und ihr Vater, ein wohlhabender und angesehener Arzt, hatte alles unternommen, um seiner Tochter den Umzug in die fremde Stadt so angenehm als möglich zu gestalten. Sogar einen Blumenstrauß, der ihr gleich bei ihrem Eintritt ins Zimmer auffiel und ihr giftigrot entgegenstarrte, war als Willkommensgruß auf den dunkelbraunen Schreibtisch gestellt worden. Neue, ihr unbekannte Möbel standen schweigend in den Ecken des Zimmers. Um nichts hatte sie sich kümmern müssen.
Mit diesem Tag also sollte ihr Leben in Selbstständigkeit beginnen, gleich am nächsten Tag würde sie die ersten Vorlesungen der Psychologie besuchen. Angesichts dieser Verän¬derungen in ihrem Leben vermeinte sie, nun eigentlich Aufregung, vielleicht sogar etwas wie Vorfreude oder Euphorie verspüren zu müssen – indes, sie fühlte sich nüchtern und ruhig. Sie setzte sich in einen der beiden dunkelroten Sessel, in dessen Bequemlichkeit sie so tief einsank, dass sie zunächst glaubte, er wolle sie ganz in sich aufsaugen; dann aber gefiel ihr das Gefühl, von ihm rundum geborgen zu sein und sie blickte über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster. Innerhalb der wenigen Minuten seit sie das Haus betreten hatte, war draussen ein dichter Nebel aufgestiegen, der ihr den Eindruck vermittelte, sie sei gänzlich isoliert von der Außenwelt, nur das matte Licht einer Straßenlampe, das immer noch irgendwo von weit her bis zu ihr hindurchdrang, zerstörte diese Illusion.
Sie dachte an ihre Mutter und daran, wie schwer es ihr gefallen war, die Tochter gehen zu lassen. Sie würde jetzt bestimmt sehr alleine sein in dem großen, altertümlichen Gutshaus, das der Vater vor zwei Jahren gekauft hatte. Das Mädchen überkam plötzlich ein unbekanntes Gefühl der Einsamkeit und Angst, sie stürmte hinaus aus dem Zimmer in die abendliche Dunkelheit und durchwanderte im strömenden Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, die Stadt. Dicke Regentropfen durchdrangen ihre Kleidung, ihr dunkles, lockiges Haar; und die nasse Kälte und die Ausdruckslosigkeit ihres margeren blassen Gesichtes ähnelten so sehr dem Anblick einer Wasserleiche, dass manche Passanten tatsächlich die Straße wechselten, wenn sie sie erblickten.
Erst mitten in der Nacht kehrte sie am ganzen Leib zitternd zurück. Nachdem sie das Haus betreten hatte, fiel die Tür hinter ihr ins Schloss und sie floh, erschreckt von dem dumpfen, lauten Geräusch, die Treppen hinauf. Sie schloss die Zimmertür hinter sich zweimal ab, riss sich die nassen Kleider vom Körper, warf sie nachlässig auf den Boden und hastete ins Bett. Es verging keine Minute ehe sie erschöpft einschlief.
In der Nacht wachte sie einmal auf, weil sie schlecht geträumt hatte. Sie war gefangen gewesen in einer kahlen hellblauen Ebene. In ihrer Mitte hatte auf dem einzigen kleinen Hügel weit und breit ein alter Mann gestanden und ihr aus hellen grauen Augen die Freuden der Einsamkeit verkündet. Dann hatte er sich plötzlich in Luft aufgelöst und auf der Suche nach ihm war sie den Hügel hinauf geeilt. Als sie dort aber angekommen war, öffnete sich unter ihren Füßen der Boden und sie fiel in Schwärze. Von irgendwoher erklang das Hohngelächter des Alten.
Danach schlief sie bald wieder ein und erwachte erst am nächsten Morgen. Verursacht wahrscheinlich durch ihren abendlichen Ausflug in Kälte und Regen, hatte ein hohes Fieber Besitz von ihr ergriffen, das es ihr unmöglich machte, das Haus zu verlassen: die Universität würde warten müssen. Sie rief ihre Mutter an und berichtete ihr mit kränklich-heiserer Stimme von ihrem Zustand. Als die Mutter von dem nächtlichen Spaziergang erfuhr, schimpfte sie die Tochter wegen ihres unbedachten Handelns, gab ihr dann aber sogleich hilfreiche Ratschläge zur baldigen Genesung, die das Mädchen dankbar annahm. Mit freundlichen Grüßen an den Vater beendete sie das Gespräch.
Sie ging hinüber in die kleine Küche und setzte einen Tee auf. Sie ging zurück ins Bett und schaltete den Fernseher an. Sie schaltete ihn wieder aus und nahm ein Buch zur Hand. Auch das legte sie nach wenigen Sätzen beiseite und starrte auf dem Rücken liegend die Deckenlampe an, die neben einem großen, rostigen Haken hing, der zu einem nicht erkennbaren Zweck - wahrscheinlich vom Vormieter - in das Holz geschlagen worden war. Wie Blei lag die Bettdecke auf ihrer Brust und drohte sie zu ersticken. Schwitzend warf das Mädchen sie von sich und wälzte sich unruhig im Bett hin und her. Alles an ihrem Körper schien zu kleben, sie bekam Angst, ihre Gliedmaßen könnten mit ihm zusammenwachsen, bis sie sich nicht mehr bewegen könnte und sie hilflos und ausgeliefert daläge.
Von draußen drang kein Laut ins Zimmer und das einzige Geräusch, das zu vernehmen war, war das unablässige Ticken des Weckers auf dem Nachttisch. Sie schlief mehrmals ein an diesem Tag, befand sich ansonsten beständig in einem trüben Dämmerzustand, war kaum einer Regung fähig. Sie wünschte sich nach Hause, wo die Mutter und die Haushälterin sich gewiss um sie gesorgt und sie mit guter Unterhaltung und dem leckersten Essen aufzuheitern gewusst hätten. Ausgerechnet jetzt, zum ersten Mal auf sich alleine gestellt, musste sie krank werden. Aber sie war jetzt schließlich auch selbst für ihre Gesundheit verantwortlich. Zuhause hätte ihre Mutter nie erlaubt, bei solch schlechtem Wetter das Haus zu verlassen.
Der Morgen und der Nachmittag vergingen, schleichend verrannen die Minuten auf dem Zifferblatt des Weckers, wurden zu bedeutungslosen Zahlen inmitten eines kreiselnden, wirbelnden Zeitgefüges, das mit beständiger Sicherheit immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte, um den eintönigen Ablauf ein um das andere Mal zu wiederholen. Der Kopf des Mädchens wurde heißer und heißer, ganze Bäche bunten Schweißes rannen von ihrer hohen Stirn. Wände und Decke schienen sich zu verschieben, begannen, sich auf sie zu zu bewegen, nahmen ihr schon jetzt die Luft zum Atmen und riefen ein nie gekanntes Gefühl der Pein in ihrer Brust hervor. Flackernde Schatten wurden zu den bösen Fabelwesen ihrer Kindheit, zogen die grünen Augen des Mädchens in ihren Bann und lähmten ihren Blick.
So lag sie lange da, als ob draussen die Welt ihren ruhigen Gang nähme und Generation um Generation aufblühte, welkte und endlich in den verdienten Untergang gerissen würde. Nur mit eiserner Willenskraft und getrieben von namenloser instinktiver Furcht gelang es ihr schließlich, sich aus ihrer Starre zu lösen. Nichts hielt sie jetzt mehr. Von Verzweiflung getrieben sprang sie auf und rötlich-gelber Schwindel umfiel sie. Da war kein Funken eines Gefühls mehr in ihrem Leib. Schlaff hingen die Arme zu ihren Seiten herab, die Beine gaben widerstandslos unter ihr nach. Sie stürzte auf den Boden und kam zwischen Wand und Bett zum Liegen. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf, gegen ihr Schicksal aufbäumend, und schlug den Kopf mit den schweißigen, strähnigen Haaren, die ihr ungebändigt ins Gesicht fielen, so fest sie konnte gegen die Wand. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Endlich drang wieder ein Gefühl zu ihr durch, ein pochender Schmerz zwar, nichtsdestotrotz ein Gefühl, das sich von vorne nach hinten in ihrem ganzen Schädel ausbreitete. Ein dünnes rotes Rinnsal lief über ihre Stirn, über ihre Nase und tropfte behutsam auf das Parkett. - Wenigstens hatten ihr die Schläge gegen die Wand die Kontrolle über ihren eigenen Körper wiedergegeben, in einem Maße, das ausreichte, um sich an der Bettkante emporzuziehen und aufzustehen. Beinahe nackt wie sie war, nur bekleidet mit einem Nachthemd, stolperte sie aus der Wohnungstür. So schnell sie konnte, eilte sie die Treppe hinab ohne einer Menschenseele zu begegnen und stürzte hinaus ins Freie, wo sie gierig die kalte, feuchte Luft einsaugte. Sie musste weg von hier, musste diesem elenden Zustand entrinnen.
Sie warf einen Blick zurück auf das düstere Haus, das ihr Zuhause hatte werden sollen, dann drehte sie sich um und floh durch die Stadt. Wie bereits am Tag zuvor, war sie schon bald vom Regen völlig durchnässt, stolperte orientierungs- und gedankenlos durch fremde Straßen und enge Gassen, vorbei an Häuserfassaden, die sich wie zornige, graue Ungeheuer über ihrem Kopfe zu neigen schienen und ihr drohende Flüche entgegenschleuderten. Ihre Augen nahmen dumpfes Neonlicht und riesige Plakatwände wahr und hinter jedem Fenster glotzten seelenlose Fratzen. Gebückte menschliche Kreaturen, hohle Stirnen und Augenhöhlen, aufgeworfene grelle Nutten, alles im Anschein der Biederkeit und des guten Anstands, eine Welt vortäuschend, wie sie niemals gewesen war, wie sie niemals sein würde, traumgetäuscht, lügenverzerrt, dem Verfall preisgegeben. Dabei Sklavenromantik heuchelnd, das gezückte Messer stets hinter lächelndem Mund verborgen. Oh, wie sie diese Welt leidete, welch unsäglicher Hass begann in der Fiebernden aufzulodern, nun da sie sehend war. Wie unsäglich stark schwoll der Wille zu zerstören, zu vernichten, in ihr an, wie sehr verabscheute sie mit einem Mal ihre Eltern, die es gewagt hatten, sie isoliert in einem weißen Raum der Stille, der Isolation, der Behütetheit und der Lüge aufwachsen zu lassen, sie fernhaltend vom Schmerz und Leid der Seins. Ihr war, als ob sie viele Jahre von innen heraus verschimmelt sei, plötzlich wollte sie alles von sich wegwerfen, was ihr bisher bekannt und vertraut gewesen, wollte ausspeien, was sie bisher genährt, ausbluten, was sie bisher geglaubt hatte. Ihre Haut wollte sie sich in Fetzen vom Leibe reißen, ihren Schmerz und ihre Wut in das All hinausschleudern. Verrotten sollte, was sie bis zu diesem Tage war, alles an ihr war würdig, für immer unterzugehen.
Mit einem Male wurde ihr Kopf klarer, das Fieber schien ihr nun überwunden. Eine freudige Erregung ergriff Besitz von ihr und in ihrem Nachthemd eilte sie, die Genesene, gegen den Wind an, lief zurück in ihr neues Zimmer, während der Hagel ihr seine harten Körner gegen den Kopf hämmerte und die wenigen Passanten, die ihr begegneten, gesenkten Hauptes die Straßenseite wechselten. Angekommen und das finstere Gebäude keines Blickes würdigend, stürmte sie durch die Eingangstür und flog die Treppen zu ihrem Zimmer hinauf, das ihrer - nun aller Macht beraubt - wehrlos entgegenharrte. Doch sie würde keine Gnade walten lassen, plötzlich befreit würde sie Rache nehmen für all die an ihr begangenen Untaten. Den giftigroten Blumenstrauß mit den Rosen riss sie heftig aus der Vase, so dass diese vom Tisch glitt und am Boden zerschellte. Mit beiden Händen brach sie unter Anstrengung die Stengel entzwei und ein Dorn blieb tief in ihrer Handfläche stecken. Das Telefon warf sie durch das Fenster, nie wieder sollte sie mit ihren Eltern reden müssen, alle Erinnerungen und Möglichkeiten des Kontaktes sollten getilgt werden. Sie zerriss das Familienbild auf dem Nachttisch in kleine Fetzen und ließ sie zu Boden fallen, mit den bloßen Fäusten schlug sie gegen den Spiegel, bis er endlich zersplitterte, sie war ihres eigenen Anblicks, ihrer aussagelos geformten blassen Maske überdrüssig, all den darunter verborgen quellenden Ekel und Abschaum, all den Eiter und Gestank, all die Lügen und das lüsternfleischige Sie-Selbst wollte sie nun leben und es jedem, der ihr begegnete ins Gesicht schleudern...
Noch bis in die Morgenstunden wütete sie weiter, bis andere Mieter des Hauses, gestört in ihrer nächtlichen Ruhe, entnervt und aufgebracht die Polizei riefen. Als diese eintraf, fand sie die Fremde aufgehängt an einem Haken über dem Bett schwebend: ihr ganzer Körper kotverschmiert.