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Von Verpflichtungen und so

Verfasst: 12.09.2005, 11:58
von Silentium
Also, eigentlich hatte ich ja vor, den Schmarrn nie wen lesen zu lassen. Hab ihn aus einer Laune heraus zur Textwerkstatt mitgebracht und wegen einer dritten Meinung zusätzlich zu einer Meinung von jemandem, auf dessen Meinung ich viel gebe. *gramuliergramulier* Also, eigentlich ist's eher eine Herumprobiererei und also ja sowieso und...
Das Gedicht, das dauernd zitiert wird, ist nicht von mir, sondern "Das Moritat von der vergifteten Nudelsuppe" und ziemlich anonym. Mein Bruder hat als Hausübung gekriegt, das quasi vühnenmäßig adaptieren und weil ich's so lustig fand (das Gedicht jetzt) hab ich sowas für mich auch gemacht.




Nikolaus- Nach einem seltsamen Gedicht
Szenchen 1

Nikolaus steht alleine auf der Bühne. Er hält ein Blatt Papier in der Hand. Blickt auf, grinst süffisant, beginnt vorzulesen.

NIKOLAUS
Nikolaus, ein Mann aus Polen,
von Charakter hundsgemein,
liebte heimlich und verstohlen
eines Schusters Töchterlein…

Er bricht ab, legt das Blatt in der Mitte zusammen. Während er weiter spricht, faltet er einen Papierflieger.

NIKOLAUS:
Von Charakter hundsgemein…
Ich leugne es nicht. Mein Charakter ist miserabel. Ich bin eine Charaktersau. Aber es stimmt auch: ich liebte sie. Nicht: ich begehrte sie. Nicht: ich war scharf auf sie. Nicht: sie gefiel mir. Nicht: ich wollte mit ihr schlafen. Da steht: liebte.
Sie sehen den Unterschied?
Er lässt den Papierflieger ins Publikum segeln.
Black-out

Szenchen 2
Luise und Nikolaus stehen neben einander auf der Bühne, Nikolaus hat wieder ein Blatt Papier in der Hand, von dem er abliest.

NIKOLAUS: Eines Tages, als er voller Feuer,
schließen wollt den Liebesbund
und das Mädchen, das ihm teuer,
kussbereit schon vor ihm stund…
LUISE: Gewäsch.
NIKOLAUS: Stimmt.
Er lässt das Papier sinken. [/i]
LUISE: Allein das Wort ‚kussbereit’! Bereit zu küssen? Oder bereit, geküsst zu werden? ‚Kussbereit’ lässt keine Unterscheidung von Aktiv und Passiv zu.
NIKOLAUS: Das Computerlaufwerk ist bereit, bitte legen Sie eine CD-Rom ein.
LUISE: Das Flugzeug ist bereit zur Landung, bitte legen Sie ihre Sicherheitsgurte an.
NIKOLAUS: Luise ist bereit, geküsst zu werden, bitte legen Sie…
LUISE (warnend): Nikolaus.
NIKOLAUS: Ja?
LUISE: Du wirst mich töten.
NIKOLAUS: So steht es da.
Er wedelt mit dem Papier in seiner Hand.
LUISE: Warum?
NIKOLAUS: Weil es uns entsprichst. Ich bin der Böse, du das naive Opfer.
LUISE: Bin ich naiv?
NIKOLAUS: Bist du es?
LUISE: Ich denke nicht, dass ich erstochen werden möchte.
NIKOLAUS: Ich werde geköpft. Du bekommst das bessere Begräbnis. Am Verlauf kann ich nichts ändern.
LUISE: Woran denn?
NIKOLAUS: Am Motiv.
Umarmt sie, will sie küssen.
LUISE: Warte!
NIKOLAUS: Worauf?
Sie nimmt ihm den Zettel aus der Hand, liest vor.
LUISE: und das Mädchen, dass ihm teuer,
kussbereit schon vor ihm stund,
da kam der Meister rein und schrie:
„Die Luise krieg’ste nie!“
NIKOLAUS, sieht auf die Uhr : In achtzehn Sekunden.
LUISE: Siebzehn.
Sie umarmt ihn.
LUISE UND NIKOLAUS:
Sechzehn, fünfzehn, vierzehn, dreizehn, zwölf, elf, zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei…
Sie setzen zu einem Kuss an. Luises Vater stürmt auf die Bühne.
VATER: Aus! Die Luise krieg’ste nie!
Black-out.

Szenchen 3
Ein Tisch, darauf stehen zwei Teller und eine Suppenschüssel. Nikolaus kommt in Kellnerkluft herein, ein Tablett balanciert er mit einer Hand. Darauf steht ein Tellerchen mit einem kleinen Haufen weißen Pulvers darauf. In der anderen Hand hält er wieder seinen Zettel.

NIKOLAUS (vorlesend):
Nikolaus voll Wut das hörte,
war darauf ganz desperat,
fürchterliche Rache schwörte
doch sich nichts merken lassen tat.
Er lacht, wird mit einem Schlag ernst.

NIKOLAUS: Blödsinn. Rache. Warum sollte ich mich an einem Papa rächen, der auf seine Tochter aufpassen will?
Er stellt sein Tablett auf den Tisch und macht eine Geste, als würde er ein Kind in Armen wiegen.
Nein. Rache ist nicht mein Motiv. Es geht mir um Befreiung. Und außerdem…Nein! Das würden Sie nicht verstehen. Es geht mir nicht um Rache, behalten Sie das im Hinterkopf!
Liest weiter.
Er dachte still: „Das Beste is’,
du räumst da weg das Hindernis!“

Nun, das war in etwa der ungefähre Gedankengang. Aber ich betone: Rache ist nicht das Motiv.
Er legt den Zettel auf den Tisch, nimmt wieder das Tablett und präsentiert es dem Publikum.
Arsen, oder genauer: die Arsen-Sauerstoffverbindungen wie Arsenik, seit der Antike eine Geliebte der Giftmörder. Tötet nicht umwerfend schnell, ist leicht nachweisbar und doch…
Er beginnt, Suppe aus der Suppenschüssel in die Teller zu schöpfen und rezitiert dabei.
NIKOLAUS: Als auf einer kleinen Reise
sich Luischen einst befand,
schlich er in die Küche leise
wo die Nudelsuppe stand.
Legt den Schöpflöffel weg, streut großzügig Gift in beide Teller.
Er schüttete was Weißes rein-
Gott mag dem Schuster gnädig sein!

Sie fragen sich jetzt sicher: warum so primitiv? Warum gerade Arsen? Warum so offensichtlich? Sie erkennen- ich handle stereotyp, handle als die Figur, die ich bin. Ich kann nicht anders.

Der Meister und die Meisterin auf, ignorieren Nikolaus, setzen sich an den Tisch, essen.
MEISTER& MEISTERIN (monoton, desinteressiert, während dem Essen):
Mittags auf dem Tisch sie duftet
in des bied’ren Schusters Haus
Doch die Suppe war verguftet
und das tat der Nikolaus.
Herr Meister und Frau Meisterin….
NIKOLAUS: Aßen von und waren hin.
Meister und Meisterin verstummen plötzlich, starren sich an, verkrampfen sich, fallen von ihren Stühlen, zucken.
Die Meisterin stirbt, der Meister kriecht zu Nikolaus und klammert sich an sein Bein. Nikolaus macht sich von ihm los, setzt sich im Schneidersitz neben den am Boden liegenden Meister, der den Blick zu heben versucht.

NIKOLAUS (den Kopf des Meisters streichelnd): Wir kürzen das jetzt der Dramaturgie wegen, in Ordnung? Eigentlich dauert es selbst bei einer akuten Arsenvergiftung Stunden, bis das Opfer stirbt. Zuerst Übelkeit, Erbrechen und dann starker Durchfall. Der Tod tritt durch den Elektrolyt- und Wasserverlust ein. Du trocknest aus. Machen wir’s kurz?
Der Meister nickt schwach, erschaudert, stirbt. Nikolaus schließt ihm die Augen. Fast liebevoll legt er Meister und Meisterin nebeneinander und faltet ihnen die Hände über der Brust.
NIKOLAUS: Viel bleibt nicht mehr zu tun.
LUISE (auftretend, emotionslos): Nein.
NIKOLAUS: Als Luischen trat ins Zimmer,
als das ihre Augen sah’n
da rief sie in ihrem Jimmer
LUISE (weiterhin emotionslos, leise, rezitierend)
Du hast diese Tat getan!
Dich Mörder kann ich lieben nicht!
Ich zeig dich an bei dem Gericht!
NIKOLAUS: Du zeigst mich an?
LUISE: Ich muss das sagen. Das ist mein Text.
NIKOLAUS: Und ich muss dich jetzt töten. Das ist meine Rolle.
LUISE: Du sagtest, das Motiv…
NIKOLAUS : Errätst du es ?
LUISE : Du wirst mich nicht töten, weil du Angst vor einer Anzeige hast.
NIKOLAUS: Nein, das werde ich nicht. Keine Affekthandlung.
LUISE: Dein Motiv?
NIKOLAUS: Liebe, natürlich. Nicht neu, aber besser als Rache und Feigheit, oder?
LUISE: Aus Liebe stirbt es sich leichter?
NIKOLAUS: Aus Liebe tötet es sich leichter.
LUISE: Bringen wir’s hinter uns.

NIKOLAUS (rezitierend):
Nikolaus dies hört mit Grausen,
packte sie am linken Bein…
Er umarmt Luise und bringt sie zu Fall. Luise wehrt sich schwach.
NIKOAUS: Bleib liegen. Du fällst ohnehin.
Luise erstarrt. Nikolaus kniet sich nieder, zieht sie so zu sich hoch, dass ihr Rücken an seiner Brust liegt. Er legt ihr sein Schustermesser in die Hand, sie betrachtet es fasziniert.
NIKOLAUS: Unter der vierten Rippe schräg zur Mitte hin. Der Schock lässt das Herz stehen bleiben. Meistens.
Sie gibt ihm das Messer wieder, nickt.
LUISE: Also dann.
NIKOLAUS: Also dann.
(rezitierend):
und er stieß in ihren Bausen
tief sein Schustermesser rein.
Im Sitzen dreht sie sich zu ihm um, küsst ihn. Er legt einen Arm um Luises Schultern, mit der anderen Hand treibt er das Messer in ihre Brust. Luise sackt zusammen.
NIKOLAUS: Doch er entging der Strafe nicht,
er ward geköpft vor dem Gericht.
Er lässt das Messer los, umarmt sie ganz, wiegt sich mit der Leiche in den Armen hin und her.
NIKOLAUS: Egal…
Black-out.

Re: Von Verpflichtungen und so

Verfasst: 07.10.2005, 11:46
von mög
So, bevor jetzt gar niemand was dazu sagt:
Ich find das hübsch und auf jeden Fall herzeigbar.

Leider kenn ich mit Drama genau gar nicht aus, drum kann ich sonst nichts Erhellendes beitragen.

lg
mög

PS: *gramuliergramulier* klingt großartig.

Re: Von Verpflichtungen und so

Verfasst: 07.10.2005, 15:18
von Silentium
Das Verb "gramulieren" hat mein Vater in die Deutsche sprache eingeführt. Ich mag es. :-D

Re: Von Verpflichtungen und so

Verfasst: 17.10.2005, 13:39
von Eja
vielleicht bin i ja doof oder so, aber mit dem wort "gramulier" kann i nichts anfangen :-|

was heißts denn?

zum text: i hab so gelacht, als ich den zum ersten mal gelesen hab (war in nem restaurant mit rhia, sie war nikolaus und ich luise)

wollte nur noch m,al nachfragen: du hast ja den text selbst geschrieben, aber basiert der auf irgendeinem drama? oder auf einem theaterstück??

lg Eja

Re: Von Verpflichtungen und so

Verfasst: 17.10.2005, 17:49
von Silentium
Also, gramulier heißt gar nix, es wird nur Familienintern für "vor sich hinmurmeln oder im Geiste köcheln" verwendet.

Vorgegeben war das Gedicht, dass sie dauernd zitieren, "Moritat von der vergifteten Nudelsuppe". Anonymus von anno irgendwann. Aufgabe war, es irgendwie für eine Bühne umzuwurschteln.

war in nem restaurant mit rhia, sie war nikolaus und ich luise

Also, dass hätt ich jetzt gerne gehört! :-D