Der Fetisch
Verfasst: 20.12.2005, 01:01
Der Fetisch
Die beiden Mädchen, das eine, in der von giftigen Dünsten bewölkten Gerberei, das andere hinter einem vorsintflutlichen staubenden Webstuhl, warfen mir einen scheuen Blick zu, ein schwaches Lächeln aus einer anderen Welt, aus einer in Fetzten geflogenen oder nie dagewesenen Seele, aus untergegangenen oder nie bestanden habenden Spielzimmern, aus verhallten Kinderliedern, sie schufteten, die beiden Mädchen, trotz ihrer noch nicht voll entwickelten körperlichen Kräfte, um für sich und ihre zumeist großen Familien das Lebensnotwendige herbeizuschaffen. Der Junge, der mich hergefahren hatte, eingeschirrt wie ein Zugtier vor seiner Karre, die ihm aber nicht gehörte, döste vor sich hin. Ich gab ihm zu verstehen, er müsse mich nicht zurückfahren, seinen Lohn erhielte er trotzdem, er lehnte ab, weshalb, verstand ich nicht, er bestand darauf, daß ich mich in die Karre setzte. Sein zarter Kinderrücken, von Striemen gezeichnet, die das spröde Ledergeschirr hinterlassen hatten, glänzte im Schweiß, ich hörte seinen heftigen Atem, und seine nackten Füße trampelten durch Schmutz und Scher-ben. Hinter mir blieben die Mädchengesichter, diese großen dunklen Au-gen, die von der Kindheit verlassen waren ebenso, wie die des zwischen Deichseln gefesselten Jungen. Ich kam mir noch nie so hilflos, so überflüssig, dermaßen am falschen Ort zur falschen Zeit vor, und dies, obgleich mir bewußt war, daß, falls die Kinder diese Arbeit nicht verrichten würden, sie einer weitaus schlimmeren Erwerbsmöglichkeit nachzugehen gezwungen sein würden, und der Zorn, der in mir aufstieg, erschlug jedes Mitleid und auch jedes Verstehen, als stürze ich in die Abfallgrube allen Ekels, so griff der Schauder nach mir, und wie Gespenster schienen mir die Leute, die sich durch die Straßen drängelten.
Und immer dann, wenn ich heute in der Heimat ein Kind sehe, höre, wie es lacht, oder singt, wenn es spielt, dann halte ich inne, schaue ihm zu, damit ich mein Lachen wieder gewinne, und auf dem kleinen Teppich, von dem ich gar nicht weiß, ob er von Kinderhänden geknüpft worden ist, sitzen Teddybären und Puppen, und manchmal liegt die Katze drauf und schnurrt, als würde sie gestreichelt, was bleibt mir, außer mich zu betäuben, denn was sind sie schon mehr als nur Gewissenströstung, die monetären Opfer, sie machen nicht befreit Lachen, sie erfrischen nicht den Glanz von Kin-deraugen, weil die Seelen stumpf geworden sind, daher ein Fetisch, und falls der nicht befreit, erinnere ich mich des Schneiders, den ich unter den Arkaden irgendeiner Geschäftsstraße Bombays antraf, der dort bis in die Nacht hinein Jeanshosen anfertigte, und der mir während unserer längeren Unterhaltung auf meine Frage, warum er so spät noch arbeite, ein Foto eines Kindes hinschob, es sei seine Enkelin, damit sie zur Schule gehen könne, dafür arbeite er, wenn es nicht anders ginge, auch nachts, so versicherte er mir, ich nahm es auf, als wäre es ein Lichtblitz in der Finsternis.
Nanda und Amra spielen, sie lachen laut, weil es ihnen nicht gelingt, über ein Seil zu springen und dabei einen Ball auf dem Handrücken zu balancieren, so daß er dort liegen bleibt. Sie glauben mir nicht, daß jemand so was kann, besonders dann nicht mehr, als es dem an sich sehr geschickten Mahajan nicht glückt, dennoch lassen sie nicht ab und prüfen ihr Geschick, Nanda, Amra und Mahajan. Eines Nachts vernehme ich Kinderstimmen, ich verlasse das Bett und gehe hinunter, im schummrigen Kerzenlicht sind die Kinder im Geschicklichkeitsspiel vertieft, mich leise verhaltend setze ich mich auf den Boden und schaue zu. Es muß wohl am flackernden Licht liegen, daß mir scheint, als leuchte der Ball schwach auf, indem Amra mit ihm über das Seil springt, sie wirft ihn dem ihr gegenüberstehende Mahajan zu, der fängt ihn mit dem Handrücken auf und springt seinerseits, wobei der Ball haften bleibt wo er ist, bis Mahajan ihn Nanda zuwirft, auf deren Handrücken er liegen bleibt, als auch sie über das Seil hüpft, und dann fliegt der Ball auf mich zu, und wie aus einem Reflex heraus hebe ich einen Arm, doch verharrt der Ball schwebend über meiner Hand, dreht sich um sich selbst und um mich herum, und beginnt stärker zu leuchten als vordem in allen möglichen Farben. Die Kinder stehen mit offenen Mündern da, und ich sitze in gleicher Weise, indes der Ball sich unablässig dreht und bunt schimmert. Nanda, Amra und Mahajan kommen zu mir, setzen sich neben mich und wollen nun erfahren, wie dem so sein kann, und der Ball zieht leuchtend seine Kreise um uns Vier herum. Ich kann ihnen aber keine Ant-wort geben.
Eine Gestalt mit einer Elefantenmaske tritt aus dem Halbdunkel des Raumes, und ich erkenne sie sofort an ihrem abgebrochenen Elefantenzahn und dem dicken Bauch, beides rührte daher, daß Ganesha gern Süßigkeiten zu sich nahm, und eine solche müßte er auch in der Form einer Kugel in der Hand halten, doch fehlt sie dort . Die Kinder rücken mir näher, sie fürchten sich, so scheint es. „Ihr müßt euch nicht ängstigen“, spricht Ganesha, „ich füge euch nichts Böses zu.“
„Du hast den Ball leuchten lassen?“ frage ich ihn. „O, nein. Ich habe ein wenig geholfen. Schaut nur, worauf ihr sitzt.“ Ich blicke hin, mein und der Kinder Sitzplatz ist ein kleiner Teppich, von dem ich gar nicht weiß, ob er von Kinderhänden geknüpft worden ist. „Du warst nicht nur in Zorn“, so fährt Ganesha fort, „damals, weißt du noch, als der Junge dich zog, du die Mädchen gesehen hattest, nein Wut war es nicht allein, deine Seele hat aufgeschrieen, du hast geweint.“ Ich verneine, geweint zu haben. „O, doch, das hast du“, und damit greift er nach dem sich um uns drehenden Ball und reicht ihn mir, „du hast es nur nicht bemerkt, schau diese Kugel, deine Tränen habe ich darin aufgefangen, aber da ist etwas geschehen, denn jener, der allein eine Träne Kinder wegen vergießt, ist ihnen verbrüdert, kann nicht mehr duldsam sein, will sie lachen machen, ihre ganz besondere Süße, denn jene der Kindheit, in sich fühlen. Nimm die Kugel, gib dir und deinen Kindern davon.“ Und damit taucht er wieder im Zwielicht unter, und ich rufe ihm nach, daß die Kugel doch sein Symbol sei. „Was schon sind Symbole? Fetische, mehr nicht“, so klingt es zurück.
Und immer dann, wenn ich mich auf diesen kleinen Teppich setze, von dem ich jetzt weiß, daß er von Kinderhänden geknüpft worden ist, oder auf ihm gesessen habe, dann sehe ich meine Erinnerung, die ich nie haben wollte, anders, deutlicher, aussagender, bestimmender, ja, grundsätzlicher, sehne ich Nanda, Amra und Mahajan, ihr Schwatzen, Singen und Lachen herbei – in einem jeden Kind, das mir begegnet, oder auch in allen, die mir nicht begegnen, und fürs Erste habe ich Saris und Geshwanis nach den Mustern meiner Phantasie aus Seide und Brokat nähen lassen und vor den Rosenholzsockel, auf dem in Sandelholz Ganesha thront, andächtig niedergelegt, als weitere Fetische, die, wie Ganesha sprach, nur Weg und nicht Ziel sind, die die Ohnmacht, bessern zu wollen ohne bessern zu können, erträglich machen mögen, oder nur Träume von einer gerechten Kindheit nähren sollen, diesen großen trüben Kinderaugen Glanz verleihen…
(>ganz lautlos ist dieser lärm<, wmv2005)
Die beiden Mädchen, das eine, in der von giftigen Dünsten bewölkten Gerberei, das andere hinter einem vorsintflutlichen staubenden Webstuhl, warfen mir einen scheuen Blick zu, ein schwaches Lächeln aus einer anderen Welt, aus einer in Fetzten geflogenen oder nie dagewesenen Seele, aus untergegangenen oder nie bestanden habenden Spielzimmern, aus verhallten Kinderliedern, sie schufteten, die beiden Mädchen, trotz ihrer noch nicht voll entwickelten körperlichen Kräfte, um für sich und ihre zumeist großen Familien das Lebensnotwendige herbeizuschaffen. Der Junge, der mich hergefahren hatte, eingeschirrt wie ein Zugtier vor seiner Karre, die ihm aber nicht gehörte, döste vor sich hin. Ich gab ihm zu verstehen, er müsse mich nicht zurückfahren, seinen Lohn erhielte er trotzdem, er lehnte ab, weshalb, verstand ich nicht, er bestand darauf, daß ich mich in die Karre setzte. Sein zarter Kinderrücken, von Striemen gezeichnet, die das spröde Ledergeschirr hinterlassen hatten, glänzte im Schweiß, ich hörte seinen heftigen Atem, und seine nackten Füße trampelten durch Schmutz und Scher-ben. Hinter mir blieben die Mädchengesichter, diese großen dunklen Au-gen, die von der Kindheit verlassen waren ebenso, wie die des zwischen Deichseln gefesselten Jungen. Ich kam mir noch nie so hilflos, so überflüssig, dermaßen am falschen Ort zur falschen Zeit vor, und dies, obgleich mir bewußt war, daß, falls die Kinder diese Arbeit nicht verrichten würden, sie einer weitaus schlimmeren Erwerbsmöglichkeit nachzugehen gezwungen sein würden, und der Zorn, der in mir aufstieg, erschlug jedes Mitleid und auch jedes Verstehen, als stürze ich in die Abfallgrube allen Ekels, so griff der Schauder nach mir, und wie Gespenster schienen mir die Leute, die sich durch die Straßen drängelten.
Und immer dann, wenn ich heute in der Heimat ein Kind sehe, höre, wie es lacht, oder singt, wenn es spielt, dann halte ich inne, schaue ihm zu, damit ich mein Lachen wieder gewinne, und auf dem kleinen Teppich, von dem ich gar nicht weiß, ob er von Kinderhänden geknüpft worden ist, sitzen Teddybären und Puppen, und manchmal liegt die Katze drauf und schnurrt, als würde sie gestreichelt, was bleibt mir, außer mich zu betäuben, denn was sind sie schon mehr als nur Gewissenströstung, die monetären Opfer, sie machen nicht befreit Lachen, sie erfrischen nicht den Glanz von Kin-deraugen, weil die Seelen stumpf geworden sind, daher ein Fetisch, und falls der nicht befreit, erinnere ich mich des Schneiders, den ich unter den Arkaden irgendeiner Geschäftsstraße Bombays antraf, der dort bis in die Nacht hinein Jeanshosen anfertigte, und der mir während unserer längeren Unterhaltung auf meine Frage, warum er so spät noch arbeite, ein Foto eines Kindes hinschob, es sei seine Enkelin, damit sie zur Schule gehen könne, dafür arbeite er, wenn es nicht anders ginge, auch nachts, so versicherte er mir, ich nahm es auf, als wäre es ein Lichtblitz in der Finsternis.
Nanda und Amra spielen, sie lachen laut, weil es ihnen nicht gelingt, über ein Seil zu springen und dabei einen Ball auf dem Handrücken zu balancieren, so daß er dort liegen bleibt. Sie glauben mir nicht, daß jemand so was kann, besonders dann nicht mehr, als es dem an sich sehr geschickten Mahajan nicht glückt, dennoch lassen sie nicht ab und prüfen ihr Geschick, Nanda, Amra und Mahajan. Eines Nachts vernehme ich Kinderstimmen, ich verlasse das Bett und gehe hinunter, im schummrigen Kerzenlicht sind die Kinder im Geschicklichkeitsspiel vertieft, mich leise verhaltend setze ich mich auf den Boden und schaue zu. Es muß wohl am flackernden Licht liegen, daß mir scheint, als leuchte der Ball schwach auf, indem Amra mit ihm über das Seil springt, sie wirft ihn dem ihr gegenüberstehende Mahajan zu, der fängt ihn mit dem Handrücken auf und springt seinerseits, wobei der Ball haften bleibt wo er ist, bis Mahajan ihn Nanda zuwirft, auf deren Handrücken er liegen bleibt, als auch sie über das Seil hüpft, und dann fliegt der Ball auf mich zu, und wie aus einem Reflex heraus hebe ich einen Arm, doch verharrt der Ball schwebend über meiner Hand, dreht sich um sich selbst und um mich herum, und beginnt stärker zu leuchten als vordem in allen möglichen Farben. Die Kinder stehen mit offenen Mündern da, und ich sitze in gleicher Weise, indes der Ball sich unablässig dreht und bunt schimmert. Nanda, Amra und Mahajan kommen zu mir, setzen sich neben mich und wollen nun erfahren, wie dem so sein kann, und der Ball zieht leuchtend seine Kreise um uns Vier herum. Ich kann ihnen aber keine Ant-wort geben.
Eine Gestalt mit einer Elefantenmaske tritt aus dem Halbdunkel des Raumes, und ich erkenne sie sofort an ihrem abgebrochenen Elefantenzahn und dem dicken Bauch, beides rührte daher, daß Ganesha gern Süßigkeiten zu sich nahm, und eine solche müßte er auch in der Form einer Kugel in der Hand halten, doch fehlt sie dort . Die Kinder rücken mir näher, sie fürchten sich, so scheint es. „Ihr müßt euch nicht ängstigen“, spricht Ganesha, „ich füge euch nichts Böses zu.“
„Du hast den Ball leuchten lassen?“ frage ich ihn. „O, nein. Ich habe ein wenig geholfen. Schaut nur, worauf ihr sitzt.“ Ich blicke hin, mein und der Kinder Sitzplatz ist ein kleiner Teppich, von dem ich gar nicht weiß, ob er von Kinderhänden geknüpft worden ist. „Du warst nicht nur in Zorn“, so fährt Ganesha fort, „damals, weißt du noch, als der Junge dich zog, du die Mädchen gesehen hattest, nein Wut war es nicht allein, deine Seele hat aufgeschrieen, du hast geweint.“ Ich verneine, geweint zu haben. „O, doch, das hast du“, und damit greift er nach dem sich um uns drehenden Ball und reicht ihn mir, „du hast es nur nicht bemerkt, schau diese Kugel, deine Tränen habe ich darin aufgefangen, aber da ist etwas geschehen, denn jener, der allein eine Träne Kinder wegen vergießt, ist ihnen verbrüdert, kann nicht mehr duldsam sein, will sie lachen machen, ihre ganz besondere Süße, denn jene der Kindheit, in sich fühlen. Nimm die Kugel, gib dir und deinen Kindern davon.“ Und damit taucht er wieder im Zwielicht unter, und ich rufe ihm nach, daß die Kugel doch sein Symbol sei. „Was schon sind Symbole? Fetische, mehr nicht“, so klingt es zurück.
Und immer dann, wenn ich mich auf diesen kleinen Teppich setze, von dem ich jetzt weiß, daß er von Kinderhänden geknüpft worden ist, oder auf ihm gesessen habe, dann sehe ich meine Erinnerung, die ich nie haben wollte, anders, deutlicher, aussagender, bestimmender, ja, grundsätzlicher, sehne ich Nanda, Amra und Mahajan, ihr Schwatzen, Singen und Lachen herbei – in einem jeden Kind, das mir begegnet, oder auch in allen, die mir nicht begegnen, und fürs Erste habe ich Saris und Geshwanis nach den Mustern meiner Phantasie aus Seide und Brokat nähen lassen und vor den Rosenholzsockel, auf dem in Sandelholz Ganesha thront, andächtig niedergelegt, als weitere Fetische, die, wie Ganesha sprach, nur Weg und nicht Ziel sind, die die Ohnmacht, bessern zu wollen ohne bessern zu können, erträglich machen mögen, oder nur Träume von einer gerechten Kindheit nähren sollen, diesen großen trüben Kinderaugen Glanz verleihen…
(>ganz lautlos ist dieser lärm<, wmv2005)