Dringend...
Verfasst: 13.09.2005, 01:53
Hi ihr Lieben,
Ich hab eine Bitte an euch:
ich lese kommendes Wochenende auf einer privaten Lesung, und dafür fehlt mir irgendwie noch eine passende Prosa-Geschichte. Überrumpelt von dieser Tatsache habe ich mein winziges Prosa-Repertoire durchwühlt. Den Text im Anschluss gibt es zur Hälfte schon ziemlich lange, in den letzten zwei Tagen hab ich ihn fertig gestellt. Ich würde ihn ganz gerne lesen, weil er ins Ambiente passen würde, glaube ich. Ich hab nur irgendwie keine Ahnung, ob der Text funktioniert... (z.B. von den verschiedenen Zeitebenen her) Komme gerade vom Fertigstellen, und habe Null Distanz dazu. Und wäre dementsprechend für ein rasches Feedback ungeheuer dankbar...!
Charis
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Sternschnuppen
Als der Sturm einsetzt, fällt das Spurhalten auf der Autobahn schwieriger. Ich versuche, zwischen den weißen Schneepfeilen durchzustarren, die immer zahlreicher auf die Scheibe zufliegen, darauf aufklatschen und kurz darauf von den Wischerblättern weggeschoben werden,. Science Fiction, denke ich, so fing doch früher Raumschiff Enterprise an, nur waren es dort die Sterne, die an den Augen der Himmelsfahrer vorbeirasten, sich ihren Weg bahnten ohne Rücksicht darauf, was vor ihnen lag. Die Scheibe beschlägt innen, ich hasse Autofahren bei schlechtem Wetter, es liegt mir nicht, mich ohne Unterlass auf Verkeht und Witterung konzentrieren zu müssen. Das bekommt meinen Gedanken nicht. Schneeregen also, auf meiner Fahrt hier hinaus. Schneeflocken sind kleine Kristalle, jede einzelne für sich ein unfassbar fragiles Wunderwerk. Schneeregen, da regnet es lauter Sterne.
Klara und ich fuhren damals, als sie im Radio den Sternschnuppenregen angesagt hatten, mit der Vespa über die Höhenstraße in den Wienerwald hinaus, irgendwann spät in der Nacht. Die meisten Sternschnuppen sieht man erst in den frühen Morgenstunden. „Du wirst dich erkälten,“ hat sie gemeint, mit ihrer ein wenig vorwurfsvollen Stimme, die sie immer dann benützte, wenn etwas gegen ihren so stark ausgeprägten Sinn für Vernunft ging. Unvernünftig fand sie es, mich so daliegen zu sehen, auf der Decke mitten auf der feuchten Wiese, nur mein kurzes Kleid und die dünne Wickelweste an, aber dann habe ich mein sprödes Verlegenheitslachen gelacht, das immer ein wenig zu maskulin klingt, wie Klara meint. Die Gänsehaut auf meinen Schenkeln hat sie im Dunkeln ganz bestimmt nicht sehen können. „Scheiß drauf, bin ich eben morgen verkühlt,“ fügte ich hinzu und dachte darüber nach, dass eine Erkältung vielleicht nicht das einzige sein würde, was ich mir heute hier noch einhandeln würde. Klara wusste das freilich nicht und so sprachen wir eine ganze lange Zeit nichts und konzentrierten uns beide darauf, das Firmament abzusuchen.
„Wenn ich mich jetzt wegdrehe und die Flasche öffne, dann fliegt sicher die erste und einzige des ganzen Abends, was meinst du,“ sagte ich, ohne mich dabei auch nur einen Zentimeter zu bewegen. „Schon möglich,“ kicherte sie. „Aber dann wünsch’ ich mir einfach was für dich mit. Den Superlover deines Leben, mal so fürs erste.“ Sie zog am Joint und gab ihn mir zurück. „Nein... eigentlich, würd’ ich dir wünschen, dass ihr diesmal die Kurve kratzt, der Simon und du.“
„Hmm,“ ich inhalierte tief und blies den Rauch langsam in einem dünnen Strahl aus. „Der Simon... komisch, dass du ihn jetzt erwähnst.“ Komisch war meine Stimme auch und Klara hat es sofort gemerkt, ich konnte es an ihrem Atem spüren, der eine Sekunde zu lang aussetzte. Simon, beinahe lag er jetzt neben uns, seine schlaksige Gestalt zwischen uns beiden, hier auf der Wiese, mitten auf unserer Decke. Mir fiel das Reden schwer, ich musste zunächst einmal aufstehen, tief durchatmen und konnte mich erst dann wieder hinsetzen. Die Gestalt zwischen uns war weg. Ich schnippte den Stummel des Joints in die Dunkelheit. „Du,“ sagte ich leise hinterdrein, „es gibt da was, worüber ich mit dir reden muss“, ließ mich wieder zurücksinken auf die Decke, den Blick auf das Leuchten über mir gerichtet. Meine Stimme hatte fremd geklungen, als hätte sich zumindest ein Sternenfahrer auf meinen Stimmbändern niedergelassen. Ich schaffte es nicht, die Augen vom Firmament weg zu bewegen, aber ich konnte ihren erstaunten Blick auch so spüren. Sie antwortete mit einem unsicheren „Ja, klar...“, aus dem vielleicht etwas wie Erwartung sprach und dann flog die erste Sternschnuppe dieses Abends und wir vergaßen trotzdem beide, auch nur den leisesten Hauch eines Wunsches zu formulieren.
Mittlerweile gibt die Scheibenwaschanlage ihren Geist auf. Verdammt, ich habe wohl doch zuviel Wasser in dieses Frostschutzmittel geschüttet. Klara, warum musst du ausgerechnet im Februar heiraten? Hierzulande kann dir zu dieser Jahreszeit wettermäßig quasi alles passieren, und siehe da, die schlimmsten Prophezeiungen treffen auch ein. Murphy’s Law, it’s dedicated to me. Die Abfahrt zur nächsten Raststation wird für 2000m Entfernung angekündigt. Eine kleine Ewigkeit später zieht mein Wagen frische, matschgrau gesäumte Rillen in den Schnee auf dem Tankstellenparkplatz. Ich drehe den Schlüssel herum, der Klang des Motors erlischt gleichzeitig mit der Beleuchtung des Armaturenbretts. Ich drücke den Knopf mit der kleinen stilisierten Zigarette hinein, ein grüner Leuchtrand wird sichtbar. Der Schnee klatscht aufs Glas wie Kleister. Der Ausblick wird lückenhaft. Ich drehe noch einmal den Schlüssel um, sehe den Wischerblättern zu, wie sie Kreissegmente in die Schneeschicht schneiden. Dann drehe ich den Schlüssel zurück, die Metallarme bleiben mitten auf der Scheibe stehen. Vor mir der schwarze Wald, dicke Schneewächten auf niedergedrückten Fichtenzweigen. Und Stille. Mitten auf der Autobahn. Ein einzelnes Auto, darin ein einzelner Mensch. Um mich endlose Nacht, nur vom Schnee aufgehellt. Alles scheint so ruhig und friedlich, ganz gedämpft, in Watte gepackt. Dann springt mit einem mechanischen Klicken der Zigarettenanzünder raus.
Klara hat wortlos zugehört, während ich geredet habe. Manchmal bekam ich fast das Gefühl, allein auf der Wiese zu liegen, so still war es neben mir geworden. Ich redete und redete, fügte einen Satz hinter den anderen, Sätze, die ich mir zum größten Teil vorher zurechtgelegt hatte. Über uns: die unser Dasein der Lächerlichkeit preisgebende Weite.
Die dicke Frau mit den ausgewachsenen blonden Strähnchen an der Tankstellen-Kasse gibt mir versehentlich auf einen Zehn-Euro-Schein raus, obwohl ich den Frostschutz mit einem Fünfer bezahlt hab. Ich stecke die Münzen in die Anoraktasche, habe nicht die leiseste Ahnung, ob ich sie darauf hinweisen soll und suche dann schnell mit fünf Euro Gewinn das Weite. Draußen ist es zu kalt für die Zigarette und meine bestrumpften Beine, also marschiere ich durch die Drehtüre ins Café nebenan. Gulaschsuppendunst, Männerblicke und der Refrain von „Love me tender“ schlagen mir entgegen. Eine Kinderstimme schreit gellend „Maaaama!“ und es reißt mich kurz, wie so oft, wenn ich einen Sekundenbruchteil meine, es wäre meine eigene Tochter, die da gerade ruft. Ich bestelle eine Melange mit Häferl zum Mitnehmen. Rühre zu viel Zucker hinein. Das Obers bildet kleine, fette Blasen an der Oberfläche. In zwei Tagen, denke ich. In zwei Tagen heißt sie Kurz. Klara Kurz. Dabei ist sie mindestens fünf Zentimeter größer als ich und ich bin selbst einsdreiundsiebzig. Eine Lachnummer eigentlich. Keine Frage, dass Klara Harrys Namen annehmen wird. Klara würde die Idee einer umgekehrten Namensänderung sicher völlig verrückt finden.
„Ich weiß es, Agnes,“ hat sie zu mir gesagt, „er ist es, der Mann zum Heiraten.“ Sie ist ihm aufs Land gezogen. Ein Haus. Zimmer, die nur darauf warten zu scheinen, dass in wenigen Jahren Kinderlachen darin ertönt. „Wenn alles klappt, dann bin ich bei der nächsten Konferenz schon im Mutterschutz,“ hat Klara vor kurzem über ihrem japanischen Nudelsuppentopf geschnurrt. „Den Stress tu ich mir nimmer lang an.“
Ich rühre in meiner Melange. Auf dem Häferl mit der Melange drin sind zwei Vögel abgebildet, einander innerhalb eines Herzornaments verliebt beschnäbelnd. Die Strumpfhose juckt an meinen Beinen. An den Stiefelspitzen bilden sich weiße Salzkrusten.
Harry ist mittlerweile ja auch so etwas wie mein Freund geworden. Als es mit Simon dann entgültig vorbei war und ich ein paar Monate in einem dunklen Loch verschwunden bin, ist er einmal spätabends mit zwei Flaschen Cabernet bewaffnet in meiner Küche aufgetaucht und hat versucht, meinen Kummer wegzulabern, mir geraten, ich solle ihn doch vergessen, den Trottel, der habe mich ja gar nicht verdient, und das Ganze hätte doch nie länger gut gehen können, dazu seien wir viel zu verschieden gewesen und ich viel zu klug für ihn.
„Männer haben ein Problem mit klugen Frauen, Agnes,“ hat er gelacht und nachgeschenkt. „Vor allem wenn sie dann auch noch deine Beine haben.“
Er hat es definitiv gut gemeint. Immer schon. Ganz zu Beginn ihrer Liebe, kurz nachdem Klara und er in der selben Kanzlei begonnen haben, da habe ich ihn kennen gelernt, und bald war mir seine Angewohnheit aufgefallen, sich ritterlich um mich kümmern zu wollen. Ich kann gut damit, ich weiß, dass dahinter etwas wie Bewunderung steckt, dass ich es ihm angetan habe, ohne jemals viel dafür getan zu haben. Ich mag es ab und zu, Männer um mich zu haben, die mich als ewiges unerfülltes Objekt der Begierde betrachten, mir schmeicheln, mich mit ihren Blicken ausziehen, und dennoch wissen beide Seiten, dass es dabei immer bleiben wird. Es hat genügt, Klaras Freundin zu sein, um dieses Spiel aufrecht zu erhalten. Auch wenn er ein Schwätzer war, ein unbelehrbarer Besserwisser, ich hab ihn immer gemocht. Aber damals, tief drinnen im Simon-Loch, während einem dieser Sätze à la „es wird schon werden“, hätte ich große Lust gehabt, ihm seine Machosprüche irgendwie aus seiner Klappe zu schlagen. Aber es wurde nur ein Nicken daraus. Oder ein Grinsen. Ich habe ihm weiter zugehört, ihm recht gegeben und ihn dann irgendwann rausgeworfen. Er ist gegangen, betrunken und verwirrt.
Dann hat Klara ihr Schweigen auf der Sternschnuppenwiese also doch noch gebrochen. Für einen Heulkrampf, der mit einem tiefen Schluchzer angefangen hat und nicht enden wollte, auch als alle meine Taschentücher längst durchgerotzt waren. Ich habe ihr eines nach dem anderen gereicht, begleitet von diesem blöden Lächeln, das mir in ihren Augen wohl als das Heimtückischste auf der Welt erschienen wäre, das sich für mich selbst aber in diesem Moment auf eine schreckliche Weise richtig anfühlte. Vielleicht ist es grausam, jetzt zu lächeln, ist mir durch den Kopf geschossen. Vielleicht legt sie es mir als ein Lächeln des Triumphes aus, des Triumphes darüber, ihrem perfekten Leben etwas entgegengesetzt zu haben, einen Bruch zurückgeholt zu haben, aus einer Vergangenheit, die sie selbst vielleicht längst hatte vergessen wollen. Vielleicht hätte ich rückblickend betrachtet nicht die Sternschnuppenwiese wählen sollen, um sie auf die Erde zurück zu holen. Aber manchmal bleibt uns wohl keine Wahl. Auf den richtigen Moment zu warten hätte sich zwischen uns doch nur als Utopie herausgestellt, die Abende zu zweit unter Freundinnen waren schon viel zu selten geworden, nachdem ich Mutter geworden war. Und außerdem hatte ich immer schon ein Faible für dramatische Bühnenbilder.
„Er hat’s mir erzählt. Der Simon.“ hatte ich gesagt und gestockt. Weit hinter uns hatte ein Automotor die Kurven ausgeheult. „Was damals gewesen ist. Weißt du, zu unserer U4-Zeit. Als wir uns jede Sonntagnacht weg geshakt haben. Und dann, wie jeder mit jedem herumgeknutscht hat.“ Neben mir Totenstille. „Ja, und der Abend... also besser gesagt, der Morgen, du weißt schon, an dem wir zu viert bei mir gelandet sind.“ Ich hatte mich jetzt zu ihr hinüber gedreht, sie ruhig angesehen. Ihr Profil sah aus wie versteinert, die Augen weit geöffnet und wie helle Jade, auch jetzt, hier im Dunklen. „Und ich versteh’s ja auch...“
Und dann war ich selbst wieder dort gewesen, in einem Zeitsprung zurück an jenem Morgen in meiner kleinen Studentenwohnung, vier Körper, voll mit Glückshormonen.
Alkohol. Klaras Lippenstift verwischt. Sie hat so viel gelacht, beim Hereinkommen, dass sie nicht in der Lage gewesen war, sich die Schuhe auszuziehen. Ich hab die Schnallen geöffnet, ihre Füße befreit. Klara hat mich angesehen, in ihren Augen habe ich Begierde gesehen. Auch nach mir. Die Vögel waren zu laut, die Morgensonne ebenso, in meinem Wohnzimmer lässt sich das Fenster nicht verdunkeln, also haben wir uns aufs Bett gelegt. Simon. Klara. Simons Freund Robert. Ich. Aufgedreht waren wir beide, Klara und ich. Geprickelt hat es, gekitzelt, unten in mir, als ich Klaras weiße Haut auf meinen Leintuch gesehen habe. Und dann Simon und Klara. Und Robert und ich. Robert hat meine Schenkel geküsst. Klaras Atem neben mir. Im Augenwinkel hab ich Simons Erektion gesehen. Und dann konnte ich nicht mehr liegen, nicht mehr streicheln oder gestreichelt werden, ich bin aufgestanden, hab durch eine strubbelige Haarsträhne gegrinst und gemeint, mir sei schlecht.
Klara ist mir in die Küche gefolgt, hat mir den Kimono über die Schultern gelegt, sich wortlos an mich gedrückt. Später haben wir Waffeln gemacht.
Im Wagen ist es mittlerweile beinahe so kalt wie draußen. Mein Atem bildet Rauchwolken. Als Kind habe ich das geliebt, mir immer vorgestellt, ich würde – ganz elegante Dame - Zigarettenrauch ausblasen. Aushauchen gar. Ich habe noch zirka dreißig Kilometer vor mir. Eine ankommende SMS lässt mein Handy piepsen. Ich muss nicht hinschauen, um zu wissen, von wem sie ist.
Sie hat mir damals nicht glauben können, als ich ihr lange versichert habe, dass ich ihr nicht böse sei. Es war ja auch eine mehr als seltsame Sache gewesen, dass ich es überhaupt erfahren hatte. Simon hat sich, kurz bevor wir uns endgültig getrennt haben, wohl noch alles von der Seele reden wollen. Tabula rasa. Im verzweifelten Glauben, uneingeschränkte Ehrlichkeit würde unserer Beziehung vielleicht den rettenden Kick verleihen, hat er mir gestanden, dass er es hatte wissen wollen. Dass ihn Klaras Anblick nicht losgelassen hatte, als sie aus dem Bett entschwunden war. Und ihr Blick ihn wieder und wieder daran erinnert hatte. Und als ich dann irgendwann zwei Tage aus Wien weg gewesen bin, hat er sie angerufen. Sie haben sich dann geschworen, niemals mit irgendjemand anderem darüber zu reden. Und trotzdem hat er es mir erzählt. Sechs Jahre danach. Wir sind im Augarten gesessen, im Gartencafé, ein voller Aschenbecher vor uns und Sonne im Nacken. Es war, als hätte mir nur jemand eine spannende Geschichte erzählt. Ich fühlte hinein, und da war nichts, kein Hass, kein Kummer. Ich konnte sie alle verstehen. Aber es gab nun ein Geheimnis, das zwischen mir und ihr lag. Als Simon längst Geschichte war, musste ich trotzdem immer wieder daran denken, wenn ich sie sah. Ich fand es gemein, etwas über sie zu wissen, ein schmutziges Detail in ihrem blütenweißen Leben zu kennen, als hätte ich mit einem Fernglas in ein Haus vis-à-vis gestarrt. Ich war gezwungen, mit ihr in Kenntnis dieser Geschichte zu reden, ohne dass sie eine Ahnung hatte davon. Deshalb habe ich den Sternschnuppenabend gebraucht. Der Sternschnuppenabend, der schließlich mit ihrem verheulten Gesicht in meinem Schoß geendet hat, und meiner Hand verloren in ihrem Haar. Alles wollte ich am Ende dort hinausstreicheln, aber geschafft habe ich es nicht.
Der Unterschied war, dass Klara ihr Wort gehalten hat, denke ich und starte. Sie wollte mir nicht wehtun damit. Der Schneepflug hat die Raststation passiert und die erste Spur freigeräumt. Sie hat nur ein einziges Mal einen Fehler in ihrem System gebraucht. Vielleicht war ich ihre einzige Möglichkeit dazu. Klara hat immer ein Musterleben gelebt. Nesthäkchen, Tochter gutbürgerlicher Eltern. Musterschülerin. No Drugs. Sauberer Sex mit sauberen Freunden. Als ich sie in London kennen gelernt habe, waren wir beide Au-Pairs. Sie trug eine Bluse mit rosa Hahnentrittmuster. Tussi, hab ich mir gedacht und sie nicht leiden können. Später, in Wien, an der Uni wiedergetroffen, waren es die Gegensätze, die uns anzogen. Ein wenig von ihrem perfekten Leben hat auf mich abgefärbt und es hat mir gut getan. Sie konnte sich manchmal fürchterlich über die Verrücktheiten ärgern, die mein Studentenleben begleitet haben, hat die Exzesse aber irgendwie gebraucht. In Second Hand… Irgendwie waren wir für einander die Ausnahme, die die Regeln bestätigt, eine Freundschaft wie Grüße aus einer fremden Welt. Und haben uns all die Jahre immer dafür geliebt.
Ich habe es ja insgeheim geahnt, in dem ganzen Jahr seit dem Abend auf der Wiese. Wie sehr dieses Schuldgefühl jedoch wirklich auf ihr gelastet hat, ist mir erst an ihrem Polterabend klar geworden. Vergangenen Samstag. Klara, die sich sonst nie besäuft, ist gegen vier Uhr morgens sehr blass aus dem Roxy gerannt, quakte ein „Agnes, weißt du was?“ in die Luft. Ich starrte sie an, mich fröstelte beim Anblick ihrer nackten Schultern. Zwischen ihren Brüsten hob sich ein Schweißfleck ab. „Du wirst dich erkälten,“ sagte ich, heiser vom vielen Gegen-die-laute-Musik-Anschreien. „Dann bin ich morgen eben krank,“ sagte sie trotzig. Das Grinsen passte nicht dazu. Ihre Locken klebten fest an der Stirn. Sie beschrieb mit der Hand einen Halbkreis vor meinem Gesicht, als würde sie feststellen wollen, ob ich noch wach war. Dann schnaufte sie, drehte sich um hundertachtzig Grad.
„Warum warst du mir verdammt nochmal denn nie böse?“ Sie stippte die Stiefelspitze gegen die Bushaltestellentafel. „Wie konntest du mir das nur antun?“ Sie fixierte mich erneut, mit einem irren Blick, der sich durch mich durchbohrte und hinter mir im Dunkel verschwand. „Es zieht mich so runter, dieses Ungleichgewicht.“ Sie taumelte und röhrte: „So kann ich nicht heiraten.“ Und dann kotzte sie in den Rinnstein, etwas, das ich nie zuvor von ihr erlebt hatte.
Der Sturm hat etwas nachgelassen, das Schneetreiben ist dünner geworden. Ein LKW rauscht vorbei, der ganze nasse Dreck landet also trotzdem wieder auf der Scheibe, wieder sehe ich nicht, fluchend schalte ich die Scheibenwischer auf maximale Geschwindigkeit. Wieder erhalte ich die Sicht auf die Welt scheibchenweise zurück. Eine halbe Stunde noch, wenn es in diesem Tempo weitergeht.
Klara. Klara – Klara - Klara. Sie hat es nicht in der Katerstimmung des nächsten Tages vergessen. Trotz Hochzeitsvorbereitungen stand sie abends in der Tür. „Magst du mitessen,“ hab ich gefragt. „Du kannst schon wieder essen?“ hat sie gelacht. Die Bitterkeit in ihren Worten war schlecht versteckt.
Eine nach der anderen hat sie an diesem Abend geraucht. Ich dachte an ihre Aussage, vor einiger Zeit: „Ich muss aufhören, mindestens acht Wochen vor der Hochzeit, glaubst du nicht, mein Teint, der müsste sich doch bis dahin bessern, nicht wahr?“ Jetzt hat sie es wieder zunichte gemacht. Oder auch einfach nur geopfert. Für etwas anderes, das ihr wichtiger war.
Musst du unbedingt im Februar heiraten, Klara? Weiß ist die Landschaft, weiß dein Kleid. Weiß soll auch dein Gewissen sein. Ich betätige den Blinker, warte, bis der Gegenverkehr passiert hat und biege nach links in die kleine Straße ein. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. Thujenhecke an Thujenhecke. Klaras und Harrys Haus hebt sich ab in dieser Gegend. Schlichte klare Linien im Kontrast zu rustikalen Rundungen, farbtechnisch haben die beiden auch nicht in die Pastellpalette gegriffen. Trotzdem wirkt der Unterschied ein wenig gewollt. Das Haus ist dunkel, doch der Lichtsensor springt sofort an, als ich in der Einfahrt anhalte. Irgendwo schlägt ein Hund an, schickt wohl gerade nebeliges Gebell in den Nachthimmel. Ich ziehe den Schlüssel raus. Würde gern mitheulen. Warte. Wieder wird es still. Vielleicht sollte ich jetzt einfach umdrehen. Wenden, den Weg zur Hauptstraße nehmen, zurück auf die Autobahn. Da geht die Tür auf.
Harrys Gesicht spiegelt immer noch sein Erstaunen wieder, als er die Türe hinter uns schließt. Wortlos lächelnd reiche ich ihm meine Jacke. Er hängt sie auf einen Kleiderbügel, in die Garderobe.
„Sie ist gar nicht da,“ er hebt entschuldigend die Brauen.
Ich zippe meinen zweiten Stiefel auf, ziehe auf einem Bein stehend am Absatz, stelle den Stiefel akkurat neben das andere Exemplar. Mache langsam die Weste auf, nestle an meiner Bluse und strahle ihn an.
„Ich weiß, Harry. Ich weiß.“
Ich hab eine Bitte an euch:
ich lese kommendes Wochenende auf einer privaten Lesung, und dafür fehlt mir irgendwie noch eine passende Prosa-Geschichte. Überrumpelt von dieser Tatsache habe ich mein winziges Prosa-Repertoire durchwühlt. Den Text im Anschluss gibt es zur Hälfte schon ziemlich lange, in den letzten zwei Tagen hab ich ihn fertig gestellt. Ich würde ihn ganz gerne lesen, weil er ins Ambiente passen würde, glaube ich. Ich hab nur irgendwie keine Ahnung, ob der Text funktioniert... (z.B. von den verschiedenen Zeitebenen her) Komme gerade vom Fertigstellen, und habe Null Distanz dazu. Und wäre dementsprechend für ein rasches Feedback ungeheuer dankbar...!
Charis
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Sternschnuppen
Als der Sturm einsetzt, fällt das Spurhalten auf der Autobahn schwieriger. Ich versuche, zwischen den weißen Schneepfeilen durchzustarren, die immer zahlreicher auf die Scheibe zufliegen, darauf aufklatschen und kurz darauf von den Wischerblättern weggeschoben werden,. Science Fiction, denke ich, so fing doch früher Raumschiff Enterprise an, nur waren es dort die Sterne, die an den Augen der Himmelsfahrer vorbeirasten, sich ihren Weg bahnten ohne Rücksicht darauf, was vor ihnen lag. Die Scheibe beschlägt innen, ich hasse Autofahren bei schlechtem Wetter, es liegt mir nicht, mich ohne Unterlass auf Verkeht und Witterung konzentrieren zu müssen. Das bekommt meinen Gedanken nicht. Schneeregen also, auf meiner Fahrt hier hinaus. Schneeflocken sind kleine Kristalle, jede einzelne für sich ein unfassbar fragiles Wunderwerk. Schneeregen, da regnet es lauter Sterne.
Klara und ich fuhren damals, als sie im Radio den Sternschnuppenregen angesagt hatten, mit der Vespa über die Höhenstraße in den Wienerwald hinaus, irgendwann spät in der Nacht. Die meisten Sternschnuppen sieht man erst in den frühen Morgenstunden. „Du wirst dich erkälten,“ hat sie gemeint, mit ihrer ein wenig vorwurfsvollen Stimme, die sie immer dann benützte, wenn etwas gegen ihren so stark ausgeprägten Sinn für Vernunft ging. Unvernünftig fand sie es, mich so daliegen zu sehen, auf der Decke mitten auf der feuchten Wiese, nur mein kurzes Kleid und die dünne Wickelweste an, aber dann habe ich mein sprödes Verlegenheitslachen gelacht, das immer ein wenig zu maskulin klingt, wie Klara meint. Die Gänsehaut auf meinen Schenkeln hat sie im Dunkeln ganz bestimmt nicht sehen können. „Scheiß drauf, bin ich eben morgen verkühlt,“ fügte ich hinzu und dachte darüber nach, dass eine Erkältung vielleicht nicht das einzige sein würde, was ich mir heute hier noch einhandeln würde. Klara wusste das freilich nicht und so sprachen wir eine ganze lange Zeit nichts und konzentrierten uns beide darauf, das Firmament abzusuchen.
„Wenn ich mich jetzt wegdrehe und die Flasche öffne, dann fliegt sicher die erste und einzige des ganzen Abends, was meinst du,“ sagte ich, ohne mich dabei auch nur einen Zentimeter zu bewegen. „Schon möglich,“ kicherte sie. „Aber dann wünsch’ ich mir einfach was für dich mit. Den Superlover deines Leben, mal so fürs erste.“ Sie zog am Joint und gab ihn mir zurück. „Nein... eigentlich, würd’ ich dir wünschen, dass ihr diesmal die Kurve kratzt, der Simon und du.“
„Hmm,“ ich inhalierte tief und blies den Rauch langsam in einem dünnen Strahl aus. „Der Simon... komisch, dass du ihn jetzt erwähnst.“ Komisch war meine Stimme auch und Klara hat es sofort gemerkt, ich konnte es an ihrem Atem spüren, der eine Sekunde zu lang aussetzte. Simon, beinahe lag er jetzt neben uns, seine schlaksige Gestalt zwischen uns beiden, hier auf der Wiese, mitten auf unserer Decke. Mir fiel das Reden schwer, ich musste zunächst einmal aufstehen, tief durchatmen und konnte mich erst dann wieder hinsetzen. Die Gestalt zwischen uns war weg. Ich schnippte den Stummel des Joints in die Dunkelheit. „Du,“ sagte ich leise hinterdrein, „es gibt da was, worüber ich mit dir reden muss“, ließ mich wieder zurücksinken auf die Decke, den Blick auf das Leuchten über mir gerichtet. Meine Stimme hatte fremd geklungen, als hätte sich zumindest ein Sternenfahrer auf meinen Stimmbändern niedergelassen. Ich schaffte es nicht, die Augen vom Firmament weg zu bewegen, aber ich konnte ihren erstaunten Blick auch so spüren. Sie antwortete mit einem unsicheren „Ja, klar...“, aus dem vielleicht etwas wie Erwartung sprach und dann flog die erste Sternschnuppe dieses Abends und wir vergaßen trotzdem beide, auch nur den leisesten Hauch eines Wunsches zu formulieren.
Mittlerweile gibt die Scheibenwaschanlage ihren Geist auf. Verdammt, ich habe wohl doch zuviel Wasser in dieses Frostschutzmittel geschüttet. Klara, warum musst du ausgerechnet im Februar heiraten? Hierzulande kann dir zu dieser Jahreszeit wettermäßig quasi alles passieren, und siehe da, die schlimmsten Prophezeiungen treffen auch ein. Murphy’s Law, it’s dedicated to me. Die Abfahrt zur nächsten Raststation wird für 2000m Entfernung angekündigt. Eine kleine Ewigkeit später zieht mein Wagen frische, matschgrau gesäumte Rillen in den Schnee auf dem Tankstellenparkplatz. Ich drehe den Schlüssel herum, der Klang des Motors erlischt gleichzeitig mit der Beleuchtung des Armaturenbretts. Ich drücke den Knopf mit der kleinen stilisierten Zigarette hinein, ein grüner Leuchtrand wird sichtbar. Der Schnee klatscht aufs Glas wie Kleister. Der Ausblick wird lückenhaft. Ich drehe noch einmal den Schlüssel um, sehe den Wischerblättern zu, wie sie Kreissegmente in die Schneeschicht schneiden. Dann drehe ich den Schlüssel zurück, die Metallarme bleiben mitten auf der Scheibe stehen. Vor mir der schwarze Wald, dicke Schneewächten auf niedergedrückten Fichtenzweigen. Und Stille. Mitten auf der Autobahn. Ein einzelnes Auto, darin ein einzelner Mensch. Um mich endlose Nacht, nur vom Schnee aufgehellt. Alles scheint so ruhig und friedlich, ganz gedämpft, in Watte gepackt. Dann springt mit einem mechanischen Klicken der Zigarettenanzünder raus.
Klara hat wortlos zugehört, während ich geredet habe. Manchmal bekam ich fast das Gefühl, allein auf der Wiese zu liegen, so still war es neben mir geworden. Ich redete und redete, fügte einen Satz hinter den anderen, Sätze, die ich mir zum größten Teil vorher zurechtgelegt hatte. Über uns: die unser Dasein der Lächerlichkeit preisgebende Weite.
Die dicke Frau mit den ausgewachsenen blonden Strähnchen an der Tankstellen-Kasse gibt mir versehentlich auf einen Zehn-Euro-Schein raus, obwohl ich den Frostschutz mit einem Fünfer bezahlt hab. Ich stecke die Münzen in die Anoraktasche, habe nicht die leiseste Ahnung, ob ich sie darauf hinweisen soll und suche dann schnell mit fünf Euro Gewinn das Weite. Draußen ist es zu kalt für die Zigarette und meine bestrumpften Beine, also marschiere ich durch die Drehtüre ins Café nebenan. Gulaschsuppendunst, Männerblicke und der Refrain von „Love me tender“ schlagen mir entgegen. Eine Kinderstimme schreit gellend „Maaaama!“ und es reißt mich kurz, wie so oft, wenn ich einen Sekundenbruchteil meine, es wäre meine eigene Tochter, die da gerade ruft. Ich bestelle eine Melange mit Häferl zum Mitnehmen. Rühre zu viel Zucker hinein. Das Obers bildet kleine, fette Blasen an der Oberfläche. In zwei Tagen, denke ich. In zwei Tagen heißt sie Kurz. Klara Kurz. Dabei ist sie mindestens fünf Zentimeter größer als ich und ich bin selbst einsdreiundsiebzig. Eine Lachnummer eigentlich. Keine Frage, dass Klara Harrys Namen annehmen wird. Klara würde die Idee einer umgekehrten Namensänderung sicher völlig verrückt finden.
„Ich weiß es, Agnes,“ hat sie zu mir gesagt, „er ist es, der Mann zum Heiraten.“ Sie ist ihm aufs Land gezogen. Ein Haus. Zimmer, die nur darauf warten zu scheinen, dass in wenigen Jahren Kinderlachen darin ertönt. „Wenn alles klappt, dann bin ich bei der nächsten Konferenz schon im Mutterschutz,“ hat Klara vor kurzem über ihrem japanischen Nudelsuppentopf geschnurrt. „Den Stress tu ich mir nimmer lang an.“
Ich rühre in meiner Melange. Auf dem Häferl mit der Melange drin sind zwei Vögel abgebildet, einander innerhalb eines Herzornaments verliebt beschnäbelnd. Die Strumpfhose juckt an meinen Beinen. An den Stiefelspitzen bilden sich weiße Salzkrusten.
Harry ist mittlerweile ja auch so etwas wie mein Freund geworden. Als es mit Simon dann entgültig vorbei war und ich ein paar Monate in einem dunklen Loch verschwunden bin, ist er einmal spätabends mit zwei Flaschen Cabernet bewaffnet in meiner Küche aufgetaucht und hat versucht, meinen Kummer wegzulabern, mir geraten, ich solle ihn doch vergessen, den Trottel, der habe mich ja gar nicht verdient, und das Ganze hätte doch nie länger gut gehen können, dazu seien wir viel zu verschieden gewesen und ich viel zu klug für ihn.
„Männer haben ein Problem mit klugen Frauen, Agnes,“ hat er gelacht und nachgeschenkt. „Vor allem wenn sie dann auch noch deine Beine haben.“
Er hat es definitiv gut gemeint. Immer schon. Ganz zu Beginn ihrer Liebe, kurz nachdem Klara und er in der selben Kanzlei begonnen haben, da habe ich ihn kennen gelernt, und bald war mir seine Angewohnheit aufgefallen, sich ritterlich um mich kümmern zu wollen. Ich kann gut damit, ich weiß, dass dahinter etwas wie Bewunderung steckt, dass ich es ihm angetan habe, ohne jemals viel dafür getan zu haben. Ich mag es ab und zu, Männer um mich zu haben, die mich als ewiges unerfülltes Objekt der Begierde betrachten, mir schmeicheln, mich mit ihren Blicken ausziehen, und dennoch wissen beide Seiten, dass es dabei immer bleiben wird. Es hat genügt, Klaras Freundin zu sein, um dieses Spiel aufrecht zu erhalten. Auch wenn er ein Schwätzer war, ein unbelehrbarer Besserwisser, ich hab ihn immer gemocht. Aber damals, tief drinnen im Simon-Loch, während einem dieser Sätze à la „es wird schon werden“, hätte ich große Lust gehabt, ihm seine Machosprüche irgendwie aus seiner Klappe zu schlagen. Aber es wurde nur ein Nicken daraus. Oder ein Grinsen. Ich habe ihm weiter zugehört, ihm recht gegeben und ihn dann irgendwann rausgeworfen. Er ist gegangen, betrunken und verwirrt.
Dann hat Klara ihr Schweigen auf der Sternschnuppenwiese also doch noch gebrochen. Für einen Heulkrampf, der mit einem tiefen Schluchzer angefangen hat und nicht enden wollte, auch als alle meine Taschentücher längst durchgerotzt waren. Ich habe ihr eines nach dem anderen gereicht, begleitet von diesem blöden Lächeln, das mir in ihren Augen wohl als das Heimtückischste auf der Welt erschienen wäre, das sich für mich selbst aber in diesem Moment auf eine schreckliche Weise richtig anfühlte. Vielleicht ist es grausam, jetzt zu lächeln, ist mir durch den Kopf geschossen. Vielleicht legt sie es mir als ein Lächeln des Triumphes aus, des Triumphes darüber, ihrem perfekten Leben etwas entgegengesetzt zu haben, einen Bruch zurückgeholt zu haben, aus einer Vergangenheit, die sie selbst vielleicht längst hatte vergessen wollen. Vielleicht hätte ich rückblickend betrachtet nicht die Sternschnuppenwiese wählen sollen, um sie auf die Erde zurück zu holen. Aber manchmal bleibt uns wohl keine Wahl. Auf den richtigen Moment zu warten hätte sich zwischen uns doch nur als Utopie herausgestellt, die Abende zu zweit unter Freundinnen waren schon viel zu selten geworden, nachdem ich Mutter geworden war. Und außerdem hatte ich immer schon ein Faible für dramatische Bühnenbilder.
„Er hat’s mir erzählt. Der Simon.“ hatte ich gesagt und gestockt. Weit hinter uns hatte ein Automotor die Kurven ausgeheult. „Was damals gewesen ist. Weißt du, zu unserer U4-Zeit. Als wir uns jede Sonntagnacht weg geshakt haben. Und dann, wie jeder mit jedem herumgeknutscht hat.“ Neben mir Totenstille. „Ja, und der Abend... also besser gesagt, der Morgen, du weißt schon, an dem wir zu viert bei mir gelandet sind.“ Ich hatte mich jetzt zu ihr hinüber gedreht, sie ruhig angesehen. Ihr Profil sah aus wie versteinert, die Augen weit geöffnet und wie helle Jade, auch jetzt, hier im Dunklen. „Und ich versteh’s ja auch...“
Und dann war ich selbst wieder dort gewesen, in einem Zeitsprung zurück an jenem Morgen in meiner kleinen Studentenwohnung, vier Körper, voll mit Glückshormonen.
Alkohol. Klaras Lippenstift verwischt. Sie hat so viel gelacht, beim Hereinkommen, dass sie nicht in der Lage gewesen war, sich die Schuhe auszuziehen. Ich hab die Schnallen geöffnet, ihre Füße befreit. Klara hat mich angesehen, in ihren Augen habe ich Begierde gesehen. Auch nach mir. Die Vögel waren zu laut, die Morgensonne ebenso, in meinem Wohnzimmer lässt sich das Fenster nicht verdunkeln, also haben wir uns aufs Bett gelegt. Simon. Klara. Simons Freund Robert. Ich. Aufgedreht waren wir beide, Klara und ich. Geprickelt hat es, gekitzelt, unten in mir, als ich Klaras weiße Haut auf meinen Leintuch gesehen habe. Und dann Simon und Klara. Und Robert und ich. Robert hat meine Schenkel geküsst. Klaras Atem neben mir. Im Augenwinkel hab ich Simons Erektion gesehen. Und dann konnte ich nicht mehr liegen, nicht mehr streicheln oder gestreichelt werden, ich bin aufgestanden, hab durch eine strubbelige Haarsträhne gegrinst und gemeint, mir sei schlecht.
Klara ist mir in die Küche gefolgt, hat mir den Kimono über die Schultern gelegt, sich wortlos an mich gedrückt. Später haben wir Waffeln gemacht.
Im Wagen ist es mittlerweile beinahe so kalt wie draußen. Mein Atem bildet Rauchwolken. Als Kind habe ich das geliebt, mir immer vorgestellt, ich würde – ganz elegante Dame - Zigarettenrauch ausblasen. Aushauchen gar. Ich habe noch zirka dreißig Kilometer vor mir. Eine ankommende SMS lässt mein Handy piepsen. Ich muss nicht hinschauen, um zu wissen, von wem sie ist.
Sie hat mir damals nicht glauben können, als ich ihr lange versichert habe, dass ich ihr nicht böse sei. Es war ja auch eine mehr als seltsame Sache gewesen, dass ich es überhaupt erfahren hatte. Simon hat sich, kurz bevor wir uns endgültig getrennt haben, wohl noch alles von der Seele reden wollen. Tabula rasa. Im verzweifelten Glauben, uneingeschränkte Ehrlichkeit würde unserer Beziehung vielleicht den rettenden Kick verleihen, hat er mir gestanden, dass er es hatte wissen wollen. Dass ihn Klaras Anblick nicht losgelassen hatte, als sie aus dem Bett entschwunden war. Und ihr Blick ihn wieder und wieder daran erinnert hatte. Und als ich dann irgendwann zwei Tage aus Wien weg gewesen bin, hat er sie angerufen. Sie haben sich dann geschworen, niemals mit irgendjemand anderem darüber zu reden. Und trotzdem hat er es mir erzählt. Sechs Jahre danach. Wir sind im Augarten gesessen, im Gartencafé, ein voller Aschenbecher vor uns und Sonne im Nacken. Es war, als hätte mir nur jemand eine spannende Geschichte erzählt. Ich fühlte hinein, und da war nichts, kein Hass, kein Kummer. Ich konnte sie alle verstehen. Aber es gab nun ein Geheimnis, das zwischen mir und ihr lag. Als Simon längst Geschichte war, musste ich trotzdem immer wieder daran denken, wenn ich sie sah. Ich fand es gemein, etwas über sie zu wissen, ein schmutziges Detail in ihrem blütenweißen Leben zu kennen, als hätte ich mit einem Fernglas in ein Haus vis-à-vis gestarrt. Ich war gezwungen, mit ihr in Kenntnis dieser Geschichte zu reden, ohne dass sie eine Ahnung hatte davon. Deshalb habe ich den Sternschnuppenabend gebraucht. Der Sternschnuppenabend, der schließlich mit ihrem verheulten Gesicht in meinem Schoß geendet hat, und meiner Hand verloren in ihrem Haar. Alles wollte ich am Ende dort hinausstreicheln, aber geschafft habe ich es nicht.
Der Unterschied war, dass Klara ihr Wort gehalten hat, denke ich und starte. Sie wollte mir nicht wehtun damit. Der Schneepflug hat die Raststation passiert und die erste Spur freigeräumt. Sie hat nur ein einziges Mal einen Fehler in ihrem System gebraucht. Vielleicht war ich ihre einzige Möglichkeit dazu. Klara hat immer ein Musterleben gelebt. Nesthäkchen, Tochter gutbürgerlicher Eltern. Musterschülerin. No Drugs. Sauberer Sex mit sauberen Freunden. Als ich sie in London kennen gelernt habe, waren wir beide Au-Pairs. Sie trug eine Bluse mit rosa Hahnentrittmuster. Tussi, hab ich mir gedacht und sie nicht leiden können. Später, in Wien, an der Uni wiedergetroffen, waren es die Gegensätze, die uns anzogen. Ein wenig von ihrem perfekten Leben hat auf mich abgefärbt und es hat mir gut getan. Sie konnte sich manchmal fürchterlich über die Verrücktheiten ärgern, die mein Studentenleben begleitet haben, hat die Exzesse aber irgendwie gebraucht. In Second Hand… Irgendwie waren wir für einander die Ausnahme, die die Regeln bestätigt, eine Freundschaft wie Grüße aus einer fremden Welt. Und haben uns all die Jahre immer dafür geliebt.
Ich habe es ja insgeheim geahnt, in dem ganzen Jahr seit dem Abend auf der Wiese. Wie sehr dieses Schuldgefühl jedoch wirklich auf ihr gelastet hat, ist mir erst an ihrem Polterabend klar geworden. Vergangenen Samstag. Klara, die sich sonst nie besäuft, ist gegen vier Uhr morgens sehr blass aus dem Roxy gerannt, quakte ein „Agnes, weißt du was?“ in die Luft. Ich starrte sie an, mich fröstelte beim Anblick ihrer nackten Schultern. Zwischen ihren Brüsten hob sich ein Schweißfleck ab. „Du wirst dich erkälten,“ sagte ich, heiser vom vielen Gegen-die-laute-Musik-Anschreien. „Dann bin ich morgen eben krank,“ sagte sie trotzig. Das Grinsen passte nicht dazu. Ihre Locken klebten fest an der Stirn. Sie beschrieb mit der Hand einen Halbkreis vor meinem Gesicht, als würde sie feststellen wollen, ob ich noch wach war. Dann schnaufte sie, drehte sich um hundertachtzig Grad.
„Warum warst du mir verdammt nochmal denn nie böse?“ Sie stippte die Stiefelspitze gegen die Bushaltestellentafel. „Wie konntest du mir das nur antun?“ Sie fixierte mich erneut, mit einem irren Blick, der sich durch mich durchbohrte und hinter mir im Dunkel verschwand. „Es zieht mich so runter, dieses Ungleichgewicht.“ Sie taumelte und röhrte: „So kann ich nicht heiraten.“ Und dann kotzte sie in den Rinnstein, etwas, das ich nie zuvor von ihr erlebt hatte.
Der Sturm hat etwas nachgelassen, das Schneetreiben ist dünner geworden. Ein LKW rauscht vorbei, der ganze nasse Dreck landet also trotzdem wieder auf der Scheibe, wieder sehe ich nicht, fluchend schalte ich die Scheibenwischer auf maximale Geschwindigkeit. Wieder erhalte ich die Sicht auf die Welt scheibchenweise zurück. Eine halbe Stunde noch, wenn es in diesem Tempo weitergeht.
Klara. Klara – Klara - Klara. Sie hat es nicht in der Katerstimmung des nächsten Tages vergessen. Trotz Hochzeitsvorbereitungen stand sie abends in der Tür. „Magst du mitessen,“ hab ich gefragt. „Du kannst schon wieder essen?“ hat sie gelacht. Die Bitterkeit in ihren Worten war schlecht versteckt.
Eine nach der anderen hat sie an diesem Abend geraucht. Ich dachte an ihre Aussage, vor einiger Zeit: „Ich muss aufhören, mindestens acht Wochen vor der Hochzeit, glaubst du nicht, mein Teint, der müsste sich doch bis dahin bessern, nicht wahr?“ Jetzt hat sie es wieder zunichte gemacht. Oder auch einfach nur geopfert. Für etwas anderes, das ihr wichtiger war.
Musst du unbedingt im Februar heiraten, Klara? Weiß ist die Landschaft, weiß dein Kleid. Weiß soll auch dein Gewissen sein. Ich betätige den Blinker, warte, bis der Gegenverkehr passiert hat und biege nach links in die kleine Straße ein. Einfamilienhaus reiht sich an Einfamilienhaus. Thujenhecke an Thujenhecke. Klaras und Harrys Haus hebt sich ab in dieser Gegend. Schlichte klare Linien im Kontrast zu rustikalen Rundungen, farbtechnisch haben die beiden auch nicht in die Pastellpalette gegriffen. Trotzdem wirkt der Unterschied ein wenig gewollt. Das Haus ist dunkel, doch der Lichtsensor springt sofort an, als ich in der Einfahrt anhalte. Irgendwo schlägt ein Hund an, schickt wohl gerade nebeliges Gebell in den Nachthimmel. Ich ziehe den Schlüssel raus. Würde gern mitheulen. Warte. Wieder wird es still. Vielleicht sollte ich jetzt einfach umdrehen. Wenden, den Weg zur Hauptstraße nehmen, zurück auf die Autobahn. Da geht die Tür auf.
Harrys Gesicht spiegelt immer noch sein Erstaunen wieder, als er die Türe hinter uns schließt. Wortlos lächelnd reiche ich ihm meine Jacke. Er hängt sie auf einen Kleiderbügel, in die Garderobe.
„Sie ist gar nicht da,“ er hebt entschuldigend die Brauen.
Ich zippe meinen zweiten Stiefel auf, ziehe auf einem Bein stehend am Absatz, stelle den Stiefel akkurat neben das andere Exemplar. Mache langsam die Weste auf, nestle an meiner Bluse und strahle ihn an.
„Ich weiß, Harry. Ich weiß.“