Nachbarinnen
Verfasst: 06.09.2005, 15:14
Nachbarinnen
1.)
Vor der Wohnungstür küsst Kess ihre Kerle immer. Da hat Kess sie vorher schon tausend Mal geküsst, auf der Tanzfläche, im Taxi, auf den Mund, auf den Nacken – wie es sich ergibt; hinter der Tür ergibt sich dann auch einiges, Kess guckt gern, was sich ergibt. Der Kuss vor der Wohnungstür jedoch ist gewiss. Es ist also nicht gerade so wie in den Filmen, in denen sie sich nach dem ersten Date hinter weißen Zäunen bang in die Augen blicken, mit den Füßen scharen und zaghaft die Köpfchen vorstrecken – eher so, dass Kess sich den Kerl krallt und los legt. Das heißt: Besonders viel Krallen ist nicht nötig; meistens hat sie ihn da schon geschickt bei der Hand, weil sie sich gerade gegenseitig keuchend und kichernd die Treppe hochgeschleppt haben, aneinander gestützt und noch nicht voneinander gelöst, was sich so bald auch nicht empfiehlt, aus dem wenig romantischen Grund, dass er allein vermutlich umfallen würde. Kess selbst vielleicht auch, obwohl sie in diesen Momenten nicht selten lauter als betrunken ist. Beim Küssen hat sie die Augen geschlossen, aber so leidenschaftlich kann der Kuss gar nicht sein, dass sie nicht zumindest einmal blinzelt.
Das eine Mal Blinzeln aber reicht, um das Echsenauge zu sehen, wie es aus dem Türspalt gegenüber hervorlugt. Hervor blitzt. Böse.
Kess schließt die Augen wieder und legt einen Gang zu; die Rose, die er ihr gekauft hat, wird dabei arg in Mitleidenschaft gezogen.
Schau, die arme Rose, sagt er, hättest sie dir nicht aufheben wollen?
Geh, lacht Kess, was mach ich mit vertrockneten Rosen?
Kess hebt nichts auf; Kerzen zündet sie an, Lebekuchenherzen vertilgt sie sofort, und wenn da hundert Mal steht "Ich liebe dich". Kess mag nichts, was Staub fängt.
Ein Rosenblatt fällt zu Boden, eine Tür ins Schloss. Eine zweite auch.
Als Kess das erste Mal in das Echsenauge geblickt hat, ist es ihr noch durch Mark und Bein gegangen, durch die wiederverschlossenen Lider, durch beide Türen, durch ihren Schlaf, in ihren Traum. Der böse Blick, wenn Blick töten könnten, was man eben so sagt – Kess verstand es plötzlich. Die nächsten Male bemühte sie sich, leise zu sein; flüstern wirkt auch sexy, manchmal – aber alte Menschen haben oft einen leichten Schlaf. Selbst wenn Kess auf Zehenspitzen, selbst wenn sie mit angehaltenem Atem – und wozu überhaupt? Warum bitte, sollte Kess sich scheren, was die Echse – na, aber sicher nicht! Seither: Kuss vor der Tür mit Ganzkörpereinsatz, so, dass man den anderen spürt, überall, von Sodom bis Gomorrah. So und nicht anders, denkt Kess, damit du was zum Schauen hast.
2.)
Tannenzapfen, Wurzeln, Vogelbeeren, Getreide, Rittersporn, Mohnkapseln, ausgestorbene Wespennester - alles selbst gesammelt. Liebevoll arrangiert in Terrakottatöpfen, Pokalen, am liebsten in Weidenkörbchen, selbst geflochten, nicht aus dem Bastelshop. So wenig wie möglich aus dem Bastelshop, das ist ihr Stolz. Höchstens den Draht. Denn die Spindelbergerin verwendet mit Vorliebe solche Trockenblumen, deren Stiele zu spröde sind für ein lockeres Zusammenbinden; die Blumen müssen daher einzeln festgedrahtet werden. Ihre Gestecke sind die schönsten. Sie macht alles selbst, manchmal sogar die Blumen. Rosen, Nelken, Kornblumen kann sie häkeln. Sie häkelt gerne vor dem Fernseher, aber noch lieber vor dem Fenster. Besseres Licht. Bessere Show. Das hier wird sie, wenn es fertig ist, der Hedi ins Altersheim bringen. Damit sie wenigsten ein bisschen eine Freude hat, die Arme. Das nächste wird dann wieder fürs Grab. Die meisten werden fürs Grab. Das Grab ist das vom Herrn Spindelberger. Der Herr Spindelberger ist der Vater. (Eine Frau Spindelberger liegt da auch, aber es ist kein Zweifel, wem das Grab gehört – sie hat es quasi nur vorgewärmt.)
Die Echse: die Alte, die Spindelbergerin. Kess präzisiert: der Waran. Wie der im Biologie-Kammerl, das Glanzstück in Eckers Sammlung; nur in der Weihnachtsstunde hat er es her gezeigt. Mit 11 hätte sich Kess fast davor gefürchtet. Sah so lebendig aus, lebendiger jedenfalls als das Exemplar von gegenüber, war aber mit Holzwolle ausgestopft. In jungen Jahren sind sie schlank und wendig, hat der Ecker erklärt, klettern der Beute auf die Bäume nach, erst im Alter werden sie so fett und verlegen sich aufs Lauern. Und die Holzwolle passt auch. Kess kann sich nichts anderes vorstellen hinter der Spindelbergerbrust.
Aber hinter der eigenen Brust! Ha! Tobt und braust und stürmt und wuchert, weiß der Teufel nicht, was alles. Und jetzt gerade ist ihr da leichter als Luft. Helium? Sie fühlt sich wie ein Luftballon, und zwar wie ein knallroter, sie wundert sich selbst, dass sie den Boden berührt, als sie über den Hof geht, auf dem Weg zu ihm. Sie stellt sich vor, dass sie gleich aufsteigen müsste, das steht sie gerade unter dem Spindelbergerfenster und sie sieht sich an der Spindelbergerin vorbeischweben, die sicher dahinter sitzt und herrlich blöd schaut. Und wenn sie als Luftballon eine Zunge hätte, dann würde sie die herausstrecken, so erhebend kindisch ist ihr zu Mute.
Die Spindelbergerin sitzt wirklich hinter dem Fenster. Sie lächelt zufrieden. Na bitte, sagt sie zum Hansi, ich habs ja gesagt. Gelt, Hansi, hab ich nichts gesagt? Tempelhüpfen kommt wieder. Sie schenkt dem Kreiderasta auf dem Pflaster den zärtlichen Blick, den sonst nur der Kanarienvogel erntet. Zu ihrer Zeit war die Spindelbergerin eine begnadete Tempel-Hüpferin. Ja, die goldene Kinderzeit. Wie das im Spiel versinken kann, so ein Kind, da können die Erwachsenen noch etwas lernen. Alles vergessen sie im Spiel, die lieben Kleinen. Der Feldschlager-Bub auch, der hat, sieht sie gerade, seinen Roller draußen stehen lassen. Der Feldschlager selbst war heute schon früh unterwegs, er hat wieder eine Arbeit, scheint's. Die Spindelbergerin freut sich für ihn. Sie wird der Hedi davon erzählen, aber die Hedi nimmt ja an gar nichts mehr Anteil. Schlimm, mit der Hedi. Schlimm. Denkt die Spindelbergerin, häkelt und seufzt. Ganz genau weiß sie das noch, wie der Hedi ihre Kinder auf dem Hof gespielt haben, so reizende Kinder sind das gewesen. Aber auch die reizendsten Kinder werden erwachsen, jaja. Die Spindelbergerin mag ja die Kinder so gern, ewig schad ist es, dass sich alle immer so fürchten vor ihr. Aber irgendwer muss ja die böse Hexe sein, sagt sie sich, spielt mit und setzt ihr grimmigstes Gesicht auf für die ausgestreckten Zungen.
Kess geht über den Hof. Die Spindelbergerin blickt auf. Da schau her. Die kleine Hur.
Kinder sind unschuldig und rein. Die Jugend ist liederlich und verdorben. Man muss nur die Hedikinder anschauen: groß geworden und verdorben. Das braucht man nicht glauben, dass die sich einmal blicken ließen, bei der Mama. Aufgeopfert hat sie sich, die Hedi, aufgeopfert und der Dank? Ins Altersheim abgeschoben, nächtens niedergespritzt, tagsüber vorm Fernseher abgestellt. Und so stolz ist sie gewesen, die Hedi! Der Schorsch mit seinem eigenen Unternehmen, der Fredi, ein Studierter, ein Doktor und das Dirndel, das den Primar geheiratet hat. Und jetzt? Alle zu beschäftigt. Kein Verlass. Die Undankbarkeit der Jugend! Sie kann nicht genug angeprangert werden, aber die Spindelbergerin gibt ihr Bestes, bei jeder Gelegenheit. Als Beispiel müssen ihr immer die Hedi-Kinder her halten; eigene hat sie nicht. Wenn die Spindelbergerin loslegt mit der Undankbarkeit der Jugend, dann müssen ihre Zuhörer immer fürchten, dass sie der Hedi bald nachfolgen wird, ins Altersheim, als Pflegefall, dahingerafft vom Herzinfarkt, weil sie gar so aufgeht in ihrer Empörung. Aufgeht im Schimpfen über diese Kinder, wie die Hedi in ihrer Betreuung aufgegangen ist. Kinder, schön und gut, die Spindelbergerin liebt ja auch die Kinder, aber was die Hedi mit ihnen aufgeführt hat – die Kinder hier, die Kinder dort, und der Schorschi, und der Fredi, und die Gabi – als ob es gar nichts anderes gebe im Leben als Mutter sein, weil das ist ja erst die Erfüllung, die natürliche Bestimmung der Frau, also, der Augenblick der Geburt, das Wunder der Geburt, das ist, Traudl, das ist – aber das verstehst du ja nicht, Traudl. Doch, Hedi, dass hat die Traudl besser verstanden, als du denkst, das hat sie dir mehr geglaubt, als du dir selbst, aber ganz so, ganz so ist es auch wieder nicht, das hat sie halt auch immer gewusst und Recht hat sie gehabt, sieht man ja jetzt. Denn, schließlich, was hat es dir gebracht? Nix hat es dir gebracht, nix wie Scherereien. Und du auch, Madel, wirst dich schon noch anschaun, denkt die Spindelbergerin, wie sie der Kess nachschaut, wirst schon noch sehen, was es dir bringt. Wer kauft denn die Kuh, wenn er die Milch umsonst kriegt? Bleibt dir ja doch keiner.
Flitscherl, denkt die Spindelbergerin.
Schabracken, denkt Kess.
3.)
Und dann ist der Kess doch einer geblieben. Kess würde sagen: Ich hab mir einen behalten. So oder so, die Spindelbergerin hat es lange nicht glauben wollen, aber die Last der Beweise ist schließlich erdrückend geworden. Sein Fahrrad ist immer öfter im Hof gestanden und schließlich haben Kess und er eines Tages nicht im Suff sich selbst sondern Umzugskisten die Treppen hochgeschleppt.
Das ist natürlich ein schwerer Schlag für das Gerechtigkeitsempfinden der Spindelbergerin. Die Flitscherl lässt nichts aus, während andere ihre Pflicht tun und kranke Väter pflegen, verplempert sich, dann will der Mann doch lieber eine brave Frau und das Flitscherl bleibt über. So hat das zu laufen. Erst den Spaß und dann auch noch den Mann, das geht doch nicht. Anstand und Tugend, zählt das denn gar nichts mehr? Nein, antwortet sich die Spindelbergerin, lachen tun sie darüber. Sowas ist ja heute nicht mehr "kuhl".
Kess schreibt ihrer Freundin. Rate mal, schreibt Kess, was er gestern gemacht hat: Der Spindelbergerin hat er die Einkaufsackerl hoch getragen! Normal ist sie hin und weg, wenn das wer für sie macht, grad bei einem Mann. Oh wie nett! Oh wie reizend! So ein höflicher junger Mann! 3 Tage nachher surrts dir noch im Ohr von dem Gesäusel. Aber das hättest du hören sollen, wie sie diesmal das Danke hervorgewürgt hat. Ist schließlich mein Freund. Und das kann ja dann kein höflicher junger Mann sein. Weil einer, der sich mit so einer wie mir abgibt, das muss ja ein Wüstling sein, ein Krimineller, der mich sicher demnächst auf den Strich schickt, ein Wunder, dass er noch nicht alle ausgeraubt und das Haus abgebrannt hat.
Jetzt hockt sie wahrscheinlich in ihrer Gruft und beißt sich in den Hintern. Und er liegt da ruhig und friedlich in meinem Bett und schläft schon den Schlaf der Gerechten und weiß gar nicht, dass er heute ein Weltbild zerstört hat. Und ich?
Kess überlegt. Sie horcht in sich hinein und hört seinen Atem. Hinter ihr schläft er. Sie muss sich nur umdrehen, um zu sehen, wie sich sein Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt.
Ich bin sehr glücklich, schreibt Kess. Ich hoffe, du auch. Deine Kess.
Zum Glück gibt es nicht viel zu sagen.
Aber Glück hält nicht ewig.
4.)
Wichser! Schlagen könnte sie ihn, treten und schlagen, aber dazu müsste Kess erst einmal zu ihm hinein. Sie kann nicht. Er hat sie ausgesperrt. Aus der eigenen verdammten Scheiß-Wohnung. Als sie vor drei Stunden hinaus gestürmt ist, hat sie den Schlüssel vergessen und jetzt steht sie da. Gegen die Tür trommeln und brüllen? Und die Echse auf den Plan rufen? Niemals. Also stopft sie die Faust in die Mund und würgt den Schrei hinunter. Und sie hasst die Echse dafür, denn sie weiß, dass ihre Wut, so eingesperrt in ihr, sich bald tot laufen wird, beim gegen die Mauern Anrennen und davor hat sie Angst. Sie hat Angst vor der Verwüstung, die sichtbar wird, wenn der Sturm sich gelegt hat. Sie hat den Sturm mit Jauchzen begrüßt und sich mitreißen lassen, sie hat die Flut heraufbeschworen und sich hineingeschmissen, völlig gleichgültig, ob sie darin ersäuft oder nicht. Und sie würde immer noch achselzuckend untergehen, wenn nicht er inzwischen, wenn nicht dieser feige Hund inzwischen seine Schäfchen ins Trockene gebracht hätte. Sie aber hat alles, was sie hat, über ihm ausgeschüttet, sie war selbst die Flut, in der sie jetzt ertrinkt. Das bring auch nur ich zusammen, denkt Kess. Ihr fällt ein, dass sie, seit sie kein Kind mehr ist, nie ohne irgendwelche Männer…Irgendwelche Männer.
Kess hat die Faust längst geöffnet. Die Hände hängen hinunter, überflüssiges Fleisch. Sie muss sich anlehnen. Sie fällt in sich zusammen. Sie sinkt die Wand entlang hinunter auf den Boden.
Alles. Sie hat alles ausgeschüttet und jetzt will er es gar nicht gewollt haben. Ich habe dich nicht darum gebeten, hat er gesagt und sie wünscht sich, er wäre erstickt an den Worten. Sie fühlt sich wie eine ausgepresst Orange. Nein, wie eine Zitrone, wie eine Grapefruit, denkt Kess. Damit der Saft wenigstens wirklich sauer, wenigstens wirklich bitter schmeckt, wenn er schon das Gesicht verzieht. Sie fühlt sich ausgepresst, ausgeleert, ausgesaugt, ausgesoffen. Sie hat alles ausgeschüttet und jetzt hat sie nichts mehr. Ist sie nichts mehr. Nichts.
Kess weiß nicht, was sie tun soll. Sie kann nicht hinein, ihn hinausschmeißen. Sie kann nicht hinein, endlich schlafen. Sie kann nicht hinein. Die Tür. Sie kann nicht heulen. Die Spindelbergerin. Sie weiß nicht wohin. Sie kann nicht hinaus. Sie kann nicht mehr. Sie sitzt auf den Stufen und will nicht weinen, will sich nicht schneuzen, will nicht einmal atmen. Aber ein Wimmern hört man doch.
Die Spindelbergerin hört alles. Kess nicht. Sie erschrickt, als die Alte plötzlich hinter ihr steht.
"Habens leicht Ihren Schlüssel vergessen?", fragt die Spindelbergerin.
Kess ist schlecht von der süßlichen Stimme. Wenn sie sich umdreht, wird sie die Echsenaugen wieder blitzen sehen. Triumphierend. Kess weiß: Sie wird es nicht ertragen.
Sie steht auf.
Sie dreht sich um.
Die Echsenaugen blitzen. Kess Augen sind verquollen. Ihr Gesicht ist aufgedunsen und verklebt von Rotz und Tränen. Die Wangen sind rot gefleckt. Sie ist nichts als ein Häufchen Elend und sie weiß es. Sie wird untergehen. Aber nicht allein.
"Ja," flüstert Kess. "Ich hab den Schlüssel vergessen. Mein Freund hat mich ausgesperrt. Mein Freund will mich nicht mehr. Ist das nicht großartig? Du bist doch so neidisch. Weil die Männer mich wollen und dich nicht, siehst du, jetzt will mich meiner auch nicht mehr. Genieß es. Aber weiß du was?"
"Weißt du was?" ruft Kess. "Darum geht’s überhaupt nicht! Es geht nicht um das, was die wollen oder nicht wollen. Es geht darum, was ich will. Und ich habe es so gewollt. Wenn ich nichts mehr habe, dann weil ich das so will, weil ich nichts behalten will. Weil ich nichts aufhebe. Weil alles nur schlecht wird vom Aufheben. Verstaubt, vertrocknet, verfault, vergammelt und vermodert. Wie.."
Kess holt Luft. Sie füllt ihre Lungen für den letzten Schrei: "Wie deine verrottete Fotze!"
Die Spindelbergerin steht starr. Eine Salzsäule. Scheiße, denkt Kess. Das überlebt die nicht. Die trifft der Schlag. Ich hab sie umgebracht.
Aber die Spindelbergerin stirbt nicht. Die Spindelbergerin schaut. Sie schaut in sich hinein und sieht: Es ist wahr. Die Kleine benimmt sich natürlich unmöglich, sie ist eben verzweifelt. Sie ist verzweifelt und das macht mich glücklich, denkt die Spindelbergerin. Gewöhnlich sind die Tränen schon getrocknet, wenn ihr der Männerkummer zugetragen wird; sie weiß es nur zu gut und die Genugtuung, ohnehin nur aus zweiter Hand, ist nur die halbe. Sie kann sich nur mehr wärmen am Nachglühen eines Kummers, der sich schon wieder verzehrt hat, während der eigene Kummer beständig glimmt. Aber diese Tränen sind noch heiß. Es ist eine große Gnade, dass sie das erleben darf. Ein Geschenk. Ein tiefer Frieden erfüllt sie, wie sie ihn noch nie, bei keiner Walfahrt und bei keinem Waldspaziergang gefühlt hat. Ja. Sie genießt es.
Kess weint wieder. Weil es ihr gut tut. Die Spindelbergerin, kaum hat sie sich glücklich einen Neid eingestanden, spürt einen zweiten. Auf die Tränen. Denn sie merkt, wie sich etwas in ihr löst und herausgeschwemmt werden muss. Es ist alles wahr. Jedes Wort. Sie ist glücklich. Und wenn sie jetzt so glücklich ist, wie unglücklich muss sie sonst sein? Aber sie ist tatsächlich ganz vertrocknet, sie hat gar keine Tränen. Nicht einmal beim Begräbnis ihres Vaters hat sie geweint. Sie kann ja nicht. Sie kann.
Kess weint.
Die Spindelbergerin auch. Um eine verrotte Fotze. Um eine vermoderte Sehnsucht.
"Nix für ungut", schluchzt Kess. "Aber er ist ein Arsch und ich bin durch den Wind."
"Is schon recht", schluchzt die Spindelbergerin. "Stimmt ja eh alles."
Lichter gehen an, Türen gehen auf.
"Aber das geht ja nicht," schnieft die Spindelbergerin. "Wir können ja nicht…Was sollen denn die Nachbarn denken!"
Kess muss ziemlich lachen.
"Klärt's das woanders!" schreit jemand von unten herauf.
"Wissens was", sagt die Spindelbergerin zu Kess, "Sie kommen jetzt mit zu mir, ich mach uns einen Tee und dann richt ich Ihnen die Couch her."
Dann gehen sie zur Spindelbergerin, trinken Tee und schimpfen eine Runde über die Männer.
1.)
Vor der Wohnungstür küsst Kess ihre Kerle immer. Da hat Kess sie vorher schon tausend Mal geküsst, auf der Tanzfläche, im Taxi, auf den Mund, auf den Nacken – wie es sich ergibt; hinter der Tür ergibt sich dann auch einiges, Kess guckt gern, was sich ergibt. Der Kuss vor der Wohnungstür jedoch ist gewiss. Es ist also nicht gerade so wie in den Filmen, in denen sie sich nach dem ersten Date hinter weißen Zäunen bang in die Augen blicken, mit den Füßen scharen und zaghaft die Köpfchen vorstrecken – eher so, dass Kess sich den Kerl krallt und los legt. Das heißt: Besonders viel Krallen ist nicht nötig; meistens hat sie ihn da schon geschickt bei der Hand, weil sie sich gerade gegenseitig keuchend und kichernd die Treppe hochgeschleppt haben, aneinander gestützt und noch nicht voneinander gelöst, was sich so bald auch nicht empfiehlt, aus dem wenig romantischen Grund, dass er allein vermutlich umfallen würde. Kess selbst vielleicht auch, obwohl sie in diesen Momenten nicht selten lauter als betrunken ist. Beim Küssen hat sie die Augen geschlossen, aber so leidenschaftlich kann der Kuss gar nicht sein, dass sie nicht zumindest einmal blinzelt.
Das eine Mal Blinzeln aber reicht, um das Echsenauge zu sehen, wie es aus dem Türspalt gegenüber hervorlugt. Hervor blitzt. Böse.
Kess schließt die Augen wieder und legt einen Gang zu; die Rose, die er ihr gekauft hat, wird dabei arg in Mitleidenschaft gezogen.
Schau, die arme Rose, sagt er, hättest sie dir nicht aufheben wollen?
Geh, lacht Kess, was mach ich mit vertrockneten Rosen?
Kess hebt nichts auf; Kerzen zündet sie an, Lebekuchenherzen vertilgt sie sofort, und wenn da hundert Mal steht "Ich liebe dich". Kess mag nichts, was Staub fängt.
Ein Rosenblatt fällt zu Boden, eine Tür ins Schloss. Eine zweite auch.
Als Kess das erste Mal in das Echsenauge geblickt hat, ist es ihr noch durch Mark und Bein gegangen, durch die wiederverschlossenen Lider, durch beide Türen, durch ihren Schlaf, in ihren Traum. Der böse Blick, wenn Blick töten könnten, was man eben so sagt – Kess verstand es plötzlich. Die nächsten Male bemühte sie sich, leise zu sein; flüstern wirkt auch sexy, manchmal – aber alte Menschen haben oft einen leichten Schlaf. Selbst wenn Kess auf Zehenspitzen, selbst wenn sie mit angehaltenem Atem – und wozu überhaupt? Warum bitte, sollte Kess sich scheren, was die Echse – na, aber sicher nicht! Seither: Kuss vor der Tür mit Ganzkörpereinsatz, so, dass man den anderen spürt, überall, von Sodom bis Gomorrah. So und nicht anders, denkt Kess, damit du was zum Schauen hast.
2.)
Tannenzapfen, Wurzeln, Vogelbeeren, Getreide, Rittersporn, Mohnkapseln, ausgestorbene Wespennester - alles selbst gesammelt. Liebevoll arrangiert in Terrakottatöpfen, Pokalen, am liebsten in Weidenkörbchen, selbst geflochten, nicht aus dem Bastelshop. So wenig wie möglich aus dem Bastelshop, das ist ihr Stolz. Höchstens den Draht. Denn die Spindelbergerin verwendet mit Vorliebe solche Trockenblumen, deren Stiele zu spröde sind für ein lockeres Zusammenbinden; die Blumen müssen daher einzeln festgedrahtet werden. Ihre Gestecke sind die schönsten. Sie macht alles selbst, manchmal sogar die Blumen. Rosen, Nelken, Kornblumen kann sie häkeln. Sie häkelt gerne vor dem Fernseher, aber noch lieber vor dem Fenster. Besseres Licht. Bessere Show. Das hier wird sie, wenn es fertig ist, der Hedi ins Altersheim bringen. Damit sie wenigsten ein bisschen eine Freude hat, die Arme. Das nächste wird dann wieder fürs Grab. Die meisten werden fürs Grab. Das Grab ist das vom Herrn Spindelberger. Der Herr Spindelberger ist der Vater. (Eine Frau Spindelberger liegt da auch, aber es ist kein Zweifel, wem das Grab gehört – sie hat es quasi nur vorgewärmt.)
Die Echse: die Alte, die Spindelbergerin. Kess präzisiert: der Waran. Wie der im Biologie-Kammerl, das Glanzstück in Eckers Sammlung; nur in der Weihnachtsstunde hat er es her gezeigt. Mit 11 hätte sich Kess fast davor gefürchtet. Sah so lebendig aus, lebendiger jedenfalls als das Exemplar von gegenüber, war aber mit Holzwolle ausgestopft. In jungen Jahren sind sie schlank und wendig, hat der Ecker erklärt, klettern der Beute auf die Bäume nach, erst im Alter werden sie so fett und verlegen sich aufs Lauern. Und die Holzwolle passt auch. Kess kann sich nichts anderes vorstellen hinter der Spindelbergerbrust.
Aber hinter der eigenen Brust! Ha! Tobt und braust und stürmt und wuchert, weiß der Teufel nicht, was alles. Und jetzt gerade ist ihr da leichter als Luft. Helium? Sie fühlt sich wie ein Luftballon, und zwar wie ein knallroter, sie wundert sich selbst, dass sie den Boden berührt, als sie über den Hof geht, auf dem Weg zu ihm. Sie stellt sich vor, dass sie gleich aufsteigen müsste, das steht sie gerade unter dem Spindelbergerfenster und sie sieht sich an der Spindelbergerin vorbeischweben, die sicher dahinter sitzt und herrlich blöd schaut. Und wenn sie als Luftballon eine Zunge hätte, dann würde sie die herausstrecken, so erhebend kindisch ist ihr zu Mute.
Die Spindelbergerin sitzt wirklich hinter dem Fenster. Sie lächelt zufrieden. Na bitte, sagt sie zum Hansi, ich habs ja gesagt. Gelt, Hansi, hab ich nichts gesagt? Tempelhüpfen kommt wieder. Sie schenkt dem Kreiderasta auf dem Pflaster den zärtlichen Blick, den sonst nur der Kanarienvogel erntet. Zu ihrer Zeit war die Spindelbergerin eine begnadete Tempel-Hüpferin. Ja, die goldene Kinderzeit. Wie das im Spiel versinken kann, so ein Kind, da können die Erwachsenen noch etwas lernen. Alles vergessen sie im Spiel, die lieben Kleinen. Der Feldschlager-Bub auch, der hat, sieht sie gerade, seinen Roller draußen stehen lassen. Der Feldschlager selbst war heute schon früh unterwegs, er hat wieder eine Arbeit, scheint's. Die Spindelbergerin freut sich für ihn. Sie wird der Hedi davon erzählen, aber die Hedi nimmt ja an gar nichts mehr Anteil. Schlimm, mit der Hedi. Schlimm. Denkt die Spindelbergerin, häkelt und seufzt. Ganz genau weiß sie das noch, wie der Hedi ihre Kinder auf dem Hof gespielt haben, so reizende Kinder sind das gewesen. Aber auch die reizendsten Kinder werden erwachsen, jaja. Die Spindelbergerin mag ja die Kinder so gern, ewig schad ist es, dass sich alle immer so fürchten vor ihr. Aber irgendwer muss ja die böse Hexe sein, sagt sie sich, spielt mit und setzt ihr grimmigstes Gesicht auf für die ausgestreckten Zungen.
Kess geht über den Hof. Die Spindelbergerin blickt auf. Da schau her. Die kleine Hur.
Kinder sind unschuldig und rein. Die Jugend ist liederlich und verdorben. Man muss nur die Hedikinder anschauen: groß geworden und verdorben. Das braucht man nicht glauben, dass die sich einmal blicken ließen, bei der Mama. Aufgeopfert hat sie sich, die Hedi, aufgeopfert und der Dank? Ins Altersheim abgeschoben, nächtens niedergespritzt, tagsüber vorm Fernseher abgestellt. Und so stolz ist sie gewesen, die Hedi! Der Schorsch mit seinem eigenen Unternehmen, der Fredi, ein Studierter, ein Doktor und das Dirndel, das den Primar geheiratet hat. Und jetzt? Alle zu beschäftigt. Kein Verlass. Die Undankbarkeit der Jugend! Sie kann nicht genug angeprangert werden, aber die Spindelbergerin gibt ihr Bestes, bei jeder Gelegenheit. Als Beispiel müssen ihr immer die Hedi-Kinder her halten; eigene hat sie nicht. Wenn die Spindelbergerin loslegt mit der Undankbarkeit der Jugend, dann müssen ihre Zuhörer immer fürchten, dass sie der Hedi bald nachfolgen wird, ins Altersheim, als Pflegefall, dahingerafft vom Herzinfarkt, weil sie gar so aufgeht in ihrer Empörung. Aufgeht im Schimpfen über diese Kinder, wie die Hedi in ihrer Betreuung aufgegangen ist. Kinder, schön und gut, die Spindelbergerin liebt ja auch die Kinder, aber was die Hedi mit ihnen aufgeführt hat – die Kinder hier, die Kinder dort, und der Schorschi, und der Fredi, und die Gabi – als ob es gar nichts anderes gebe im Leben als Mutter sein, weil das ist ja erst die Erfüllung, die natürliche Bestimmung der Frau, also, der Augenblick der Geburt, das Wunder der Geburt, das ist, Traudl, das ist – aber das verstehst du ja nicht, Traudl. Doch, Hedi, dass hat die Traudl besser verstanden, als du denkst, das hat sie dir mehr geglaubt, als du dir selbst, aber ganz so, ganz so ist es auch wieder nicht, das hat sie halt auch immer gewusst und Recht hat sie gehabt, sieht man ja jetzt. Denn, schließlich, was hat es dir gebracht? Nix hat es dir gebracht, nix wie Scherereien. Und du auch, Madel, wirst dich schon noch anschaun, denkt die Spindelbergerin, wie sie der Kess nachschaut, wirst schon noch sehen, was es dir bringt. Wer kauft denn die Kuh, wenn er die Milch umsonst kriegt? Bleibt dir ja doch keiner.
Flitscherl, denkt die Spindelbergerin.
Schabracken, denkt Kess.
3.)
Und dann ist der Kess doch einer geblieben. Kess würde sagen: Ich hab mir einen behalten. So oder so, die Spindelbergerin hat es lange nicht glauben wollen, aber die Last der Beweise ist schließlich erdrückend geworden. Sein Fahrrad ist immer öfter im Hof gestanden und schließlich haben Kess und er eines Tages nicht im Suff sich selbst sondern Umzugskisten die Treppen hochgeschleppt.
Das ist natürlich ein schwerer Schlag für das Gerechtigkeitsempfinden der Spindelbergerin. Die Flitscherl lässt nichts aus, während andere ihre Pflicht tun und kranke Väter pflegen, verplempert sich, dann will der Mann doch lieber eine brave Frau und das Flitscherl bleibt über. So hat das zu laufen. Erst den Spaß und dann auch noch den Mann, das geht doch nicht. Anstand und Tugend, zählt das denn gar nichts mehr? Nein, antwortet sich die Spindelbergerin, lachen tun sie darüber. Sowas ist ja heute nicht mehr "kuhl".
Kess schreibt ihrer Freundin. Rate mal, schreibt Kess, was er gestern gemacht hat: Der Spindelbergerin hat er die Einkaufsackerl hoch getragen! Normal ist sie hin und weg, wenn das wer für sie macht, grad bei einem Mann. Oh wie nett! Oh wie reizend! So ein höflicher junger Mann! 3 Tage nachher surrts dir noch im Ohr von dem Gesäusel. Aber das hättest du hören sollen, wie sie diesmal das Danke hervorgewürgt hat. Ist schließlich mein Freund. Und das kann ja dann kein höflicher junger Mann sein. Weil einer, der sich mit so einer wie mir abgibt, das muss ja ein Wüstling sein, ein Krimineller, der mich sicher demnächst auf den Strich schickt, ein Wunder, dass er noch nicht alle ausgeraubt und das Haus abgebrannt hat.
Jetzt hockt sie wahrscheinlich in ihrer Gruft und beißt sich in den Hintern. Und er liegt da ruhig und friedlich in meinem Bett und schläft schon den Schlaf der Gerechten und weiß gar nicht, dass er heute ein Weltbild zerstört hat. Und ich?
Kess überlegt. Sie horcht in sich hinein und hört seinen Atem. Hinter ihr schläft er. Sie muss sich nur umdrehen, um zu sehen, wie sich sein Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt.
Ich bin sehr glücklich, schreibt Kess. Ich hoffe, du auch. Deine Kess.
Zum Glück gibt es nicht viel zu sagen.
Aber Glück hält nicht ewig.
4.)
Wichser! Schlagen könnte sie ihn, treten und schlagen, aber dazu müsste Kess erst einmal zu ihm hinein. Sie kann nicht. Er hat sie ausgesperrt. Aus der eigenen verdammten Scheiß-Wohnung. Als sie vor drei Stunden hinaus gestürmt ist, hat sie den Schlüssel vergessen und jetzt steht sie da. Gegen die Tür trommeln und brüllen? Und die Echse auf den Plan rufen? Niemals. Also stopft sie die Faust in die Mund und würgt den Schrei hinunter. Und sie hasst die Echse dafür, denn sie weiß, dass ihre Wut, so eingesperrt in ihr, sich bald tot laufen wird, beim gegen die Mauern Anrennen und davor hat sie Angst. Sie hat Angst vor der Verwüstung, die sichtbar wird, wenn der Sturm sich gelegt hat. Sie hat den Sturm mit Jauchzen begrüßt und sich mitreißen lassen, sie hat die Flut heraufbeschworen und sich hineingeschmissen, völlig gleichgültig, ob sie darin ersäuft oder nicht. Und sie würde immer noch achselzuckend untergehen, wenn nicht er inzwischen, wenn nicht dieser feige Hund inzwischen seine Schäfchen ins Trockene gebracht hätte. Sie aber hat alles, was sie hat, über ihm ausgeschüttet, sie war selbst die Flut, in der sie jetzt ertrinkt. Das bring auch nur ich zusammen, denkt Kess. Ihr fällt ein, dass sie, seit sie kein Kind mehr ist, nie ohne irgendwelche Männer…Irgendwelche Männer.
Kess hat die Faust längst geöffnet. Die Hände hängen hinunter, überflüssiges Fleisch. Sie muss sich anlehnen. Sie fällt in sich zusammen. Sie sinkt die Wand entlang hinunter auf den Boden.
Alles. Sie hat alles ausgeschüttet und jetzt will er es gar nicht gewollt haben. Ich habe dich nicht darum gebeten, hat er gesagt und sie wünscht sich, er wäre erstickt an den Worten. Sie fühlt sich wie eine ausgepresst Orange. Nein, wie eine Zitrone, wie eine Grapefruit, denkt Kess. Damit der Saft wenigstens wirklich sauer, wenigstens wirklich bitter schmeckt, wenn er schon das Gesicht verzieht. Sie fühlt sich ausgepresst, ausgeleert, ausgesaugt, ausgesoffen. Sie hat alles ausgeschüttet und jetzt hat sie nichts mehr. Ist sie nichts mehr. Nichts.
Kess weiß nicht, was sie tun soll. Sie kann nicht hinein, ihn hinausschmeißen. Sie kann nicht hinein, endlich schlafen. Sie kann nicht hinein. Die Tür. Sie kann nicht heulen. Die Spindelbergerin. Sie weiß nicht wohin. Sie kann nicht hinaus. Sie kann nicht mehr. Sie sitzt auf den Stufen und will nicht weinen, will sich nicht schneuzen, will nicht einmal atmen. Aber ein Wimmern hört man doch.
Die Spindelbergerin hört alles. Kess nicht. Sie erschrickt, als die Alte plötzlich hinter ihr steht.
"Habens leicht Ihren Schlüssel vergessen?", fragt die Spindelbergerin.
Kess ist schlecht von der süßlichen Stimme. Wenn sie sich umdreht, wird sie die Echsenaugen wieder blitzen sehen. Triumphierend. Kess weiß: Sie wird es nicht ertragen.
Sie steht auf.
Sie dreht sich um.
Die Echsenaugen blitzen. Kess Augen sind verquollen. Ihr Gesicht ist aufgedunsen und verklebt von Rotz und Tränen. Die Wangen sind rot gefleckt. Sie ist nichts als ein Häufchen Elend und sie weiß es. Sie wird untergehen. Aber nicht allein.
"Ja," flüstert Kess. "Ich hab den Schlüssel vergessen. Mein Freund hat mich ausgesperrt. Mein Freund will mich nicht mehr. Ist das nicht großartig? Du bist doch so neidisch. Weil die Männer mich wollen und dich nicht, siehst du, jetzt will mich meiner auch nicht mehr. Genieß es. Aber weiß du was?"
"Weißt du was?" ruft Kess. "Darum geht’s überhaupt nicht! Es geht nicht um das, was die wollen oder nicht wollen. Es geht darum, was ich will. Und ich habe es so gewollt. Wenn ich nichts mehr habe, dann weil ich das so will, weil ich nichts behalten will. Weil ich nichts aufhebe. Weil alles nur schlecht wird vom Aufheben. Verstaubt, vertrocknet, verfault, vergammelt und vermodert. Wie.."
Kess holt Luft. Sie füllt ihre Lungen für den letzten Schrei: "Wie deine verrottete Fotze!"
Die Spindelbergerin steht starr. Eine Salzsäule. Scheiße, denkt Kess. Das überlebt die nicht. Die trifft der Schlag. Ich hab sie umgebracht.
Aber die Spindelbergerin stirbt nicht. Die Spindelbergerin schaut. Sie schaut in sich hinein und sieht: Es ist wahr. Die Kleine benimmt sich natürlich unmöglich, sie ist eben verzweifelt. Sie ist verzweifelt und das macht mich glücklich, denkt die Spindelbergerin. Gewöhnlich sind die Tränen schon getrocknet, wenn ihr der Männerkummer zugetragen wird; sie weiß es nur zu gut und die Genugtuung, ohnehin nur aus zweiter Hand, ist nur die halbe. Sie kann sich nur mehr wärmen am Nachglühen eines Kummers, der sich schon wieder verzehrt hat, während der eigene Kummer beständig glimmt. Aber diese Tränen sind noch heiß. Es ist eine große Gnade, dass sie das erleben darf. Ein Geschenk. Ein tiefer Frieden erfüllt sie, wie sie ihn noch nie, bei keiner Walfahrt und bei keinem Waldspaziergang gefühlt hat. Ja. Sie genießt es.
Kess weint wieder. Weil es ihr gut tut. Die Spindelbergerin, kaum hat sie sich glücklich einen Neid eingestanden, spürt einen zweiten. Auf die Tränen. Denn sie merkt, wie sich etwas in ihr löst und herausgeschwemmt werden muss. Es ist alles wahr. Jedes Wort. Sie ist glücklich. Und wenn sie jetzt so glücklich ist, wie unglücklich muss sie sonst sein? Aber sie ist tatsächlich ganz vertrocknet, sie hat gar keine Tränen. Nicht einmal beim Begräbnis ihres Vaters hat sie geweint. Sie kann ja nicht. Sie kann.
Kess weint.
Die Spindelbergerin auch. Um eine verrotte Fotze. Um eine vermoderte Sehnsucht.
"Nix für ungut", schluchzt Kess. "Aber er ist ein Arsch und ich bin durch den Wind."
"Is schon recht", schluchzt die Spindelbergerin. "Stimmt ja eh alles."
Lichter gehen an, Türen gehen auf.
"Aber das geht ja nicht," schnieft die Spindelbergerin. "Wir können ja nicht…Was sollen denn die Nachbarn denken!"
Kess muss ziemlich lachen.
"Klärt's das woanders!" schreit jemand von unten herauf.
"Wissens was", sagt die Spindelbergerin zu Kess, "Sie kommen jetzt mit zu mir, ich mach uns einen Tee und dann richt ich Ihnen die Couch her."
Dann gehen sie zur Spindelbergerin, trinken Tee und schimpfen eine Runde über die Männer.