sie packten mich auf der straße, da waren meine sohlen zerlaufen, steckten mich in einen zug schrien mir „dieb!“ ins gesicht. der zug hatte keine gitter, ich stieg durch die luke aufs dach, legte mich links neben den aufbau, verkrallt ins metall. der wind riss mir die augen rot und die luft aus der lunge, ich lag, das war glücksspiel und ich verlor.
sie fingen mich unten, als der zug hielt und ich sprang, traten mir in den bauch und schlugen mir mit dem rohrstock die hände kaputt, schrien „dieb“ in mein gesicht, schlugen mir die fußsohlen wund, lachten „vagant, streuner“ banden mich an einen baum nahe der bahn und ließen mich hängen, während sie die anderen an mir vorbei zerrten.
„wolltest du laufen?" riefen die lügner mir zu, ich, mit den verkrusteten füßen im schlamm, am baum, dessen rinde in meinen Rücken drückte, die schneidenden seile, in denen ich hing.
ich drehte den kopf zur seite und konnte nicht schlafen, hörte sie lachen, die lügner, konnte nicht schlafen die nacht, das lachen als echo in meinem kopf, bis ein hund kläffte im dorf und dann jaulte als sein herr ihn prügelte zu schweigen. ich fror.
am morgen warfen sie mich dem richter vor, ich sagte kein wort, denn ich hatte mich schuldig gesprochen, als ich vom zug sprang.
„diebeshand“ hörte ich „diebeshand“ ich lag den tag in der zelle, die gitter warfen schatten über mein gesicht, niemand machte mich los, ich hatte durst und mein füße brannten.
sie schleppten mich fort, zu dem mann mit dem beil und ich schrie, schrie, zum ersten mal. er lachte nicht, ich lag geschnürt in der ecke und wand mich gegen die seile, weinte, er schärfte das beil, er lachte nicht, ich weinte und sie zerrten mich an den seilen zum hackklotz und der mann schlug meine hand ab.
er wand einen lappen um den stumpf und ich würgte als er die hand auf den müll in der ecke warf, dann kam der schmerz und ich konnte nicht mehr schreien, konnte nicht schreien.
jemand trug mich vors haus, ließ mich liegen, ich hielt den stumpf in die luft, der lappen durchnässt, ich weinte und konnte nicht sehen.
kam nacht, kam der hund, hund der nacht, knurrte und leckte mein gesicht.
straße, vagant
straße, vagant
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
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KamikazeSpatz
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Re: straße, vagant
holla ziemlich düster, kann mir redlich vorstellen, wie du vor einem stehst und es vorträgst =) (boah man erkennt sogar deinen stil wieder, da ich ja nun schon einiges von dir kennen gelernt habe)
nette bilder die du gibst, wenn auch eines etwas merkwürdig umschrieben ist:
"verkrallt ins metall" ... passt aber auch irgendwie wieder =)
entstand der text in der textwerkstatt?
nette bilder die du gibst, wenn auch eines etwas merkwürdig umschrieben ist:
"verkrallt ins metall" ... passt aber auch irgendwie wieder =)
entstand der text in der textwerkstatt?
Re: straße, vagant
ja, entstammt er... allerdings keiner konkreten aufgabe. ich denke ich werde das verkrallt ins metall rausnehemen. weil du mich nämlich darin bestätigt hast das es nicht so richtig funktioniert. es passt auch nicht wirklich in stil und rhytmus des textes, deshalb: weg damit....
Liebe Grüße
Frl.EDe
Liebe Grüße
Frl.EDe
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: straße, vagant
Beängstigend, sprachlich edekirig, also gut.
Das "ins Metall verkrallen" würd ich drinlassen - es macht die ganze Sache noch unwirklicher und bring sie so einen Schritt weiter davon weg, nur effekthascherisch zu wirken. Grad durch solche Seltsamkeit wirds so schön kafkaesk.
Das "ins Metall verkrallen" würd ich drinlassen - es macht die ganze Sache noch unwirklicher und bring sie so einen Schritt weiter davon weg, nur effekthascherisch zu wirken. Grad durch solche Seltsamkeit wirds so schön kafkaesk.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
- Ursula Vernon
Re: straße, vagant
Sprachlich top, as usual. Nur eine klitzekleine Kleinigkeit würde ich ändern, gleich zu Beginn:
"Da waren meine Sohlen zerlaufen" fällt ab, das ist so gängig. Und ich mag keine durchgehende Kleinschreibung. Düster finde ich es gar nicht, im Gegenteil: Sehr grell! Das ist kein Tadel.
Aber - was ist das?
sie packten mich auf der straße, da waren meine sohlen zerlaufen, steckten mich in einen zug schrien mir „dieb!“ ins gesicht.
"Da waren meine Sohlen zerlaufen" fällt ab, das ist so gängig. Und ich mag keine durchgehende Kleinschreibung. Düster finde ich es gar nicht, im Gegenteil: Sehr grell! Das ist kein Tadel.
Aber - was ist das?
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You
Re: straße, vagant
hmmm....
a)bei verkrallt bin ich jetzt unsicher. muss ich noch mal nachdenken. ich tendiere nach wie vor ein wenig zum streichen, wiel ich darüber selber gestolpert bin und dass ist eigentlich kein gutes zeichen...
b)die zerlaufenden sohlen. huch, ist mir gar nicht aufgefallen. ich muss mal über eine alternative nachdenken, wenn dem so ist, weil gerade so ganz zu anfang sollten keine sprachlichen hänger sein...
c) was ist das?
sehr gute frage!
habe ich mir auch shcon mal gestellt, es ist so merkwürdig. es ist auch merkwürdig entstanden, auf einmal war es da und dann habe ich mich daran entlang gehangelt.
manchmal denke ich, dass es weiter gehen könnte. wie ein erstes Kapitel, nachdem jetzt ein leichter bruch in der erzählhaltung kommt, denn es ist ja nichts geklärt. es ist zwar viel passiert, was neu ist für mich, das mehr passiert als jemand denkt, aber von einem extrem ins andere ist vielleicht auch nicht der wahre Jacob....
die kleinschreibung-- habe ich nur in dem fall gemacht, weil es für mich irgendwie zu dem gelichmäßig, schnell, gehetzten Tonfall passt. sonst mache ich das nicht, schon weil ich das imemr wieder vergesse und dann teilweise doch groß schreibe.
einen Lieben Dank an euch
Edekire
a)bei verkrallt bin ich jetzt unsicher. muss ich noch mal nachdenken. ich tendiere nach wie vor ein wenig zum streichen, wiel ich darüber selber gestolpert bin und dass ist eigentlich kein gutes zeichen...
b)die zerlaufenden sohlen. huch, ist mir gar nicht aufgefallen. ich muss mal über eine alternative nachdenken, wenn dem so ist, weil gerade so ganz zu anfang sollten keine sprachlichen hänger sein...
c) was ist das?
sehr gute frage!
habe ich mir auch shcon mal gestellt, es ist so merkwürdig. es ist auch merkwürdig entstanden, auf einmal war es da und dann habe ich mich daran entlang gehangelt.
manchmal denke ich, dass es weiter gehen könnte. wie ein erstes Kapitel, nachdem jetzt ein leichter bruch in der erzählhaltung kommt, denn es ist ja nichts geklärt. es ist zwar viel passiert, was neu ist für mich, das mehr passiert als jemand denkt, aber von einem extrem ins andere ist vielleicht auch nicht der wahre Jacob....
die kleinschreibung-- habe ich nur in dem fall gemacht, weil es für mich irgendwie zu dem gelichmäßig, schnell, gehetzten Tonfall passt. sonst mache ich das nicht, schon weil ich das imemr wieder vergesse und dann teilweise doch groß schreibe.
einen Lieben Dank an euch
Edekire
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: straße, vagant
hi ede,
da ist tempo im text und du bringst supergeile bilder. die kleinschreibung paßt hier auch sehr gut. vom inhalt her hab ichs diesmal gut verstanden.
insgesamt, ein sehr gelungener text. hast talent mein fräulein.
lg pati
da ist tempo im text und du bringst supergeile bilder. die kleinschreibung paßt hier auch sehr gut. vom inhalt her hab ichs diesmal gut verstanden.
insgesamt, ein sehr gelungener text. hast talent mein fräulein.
lg pati
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