Paulas Depressionen
Verfasst: 03.06.2005, 11:02
Paulas Depressionen
Paulas Depressionen feierten ihren zwölften Geburtstag. So ungefähr wenigstens, ein genaues Datum ließ sich im Nachhinein nicht mehr so ganz genau bestimmen – schon gar nicht von Paula selbst, die nichts von dem Jubiläum ihrer kleinen Mitbewohner wusste – und hätte man sie von Selbigem unterrichtet, so hätte sie das Ganze wohl als lächerlich abgetan.
Folglich hatte sie also auch keinen Kuchen gebacken, keine pessimistischen Geschenke besorgt und natürlich auch keine Gäste eingeladen, die ihren Depressionen hätte gratulieren können. Wahrscheinlich aber ist diese konsequente Ignoranz gerade das, was sich alle Depressionen insgeheim zu ihrem Geburtstag wünschen, denn gerade das Nichtbeachtetwerden liefert ihnen einen ganz hervorragenden Vorwand, stillschweigend in sich selbst aufzugehen, in wehmütigen Erinnerungen zu versinken und sich in menschenverachtenden Betrachtungen der Außenwelt zu ergehen.
Das aber hätten Paulas Depressionen sich selbst niemals eingestanden, denn das wäre schließlich in höchstem Maße kontraproduktiv gewesen, Selbsterkenntnis hätte sie irgendwie sinnlos und überflüssig erscheinen lassen und sich somit selbst aufgehoben – nein, Paulas Depressionen waren auf ihre Irrationalität angewiesen, diese war für sie genauso lebensnotwendig wie für Paula die Luft zum Atmen.
Nichtsdestotrotz hatten Paula und ihre Depressionen mit der Zeit gelernt, sich einen Körper zu teilen und sich leidlich miteinander zu arrangieren.
Zu Beginn hatte es zwischen den beiden eine Menge Probleme gegeben – ganz wie ein menschliches Baby hatten die damals noch jungen Depressionen ständig gequengelt, um Aufmerksamkeit zu erheischen, ihre Daseinsberechtigung einzufordern und letztendlich ging es vor allem auch darum, von Paula als eigenständiger Teil ihres Innenlebens anerkannt zu werden. Wer oder was genau ihr Vater war, der-, die-, oder dasjenige also, der, die oder das den Samen der Depression in Paulas Inneres gesät hatte, war mit der Zeit unklar geworden und selbst Paula konnte sich nicht mehr an ihn oder sie oder es erinnern; fest steht nur, dass diese Angelegenheit von Paula als ziemlich peinlich empfunden worden war, denn andererseits hätte sie wohl ihre Depressionen der Außenwelt gegenüber nicht so konsequent verleugnet und sich beharrlich geweigert, ihre Existenz zu akzeptieren.
Irgendwann waren die Kleinen dann aber groß und stark genug gewesen, um Paula von Selbiger zu überzeugen, und eines einsamen Abends rebellierten ihre Depressionen so voll vom Übermut der Jugend, dass sich Paula ihrer nicht mehr erwehren konnte und die Erkenntnis überkam sie siedendheiß, lief als kalter Schauer ihren Rücken hinunter, gelangte dann auf unerklärlichen Umwegen plötzlich in ihr Gehirn, und das alles kam so unverhofft und heftig, dass sie ihren Mund nicht mehr daran hindern konnte, die Worte „Mein Gott, sie existieren – ich habe Depressionen!“ laut auszurufen, woraufhin sie sich erst mal erschrocken die Hand vor den Mund schlug, was aber gar nicht notwendig gewesen wäre, denn sie war schließlich ganz alleine und auch Freunde besaß sie, nebenbei bemerkt, keinen einzigen.
Fest stand auf jeden Fall, dass sich das Verhalten ihren Depressionen gegenüber ändern musste, und so begann Paula, sich sehr intensiv mit diesen zu beschäftigen, als diese etwa ein knappes halbes Jahr bei ihr weilten. Dieser Veränderungsprozess verlangte einerseits eine strikt schwarze Kleidung, düstere Musik und die Auseinandersetzung mit Nietzsche, Schopenhauer und dergleichen Gesellen, andererseits wurde auch die Zeit, die sie ganz alleine mit sich und ihren neuen Freunden verbrachte, immer mehr.
Dies alles war natürlich genau nach dem Geschmack ihrer Depressionen, die allmählich begannen, sich Paula, jede für sich, ganz persönlich vorzustellen, und in Paulas Gehirn begann sich ganz langsam der Glaube zu manifestieren, sie sei schizophren – was ihr aber auch nicht weiter schlimm erschien.
Es waren insgesamt fünf Persönlichkeiten, zwischen denen Paula zu differenzieren lernte: da war einmal natürlich Paula, die in etwa ihrem früheren Selbstverständnis von ihr selbst glich. Die vier Depressionen trugen die Namen Rainer, Otto, Lou und Klara, die alle sehr unterschiedliche Charakterzüge besaßen, aber mit Ausnahme der Namen hatte Paula bis zu deren zwölften Geburtstag alles verdrängt, was sie einmal über ihre Bewohner gewusst hatte. Auch vergessen hatte sie, dass sich zwischen ihr und den anderen schon sehr bald ein heftiges Liebesverhältnis entwickelt hatte, und alle fünf sich schließlich feierlich geschworen hatten, den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen und den Kontakt zur Außenwelt so weit als möglich abzubrechen, denn sie waren sich selbst genug. Natürlich mussten sie ab und zu mal einkaufen gehen, um sich ernähren zu können, und gemeinsam standen sie auch die schweren, langwierigen Besuche von Paulas Eltern durch, die auch nur ertragen wurden, weil sie von diesen finanziell abhängig waren. (Nebenbei sei noch angemerkt, dass man nicht davon sprechen kann, dass das gemeinsame Leben der fünf auch nur bei einem von ihnen glückhafte Gefühle hervorgerufen hätte, denn eine glückliche Depression würde sich schließlich selbst hinfällig und überflüssig machen; vielmehr wussten alle Beteiligten tief in ihrem Innersten, dass sie irgendwie miteinander verbunden waren und niemand von ihnen, nicht einmal Paula, alleine lebensfähig gewesen wäre. Obwohl diese Form der Koexistenz vielleicht das intimste Band ist, das zwischen Individuen überhaupt geknüpft werden kann, war das Verhältnis der fünf zueinander wohl am besten mit dem Begriff „Zweckgemeinschaft“ zu beschreiben.)
Die übrige Zeit wurde es ihnen nicht langweilig, zu fünft in Paulas Bett zu liegen, zu kuscheln und lange Gespräche über den Tod zu führen. Rainer, Otto, Lou und Klara waren im Übrigen ohnehin von der Idee begeistert, möglichst bald zu sterben, und nur Paula war da etwas anderer Ansicht, was zu langen Diskussionen und zum ersten Mal in ihrer noch jungen Beziehung auch zu Streit führte.
Sie beschlossen also, nach den Prinzipien der Demokratie über ihren kollektiven Selbstmord abzustimmen. Nach einer geheimen Wahl kam es schließlich wie es kommen musste: vier Pro- und eine Contrastimme. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es wohl Paula gewesen, die dagegen votiert hatte, aber da sie noch nie eine große Kämpferin und Individualistin gewesen war, und ihr von ihren Eltern gepredigt worden war, sich Mehrheitsbeschlüssen zu beugen, fügte sie sich auch diesmal widerstandslos der getroffenen Entscheidung.
Also hatte sie kurz darauf ein Küchenmesser in die Hand genommen und damit begonnen, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wobei die anderen sie mit Wohlwollen und guten Ratschlägen unterstützten, und genaue Anweisungen gaben, wie und wo Paula genau schneiden musste, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.
Schließlich war das Werk vollendet, Paulas Blut lief in Strömen über ihr Bett, und hätten ihre vier Freunde nicht plötzlich zu kichern begonnen, dann wäre sie wohl kurz darauf in eine neue und unbekannte Ebene ihres Bewusstseins vorgedrungen, oder aber hätte, einer anderen Theorie zufolge, ihrer Wiedergeburt entgegengestrebt, oder auch schlicht und einfach aufgehört zu existieren.
Tatsächlich kam es Paula so vor, als hätten Rainer, Otto, Lou und Klara begonnen, hämisch zu kichern, und sie damit auszulachen, zu verhöhnen, und für einen Moment glaubte Paula ernsthaft, ihre Freunde wollten ihr schaden und sich ihrer entledigen – man darf aber nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass Paulas Wahrnehmung in diesem Moment höchst subjektiv gewesen ist und stattdessen überlegen, ob ihre Depressionen sich nicht vielleicht nur in Erwartung des gemeinschaftlichen Todes freuten und also aus lauter Vorfreude zu lachen begonnen hatten.
Wie dem auch sei – es kam letztlich dazu, dass Paula blutüberströmt aus ihrer Wohnung lief und draußen auf der Straße zusammenbrach.
Dort wurde sie dann von zwei Passanten, einem glücklichen, jungen Liebespärchen gefunden, und schnellstmöglich in das nächste Krankenhaus gebracht, wo sie mittels einiger Nadelstiche und einer Reihe von Bluttransfusionen dem beinahe schon erreichten Zustand des Todes entrissen, und langsam wiederhergestellt wurde.
Als sie wieder zu sich kam und gewohnheitsmäßig mit ihren Depressionen reden wollte, wurde Paula bald klar, dass diese ihren Fehltritt nicht verziehen, und das einstmals tiefe Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den anderen ein für alle Mal zerstört war.
Von den Ärzten dazu gezwungen, musste Paula sich fortan einer langen und schmerzhaften psychiatrischen Behandlung unterziehen. Der genaue Ablauf der Therapie soll an dieser Stelle nicht dargestellt werden, wichtig ist nur, dass Paula sich zunehmends von der eigentümlichen Idee des behandelnden Psychiaters überzeugen ließ, Rainer, Otto, Lou und Klara existierten überhaupt nicht real, und irgendwann (es dauerte etwa drei Jahre) vertrat auch Paula mit Nachdruck diese abstruse Position. – Konkret sah das so aus, dass sie mit der Zeit lernte, die mittlerweile sehr bösen und aufgebrachten Stimmen ihrer Depressionen zu ignorieren, die Gefallen daran gefunden hatten, Paula in einem vierstimmigen Chor (Sopran, Alt, Tenor und Bass) ohne Unterlass zu beleidigen. Aber – wie bereits erwähnt – irgendwann hatte sich Paula so sehr an die nimmermüden Quälgeister gewöhnt, dass sie ihr gar nicht mehr auffielen, und ihr Psychiater hatte sie dann auch noch glauben gemacht, die Depressionen bestünden gar nicht mehr.
So fühlte Paula sich dann geheilt, beendete ihr Studium, bekam eine gute Stelle und ein ordentliches Gehalt, ja, zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie sogar einen richtigen Freundeskreis und gesellschaftliche Anerkennung – ihren Depressionen jedoch entsann sie sich kaum mehr, sie hatte sie beinahe gänzlich vergessen und glaubte nicht mehr im Geringsten an sie.
Paulas Depressionen aber waren alleine gelassen worden, und ihre Wut, Einsamkeit und Trauer hatten sie schnell altern lassen; und so saßen Rainer, Otto, Lou und Klara an ihrem zwölften Geburtstag alleine zusammen und gaben sich, unbeachtet von der Außenwelt, dem Trübsal hin, wissend, dass sie ihren Tod und ihre Ruhe nun erst finden würden, wenn Paula, ihr Wirt, eines natürlichen Todes stürbe – und dieses Wissen um ihre unglückselige Zukunft machte sie vielleicht zu depressiveren und überzeugenderen Depressionen, als sie es jemals zuvor gewesen waren.
Paulas Depressionen feierten ihren zwölften Geburtstag. So ungefähr wenigstens, ein genaues Datum ließ sich im Nachhinein nicht mehr so ganz genau bestimmen – schon gar nicht von Paula selbst, die nichts von dem Jubiläum ihrer kleinen Mitbewohner wusste – und hätte man sie von Selbigem unterrichtet, so hätte sie das Ganze wohl als lächerlich abgetan.
Folglich hatte sie also auch keinen Kuchen gebacken, keine pessimistischen Geschenke besorgt und natürlich auch keine Gäste eingeladen, die ihren Depressionen hätte gratulieren können. Wahrscheinlich aber ist diese konsequente Ignoranz gerade das, was sich alle Depressionen insgeheim zu ihrem Geburtstag wünschen, denn gerade das Nichtbeachtetwerden liefert ihnen einen ganz hervorragenden Vorwand, stillschweigend in sich selbst aufzugehen, in wehmütigen Erinnerungen zu versinken und sich in menschenverachtenden Betrachtungen der Außenwelt zu ergehen.
Das aber hätten Paulas Depressionen sich selbst niemals eingestanden, denn das wäre schließlich in höchstem Maße kontraproduktiv gewesen, Selbsterkenntnis hätte sie irgendwie sinnlos und überflüssig erscheinen lassen und sich somit selbst aufgehoben – nein, Paulas Depressionen waren auf ihre Irrationalität angewiesen, diese war für sie genauso lebensnotwendig wie für Paula die Luft zum Atmen.
Nichtsdestotrotz hatten Paula und ihre Depressionen mit der Zeit gelernt, sich einen Körper zu teilen und sich leidlich miteinander zu arrangieren.
Zu Beginn hatte es zwischen den beiden eine Menge Probleme gegeben – ganz wie ein menschliches Baby hatten die damals noch jungen Depressionen ständig gequengelt, um Aufmerksamkeit zu erheischen, ihre Daseinsberechtigung einzufordern und letztendlich ging es vor allem auch darum, von Paula als eigenständiger Teil ihres Innenlebens anerkannt zu werden. Wer oder was genau ihr Vater war, der-, die-, oder dasjenige also, der, die oder das den Samen der Depression in Paulas Inneres gesät hatte, war mit der Zeit unklar geworden und selbst Paula konnte sich nicht mehr an ihn oder sie oder es erinnern; fest steht nur, dass diese Angelegenheit von Paula als ziemlich peinlich empfunden worden war, denn andererseits hätte sie wohl ihre Depressionen der Außenwelt gegenüber nicht so konsequent verleugnet und sich beharrlich geweigert, ihre Existenz zu akzeptieren.
Irgendwann waren die Kleinen dann aber groß und stark genug gewesen, um Paula von Selbiger zu überzeugen, und eines einsamen Abends rebellierten ihre Depressionen so voll vom Übermut der Jugend, dass sich Paula ihrer nicht mehr erwehren konnte und die Erkenntnis überkam sie siedendheiß, lief als kalter Schauer ihren Rücken hinunter, gelangte dann auf unerklärlichen Umwegen plötzlich in ihr Gehirn, und das alles kam so unverhofft und heftig, dass sie ihren Mund nicht mehr daran hindern konnte, die Worte „Mein Gott, sie existieren – ich habe Depressionen!“ laut auszurufen, woraufhin sie sich erst mal erschrocken die Hand vor den Mund schlug, was aber gar nicht notwendig gewesen wäre, denn sie war schließlich ganz alleine und auch Freunde besaß sie, nebenbei bemerkt, keinen einzigen.
Fest stand auf jeden Fall, dass sich das Verhalten ihren Depressionen gegenüber ändern musste, und so begann Paula, sich sehr intensiv mit diesen zu beschäftigen, als diese etwa ein knappes halbes Jahr bei ihr weilten. Dieser Veränderungsprozess verlangte einerseits eine strikt schwarze Kleidung, düstere Musik und die Auseinandersetzung mit Nietzsche, Schopenhauer und dergleichen Gesellen, andererseits wurde auch die Zeit, die sie ganz alleine mit sich und ihren neuen Freunden verbrachte, immer mehr.
Dies alles war natürlich genau nach dem Geschmack ihrer Depressionen, die allmählich begannen, sich Paula, jede für sich, ganz persönlich vorzustellen, und in Paulas Gehirn begann sich ganz langsam der Glaube zu manifestieren, sie sei schizophren – was ihr aber auch nicht weiter schlimm erschien.
Es waren insgesamt fünf Persönlichkeiten, zwischen denen Paula zu differenzieren lernte: da war einmal natürlich Paula, die in etwa ihrem früheren Selbstverständnis von ihr selbst glich. Die vier Depressionen trugen die Namen Rainer, Otto, Lou und Klara, die alle sehr unterschiedliche Charakterzüge besaßen, aber mit Ausnahme der Namen hatte Paula bis zu deren zwölften Geburtstag alles verdrängt, was sie einmal über ihre Bewohner gewusst hatte. Auch vergessen hatte sie, dass sich zwischen ihr und den anderen schon sehr bald ein heftiges Liebesverhältnis entwickelt hatte, und alle fünf sich schließlich feierlich geschworen hatten, den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen und den Kontakt zur Außenwelt so weit als möglich abzubrechen, denn sie waren sich selbst genug. Natürlich mussten sie ab und zu mal einkaufen gehen, um sich ernähren zu können, und gemeinsam standen sie auch die schweren, langwierigen Besuche von Paulas Eltern durch, die auch nur ertragen wurden, weil sie von diesen finanziell abhängig waren. (Nebenbei sei noch angemerkt, dass man nicht davon sprechen kann, dass das gemeinsame Leben der fünf auch nur bei einem von ihnen glückhafte Gefühle hervorgerufen hätte, denn eine glückliche Depression würde sich schließlich selbst hinfällig und überflüssig machen; vielmehr wussten alle Beteiligten tief in ihrem Innersten, dass sie irgendwie miteinander verbunden waren und niemand von ihnen, nicht einmal Paula, alleine lebensfähig gewesen wäre. Obwohl diese Form der Koexistenz vielleicht das intimste Band ist, das zwischen Individuen überhaupt geknüpft werden kann, war das Verhältnis der fünf zueinander wohl am besten mit dem Begriff „Zweckgemeinschaft“ zu beschreiben.)
Die übrige Zeit wurde es ihnen nicht langweilig, zu fünft in Paulas Bett zu liegen, zu kuscheln und lange Gespräche über den Tod zu führen. Rainer, Otto, Lou und Klara waren im Übrigen ohnehin von der Idee begeistert, möglichst bald zu sterben, und nur Paula war da etwas anderer Ansicht, was zu langen Diskussionen und zum ersten Mal in ihrer noch jungen Beziehung auch zu Streit führte.
Sie beschlossen also, nach den Prinzipien der Demokratie über ihren kollektiven Selbstmord abzustimmen. Nach einer geheimen Wahl kam es schließlich wie es kommen musste: vier Pro- und eine Contrastimme. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es wohl Paula gewesen, die dagegen votiert hatte, aber da sie noch nie eine große Kämpferin und Individualistin gewesen war, und ihr von ihren Eltern gepredigt worden war, sich Mehrheitsbeschlüssen zu beugen, fügte sie sich auch diesmal widerstandslos der getroffenen Entscheidung.
Also hatte sie kurz darauf ein Küchenmesser in die Hand genommen und damit begonnen, sich die Pulsadern aufzuschneiden, wobei die anderen sie mit Wohlwollen und guten Ratschlägen unterstützten, und genaue Anweisungen gaben, wie und wo Paula genau schneiden musste, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.
Schließlich war das Werk vollendet, Paulas Blut lief in Strömen über ihr Bett, und hätten ihre vier Freunde nicht plötzlich zu kichern begonnen, dann wäre sie wohl kurz darauf in eine neue und unbekannte Ebene ihres Bewusstseins vorgedrungen, oder aber hätte, einer anderen Theorie zufolge, ihrer Wiedergeburt entgegengestrebt, oder auch schlicht und einfach aufgehört zu existieren.
Tatsächlich kam es Paula so vor, als hätten Rainer, Otto, Lou und Klara begonnen, hämisch zu kichern, und sie damit auszulachen, zu verhöhnen, und für einen Moment glaubte Paula ernsthaft, ihre Freunde wollten ihr schaden und sich ihrer entledigen – man darf aber nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass Paulas Wahrnehmung in diesem Moment höchst subjektiv gewesen ist und stattdessen überlegen, ob ihre Depressionen sich nicht vielleicht nur in Erwartung des gemeinschaftlichen Todes freuten und also aus lauter Vorfreude zu lachen begonnen hatten.
Wie dem auch sei – es kam letztlich dazu, dass Paula blutüberströmt aus ihrer Wohnung lief und draußen auf der Straße zusammenbrach.
Dort wurde sie dann von zwei Passanten, einem glücklichen, jungen Liebespärchen gefunden, und schnellstmöglich in das nächste Krankenhaus gebracht, wo sie mittels einiger Nadelstiche und einer Reihe von Bluttransfusionen dem beinahe schon erreichten Zustand des Todes entrissen, und langsam wiederhergestellt wurde.
Als sie wieder zu sich kam und gewohnheitsmäßig mit ihren Depressionen reden wollte, wurde Paula bald klar, dass diese ihren Fehltritt nicht verziehen, und das einstmals tiefe Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den anderen ein für alle Mal zerstört war.
Von den Ärzten dazu gezwungen, musste Paula sich fortan einer langen und schmerzhaften psychiatrischen Behandlung unterziehen. Der genaue Ablauf der Therapie soll an dieser Stelle nicht dargestellt werden, wichtig ist nur, dass Paula sich zunehmends von der eigentümlichen Idee des behandelnden Psychiaters überzeugen ließ, Rainer, Otto, Lou und Klara existierten überhaupt nicht real, und irgendwann (es dauerte etwa drei Jahre) vertrat auch Paula mit Nachdruck diese abstruse Position. – Konkret sah das so aus, dass sie mit der Zeit lernte, die mittlerweile sehr bösen und aufgebrachten Stimmen ihrer Depressionen zu ignorieren, die Gefallen daran gefunden hatten, Paula in einem vierstimmigen Chor (Sopran, Alt, Tenor und Bass) ohne Unterlass zu beleidigen. Aber – wie bereits erwähnt – irgendwann hatte sich Paula so sehr an die nimmermüden Quälgeister gewöhnt, dass sie ihr gar nicht mehr auffielen, und ihr Psychiater hatte sie dann auch noch glauben gemacht, die Depressionen bestünden gar nicht mehr.
So fühlte Paula sich dann geheilt, beendete ihr Studium, bekam eine gute Stelle und ein ordentliches Gehalt, ja, zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie sogar einen richtigen Freundeskreis und gesellschaftliche Anerkennung – ihren Depressionen jedoch entsann sie sich kaum mehr, sie hatte sie beinahe gänzlich vergessen und glaubte nicht mehr im Geringsten an sie.
Paulas Depressionen aber waren alleine gelassen worden, und ihre Wut, Einsamkeit und Trauer hatten sie schnell altern lassen; und so saßen Rainer, Otto, Lou und Klara an ihrem zwölften Geburtstag alleine zusammen und gaben sich, unbeachtet von der Außenwelt, dem Trübsal hin, wissend, dass sie ihren Tod und ihre Ruhe nun erst finden würden, wenn Paula, ihr Wirt, eines natürlichen Todes stürbe – und dieses Wissen um ihre unglückselige Zukunft machte sie vielleicht zu depressiveren und überzeugenderen Depressionen, als sie es jemals zuvor gewesen waren.