Tauben sind wie Ratten
Verfasst: 22.06.2005, 21:44
1
Ich saß im Freibad, zupfte an meinem Handtuch und versuchte in eine andere Richtung, als die meiner Mutter zu schauen. Hin und wieder entfuhr meiner Mutter ein nicht zu ortendes Gelächter, das die gesamte Vogelwelt im Bad aufscheuchte. Zuerst ein leiser gurrender Ton, dann ein Laut, als ob jemand über eine Rasierklinge gesprungen sei. Die Enten und Tauben flogen auf und flüchteten sich in das kühle Wasser des Pools.
Mit einem Seitenblick erhaschte ich, wie meine Mutter in der Schamgegend mit ihren Fingern puhlte. Plötzlich ein Dröhnen und ein Erzählgewitter prasselte auf mich herab.
„Das ist die dritte Warze, die in diesem Sommer abgefallen ist.“
Ständig wiederholte sie diesen Satz. Stereotyp und monoton.
War er denn so wichtig? Gab es nicht noch andere Dinge im Leben, als Warzen und Gelächter?
Ich kruschtelte in der Badetasche und stopfte ihr sogleich ein fettes Stück Melone in den Mund. Ein Moment war Ruhe und sie kaute wie ein sabberndes Tier. War es nicht schrecklich peinlich neben einer Mutter zu sitzen, die so fett war, daß sie aufrecht nichteinmal ihre Füße sah?
Irgendetwas war falsch mit meiner Mutter. Hatte ich sie nicht heute morgen am Telefon belauscht:
„Ich habe heute nacht wieder nicht geschlafen. Ich springe jetzt aus dem Fenster.“
Ehrlich gesagt, ins Fäustchen habe ich mich gelacht. Wie sollte wohl dieser Fettkloß aus dem Fenster springen?
2
Beim Abendbrot fuhr mir die Mutter über den Mund, ich solle gefälligst anständig essen. Ich fand jedoch nur ein paar Krümmel neben meinem Teller. Ich stand auf und schaltete im Wohnzimmer den Fernseher ein. Meine Mutter kam kurz darauf hinterher, schaltete den Fernseher aus und machte das Radio an. Wie wild tanzte sie im Wohnzimmer herum, so als ob sie eine Hornisse gestochen hätte. Ich schaute auf die Massen von Fett, die sich zwischen Radio und Fernseher hin und her bewegten. Sprachlos saß ich auf meiner Stuhlkante.
3
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem steifen Glied. Nicht das erste Mal. Ich traute mich jedoch nicht, das Ungeheuer anzufassen. Schnell versteckte ich mich auf der Toilette und pinkelte. Das komische Gefühl verging. Als ich aus der Toilette trat, suchte ich nach meiner Mutter. Sie war weg, wie vom Erdboden verschluckt. Schließlich kam mir die Idee aus dem Fenster zu schauen. Ich sah zuerst nur Tauben, die wie Ratten auf dem Dach herumkrochen. Dann guckte ich nach unten. Ein riesiger Fettfleck. Ich schloß das Fenster und studierte die Buchrücken meiner Mutter. An jenem Tag beschloß ich, Schriftsteller zu werden.
Ich saß im Freibad, zupfte an meinem Handtuch und versuchte in eine andere Richtung, als die meiner Mutter zu schauen. Hin und wieder entfuhr meiner Mutter ein nicht zu ortendes Gelächter, das die gesamte Vogelwelt im Bad aufscheuchte. Zuerst ein leiser gurrender Ton, dann ein Laut, als ob jemand über eine Rasierklinge gesprungen sei. Die Enten und Tauben flogen auf und flüchteten sich in das kühle Wasser des Pools.
Mit einem Seitenblick erhaschte ich, wie meine Mutter in der Schamgegend mit ihren Fingern puhlte. Plötzlich ein Dröhnen und ein Erzählgewitter prasselte auf mich herab.
„Das ist die dritte Warze, die in diesem Sommer abgefallen ist.“
Ständig wiederholte sie diesen Satz. Stereotyp und monoton.
War er denn so wichtig? Gab es nicht noch andere Dinge im Leben, als Warzen und Gelächter?
Ich kruschtelte in der Badetasche und stopfte ihr sogleich ein fettes Stück Melone in den Mund. Ein Moment war Ruhe und sie kaute wie ein sabberndes Tier. War es nicht schrecklich peinlich neben einer Mutter zu sitzen, die so fett war, daß sie aufrecht nichteinmal ihre Füße sah?
Irgendetwas war falsch mit meiner Mutter. Hatte ich sie nicht heute morgen am Telefon belauscht:
„Ich habe heute nacht wieder nicht geschlafen. Ich springe jetzt aus dem Fenster.“
Ehrlich gesagt, ins Fäustchen habe ich mich gelacht. Wie sollte wohl dieser Fettkloß aus dem Fenster springen?
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Beim Abendbrot fuhr mir die Mutter über den Mund, ich solle gefälligst anständig essen. Ich fand jedoch nur ein paar Krümmel neben meinem Teller. Ich stand auf und schaltete im Wohnzimmer den Fernseher ein. Meine Mutter kam kurz darauf hinterher, schaltete den Fernseher aus und machte das Radio an. Wie wild tanzte sie im Wohnzimmer herum, so als ob sie eine Hornisse gestochen hätte. Ich schaute auf die Massen von Fett, die sich zwischen Radio und Fernseher hin und her bewegten. Sprachlos saß ich auf meiner Stuhlkante.
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Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem steifen Glied. Nicht das erste Mal. Ich traute mich jedoch nicht, das Ungeheuer anzufassen. Schnell versteckte ich mich auf der Toilette und pinkelte. Das komische Gefühl verging. Als ich aus der Toilette trat, suchte ich nach meiner Mutter. Sie war weg, wie vom Erdboden verschluckt. Schließlich kam mir die Idee aus dem Fenster zu schauen. Ich sah zuerst nur Tauben, die wie Ratten auf dem Dach herumkrochen. Dann guckte ich nach unten. Ein riesiger Fettfleck. Ich schloß das Fenster und studierte die Buchrücken meiner Mutter. An jenem Tag beschloß ich, Schriftsteller zu werden.