Reisetagebuch eines Oneironauten
Verfasst: 23.12.2005, 16:26
Hallo ihr Lieben!
Ich gruesse euch aus Marrakech, wo ich inzwischen angelangt bin ... hier mal die ersten Kapitel meines Reisetagebuchs, falls ihr Lust habt, in einem fremden Gehirn und Koerper zu verreisen ... und besonders gruesse ich Charis ... von der Faehre nach Tanger aus ...
Schoene Weihnachten fuer euch alle!
... ein hypnagogisch-luzides Reisetagebuch
(Spanien+Marokko = Kyperspace+Traum)
(14. Dezember 2005 bis 4. Januar 2006)
Zum Geleit ...
"Ich finde meine einzigen wahren Freuden in der Einsamkeit. Meine Einsamkeit ist meine Palast, da habe ich meinen Stuhl, meinen Tisch, meine Bett, meinen Wind und meine Sonne. Wenn ich woanders sitze als in meiner Einsamkeit, dann sitze ich im Exil, sitze ich in einem trügerischen Land!
Weil ich träume, bin ich nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht verrückt, ich bin nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht!"
(aus "Leolo" von Jean-Claude Lazon)
Antaktung (dez*7)
Ich bin immer auf der Reise gewesen. Sie wird niemals enden. Ein Augenblick führt zum nächsten und ist immer ganz da. Schon vor meiner Geburt. Immer, immer. Auch wenn ich still sitze, bewege ich mich. Das ist nicht nur der Raum. Das Universum. Dazwischen das Glück, und die Hoffnung. Ich habe schon als Kind die Bewegung lieben und hassen gelernt. Ich wollte beides zugleich. Diese Kunst wirst du eines Tages erlernen, dachte ich und war jung dabei. Neue Zuschnitte an meinen Kleidern und meinem Gesicht waren die Folgen. Ich mochte tief Atem schöpfen, und mag es noch immer.
(dez*11)
Ich vermisse dich. Komm mit auf die Reise. Meine Worte sind erwachsen geworden. Gemeißelt, du kannst sie umfassen. Auch mit geschlossenen Augen. Los, mach sie zu. Spüre, wie deine Wimpern auf deiner Wangenhaut kitzeln. Und fester, fester. Jetzt siehst du Farben. Rotbunte Teppiche, die du aus 1001 Nacht kennst. Dort bist du gewesen. Auch du.
Erinnerung, sing!
Fantasie, tanz!
Deine Finger umtasten meine Worte. Streicheln mich bis in meine Vergangenheit. In dieser Wiege hat kein Kind gelegen. Ein Bett nur, das Bett der Worte. Du liegst darin, von deiner ersten Stunde an. Treibst in ihm durch die Welt, wie Moses im Körbchen. Der Fluss ist lang.
Die Farben, diffus verfleckt, straffen sich. Erste Geister kommen hervor, sie erschrecken. Ihnen folgen die Formen. Die Füllen. Das Blut und die Stimme. Sie werden immer froher und nehmen dich mit. Sie nehmen dich mit.
Die Zeit dreht Kreise. Die Bilder springen dich an. Träumendes Wachsein, und irgendwo drinnen ich. Tief, hoch. Mein Zeichen. Meine Zeichensprache. Das Öffnen und Schließen des Mundes genügt. In dich eindringen. Mein Ziel verrät sich nicht.
Später vielleicht.
nichts von Belang
Das, was mich süchtig macht, ist immer das Gleiche. Schon als Kind lernst du andere Kinder kennen, teilst dir mit ihnen während einer Kinderreise (sie reicht immer bis ans Ende deines Vorstellungsmögens) ein Zimmer und willst dann, Nächte durchredend, alles von ihnen wissen, Lieblingsfarbe, Lieblingstier, Lieblingsessen, nichts bleibt ausgespart, ja warum auch.
Bald vergleicht ihr Geburtstage, Familienaufstellungen,
Spielgewohnheiten. Alles haltet ihr nebeneinander, um das Ungleiche euch gleich zu machen. Weil euch etwas zieht, eine Leidenschaft, da seid ihr genau wie Verliebte. Wenn diese Fackel brennt, dann ohne Alter und immer wieder. Ihr trefft euch und verliert euch. Das Spiel geht noch ein Leben lang so, immer weiter.
on the air (dez*14)
Die Wolkendecke durchstoßen zu Sonne und Mond. Beide kreisrund, stellare Markierungen. Transit überm Himmel, das Display der flügeldünnen Bildschirme lässt ein animiertes Spielzeugflugzeug über urfreie, fassungslose Topografie gleiten. Fünf, sechs Reihen des versammelten Geflügels teilen sich dieses Erlebnis, dann folgt schon der nächste Flügelschirm, auch hier gleiten die Augen im Schwebflug dahin, watteweich, das Aeroplane darauf (darin?) wie an einer Schnur gezogen. Die kleine Realität in der Großen; und Wunderwelt, gesäubert im flussblauen, feldgrünen Idyll. Draußen Scheibeneisausblicke, draußen ist es kalt. Doch auch Himmelsholunder blüht; dort draußen.
Ich sehe nicht mehr hin. Bin depriviert in digitaler Musik - höre Krokes Geigen - und benutze der Tastatur. Ein Musizieren? Das Laptop als Keyboard, als petite piano? Oder ich werde benutzt. Bin Organ, Fortsatz und Fortschreibung des Textes. Meine Augen folgen Fingern, dann erscheint das Wort. Leuchtet strahlweiß, auch für mich ist es neu, jedes einzelne, frisch und unverbraucht.
Die Fluggäste wandern. Vor zurück vor zurück, im Gänsemarsch durch den Gang. Alte Menschen, denen man unlängst von der Thrombose für Flugenten erzählt hat. Wie entflügelte Kraniche staksen sie auf dem vibrierenden Untergrund. Der Himmel macht sie alle nackt wie mich. Hypnagogie: Der Wachtraum. Sich ein Ding, Wesen auswählen, vor dem inneren Auge hin- und herwenden.
Die Musik führt zurück ins HAUS DER SINNE. Ich betrete einen Raum, der sekündlich von mir hundertmeterweit untenweggleitet - die hypnagogische Nähe hingegen ist definitiv. Echt. Urnah. Auf den Flatterschirmen indessen kämpft Donald gegen eine Pappel mit Hubschrauberrotorblättern. Die Flugpappel kämpft mit der Flugente im Matrosenanzug. Statt zu schwimmen, fährt der Matrose Donald mit dem Schiff zu See, lässt den Bürzel lieber Bürzel sein. Die andere Flugente=ich sitzt über dem Rest der Alpen und wetzt seinerseits das Gesäß blank.
Im Flugzeug Worte als Pixel über einen Bildschirm zu steuern nutzt eine Bewegung, die dem Flug entgegenkommt. Der Dichter als Copilot, so gehört sich das. Draußen eine unten unerkannte Sonne, ich sehe ihr zu, wie sie Schatten durch die Plastikverschalungen im Innenraum dieses Traumfliegers wirft. Die Tiere sind ruhig, alle, ausnahmslos. Ihre Hände sind warm und ihre Füße scharren nicht.
Einzig die Geigen jagen durch Raum und Zeit. Im Haus der Sinne hängt ein Sofa, Schaukel geworden, dicht vor einem Spiegel. Ich erinnere mich. Die großen Pranken der Luft greifen nach mir und schütteln das Bäumchen. Ich schaukle in der Luft und bin nicht allein. Die Kinder sind Tiere, die Menschen schlagen um sich und lassen die Gurte klickern. Ich kann sie träumen, wenn ich die Augen schließe.
Ich streiche über den Ring, den mir Arabella mitgegeben hat. Ich habe innen eine Gravur entdeckt. Das erste winzige Wort habe ich entziffert. Treasure. Schatz, heraufgetaucht aus der See von dem Kind, das ich auch Lena nennen könnte. Ich könnte ihr viele Namen geben. So viele, dass niemand mehr wüsste, wer hier wer ist, am wenigsten ich selbst.
Unter uns Saragossa, 687 Kilometer to go. Die Ankunftszeit verfrüht sich. 00:57 verbleibende Himmelszeit. Vom Engelsdasein. 1-2-3-4. Kilometer fliegen dahin und gehen verloren. Die gewonnene Höhe - Hochsein, Hochzeit - verblasst. Der Träumende hingegen ist ein Flieger ohne Bordmechanik, ohne Höhen- und Zeitmesser. Er fliegt schneller als alle anderen. Der Träumer im Flugzeug lästert den Biografien, die unter ihm ausgerollt werden, auf dem gelbgrünen Teppich der nun schon urspanischen Topografie. Er negiert auch die rituellen Werbetrommeln. Manchmal ist der Träumende gar nicht mehr da. Manchmal ist er überall, wie eine Explosion zersprengt er in alle Himmelsrichtungen, er ist sein eigener Urknall, er spritzt Licht und Lust in alle Richtungen des Kosmos, entfernt sich nach überallhin zugleich.
00:51 to go. Echtzeitmystik. 555 Kilometer to go.
Die Geigen fliegen um den Geigenbaum, die Kraniche über ihnen in der flagellanten Zigarre werden strichgenau durchs Hiernochwolkenblau gezogen. Dies ist der Augenblick und doch ist es tausendfach geschehen. Und wird sich wiederholen. Ich bin nicht hier. Ich bin nicht nur hier. Ich träume mich. Ich werde geträumt, jetzt werde ich geträumt.
Wenn ich reise, bin ich nicht.
Wenn ich reise, bin ich nicht bei mir.
Wenn ich reise, bin ich nicht mehr hier.
Das Flugschiff zittert sich durch eine Schicht der Wolkenangst. Die Welt dreht sich darunter weg. Ich bin schon gelandet. 501 Kilometer vor dem Ziel. 11314 Meter über der Erde gestrandet; das ist offensichtlich. Die Zahlen betrügen den Träumenden und verneigen sich vor dem Realisten.
Und nein. Und ja. Die Stimmen überstimmen den Augenblick. Ich höre sie. Orientalisch oder jüdisch. Wieder diese geträumte Stadt, mein zurechtgelegtes Jerusalem. Hier kann ich die frühere Welt betreten. Ich stehe schon an ihrem Tor. Es ist nicht bewacht. Rückkehr, Rückkehr. Ein Blitz zuckt durch die andämmernden Fenster. Ein Impuls er.
Spanien auf dem Flugschirm ist hier ein digitales Wüstendelta. Röter, karger. Knotiger. Der Träumende berührt es schon, streift mit seinen Fingern darüber hinweg. Zärtlich jetzt, dieses Land ist nun warm und ganz Körper. Und das Zarte - ermüdet. Umschließt, umfängt, hüllt. Als du sagtest, der Schwimmende ist ganz umschlossen von dieser wundervollen Flüssigkeit, hätte ich mich gerne in Wasser verwandelt, 71 Liter Flüssigkeit, die dich umfließt und umschließt bis auf deinen Kopf.
Und dann waren die Rollen auch getauscht und ich versank in dir. Bis wir beschlossen, uns beide wie Wasser ineinanderzugießen, um die Meere zu werden, die wie ohnehin sind.
Und jetzt: Das Rosa der Wolken beschämt mich.
Time to destination: 00:36. Sekundenschlaf, Direktumleitung in die geheime Hypnagogie. Ich schalte Sie ab. Ich lasse Sie frei für ihren eigenen Traum.
Herzlichst,
Ihr
Plaza de la Constitution, voracht
Reife Orangen in gestutzten Bäumen, lichterkettenilluminiert. Fluktuierende Platzüberquerer, ruhigen und zielvollen Schrittes. Der spanische Gang, sein typisches Ausschreiten, Mann und Frau ziehen im Gleichschritt vorbei, und auch alle anderen Gruppen halten, zu zweit dritt viert, den Gleichschritt ein. Ihre Köpfe obendrüber wippen im Takt. Alt oder jung, alle schreiten nach einem offenbar größeren Plan. Den es zu verstehen gilt. Es ist das erste Geheimnis. Nur die Hunde verstehen es nicht.
Ein konisch himmelwärts zulaufender Grünkegel trägt Sterne, ragt überhäuserhoch, nur die Clinica Marti Torres überragt ihn. Drei Kugeln bevölkern die rechte Seite des Platzes, drei Quader die linke. Die Palmen zuhinterst wie Soldaten, gleich groß und gleich gewandet mit Lichterketten.
Zwei silberne Engel sitzen wie zu Skulpturen erstarrt vor den Goliathkugeln, ein Clown steht vor ihnen und repetiert immergleiche Phrasen. Der Marktschreier. Zur linken, hinteren, zwei Männer zwei Frauen. Ihr lautes Räuspern macht sie sofort mit mir bekannt. Zwei Mädchen mit den gleichen Schlaghosen, Hüften, im Gleichschritt. Der Brunnen rechtshinten macht seine eigene Musik. Sein Takt unterliegt keiner Taktik. Sein Rauschen hintertreibt das Geheimnis der Schritte. Alle Spanier gehen in einem Schritt durch mich hindurch. Ein Hund kläfft und Kinder kämpfen mit Neonschwertern. Sie sind wie überall. Die versilberten Engel bewegen sich nur hin und wieder. Bevor ich sie verlasse, sehe ich sie an.
Playa de la Malaguera, nachacht
Zwei Kinder schaukeln, unter ihren himmelwärts aufstrebenden Gesäßen zeigt sich das Meer. Strudelt weiße Gischt heran, laut und kraftvoll, unmittelmeerisch ist das. Ein Jogger. Ein Hund mit begleitender Dame, sandtrippelnd. An der anderen Seite des Strandes folgt der nächste, mit einem Herrn. Das Meer kommt näher heran, ich sitze auf der Bank (Schmiedeeisen), und meinte, ich könnte es gleich streicheln.
Mein Schatten liegt vor mir im Sand. Es ist Nacht, Laternen leuchten in den Palmen hinter mir. Manche Strandläufer laufen in Short & Shirt. Ich sitze mit Mantel. Kaue noch immer den Kaugummi von-vor-der-Landung. Rieche den Wind. Der Mond ist noch immer voll, bedimmt Wolkenränder und macht sich gleich rar. Die Kinder hängen an Kletterstäben, drehen sich in die Vertikale. Die Jogger wiegen die Arme, als wollten sie mit viel zu langen Trommelstöcken auf einer weit entfernten Trommel spielen. Ihr Gang erinnert an Enten; sie laufen auf Sand.
Die Kräne im Hafen sind stumm. Auf der anderen Seite, am Beach, siehst nun auch du die Lichter. Eine Perlenkette. Eine halbdeutsche Weihnachtsbeleuchtung ist das. Die Finger sind klamm. Der Verkehr im Rücken ein zweites Meer. Die Promenade vermisst mich gleich.
Hotel Domus, einsvorzehn
Mangels Tischgelegenheit sitze ich auf dem Bett rechts. Die Wärme des Geräts auf meinen Beinen und dem Schoß ist umgekehrt proportional zu dem Heizlüfter an der Decke, dessen Knurren nur entfernt innere Wärme in mir erweckt. Spanischer Winter, du bist nachts in den Zimmern kälter als draußen am Meer. Ich sage dir nichts Neues und ich wusste das. Ich umarme mich selbst zwischen zwei Händen.
Das andere Bett ist nahezu unberührt. Frotteetücher von zweifelhafter Geschmeidigkeit liegen darauf, eines zum Duschen und eines zum Waschen. Die Betten sind aus schwarzem Schmiedeeisen. Ich habe zwei für mich allein. In welchem ich schlafe, habe ich noch nicht entschieden. Zwischen ihnen ein Meter Platz, Raum oder Space oder Freifläche, die in dieser Größe in dem Zimmer nicht wiederholt wird; und doch ist hier nichts zueinandergedrängt. An den Wänden hängen Bilder. Über diesem, dem rechten Bett, eine Frau von Modigliano, sie legt den Kopf auf die Schulter, hat die Augen geschlossen, man sieht ihre deutlichen Arme und auch ihren deutlichen Schritt, dem ein paar zu krause Haare entsprießen, zu überverdeutlicht, dass sie ablenken. Werde ich unter einem rosahautigen Aktbild schlafen? Oder unter dem Geisterkopf, silhouettenreich, blau und weiß? Doch der Geisterkopf entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Skizze eines weiteren Aktes, erneut von dem Maler M.?
Werde ich hier allein sein? Werde ich in meinem Traum allein sein? Kann ich je allein sein? Du? Ist dieses Zimmer hier, stilvoll in seiner Einrichtung, ein Gefängnis? Oder doch schon ein Transit, eine Schleuse? Die Lüftung dröhnt und ich frage mich, was sie mir erzählen möchte. Ist das Wärme, ist das ein Umwälzen von Luft? Warum steht hier alles an einem Fleck? Gefällt es mir, brauchte ich diesen Hinweis? Etwas provoziert mein Unterhirn, etwas schalt und schält von innen und arbeitet sich spürbar voran.
Dazwischen die Müdigkeit der Vornacht, auch sie wirkt nach. Die Wärme der Vornacht hingegen fehlt, es kann nicht anders sein, der wahre Modigliano ist niemals ein Akt, hat mehr Dimensionen. Wie veränderte sich ein Aktbild, wenn der Maler mit seinem Modell geschlafen hat? Was fügt er nun hinzu, was nimmt er weg?
Innen, außen.
Ich bin angekommen auf der Schwingung, dem heiligen Sinus Cosinus. Das ist die Reise, das ist mein neues Kleid. Und auch mein altes. Vor nun acht Jahren schrieb ich meine Geschichte von DER ZÄRTLICHEN GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT. Eine Reise, mit Luna nach Spanien und mitten hindurch. Ich erinnere mich. Ich erinnere mich, von der Flucht geschrieben zu haben. Bin ich damals wirklich fortgekommen? Jemals, jemals? Wohin, wohin? Ist dies der zweite Teil dieser Reise? Die Rückkehr?
Die Wand in meinem Rücken ist kalt. Du, kalte Haut des Zimmers, kalter Hauch des Lüfters, des Luftumwälzers, du Aeronaut, dem jeder Charme des Anrührenden fehlt. Wenn du frierst, wärmst du es schon, erklärt mir eine Freundin. Ich wärme die Wand. Streiche darüber, will die Oberfläche ertasten, den riffeligen Gries, die Struktur, die man durchdringen muss, wenn man an das Ziel kommen will. Eine Hinterdringung geradezu.
Dahinter wohnt jemand.
Ich presse den schwarzen Transformator meines Laptops gegen mein Gesicht, die Wange. Warm wie ein Mensch, warm wie du. Heute Nacht mag er zwischen meinen Schenkeln liegen, einfach so. Ja, einfach so. So kann ich besser nachdenken. Glücklicher sein. Ich will immer glücklicher sein, noch glücklicher als das Glück selbst. Ich denke an dich, der diese Reise liest und buchstabiert und dekliniert. Du hast viele Gesichter und ich, hier auf diesem Bett sitzend und mich fragend, wie groß dieses Hotel sein mag, ob es je irgendwo aufhört und ob in ihm außer mir noch ein anderer Mensch lebt, ich frage mich ...
Und nur der Mond ist heute um den letzten Takt reicher. Er weiß Bescheid. Ich grüße dich aus Malaga.
Malaga. Stadt, die ich erstmals als Eis kennen lernte, die einzige Sorte, die mein Vater je aß, vielleicht als das geringste Übel, vielleicht aus echter Neigung, ich weiß es nicht, sein Gesicht sah immer, wenn er die Zunge über das Kalte führte, eigentümlich steif aus. Auch ihn grüße ich aus dem Hotel des Eises. Die Decke liegt über mir und hüllt mich ein. Wasser, 38,4 Grad, wäre mir lieber. Dein Fieber, das wäre mir lieber.
Ich werde diesen Ort verlassen und einen Traum haben heute Nacht.
Autobus Malaga-Algeciras, nachmittags (dez*15)
Costa des Sol. Küstenweg, Orientierung südwest. Steingrau, Buschgrau, in unausgewogener Landschaft. Violett unterschwellig oder durch die leicht eingetrübten Scheiben des Busses auf der Netzhaut erscheinend. Kräne ziehen Rohbauten in die Höhe, sie können das, können vielleicht nichts anderes, sie sehen glücklich aus dabei; sie arbeiten unverdrossen. Wetter heiter bis wolkig, vereinzelte Lichtteppiche auf den Bergen, auch das ist geübt. Weiße Häuser, sich selbst wiederholend wie in einem Computerspiel, sitzen dem Buschwerk auf, voller Routine; und sorglos auch.
Im Tunnel das Licht der hundert eng gestaffelten Seitenlampen, im Schacht auf genau meiner Sitzhöhe angebracht, umflackert mich.
Handys wechseln sich beim Musizieren ab und schöpfen eine gemeinsame Sinfonie um mich. Ich denke mir ein Konzert mit hundert Handys, und ein jedes singt einen eigenen Ton oder eine Sequenz. Ich nenne es DIE HANDYORGEL.
Idee von vorhin aus Malaga:
Kleine Computerterminals wie Telefonzellen auf der Straße zu installieren, an Stehpulten oder sogar im Sitzen.
Und wieder Deprivation. Frische Sonne. Ich sitze am Fenster, starre ins Wolkenpanorama, irgendwo dahinter harrt das Meer. Manu Chau fürs Innenohr, um das spanische Radio zu übertönen. Lautstärke ultimativ. Glück ist käuflich, Melodien wie launige Hormone. Über die blaue Brücke, durch die nächste Tunneldisko. Die Autos tragen Lichter vor und hinter sich her. Die Städte strengweiß, nur den Bergen sitzen grauen Kästen wie Kasernen auf und blicken fernhin, immer meerwärts. Meine Fingerspitzen vibrieren. Mein Herz ist jetzt selbst Musik. Nur der Tanz fehlt; noch.
Wut, Abschottung.
Woher kommt diese Impotenz des bloßen Genießens ohne Überzeichnung der Wirklichkeit? Wenn ich reise, bin ich nicht. Wenn ich schreibe, bin ich nicht allein.
Das Wetter unentschlossen wie ich. Vielleicht auf der Suche nach entgültiger Form, noch immer. Das absolute Wetter, die Wetterewigkeit. Wetterfühligkeit, Fühlen des Wetters, Wetter als Gefühl. Wettern. Neue Wetterhormone werden kommen und jede Entgültigkeit unterminieren.
Die Farben der Landschaft bescheiden, wie verblasst. Kein Rot kein Gelb kein Grün kein Blau, alles ermüdet von der Ewigkeit, ein altes Kleid für diesen Körper, tausendfach gewaschen und ausgewaschen. Nur urblau die Kräne und die Verkehrsschilder, nur urgolden die Häuser, nur urgelb leuchtend die Tunneldisko.
Der Bus ist jetzt ein Schiff, wie auf Wellen gleitet er dahin durch das zugeschwollene Tal. Wasserasphalt, an seinen Ufern Schotter und frisches Grün.
Tunnel werden folgen, flacheres Land, müder schon und sich opferwillig dem Meer anbietend für die kommenden Jahrhunderte, die steigenden Meere werden auch diese Straße unter Wasser setzen. Die Kräne am Meer ziehen Häuser auf wie Kinder, die in nicht mehr ferner Zeit verschlungen werden, ihr Schicksal ist nicht anders als das der Menschen. Und wieder denke ich an den Traum, den Lena immer wieder träumt.
Als Kind war auch ich Noah. Setzte mich für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ein und wunderte mich schließlich, warum Kassandra niemals gehört wird, auch nicht von den klügsten Leuten. Nein, niemand, außer den Chinesen des Schmerzes. Den Heiligen oder denjenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Weil es schöner ist, das Leben ohne Hypothek der Zukunft zu verbringen? Weil Glück und Zufriedenheit niemals nach morgen Ausschau hält?
Der Regen kommt passend zu diesen Gedanken. Landregen, Landregen. Wäscht weiter und weiter das Kleid von Andalucia.
Anda Lucia, o Anda Lucia!
Kurz, nur kurz, heb deinen Rock für mich! Lass mich dich unterschreiten. Ich will die Wurzeln sehen von deinem kargen Garten. Oberflächen setzen sich über Unterflächen hinweg, auch diese will ich sehen, zeig sie mir.
Zeig sie mir!
Ich grabe mich tiefer. Schicht um Schicht. Achtung, ich schließe die Augen. Und beginne die nächste Hypnagogie. Ich sehe. Ich sehe rote flimmernde Pixel auf meiner Netzhaut. Aus ihr werden Bilder wachsen, sobald ich die Lider noch fester zupresse. Ich, der Lidlose, ich, der seine Augen nur mit Mühen ganz zuschließen kann, presse und presse aus ihnen Farbmuster hervor. Schon als Kind habe ich auf diese Weise Träume herbeigeführt. Massierte mit den Fingern meine Augäpfel, manchmal so lange, dass auch nach dem Beenden dieser geilen Lightshow sehr lange kein natürliches Bild mehr entstehen konnte.
Ich sehe.
Ich sehe eine Sonne und einen Horizont. Ich sehe eine Landebahn. Ich sehe ein Flugzeug, das sich im Kreis dreht. Ich sehe in das Cockpit. Ich wähle den Fokus von oben, ich kann das. Das Cockpit ist in alle Richtungen offen, man hat es zur Gänze aus Glas gemacht. Natürlich sitzt DU darin. Ich sehe dich an, und du bist nackt oder auch deine Kleidung ist aus unsichtbarem Stoff gefertigt. Ich sehe dich dort in dem Cockpit sitzen, und auch du hältst deine Augen geschlossen. Auf deinem unsichtbaren Thron sitzend schaust du wie ich in dich hinein. Manchmal spielen deine Finger über deinen Körper, kratzen über unebene Stellen, oder sie streicheln über glatte hinweg, so, wie du das offenbar schon lange Zeit nicht mehr getan hast.
Erinnerst du dich?
Du wirst bald abheben, erste Schleifen fliegen, nur durch die Kraft deiner Gedanken wirst du das Flugzeug bewegen, du wirst dich sonnen, dort oben, ganz weit oben, heute nehmen die Engel Flugstunden, heute bist du dran mit diesem Spiel, genieße es.
Du startest. Mit geschlossenen Augen navigierst du dich auf die Startbahn, empfängst dein Signal von einem Tower, zu dem ich keinen Zugang habe, ich höre einzig das Rauschen des Meeres. Jemand gibt dir einen Auftrag, ich bin es nicht, du weckst meine Neugier. Deine Reise beginnt, du hebst ab. Ich schwebe dir hinterher. Du segelst über die Küstenlinien, früher wärst du ein Vogel gewesen, heute musst auch du mit der Zeit gehen, dich mit unserem Technikzoo arrangieren. Selbst die Toten werden ab heute zum Himmel auffliegen, von Trägerraketen hinauf in den Orbit gebracht.
Als du die Augen aufschlägst, siehst du als erstes mitten in die Sonne hinein, grell leuchtet sie, du blinzelst und legst deine Hand über dein Gesicht. Du fliegst ihr entgegen und doch unter ihr durch. Du bist erstaunt, siehst dich um. Über dir der blaue Himmel, unter dir Wolken, vereinzelte Flocken, dann das Meer. Du fühlst dich überrumpelt, entführt. In diesem Cockpit ist kein Steuerpult zu finden, dieses Flugzeug fliegt ganz ohne deine Einflussnahme. Oder irre ich mich?
Herzsteuerung.
Verlegen bist du nur kurz, dann räkelst du dich. Willst anscheinend nicht viel von der Aufgabe wissen, auf die du dich konzentrieren solltest. Streichst statt dessen über deinen Körper, diesmal agierst du sehr bewusst. In diesem hohen Licht gewinnt er merklich an Farbe. Du drehst dich, damit die Sonne auch von unten auf dich fällt. Jetzt ist deine Unruhe wieder verklungen. Du fügst dich in diese Flugphase deines Lebens.
Und da: bist du doppelt. Siehst neben dir das identische Abbild deiner selbst sitzen. Ihr seht euch an. Erstaunt darüber, dass eure Körper seltsam verbleichen. Kaum dass ihr euch erkennt, werdet ihr schon selbst gläsern, wie das Flugzeug, die Triebwerke hinter euch. Alles wird Luft und Schweben. Jetzt kann euch gleich jeder Regentropfen treffen. Ihr wollt euch aneinander festhalten.
Zwilling, umarme mich!
Wer, wenn nicht du?
Die Welt wäre ungerecht, wenn es zu jedem von uns nicht ein identisches Abbild gäbe. Auch ich bin ein solches, mein anderes Ich bildet den Fixpunkt, mein Mekka, an dem ich ablese, dass ich woanders bin. Hier, in diesem Traum, auf dieser Reise bin ich immer im Mittelpunkt. Die Erde dreht sich unter mir hinweg, nicht ich bewege mich. Außer, mein Zwilling winkt mir aus der Ferne und verrät mir auf seinem Display die Entfernung, die ich von mir einnehme.
Ich öffne die Augen. Du bleibst zurück in diesem halbgeträumten Traum. Irgendwo dort zwischen Himmel und Erde, Sein und Nichtsein, Körper und Glas. Du setzt diesen Traum unabhängig von mir fort. Erzähl ihn mir, eines Tages?
Hostal Marrakech, Algeciras in der Dämmerung
Kalte Füße. Ich mag sie, so kühl, sie zeigen mir das Leben. An der Decke eine nackte Glühbirne. Es gäbe einen kleinen Schreibtisch zum Schreiben, doch ich lümmele lieber auf dem Bett. Genieße das Einkriechen der Müdigkeit in mich und auch der Normalität des Hierseins. Der Kyberspace gräbt ein Loch durch mich. Das Aufzeichnungsgerät ist mein zweiter Talisman, mit ihm kann ich die Verbindung herstellen; zumindest zeitweise. Fern nicht mehr der Tag, wo ich in jeder Sekunde von jedem Fleck der Erde mit diesem Überraum verbunden sein werde.
Noch hinke ich. Noch haste ich durch ein Malaga und suche die nächste Datenschleuse. Und suche sie lange. Um elektronische Briefe zu lesen, von Diana (eine Göttin der Jagd), die nun in der Schweiz arbeitet bei IBM, der Mutter so vieler Maschinen. Meine Freundin aus dem Kyberspace, die ich das erste Mal in Leipzig auf dem Messeturm traf, das Volk nennt ihn DAS BUCH. Ein würdiger Ort für das erste Einpflegen der Echtfleischdaten in die Realität! Olympian View Point mit der Olympionikin, die nun in der Schweiz noch höhere Berge vor Augen hat.
Auch Raoul schreibt. Mit ihm und Maga war ich vor einigen Jahren in Toledo gewesen. Zum vorläufig letzten Mal hatte ich mich mit den beiden an Hochprozentigem berauscht. Raoul, der nach Spanien ziehen wollte wegen einer Frau, und doch kaum eine Nacht blieb. Raoul, der Romantiker, der sich von alledem (geliebter Schmerz) nichts anmerken lässt. Womöglich sind genau jene Menschen die wahrsten Kavaliere; ohne jede Angeberei leuchten sie nur nach innen.
Raoul schrieb mir unlängst, er habe sein Handy verloren und wolle kein Neues mehr. Auch er gehört nun in unseren Club der Exhandybesitzer. Wobei es auf der Reise seinen vielleicht besten Dienst täte. Als Nabelschnur. Kurznachrichten versenden wie vormals Telegramme. Doch ich will frei sein. Nehme einige Unbillen in Kauf, trenne mich, entferne mich noch ein Stück weiter.
Auch auf Fotografien werde ich verzichten. Alle meine Reisen mit dem Knipser hatten die Bilder meine Sprache merklich ermüdet. Zudem gilt mein nächstes Ziel einem Land, in dem Bilderverbot herrscht. Wer sagt, dass nur die Götter nicht abgebildet werden dürfen? Und wenn die Natur, die Welt für mich gleichfalls ein Gott ist, was nähme ich mir dann heraus, diesen Gott aufzunehmen? Ich kann Worte finden, 99 oder 100 Namen wie für jenen Gott, den man hierzulande Allah nennt.
Hierzulande? Noch bin ich nur im Hotel Marrakech und versuche, das Rauschen der vorbeistotternden Wägen mit TERRA TERRA von Nicholas Lens zu überspielen. Fühle mich aber schon halb drüben, auf der anderen Seite.
Afrika, welches ich noch nie betreten habe. Afrika, das auch TERRA ist, alte und mürbe Erde, sonnenverbrannt. Ich will diese Falten sehen, das Spiegelgesicht meines Alters, meine späte Zukunft.
Hostal Marrakech, vorzwölf (dez*16)
Ich sitze in der Orient Lounge des Hotels und sehe zum Fenster hinaus auf die zerrissene Stadt. Die Sonne kommt erstmals heraus und leckt über die Würfel der Häuser. Viele Wände zeigen die Spuren von abgerissenen Nachbarhäusern in die Fassade gegraben, andere, in Berlin wohl Brandmauern genannte fensterlose Flächen sind nicht verputzt und ragen über dampferförmigen (weil an den Hausecken abgerundeten) Bauwerken himmelwärts.
In Algeciras mischen sich die Kulturen. Nicht nur im Hotel Marrakech triffst du auf viele Orientalen. Auch die Spanier sind nicht immer gleich zu erkennen, ihr Teint ist der gleiche, und auch die Bewegungen ihrer Körper haben sich sehr angeglichen. In der Stadt hört man nachts die Polizeisirenen heulen, sie klingen wie in den amerikanischen Filmen. Wenn du nachts durch die Straßen gehst, siehst du Araber mit Sporttaschen auf dem Rücken durch die Straßen rennen. Die Polizei fährt daneben her, fängt den Flüchtenden vielleicht an der nächsten Häuserecke ab. Oder aber das alles ist nur Teil eines anderen Spiels, ist nur ein Derivat deiner übersteigerten Fantasie.
Eines jedoch hat mich sehr beeindruckt. Im Flugzeug erzählte mir meine Nachbarin, die Studentin Vanessa, dass ihr spanischer Freund in Tarifa eine Surfschule betreibt und immer wieder davon berichtet, dass Marokkaner in Schlauchbooten über die Meerenge rudern, mit einer Schwangeren kurz vor der Niederkunft als Passagierin. Ich sehe die Frauen in ihren Wehen vor mir, wie sie kurz vor der Geburt über das Meer fahren, vielleicht ihr Kleines, Süßes schon auf selbigem zur Welt bringen; dabei sollten sie sich gedulden bis zu dem Moment, wenn sie eine Bucht erreicht haben und tatsächlich auf europäischen Boden das Kind gebären; ein spanisches Kind, so regeln es die Gesetze, erklärt Vanessa. Und ich möchte gleich eine Geschichte dieses Kindes erzählen, das vielleicht just letzte Nacht an einem der umliegenden Strände seinerseits in dieser Welt gestrandet ist.
Und wieder heulen in Algeciras die Sirenen. Ich muss lächeln, dass der Herr an der Rezeption mich beiseite zog und mir sympathisch raunender Stimme "Haschisch" zuflüsterte. Ich muss an die Sitzgelegenheit der Lounge denken, die wie gemacht ist für die meist liegende Haltung der Haschischraucher. Ich muss daran denken, dass ich gestern im Restaurant keinen Alkohol bekam, dass ich auch in Marokko auf diese europäische Lust verzichten werde und man mich mit Marihuana abspeisen möchte. Daran, dass ich letzteres noch nie mochte und auch mit der Zeremonie nicht viel anfangen konnte.
Ich frage mich, ob die Araber auch so heillos verblödet kichern wie ihre europäischen Kiffbrüder. Ich frage mich, ob es charakterliche Parallelen gibt zwischen diesen europäischen Entspannungssuchern, ob sie die Drogenpersönlichkeit auch in anderen Belangen eint. Ob der Alkohol etwas typisch Europäisches ist (obwohl Dionysos ihn offenbar aus Indien mitbrachte), weil er die Menschen aggressiv macht und mitunter in ihrer Leistung sogar noch befördert, weil er eine Zeitlang stimuliert, bevor er wie das Haschisch destimuliert.
Ameisentraum
Meine Träume sind unruhig und wild, oft bin ich geweckt vom Kältegefühl, wenn eine der zu sorglos über mich gebreiteten Decken herabrutscht. Wie viele zehntausend Jahre haben Menschen mit dieser Nachtkühle gelebt? Hier, im Hostal Marrakech, haben sie allzeit die Fenster offen, auch hier in der Lounge. Im Restaurant sitzen die Gäste mit Mützen und Jacken, niemand zieht sich dort an oder aus. Hier mag es den Menschen genussvoll erscheinen, ein paar Monate im Jahr eine Kühle zu spüren.
Ein Traumfetzen von gestern ist in mir haften geblieben. Ich war wieder bei meinen Eltern im Garten, saß im Gras und spielte, vielleicht war ich noch ein Kind. Dann sah ich dieses Mädchen, zart und doch schon Frau, eine Schulkameradin offenbar. Ihr Gesicht wirkte bizarr, ein björksches Grinsen ließ sich darin partout nicht zerstreuen, es war ganz egal, was ich sagte.
Ich spielte mit einem Stöckchen Ameisenärgern, die an manchen Stellen im Rasen dicht an dicht wimmelten. Das Mädchen aber, ganz nackt jetzt, setzte sich direkt und absichtsvoll auf diese wimmelnden Insekten. Warum tust du das, fragte ich, aber sie antwortete mir nur mit einem sehr glücklichen, weltfremden Lachen.
Was, wenn sie dort hineinlaufen, dachte ich noch, und jetzt, als wacher Mensch, sehe ich diese Ameisen in den Gängen durch diese Frau krabbeln, in ihr den Ameisenbau fortsetzen, eine bewohnte Frau, eine Ameisenfrau. Fast so wie Laura, von der ich in DIE BIENEN DES UNSICHTBAREN schrieb. Auch die falschen, simulierten Träume werden irgendwann echte, urechte Träume.
Immer wieder das Meer
Lang zieht sich der Hafen, dann ist es soweit: Du setzt dich ans Meer, endlich. Blickst raus auf den Felsen von Gibraltar. Ruhig bist du. Hörst dem Meer zu, das die rund- und buntgeschliffenen Steine in der Brandung ableckt. Wind geht, Sonne zeigt sich nur flüchtig. In der Bucht rochierten Schiffe, Containerschiffe und Fähren, manche bewegen sich wie in Zeitlupe. Und doch, wenn du ein paar Augenblicke den Blick abwendest (in dich hinein?), ist die Anordnung gänzlich neu, wie ein Schachbrett, und jedes Schiff gehört einem der unsichtbaren Titanen, der seine Figuren auf den Koordinaten der Meerenge bewegt.
Der Wind kühlt dich aus, das Meer kommt näher. Das Meer. Zu oft hast du schon versucht, das Meer mit Worten zu fassen. Doch es ist nicht zu fassen. Von dir nicht, von niemanden. Wenn, fasst es dich.
Und alles weitere? Manchmal ist gar nichts mehr zu fassen, schon gar nicht der Augenblick. Du kannst tun, was du willst. Und jeden Moment, den du im guten Glauben festhältst, dass du ihn eines Tages wieder erleben kannst - wirst du ihn dann nicht vielleicht sogar insgeheim verfluchen? Wie geht es dir, wenn du alte Bilder ansiehst, längst vergessene Tagebücher liest? Geht dir dann nicht auch immer ein kostbarer Moment verloren, in dem du etwas Neues erleben könntest?
Ich will nichts aufzeichnen, um es eines Tages selbst zu lesen. Jedes meiner Worte und Bilder, Erinnerungen und Welterfassungen und Sinnerschließungen soll, wenn überhaupt, anderen überlassen bleiben. Ich selbst muss mich von ihnen wegschließen, um frei zu sein, immer wieder frei und unbeschwert.
Würde ein echter Robinson (einer jedoch, der weiß, dass er der letzte Mensch auf Erden ist) ein Tagebuch führen, um zu lesen, was er vor einigen Jahren gemacht, gedacht, erlebt hat?
Dieser Robinson mag vielleicht an einem Kalender seine Jahre abzählen, das machte Sinn, um zumindest die Zeit als Ganzes zu wahren. Aber ihren Inhalt? Würde es ihm nutzen, um Muster darin zu erkennen, so wie der Wissenschaftler stets nach Mustern sucht? Nur wofür? Um seinem einsamen Leben womöglich ein paar zusätzliche einsame Jahre hinzuzufügen? Um noch effektiver das Alleinsein erlernen zu können?
Wäre der echte Robinson nicht einer, der versuchte, das hervorzukramen, was nicht mehr zu erreichen ist mit den eigenen Augen, alles der Insel vorangehende? Die Insel wird ihm stets ihre vielen wundersamen Geschichten von seiner Ankunft und seiner Eingewöhnung erzählen; aber das davor? Das, was nicht mehr greifbar ist, einzig in seinen Gedanken wie in Netzen gefangen hängt? Ich denke mich als Robinson, der von allen Erinnerungsimpulsen abgeschnitten ist und nun beginnt, die Vergangenheit zu notieren, von der Ferne in die Ferne diktiert; aber nur, weil die Gegenwart keinen neuen Stoff mehr liefert; nur deshalb.
Das Meer nässt beim Anbranden, nässt deine Stirn und deine Wangen. Der Wind macht dich enger und kleiner, dein Körper zieht sich in sich selbst zusammen. Im Kaltsein kann man die Kunst des Gebets erlernen. An den Mönchen erschreckte mich seit jeher eines am meisten: Deren Vorliebe für kühle Räume. Ein Mönch mit Zentralheizung ist eine lästerliche Vorstellung, was denkst du? Im Kühlsein wird man gezwungen, sich zu sammeln, seine Energien zu haushalten, die perfekte Ökonomie des Wärmeaustauschs zu finden. Es trainiert dich in der Bescheidenheit, und Bescheidenheit ist einer der direktesten Wege zu Gott bzw. dem Göttlichen.
Das Meer und sein Salz stimmt überein mit den Tränen, die dir durchs Gesicht laufen. Es sind Windtränen, in dir ist eine tiefe Ruhe, ohne Schmerz und Freude, so, wie es nur das Meer schafft; in dir schweigt alles, was sonst so laut ist.
Möwen stehen in der Luft. Sie tun es nicht nur vor Gibraltar, sie tun es auch in Irland, Kilbaha, gerade jetzt. In einer Sekunde bin ich bei dem Fotografen und seiner Frau. Stehe auf dem Riff und sehe hinaus aufs Meer. Kräftiger noch ist der Wind bei Kilbaha. Der Golfstrom beheizt auch die Bridge of Ross, hier ist es allwinters herbstwarm. Ich sitze in der Sonne, liebe wieder mit meinen Augen die zerklüfteten Steine, raumschiffartige Gebilde, grau und zeitlos zerrissen, zu nichts nutze und dennoch schön in ihrer Kargheit.
Ich werde jetzt den Weg nach Kilbaha einschlagen, an weidenden Kühen vorbei, grauen oder orangefarbenen Steinhäusern, hin zu dem Pub mit Blick auf die Schüssel des Hafens, ein paar Boote sehe ich dort und auch dort Möwen, ich höre ihr Krahkrah dort auf den Bänken des Pub, dort, wo jeder jeden kennt und der Fotograf sich doch nicht sehen lässt, auch jetzt nicht, er ist unterwegs und folgt dem besten Licht über der Landschaft, sein Gehirn hat die gesamte Region des Burren schon Buchstabe für Buchstabe auswendig gelernt, er muss nur noch zum Himmel sehen und die Beleuchtung der Landschaft (von Wolken stets und schnell variiert) taxieren, und schon weiß er, dass jenes Bild, das in seinem Kopf schon vorgefertigt ist, jetzt möglich ist, wenn er sofort in seinen Wagen springt, ein paar Kilometer fährt und jenes Lichtmoment einfängt, auf das er so lange gewartet hat.
Und ich warte auf ihn, er wird zurückkehren. Wenn er mich dort vor dem Pub sitzen sieht, wird er erstaunt den Wagen stoppen. Er wird den Kopf vorstrecken, wie er es gerne macht, worin er einem neugierigen Vogel gleicht, dann wird er den Kopf schütteln, dann wird er den Mund öffnen und doch erst nichts sagen.
Auf diesen Moment freue ich mich, hier in Kilbaha, vor meinem Pub auf den Holzbänken. Die Sonne, die jetzt über mich hinwegstreicht, ist unsterblich schön und ihr Lächeln unaufhaltsam zaghaft und zärtlich in einem.
Hostal Marrakech, nachtwärts
Weil ich morgen nach Tanger übersetze, trinke ich hier mein letztes Bier für längere Zeit. Ich werde mich an die Regeln dieses größten Männerklosters halten. Und nicht nur an diese. Auch eine andere habe ich mir ausgedacht. Verabredungen mit mir selbst sind mir die liebsten. Wenn ich sie nicht einhalte, treffen sie meinen Stolz oft noch tiefer als ein Verrat vor einem lieben Freund.
Sie werden mir als Ersatz den Kiff anbieten, obgleich auch er in Marokko verboten ist, wie mir der Reiseführer erklärte. Ich werde ihn ablehnen. Ich werde auch keinen Alkohol trinken. Ich werde das Essen nur mit der rechten Hand dem Mund zuführen, obgleich meine Linke viel geübter ist. Doch die Linke gilt in Arabien als unedel, also spiele ich dieses Spiel mit (amüsant indes, dass ich als Linkshänder mir von Kleinauf den Allerwertesten selbstverständlich nur mit der Rechten abwischte).
Ich werde keiner arabischen Frau von mir aus die Hand zum Gruß reichen, da es sich nicht gehört. Ich werde versuchen zu feilschen, auch wenn ich dazu keinen Grund sehe. Und ich werde nicht zuletzt auch mit einer Gewohnheit brechen, die ich in diesem Maß nicht mehr gebrochen habe, seit ich fünfzehn bin. Länger als eine Woche habe ich mich nie bezähmen können. Warum eigentlich?
Chuck Palahniuk erklärt, der Körper würde süchtig nach den Stoffen, die bei selbigen Vorgang freigesetzt würden. Das klingt schlüssig. Und auch, wenn Arabella mir erklärt, dass auch sie in aktiven Zeiten eine größere Motivation verspürte, aktiv zu bleiben, in anderen Zeiten hingegen ganz vergessen könne, dass.
Ganz vergessen kann ich es nie - oder doch? Ich kenne Männer, die behaupten, ganz davon frei zu sein, und nicht alle von ihnen haben Freundinnen, die man zu der Kategorie der Männerverschlinger zählen könnte. Ist es Scham, so viel Eigenliebe zuzugeben? Ist es Souveränität? Ist es meine Sucht, die mich diesbezüglich an den Worten der Freunde zweifeln lässt?
In dem größten Männerkloster der Welt wird es besonders reizvoll sein, eine solche Übung zu wagen. Zum einen ist kaum Provokation zu erwarten. In unserer nacktheitsgeilen Kultur kann sich kaum jemand dem Überangebot entziehen. Dort aber?
Oder wird es umgekehrt sein? Werden meine Träume noch dichter und sinnlicher werden? Werde ich anfangen, Phantome zu sehen? In dem Verborgenen den wahren Reiz finden, den das Verborgene bereithält: Den Platz für eine unermessliche Fantasie?
Ich entsinne mich der Zelturlaube, jener Rundreisen mit Maga oder anderen Freunden, wo man keine Nacht und auch keinen Tag je allein war. Nur auf der Toilette des Campingplatzes oder unter der Dusche war dann eine Gelegenheit für das Allzumenschliche. Und die musste ich dann auch alle halbe Woche unbedingt nutzen; ich fürchtete sonst zu explodieren. Weil die Belästigung zu groß war. Am Strand umherzugehen und all diese Begehrbarkeiten zu sehen, das ließ Wut wachsen.
Ich weiß, warum die Mönche auch an dieser Stellschraube des Menschseins drehen. Sie wähnen sich dadurch mächtiger. Entsagen, das schafft Macht über die eigenen Gefühle, die Urambitionen. Der Triumph ist durchs nichts zu vergleichen. Und dann die Versuchungen, die Heimsuchungen von Träumen!
Schlafentzug zum Beispiel habe ich schon als Kind erprobt. Es hat mich fasziniert, ganze Nächte beim Monopolyspiel mit mir selbst zu verbringen. Ich habe auch zeitweise ganz aufs Essen verzichtet, um zu wissen, wie es sich anfühlt; gut möglich, dass ich damals ein bisschen verzweifelt war. Ich habe geraucht und mich dann des Rauchens entwöhnt. Gelitten dabei und doch triumphiert. Auch habe ich mehr als einmal die Liebe zu einem Menschen bis ins Extrem getrieben und mich dann (unter Schmerzen zwar, aber auch mit Einsicht ins Notwendige), wieder von dieser Sucht getrennt.
Wenn ich an Arabien denke, dann denke ich vornehmlich an das Mittelalter. Das europäische Mittelalter mag weniger dunkel gewesen sein als unsere Zeit heute; ich meine die Lichtverhältnisse und auch das Gefühl der Menschen für ihre Zeit. Ihre Moral, ihre Glaubensvorstellungen aber mochten sich mit den Arabern von heute in einigen Punkten decken. Bis wann sind die Damen in Europa noch in Badekleidern, bis zum Hals hochgeschlossen, ins Meer gegangen? Das war nicht einmal mehr das Mittelalter, und dennoch! Und so tun es die meisten Araberinnen noch heute.
Würde man uns nur ins Jahr 1805 zurückversetzen, wir wären über die moralischen Vorstellungen unserer europäischen Vorfahren entsetzt und würden sie als Fundamentalisten ausschelten. Alles erschien uns zu hermetisch und auch zu primitiv. Und ihre Lebensgewohnheiten: Keine Zentralheizung, wie können Menschen ohne so etwas leben und sich noch Menschen nennen? Unfassbar eigentlich, dass sie dennoch oft ein hohes Alter erlangten!
Plötzlich erscheint es mir als luxuriös, in den mittleren Breiten Europas auch des Winters nackt schlafen zu können (ich mag das), sich frei zu fühlen, satt und glücklich wie ein Baby im Brutkasten. Vor zweihundert Jahren? Plötzlich machen da die Nachtgewänder mit den Einschlitzungen am Schritt einen anderen Sinn. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wir sind unserer Vergangenheit genauso fremd geworden wie etwa den Kulturen Arabiens.
Aux Chanito 2 (dez*17)
So heißt das kleine Boot im Hafen, angebunden an ein größeres, die Chanito Segundo Algeciras. Am Bug ist ein Fisch aufgemalt, und in die Flanke des Fisches ist eine Pupille eingezeichnet. Fisch ist Auge, Auge ist Fisch. Das kleine Boot hat eine winzige Kajüte in der Mitte, außen sind sechs Scheinwerfer angebracht, die direkt ins Wasser leuchten.
Eine dünne schwarze Katze springt in das größere Boot, kehrt mit einem Silberfisch im Maul an Land zurück. Sie geht sehr langsam und voller Routine. Ich bleibe auf einer Mole sitzen und sehe den Fischern zu, die ihre Netze, am Hafen in großen Haufen liegend, für die heutige Tour auswählen.
Die Morgensonne verspricht eine schöne Überfahrt nach Tanger. Mir indessen geht noch immer ein Traum nach. Heute Nacht war ich erst durch den Weltraum geflogen, dann auf einem Planeten gelandet. Vielleicht war es die Erde, aber es war eine Erde weit vor oder nach unserer Zeit. Es herrschte große Dunkelheit, nur ringsum, an allen Enden des abgeflachten Horizonts sah ich gleichfalls ideal gerundete Monde leuchten. Ihr Licht aber war sehr schwach, sie waren Schemen ihrer selbst, blassgelbe Linsen. Sie bewegten sich nicht.
Ich floh und wusste niemals, wohin eigentlich, die Welt um mich war fremd und unkalkulierbar. Ich wurde gejagt wie in einem Computerspiel. Mein Feind war ein Wesen mit übermenschlichen Kräften. Wenn er sich vor mir inkarnierte, hatte er die Gestalt des russischen Präsidenten, Wladimir Putin. Der Präsident trug eine Feuerwaffe bei sich und spielte offenbar ein Ballerspiel. Sobald er mich sah, schoss er auf mich, meine Tötung schien das Ziel seines Spiels zu sein. Ich jedoch hatte mehrere Leben, wurde zerlöchert und stand doch immer wieder auf und fand mich dann an einem anderen Fleck des dunklen Planeten wieder. Manchmal, wenn Putin mir sehr nahe kam und auf mich anlegte, spürte ich ein Würgen im Hals. Etwas Großes und Festes stieß meine Speiseröhre hinauf, etwas wollte den Putin bespucken, aber diese Hervorwürgung schmeckte entsetzlich nach Exkrement.
Zur Hilfe kam mir mitunter ein guter Geist, er erhöhte meine reduzierte Zahl der Leben immer wieder. Irgendwann erkannte ich ihn in der umfassenden Dunkelheit: Es war der deutsche Exkanzler, Gerhard Schröder.
Die Sonne steht tief, der Morgen ist frisch. Der Hafen wirkt unentschlossen, den Tag wahrhaftig aufnehmen zu wollen. Noch sitze ich hier auf meiner Mole, sehe den Leuten beim Durchschreiten des Hafens zu. Ich stenografiere in die Tastatur und kann den Blick dennoch den Menschen zuwenden. Dem älteren Herrn aus der Ferne, der mit forschen Schritten den Kai entlang läuft, eine Hand in der Jackentasche, dessen Gesicht langsam erkennbar wird, der sich jetzt umdreht, bald zu mir hinsieht, jetzt, wieder den Blick wegwendet, nun erneut herübersieht, auch zu dem Schiff Aux Chanito ... und noch dichter wünsche ich mir nun in diesem Moment das Treiben, noch mehr Busse, Autos, Schwerlaster, so dass ich mich, auf der Mole sitzend, als geheimer Mittelpunkt empfinden kann, als großer Überblicker, Alleseinseher, der, der den Blick des Fremden (und der Fremde) hat und dazu gezwungen ist, über die alltäglichsten Kleinigkeiten zu staunen.
Eigentlich gibt es hier nicht viel zu verstehen. Katzen, die Fische stehlen, die über Nacht in einem Boot liegen geblieben sind. Ein Technikzoo, der sich mit der Kunst des Be- und Entladens befasst, als hätte es nie etwas anderes gegeben und könne auch nie etwas anderes geben.
Ein älterer Herr mit Zündschlüssel geht an Bord des Schiffes. Wann sein Tag beginnt? Jetzt? Wenn er aufsteht? Wenn er zurückkehrt von seiner Tour und sich ins heimische Wohnzimmer setzt, um fernzusehen?
Die Sonne umringt den Wind, glänzt auf meiner Haut. Und doch gefiele es mir noch besser, es wäre Nacht und ich könne mit der Aux Chanito hinausfahren, die großen Scheinwerfer (wie Konzertscheinwerfer) des kleinen Beiboots anmachen und die Lichterorgel zu den Fischen hinunter schicken. Wie herrlich das Licht auf den Wellen tanzt, flackert, flattert, die Haut des nimmermüden Wassers abflexen will, und doch nie ans ...
Ich gruesse euch aus Marrakech, wo ich inzwischen angelangt bin ... hier mal die ersten Kapitel meines Reisetagebuchs, falls ihr Lust habt, in einem fremden Gehirn und Koerper zu verreisen ... und besonders gruesse ich Charis ... von der Faehre nach Tanger aus ...
Schoene Weihnachten fuer euch alle!
... ein hypnagogisch-luzides Reisetagebuch
(Spanien+Marokko = Kyperspace+Traum)
(14. Dezember 2005 bis 4. Januar 2006)
Zum Geleit ...
"Ich finde meine einzigen wahren Freuden in der Einsamkeit. Meine Einsamkeit ist meine Palast, da habe ich meinen Stuhl, meinen Tisch, meine Bett, meinen Wind und meine Sonne. Wenn ich woanders sitze als in meiner Einsamkeit, dann sitze ich im Exil, sitze ich in einem trügerischen Land!
Weil ich träume, bin ich nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht verrückt, ich bin nicht, denn wenn ich träume, bin ich nicht!"
(aus "Leolo" von Jean-Claude Lazon)
Antaktung (dez*7)
Ich bin immer auf der Reise gewesen. Sie wird niemals enden. Ein Augenblick führt zum nächsten und ist immer ganz da. Schon vor meiner Geburt. Immer, immer. Auch wenn ich still sitze, bewege ich mich. Das ist nicht nur der Raum. Das Universum. Dazwischen das Glück, und die Hoffnung. Ich habe schon als Kind die Bewegung lieben und hassen gelernt. Ich wollte beides zugleich. Diese Kunst wirst du eines Tages erlernen, dachte ich und war jung dabei. Neue Zuschnitte an meinen Kleidern und meinem Gesicht waren die Folgen. Ich mochte tief Atem schöpfen, und mag es noch immer.
(dez*11)
Ich vermisse dich. Komm mit auf die Reise. Meine Worte sind erwachsen geworden. Gemeißelt, du kannst sie umfassen. Auch mit geschlossenen Augen. Los, mach sie zu. Spüre, wie deine Wimpern auf deiner Wangenhaut kitzeln. Und fester, fester. Jetzt siehst du Farben. Rotbunte Teppiche, die du aus 1001 Nacht kennst. Dort bist du gewesen. Auch du.
Erinnerung, sing!
Fantasie, tanz!
Deine Finger umtasten meine Worte. Streicheln mich bis in meine Vergangenheit. In dieser Wiege hat kein Kind gelegen. Ein Bett nur, das Bett der Worte. Du liegst darin, von deiner ersten Stunde an. Treibst in ihm durch die Welt, wie Moses im Körbchen. Der Fluss ist lang.
Die Farben, diffus verfleckt, straffen sich. Erste Geister kommen hervor, sie erschrecken. Ihnen folgen die Formen. Die Füllen. Das Blut und die Stimme. Sie werden immer froher und nehmen dich mit. Sie nehmen dich mit.
Die Zeit dreht Kreise. Die Bilder springen dich an. Träumendes Wachsein, und irgendwo drinnen ich. Tief, hoch. Mein Zeichen. Meine Zeichensprache. Das Öffnen und Schließen des Mundes genügt. In dich eindringen. Mein Ziel verrät sich nicht.
Später vielleicht.
nichts von Belang
Das, was mich süchtig macht, ist immer das Gleiche. Schon als Kind lernst du andere Kinder kennen, teilst dir mit ihnen während einer Kinderreise (sie reicht immer bis ans Ende deines Vorstellungsmögens) ein Zimmer und willst dann, Nächte durchredend, alles von ihnen wissen, Lieblingsfarbe, Lieblingstier, Lieblingsessen, nichts bleibt ausgespart, ja warum auch.
Bald vergleicht ihr Geburtstage, Familienaufstellungen,
Spielgewohnheiten. Alles haltet ihr nebeneinander, um das Ungleiche euch gleich zu machen. Weil euch etwas zieht, eine Leidenschaft, da seid ihr genau wie Verliebte. Wenn diese Fackel brennt, dann ohne Alter und immer wieder. Ihr trefft euch und verliert euch. Das Spiel geht noch ein Leben lang so, immer weiter.
on the air (dez*14)
Die Wolkendecke durchstoßen zu Sonne und Mond. Beide kreisrund, stellare Markierungen. Transit überm Himmel, das Display der flügeldünnen Bildschirme lässt ein animiertes Spielzeugflugzeug über urfreie, fassungslose Topografie gleiten. Fünf, sechs Reihen des versammelten Geflügels teilen sich dieses Erlebnis, dann folgt schon der nächste Flügelschirm, auch hier gleiten die Augen im Schwebflug dahin, watteweich, das Aeroplane darauf (darin?) wie an einer Schnur gezogen. Die kleine Realität in der Großen; und Wunderwelt, gesäubert im flussblauen, feldgrünen Idyll. Draußen Scheibeneisausblicke, draußen ist es kalt. Doch auch Himmelsholunder blüht; dort draußen.
Ich sehe nicht mehr hin. Bin depriviert in digitaler Musik - höre Krokes Geigen - und benutze der Tastatur. Ein Musizieren? Das Laptop als Keyboard, als petite piano? Oder ich werde benutzt. Bin Organ, Fortsatz und Fortschreibung des Textes. Meine Augen folgen Fingern, dann erscheint das Wort. Leuchtet strahlweiß, auch für mich ist es neu, jedes einzelne, frisch und unverbraucht.
Die Fluggäste wandern. Vor zurück vor zurück, im Gänsemarsch durch den Gang. Alte Menschen, denen man unlängst von der Thrombose für Flugenten erzählt hat. Wie entflügelte Kraniche staksen sie auf dem vibrierenden Untergrund. Der Himmel macht sie alle nackt wie mich. Hypnagogie: Der Wachtraum. Sich ein Ding, Wesen auswählen, vor dem inneren Auge hin- und herwenden.
Die Musik führt zurück ins HAUS DER SINNE. Ich betrete einen Raum, der sekündlich von mir hundertmeterweit untenweggleitet - die hypnagogische Nähe hingegen ist definitiv. Echt. Urnah. Auf den Flatterschirmen indessen kämpft Donald gegen eine Pappel mit Hubschrauberrotorblättern. Die Flugpappel kämpft mit der Flugente im Matrosenanzug. Statt zu schwimmen, fährt der Matrose Donald mit dem Schiff zu See, lässt den Bürzel lieber Bürzel sein. Die andere Flugente=ich sitzt über dem Rest der Alpen und wetzt seinerseits das Gesäß blank.
Im Flugzeug Worte als Pixel über einen Bildschirm zu steuern nutzt eine Bewegung, die dem Flug entgegenkommt. Der Dichter als Copilot, so gehört sich das. Draußen eine unten unerkannte Sonne, ich sehe ihr zu, wie sie Schatten durch die Plastikverschalungen im Innenraum dieses Traumfliegers wirft. Die Tiere sind ruhig, alle, ausnahmslos. Ihre Hände sind warm und ihre Füße scharren nicht.
Einzig die Geigen jagen durch Raum und Zeit. Im Haus der Sinne hängt ein Sofa, Schaukel geworden, dicht vor einem Spiegel. Ich erinnere mich. Die großen Pranken der Luft greifen nach mir und schütteln das Bäumchen. Ich schaukle in der Luft und bin nicht allein. Die Kinder sind Tiere, die Menschen schlagen um sich und lassen die Gurte klickern. Ich kann sie träumen, wenn ich die Augen schließe.
Ich streiche über den Ring, den mir Arabella mitgegeben hat. Ich habe innen eine Gravur entdeckt. Das erste winzige Wort habe ich entziffert. Treasure. Schatz, heraufgetaucht aus der See von dem Kind, das ich auch Lena nennen könnte. Ich könnte ihr viele Namen geben. So viele, dass niemand mehr wüsste, wer hier wer ist, am wenigsten ich selbst.
Unter uns Saragossa, 687 Kilometer to go. Die Ankunftszeit verfrüht sich. 00:57 verbleibende Himmelszeit. Vom Engelsdasein. 1-2-3-4. Kilometer fliegen dahin und gehen verloren. Die gewonnene Höhe - Hochsein, Hochzeit - verblasst. Der Träumende hingegen ist ein Flieger ohne Bordmechanik, ohne Höhen- und Zeitmesser. Er fliegt schneller als alle anderen. Der Träumer im Flugzeug lästert den Biografien, die unter ihm ausgerollt werden, auf dem gelbgrünen Teppich der nun schon urspanischen Topografie. Er negiert auch die rituellen Werbetrommeln. Manchmal ist der Träumende gar nicht mehr da. Manchmal ist er überall, wie eine Explosion zersprengt er in alle Himmelsrichtungen, er ist sein eigener Urknall, er spritzt Licht und Lust in alle Richtungen des Kosmos, entfernt sich nach überallhin zugleich.
00:51 to go. Echtzeitmystik. 555 Kilometer to go.
Die Geigen fliegen um den Geigenbaum, die Kraniche über ihnen in der flagellanten Zigarre werden strichgenau durchs Hiernochwolkenblau gezogen. Dies ist der Augenblick und doch ist es tausendfach geschehen. Und wird sich wiederholen. Ich bin nicht hier. Ich bin nicht nur hier. Ich träume mich. Ich werde geträumt, jetzt werde ich geträumt.
Wenn ich reise, bin ich nicht.
Wenn ich reise, bin ich nicht bei mir.
Wenn ich reise, bin ich nicht mehr hier.
Das Flugschiff zittert sich durch eine Schicht der Wolkenangst. Die Welt dreht sich darunter weg. Ich bin schon gelandet. 501 Kilometer vor dem Ziel. 11314 Meter über der Erde gestrandet; das ist offensichtlich. Die Zahlen betrügen den Träumenden und verneigen sich vor dem Realisten.
Und nein. Und ja. Die Stimmen überstimmen den Augenblick. Ich höre sie. Orientalisch oder jüdisch. Wieder diese geträumte Stadt, mein zurechtgelegtes Jerusalem. Hier kann ich die frühere Welt betreten. Ich stehe schon an ihrem Tor. Es ist nicht bewacht. Rückkehr, Rückkehr. Ein Blitz zuckt durch die andämmernden Fenster. Ein Impuls er.
Spanien auf dem Flugschirm ist hier ein digitales Wüstendelta. Röter, karger. Knotiger. Der Träumende berührt es schon, streift mit seinen Fingern darüber hinweg. Zärtlich jetzt, dieses Land ist nun warm und ganz Körper. Und das Zarte - ermüdet. Umschließt, umfängt, hüllt. Als du sagtest, der Schwimmende ist ganz umschlossen von dieser wundervollen Flüssigkeit, hätte ich mich gerne in Wasser verwandelt, 71 Liter Flüssigkeit, die dich umfließt und umschließt bis auf deinen Kopf.
Und dann waren die Rollen auch getauscht und ich versank in dir. Bis wir beschlossen, uns beide wie Wasser ineinanderzugießen, um die Meere zu werden, die wie ohnehin sind.
Und jetzt: Das Rosa der Wolken beschämt mich.
Time to destination: 00:36. Sekundenschlaf, Direktumleitung in die geheime Hypnagogie. Ich schalte Sie ab. Ich lasse Sie frei für ihren eigenen Traum.
Herzlichst,
Ihr
Plaza de la Constitution, voracht
Reife Orangen in gestutzten Bäumen, lichterkettenilluminiert. Fluktuierende Platzüberquerer, ruhigen und zielvollen Schrittes. Der spanische Gang, sein typisches Ausschreiten, Mann und Frau ziehen im Gleichschritt vorbei, und auch alle anderen Gruppen halten, zu zweit dritt viert, den Gleichschritt ein. Ihre Köpfe obendrüber wippen im Takt. Alt oder jung, alle schreiten nach einem offenbar größeren Plan. Den es zu verstehen gilt. Es ist das erste Geheimnis. Nur die Hunde verstehen es nicht.
Ein konisch himmelwärts zulaufender Grünkegel trägt Sterne, ragt überhäuserhoch, nur die Clinica Marti Torres überragt ihn. Drei Kugeln bevölkern die rechte Seite des Platzes, drei Quader die linke. Die Palmen zuhinterst wie Soldaten, gleich groß und gleich gewandet mit Lichterketten.
Zwei silberne Engel sitzen wie zu Skulpturen erstarrt vor den Goliathkugeln, ein Clown steht vor ihnen und repetiert immergleiche Phrasen. Der Marktschreier. Zur linken, hinteren, zwei Männer zwei Frauen. Ihr lautes Räuspern macht sie sofort mit mir bekannt. Zwei Mädchen mit den gleichen Schlaghosen, Hüften, im Gleichschritt. Der Brunnen rechtshinten macht seine eigene Musik. Sein Takt unterliegt keiner Taktik. Sein Rauschen hintertreibt das Geheimnis der Schritte. Alle Spanier gehen in einem Schritt durch mich hindurch. Ein Hund kläfft und Kinder kämpfen mit Neonschwertern. Sie sind wie überall. Die versilberten Engel bewegen sich nur hin und wieder. Bevor ich sie verlasse, sehe ich sie an.
Playa de la Malaguera, nachacht
Zwei Kinder schaukeln, unter ihren himmelwärts aufstrebenden Gesäßen zeigt sich das Meer. Strudelt weiße Gischt heran, laut und kraftvoll, unmittelmeerisch ist das. Ein Jogger. Ein Hund mit begleitender Dame, sandtrippelnd. An der anderen Seite des Strandes folgt der nächste, mit einem Herrn. Das Meer kommt näher heran, ich sitze auf der Bank (Schmiedeeisen), und meinte, ich könnte es gleich streicheln.
Mein Schatten liegt vor mir im Sand. Es ist Nacht, Laternen leuchten in den Palmen hinter mir. Manche Strandläufer laufen in Short & Shirt. Ich sitze mit Mantel. Kaue noch immer den Kaugummi von-vor-der-Landung. Rieche den Wind. Der Mond ist noch immer voll, bedimmt Wolkenränder und macht sich gleich rar. Die Kinder hängen an Kletterstäben, drehen sich in die Vertikale. Die Jogger wiegen die Arme, als wollten sie mit viel zu langen Trommelstöcken auf einer weit entfernten Trommel spielen. Ihr Gang erinnert an Enten; sie laufen auf Sand.
Die Kräne im Hafen sind stumm. Auf der anderen Seite, am Beach, siehst nun auch du die Lichter. Eine Perlenkette. Eine halbdeutsche Weihnachtsbeleuchtung ist das. Die Finger sind klamm. Der Verkehr im Rücken ein zweites Meer. Die Promenade vermisst mich gleich.
Hotel Domus, einsvorzehn
Mangels Tischgelegenheit sitze ich auf dem Bett rechts. Die Wärme des Geräts auf meinen Beinen und dem Schoß ist umgekehrt proportional zu dem Heizlüfter an der Decke, dessen Knurren nur entfernt innere Wärme in mir erweckt. Spanischer Winter, du bist nachts in den Zimmern kälter als draußen am Meer. Ich sage dir nichts Neues und ich wusste das. Ich umarme mich selbst zwischen zwei Händen.
Das andere Bett ist nahezu unberührt. Frotteetücher von zweifelhafter Geschmeidigkeit liegen darauf, eines zum Duschen und eines zum Waschen. Die Betten sind aus schwarzem Schmiedeeisen. Ich habe zwei für mich allein. In welchem ich schlafe, habe ich noch nicht entschieden. Zwischen ihnen ein Meter Platz, Raum oder Space oder Freifläche, die in dieser Größe in dem Zimmer nicht wiederholt wird; und doch ist hier nichts zueinandergedrängt. An den Wänden hängen Bilder. Über diesem, dem rechten Bett, eine Frau von Modigliano, sie legt den Kopf auf die Schulter, hat die Augen geschlossen, man sieht ihre deutlichen Arme und auch ihren deutlichen Schritt, dem ein paar zu krause Haare entsprießen, zu überverdeutlicht, dass sie ablenken. Werde ich unter einem rosahautigen Aktbild schlafen? Oder unter dem Geisterkopf, silhouettenreich, blau und weiß? Doch der Geisterkopf entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Skizze eines weiteren Aktes, erneut von dem Maler M.?
Werde ich hier allein sein? Werde ich in meinem Traum allein sein? Kann ich je allein sein? Du? Ist dieses Zimmer hier, stilvoll in seiner Einrichtung, ein Gefängnis? Oder doch schon ein Transit, eine Schleuse? Die Lüftung dröhnt und ich frage mich, was sie mir erzählen möchte. Ist das Wärme, ist das ein Umwälzen von Luft? Warum steht hier alles an einem Fleck? Gefällt es mir, brauchte ich diesen Hinweis? Etwas provoziert mein Unterhirn, etwas schalt und schält von innen und arbeitet sich spürbar voran.
Dazwischen die Müdigkeit der Vornacht, auch sie wirkt nach. Die Wärme der Vornacht hingegen fehlt, es kann nicht anders sein, der wahre Modigliano ist niemals ein Akt, hat mehr Dimensionen. Wie veränderte sich ein Aktbild, wenn der Maler mit seinem Modell geschlafen hat? Was fügt er nun hinzu, was nimmt er weg?
Innen, außen.
Ich bin angekommen auf der Schwingung, dem heiligen Sinus Cosinus. Das ist die Reise, das ist mein neues Kleid. Und auch mein altes. Vor nun acht Jahren schrieb ich meine Geschichte von DER ZÄRTLICHEN GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT. Eine Reise, mit Luna nach Spanien und mitten hindurch. Ich erinnere mich. Ich erinnere mich, von der Flucht geschrieben zu haben. Bin ich damals wirklich fortgekommen? Jemals, jemals? Wohin, wohin? Ist dies der zweite Teil dieser Reise? Die Rückkehr?
Die Wand in meinem Rücken ist kalt. Du, kalte Haut des Zimmers, kalter Hauch des Lüfters, des Luftumwälzers, du Aeronaut, dem jeder Charme des Anrührenden fehlt. Wenn du frierst, wärmst du es schon, erklärt mir eine Freundin. Ich wärme die Wand. Streiche darüber, will die Oberfläche ertasten, den riffeligen Gries, die Struktur, die man durchdringen muss, wenn man an das Ziel kommen will. Eine Hinterdringung geradezu.
Dahinter wohnt jemand.
Ich presse den schwarzen Transformator meines Laptops gegen mein Gesicht, die Wange. Warm wie ein Mensch, warm wie du. Heute Nacht mag er zwischen meinen Schenkeln liegen, einfach so. Ja, einfach so. So kann ich besser nachdenken. Glücklicher sein. Ich will immer glücklicher sein, noch glücklicher als das Glück selbst. Ich denke an dich, der diese Reise liest und buchstabiert und dekliniert. Du hast viele Gesichter und ich, hier auf diesem Bett sitzend und mich fragend, wie groß dieses Hotel sein mag, ob es je irgendwo aufhört und ob in ihm außer mir noch ein anderer Mensch lebt, ich frage mich ...
Und nur der Mond ist heute um den letzten Takt reicher. Er weiß Bescheid. Ich grüße dich aus Malaga.
Malaga. Stadt, die ich erstmals als Eis kennen lernte, die einzige Sorte, die mein Vater je aß, vielleicht als das geringste Übel, vielleicht aus echter Neigung, ich weiß es nicht, sein Gesicht sah immer, wenn er die Zunge über das Kalte führte, eigentümlich steif aus. Auch ihn grüße ich aus dem Hotel des Eises. Die Decke liegt über mir und hüllt mich ein. Wasser, 38,4 Grad, wäre mir lieber. Dein Fieber, das wäre mir lieber.
Ich werde diesen Ort verlassen und einen Traum haben heute Nacht.
Autobus Malaga-Algeciras, nachmittags (dez*15)
Costa des Sol. Küstenweg, Orientierung südwest. Steingrau, Buschgrau, in unausgewogener Landschaft. Violett unterschwellig oder durch die leicht eingetrübten Scheiben des Busses auf der Netzhaut erscheinend. Kräne ziehen Rohbauten in die Höhe, sie können das, können vielleicht nichts anderes, sie sehen glücklich aus dabei; sie arbeiten unverdrossen. Wetter heiter bis wolkig, vereinzelte Lichtteppiche auf den Bergen, auch das ist geübt. Weiße Häuser, sich selbst wiederholend wie in einem Computerspiel, sitzen dem Buschwerk auf, voller Routine; und sorglos auch.
Im Tunnel das Licht der hundert eng gestaffelten Seitenlampen, im Schacht auf genau meiner Sitzhöhe angebracht, umflackert mich.
Handys wechseln sich beim Musizieren ab und schöpfen eine gemeinsame Sinfonie um mich. Ich denke mir ein Konzert mit hundert Handys, und ein jedes singt einen eigenen Ton oder eine Sequenz. Ich nenne es DIE HANDYORGEL.
Idee von vorhin aus Malaga:
Kleine Computerterminals wie Telefonzellen auf der Straße zu installieren, an Stehpulten oder sogar im Sitzen.
Und wieder Deprivation. Frische Sonne. Ich sitze am Fenster, starre ins Wolkenpanorama, irgendwo dahinter harrt das Meer. Manu Chau fürs Innenohr, um das spanische Radio zu übertönen. Lautstärke ultimativ. Glück ist käuflich, Melodien wie launige Hormone. Über die blaue Brücke, durch die nächste Tunneldisko. Die Autos tragen Lichter vor und hinter sich her. Die Städte strengweiß, nur den Bergen sitzen grauen Kästen wie Kasernen auf und blicken fernhin, immer meerwärts. Meine Fingerspitzen vibrieren. Mein Herz ist jetzt selbst Musik. Nur der Tanz fehlt; noch.
Wut, Abschottung.
Woher kommt diese Impotenz des bloßen Genießens ohne Überzeichnung der Wirklichkeit? Wenn ich reise, bin ich nicht. Wenn ich schreibe, bin ich nicht allein.
Das Wetter unentschlossen wie ich. Vielleicht auf der Suche nach entgültiger Form, noch immer. Das absolute Wetter, die Wetterewigkeit. Wetterfühligkeit, Fühlen des Wetters, Wetter als Gefühl. Wettern. Neue Wetterhormone werden kommen und jede Entgültigkeit unterminieren.
Die Farben der Landschaft bescheiden, wie verblasst. Kein Rot kein Gelb kein Grün kein Blau, alles ermüdet von der Ewigkeit, ein altes Kleid für diesen Körper, tausendfach gewaschen und ausgewaschen. Nur urblau die Kräne und die Verkehrsschilder, nur urgolden die Häuser, nur urgelb leuchtend die Tunneldisko.
Der Bus ist jetzt ein Schiff, wie auf Wellen gleitet er dahin durch das zugeschwollene Tal. Wasserasphalt, an seinen Ufern Schotter und frisches Grün.
Tunnel werden folgen, flacheres Land, müder schon und sich opferwillig dem Meer anbietend für die kommenden Jahrhunderte, die steigenden Meere werden auch diese Straße unter Wasser setzen. Die Kräne am Meer ziehen Häuser auf wie Kinder, die in nicht mehr ferner Zeit verschlungen werden, ihr Schicksal ist nicht anders als das der Menschen. Und wieder denke ich an den Traum, den Lena immer wieder träumt.
Als Kind war auch ich Noah. Setzte mich für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ein und wunderte mich schließlich, warum Kassandra niemals gehört wird, auch nicht von den klügsten Leuten. Nein, niemand, außer den Chinesen des Schmerzes. Den Heiligen oder denjenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Weil es schöner ist, das Leben ohne Hypothek der Zukunft zu verbringen? Weil Glück und Zufriedenheit niemals nach morgen Ausschau hält?
Der Regen kommt passend zu diesen Gedanken. Landregen, Landregen. Wäscht weiter und weiter das Kleid von Andalucia.
Anda Lucia, o Anda Lucia!
Kurz, nur kurz, heb deinen Rock für mich! Lass mich dich unterschreiten. Ich will die Wurzeln sehen von deinem kargen Garten. Oberflächen setzen sich über Unterflächen hinweg, auch diese will ich sehen, zeig sie mir.
Zeig sie mir!
Ich grabe mich tiefer. Schicht um Schicht. Achtung, ich schließe die Augen. Und beginne die nächste Hypnagogie. Ich sehe. Ich sehe rote flimmernde Pixel auf meiner Netzhaut. Aus ihr werden Bilder wachsen, sobald ich die Lider noch fester zupresse. Ich, der Lidlose, ich, der seine Augen nur mit Mühen ganz zuschließen kann, presse und presse aus ihnen Farbmuster hervor. Schon als Kind habe ich auf diese Weise Träume herbeigeführt. Massierte mit den Fingern meine Augäpfel, manchmal so lange, dass auch nach dem Beenden dieser geilen Lightshow sehr lange kein natürliches Bild mehr entstehen konnte.
Ich sehe.
Ich sehe eine Sonne und einen Horizont. Ich sehe eine Landebahn. Ich sehe ein Flugzeug, das sich im Kreis dreht. Ich sehe in das Cockpit. Ich wähle den Fokus von oben, ich kann das. Das Cockpit ist in alle Richtungen offen, man hat es zur Gänze aus Glas gemacht. Natürlich sitzt DU darin. Ich sehe dich an, und du bist nackt oder auch deine Kleidung ist aus unsichtbarem Stoff gefertigt. Ich sehe dich dort in dem Cockpit sitzen, und auch du hältst deine Augen geschlossen. Auf deinem unsichtbaren Thron sitzend schaust du wie ich in dich hinein. Manchmal spielen deine Finger über deinen Körper, kratzen über unebene Stellen, oder sie streicheln über glatte hinweg, so, wie du das offenbar schon lange Zeit nicht mehr getan hast.
Erinnerst du dich?
Du wirst bald abheben, erste Schleifen fliegen, nur durch die Kraft deiner Gedanken wirst du das Flugzeug bewegen, du wirst dich sonnen, dort oben, ganz weit oben, heute nehmen die Engel Flugstunden, heute bist du dran mit diesem Spiel, genieße es.
Du startest. Mit geschlossenen Augen navigierst du dich auf die Startbahn, empfängst dein Signal von einem Tower, zu dem ich keinen Zugang habe, ich höre einzig das Rauschen des Meeres. Jemand gibt dir einen Auftrag, ich bin es nicht, du weckst meine Neugier. Deine Reise beginnt, du hebst ab. Ich schwebe dir hinterher. Du segelst über die Küstenlinien, früher wärst du ein Vogel gewesen, heute musst auch du mit der Zeit gehen, dich mit unserem Technikzoo arrangieren. Selbst die Toten werden ab heute zum Himmel auffliegen, von Trägerraketen hinauf in den Orbit gebracht.
Als du die Augen aufschlägst, siehst du als erstes mitten in die Sonne hinein, grell leuchtet sie, du blinzelst und legst deine Hand über dein Gesicht. Du fliegst ihr entgegen und doch unter ihr durch. Du bist erstaunt, siehst dich um. Über dir der blaue Himmel, unter dir Wolken, vereinzelte Flocken, dann das Meer. Du fühlst dich überrumpelt, entführt. In diesem Cockpit ist kein Steuerpult zu finden, dieses Flugzeug fliegt ganz ohne deine Einflussnahme. Oder irre ich mich?
Herzsteuerung.
Verlegen bist du nur kurz, dann räkelst du dich. Willst anscheinend nicht viel von der Aufgabe wissen, auf die du dich konzentrieren solltest. Streichst statt dessen über deinen Körper, diesmal agierst du sehr bewusst. In diesem hohen Licht gewinnt er merklich an Farbe. Du drehst dich, damit die Sonne auch von unten auf dich fällt. Jetzt ist deine Unruhe wieder verklungen. Du fügst dich in diese Flugphase deines Lebens.
Und da: bist du doppelt. Siehst neben dir das identische Abbild deiner selbst sitzen. Ihr seht euch an. Erstaunt darüber, dass eure Körper seltsam verbleichen. Kaum dass ihr euch erkennt, werdet ihr schon selbst gläsern, wie das Flugzeug, die Triebwerke hinter euch. Alles wird Luft und Schweben. Jetzt kann euch gleich jeder Regentropfen treffen. Ihr wollt euch aneinander festhalten.
Zwilling, umarme mich!
Wer, wenn nicht du?
Die Welt wäre ungerecht, wenn es zu jedem von uns nicht ein identisches Abbild gäbe. Auch ich bin ein solches, mein anderes Ich bildet den Fixpunkt, mein Mekka, an dem ich ablese, dass ich woanders bin. Hier, in diesem Traum, auf dieser Reise bin ich immer im Mittelpunkt. Die Erde dreht sich unter mir hinweg, nicht ich bewege mich. Außer, mein Zwilling winkt mir aus der Ferne und verrät mir auf seinem Display die Entfernung, die ich von mir einnehme.
Ich öffne die Augen. Du bleibst zurück in diesem halbgeträumten Traum. Irgendwo dort zwischen Himmel und Erde, Sein und Nichtsein, Körper und Glas. Du setzt diesen Traum unabhängig von mir fort. Erzähl ihn mir, eines Tages?
Hostal Marrakech, Algeciras in der Dämmerung
Kalte Füße. Ich mag sie, so kühl, sie zeigen mir das Leben. An der Decke eine nackte Glühbirne. Es gäbe einen kleinen Schreibtisch zum Schreiben, doch ich lümmele lieber auf dem Bett. Genieße das Einkriechen der Müdigkeit in mich und auch der Normalität des Hierseins. Der Kyberspace gräbt ein Loch durch mich. Das Aufzeichnungsgerät ist mein zweiter Talisman, mit ihm kann ich die Verbindung herstellen; zumindest zeitweise. Fern nicht mehr der Tag, wo ich in jeder Sekunde von jedem Fleck der Erde mit diesem Überraum verbunden sein werde.
Noch hinke ich. Noch haste ich durch ein Malaga und suche die nächste Datenschleuse. Und suche sie lange. Um elektronische Briefe zu lesen, von Diana (eine Göttin der Jagd), die nun in der Schweiz arbeitet bei IBM, der Mutter so vieler Maschinen. Meine Freundin aus dem Kyberspace, die ich das erste Mal in Leipzig auf dem Messeturm traf, das Volk nennt ihn DAS BUCH. Ein würdiger Ort für das erste Einpflegen der Echtfleischdaten in die Realität! Olympian View Point mit der Olympionikin, die nun in der Schweiz noch höhere Berge vor Augen hat.
Auch Raoul schreibt. Mit ihm und Maga war ich vor einigen Jahren in Toledo gewesen. Zum vorläufig letzten Mal hatte ich mich mit den beiden an Hochprozentigem berauscht. Raoul, der nach Spanien ziehen wollte wegen einer Frau, und doch kaum eine Nacht blieb. Raoul, der Romantiker, der sich von alledem (geliebter Schmerz) nichts anmerken lässt. Womöglich sind genau jene Menschen die wahrsten Kavaliere; ohne jede Angeberei leuchten sie nur nach innen.
Raoul schrieb mir unlängst, er habe sein Handy verloren und wolle kein Neues mehr. Auch er gehört nun in unseren Club der Exhandybesitzer. Wobei es auf der Reise seinen vielleicht besten Dienst täte. Als Nabelschnur. Kurznachrichten versenden wie vormals Telegramme. Doch ich will frei sein. Nehme einige Unbillen in Kauf, trenne mich, entferne mich noch ein Stück weiter.
Auch auf Fotografien werde ich verzichten. Alle meine Reisen mit dem Knipser hatten die Bilder meine Sprache merklich ermüdet. Zudem gilt mein nächstes Ziel einem Land, in dem Bilderverbot herrscht. Wer sagt, dass nur die Götter nicht abgebildet werden dürfen? Und wenn die Natur, die Welt für mich gleichfalls ein Gott ist, was nähme ich mir dann heraus, diesen Gott aufzunehmen? Ich kann Worte finden, 99 oder 100 Namen wie für jenen Gott, den man hierzulande Allah nennt.
Hierzulande? Noch bin ich nur im Hotel Marrakech und versuche, das Rauschen der vorbeistotternden Wägen mit TERRA TERRA von Nicholas Lens zu überspielen. Fühle mich aber schon halb drüben, auf der anderen Seite.
Afrika, welches ich noch nie betreten habe. Afrika, das auch TERRA ist, alte und mürbe Erde, sonnenverbrannt. Ich will diese Falten sehen, das Spiegelgesicht meines Alters, meine späte Zukunft.
Hostal Marrakech, vorzwölf (dez*16)
Ich sitze in der Orient Lounge des Hotels und sehe zum Fenster hinaus auf die zerrissene Stadt. Die Sonne kommt erstmals heraus und leckt über die Würfel der Häuser. Viele Wände zeigen die Spuren von abgerissenen Nachbarhäusern in die Fassade gegraben, andere, in Berlin wohl Brandmauern genannte fensterlose Flächen sind nicht verputzt und ragen über dampferförmigen (weil an den Hausecken abgerundeten) Bauwerken himmelwärts.
In Algeciras mischen sich die Kulturen. Nicht nur im Hotel Marrakech triffst du auf viele Orientalen. Auch die Spanier sind nicht immer gleich zu erkennen, ihr Teint ist der gleiche, und auch die Bewegungen ihrer Körper haben sich sehr angeglichen. In der Stadt hört man nachts die Polizeisirenen heulen, sie klingen wie in den amerikanischen Filmen. Wenn du nachts durch die Straßen gehst, siehst du Araber mit Sporttaschen auf dem Rücken durch die Straßen rennen. Die Polizei fährt daneben her, fängt den Flüchtenden vielleicht an der nächsten Häuserecke ab. Oder aber das alles ist nur Teil eines anderen Spiels, ist nur ein Derivat deiner übersteigerten Fantasie.
Eines jedoch hat mich sehr beeindruckt. Im Flugzeug erzählte mir meine Nachbarin, die Studentin Vanessa, dass ihr spanischer Freund in Tarifa eine Surfschule betreibt und immer wieder davon berichtet, dass Marokkaner in Schlauchbooten über die Meerenge rudern, mit einer Schwangeren kurz vor der Niederkunft als Passagierin. Ich sehe die Frauen in ihren Wehen vor mir, wie sie kurz vor der Geburt über das Meer fahren, vielleicht ihr Kleines, Süßes schon auf selbigem zur Welt bringen; dabei sollten sie sich gedulden bis zu dem Moment, wenn sie eine Bucht erreicht haben und tatsächlich auf europäischen Boden das Kind gebären; ein spanisches Kind, so regeln es die Gesetze, erklärt Vanessa. Und ich möchte gleich eine Geschichte dieses Kindes erzählen, das vielleicht just letzte Nacht an einem der umliegenden Strände seinerseits in dieser Welt gestrandet ist.
Und wieder heulen in Algeciras die Sirenen. Ich muss lächeln, dass der Herr an der Rezeption mich beiseite zog und mir sympathisch raunender Stimme "Haschisch" zuflüsterte. Ich muss an die Sitzgelegenheit der Lounge denken, die wie gemacht ist für die meist liegende Haltung der Haschischraucher. Ich muss daran denken, dass ich gestern im Restaurant keinen Alkohol bekam, dass ich auch in Marokko auf diese europäische Lust verzichten werde und man mich mit Marihuana abspeisen möchte. Daran, dass ich letzteres noch nie mochte und auch mit der Zeremonie nicht viel anfangen konnte.
Ich frage mich, ob die Araber auch so heillos verblödet kichern wie ihre europäischen Kiffbrüder. Ich frage mich, ob es charakterliche Parallelen gibt zwischen diesen europäischen Entspannungssuchern, ob sie die Drogenpersönlichkeit auch in anderen Belangen eint. Ob der Alkohol etwas typisch Europäisches ist (obwohl Dionysos ihn offenbar aus Indien mitbrachte), weil er die Menschen aggressiv macht und mitunter in ihrer Leistung sogar noch befördert, weil er eine Zeitlang stimuliert, bevor er wie das Haschisch destimuliert.
Ameisentraum
Meine Träume sind unruhig und wild, oft bin ich geweckt vom Kältegefühl, wenn eine der zu sorglos über mich gebreiteten Decken herabrutscht. Wie viele zehntausend Jahre haben Menschen mit dieser Nachtkühle gelebt? Hier, im Hostal Marrakech, haben sie allzeit die Fenster offen, auch hier in der Lounge. Im Restaurant sitzen die Gäste mit Mützen und Jacken, niemand zieht sich dort an oder aus. Hier mag es den Menschen genussvoll erscheinen, ein paar Monate im Jahr eine Kühle zu spüren.
Ein Traumfetzen von gestern ist in mir haften geblieben. Ich war wieder bei meinen Eltern im Garten, saß im Gras und spielte, vielleicht war ich noch ein Kind. Dann sah ich dieses Mädchen, zart und doch schon Frau, eine Schulkameradin offenbar. Ihr Gesicht wirkte bizarr, ein björksches Grinsen ließ sich darin partout nicht zerstreuen, es war ganz egal, was ich sagte.
Ich spielte mit einem Stöckchen Ameisenärgern, die an manchen Stellen im Rasen dicht an dicht wimmelten. Das Mädchen aber, ganz nackt jetzt, setzte sich direkt und absichtsvoll auf diese wimmelnden Insekten. Warum tust du das, fragte ich, aber sie antwortete mir nur mit einem sehr glücklichen, weltfremden Lachen.
Was, wenn sie dort hineinlaufen, dachte ich noch, und jetzt, als wacher Mensch, sehe ich diese Ameisen in den Gängen durch diese Frau krabbeln, in ihr den Ameisenbau fortsetzen, eine bewohnte Frau, eine Ameisenfrau. Fast so wie Laura, von der ich in DIE BIENEN DES UNSICHTBAREN schrieb. Auch die falschen, simulierten Träume werden irgendwann echte, urechte Träume.
Immer wieder das Meer
Lang zieht sich der Hafen, dann ist es soweit: Du setzt dich ans Meer, endlich. Blickst raus auf den Felsen von Gibraltar. Ruhig bist du. Hörst dem Meer zu, das die rund- und buntgeschliffenen Steine in der Brandung ableckt. Wind geht, Sonne zeigt sich nur flüchtig. In der Bucht rochierten Schiffe, Containerschiffe und Fähren, manche bewegen sich wie in Zeitlupe. Und doch, wenn du ein paar Augenblicke den Blick abwendest (in dich hinein?), ist die Anordnung gänzlich neu, wie ein Schachbrett, und jedes Schiff gehört einem der unsichtbaren Titanen, der seine Figuren auf den Koordinaten der Meerenge bewegt.
Der Wind kühlt dich aus, das Meer kommt näher. Das Meer. Zu oft hast du schon versucht, das Meer mit Worten zu fassen. Doch es ist nicht zu fassen. Von dir nicht, von niemanden. Wenn, fasst es dich.
Und alles weitere? Manchmal ist gar nichts mehr zu fassen, schon gar nicht der Augenblick. Du kannst tun, was du willst. Und jeden Moment, den du im guten Glauben festhältst, dass du ihn eines Tages wieder erleben kannst - wirst du ihn dann nicht vielleicht sogar insgeheim verfluchen? Wie geht es dir, wenn du alte Bilder ansiehst, längst vergessene Tagebücher liest? Geht dir dann nicht auch immer ein kostbarer Moment verloren, in dem du etwas Neues erleben könntest?
Ich will nichts aufzeichnen, um es eines Tages selbst zu lesen. Jedes meiner Worte und Bilder, Erinnerungen und Welterfassungen und Sinnerschließungen soll, wenn überhaupt, anderen überlassen bleiben. Ich selbst muss mich von ihnen wegschließen, um frei zu sein, immer wieder frei und unbeschwert.
Würde ein echter Robinson (einer jedoch, der weiß, dass er der letzte Mensch auf Erden ist) ein Tagebuch führen, um zu lesen, was er vor einigen Jahren gemacht, gedacht, erlebt hat?
Dieser Robinson mag vielleicht an einem Kalender seine Jahre abzählen, das machte Sinn, um zumindest die Zeit als Ganzes zu wahren. Aber ihren Inhalt? Würde es ihm nutzen, um Muster darin zu erkennen, so wie der Wissenschaftler stets nach Mustern sucht? Nur wofür? Um seinem einsamen Leben womöglich ein paar zusätzliche einsame Jahre hinzuzufügen? Um noch effektiver das Alleinsein erlernen zu können?
Wäre der echte Robinson nicht einer, der versuchte, das hervorzukramen, was nicht mehr zu erreichen ist mit den eigenen Augen, alles der Insel vorangehende? Die Insel wird ihm stets ihre vielen wundersamen Geschichten von seiner Ankunft und seiner Eingewöhnung erzählen; aber das davor? Das, was nicht mehr greifbar ist, einzig in seinen Gedanken wie in Netzen gefangen hängt? Ich denke mich als Robinson, der von allen Erinnerungsimpulsen abgeschnitten ist und nun beginnt, die Vergangenheit zu notieren, von der Ferne in die Ferne diktiert; aber nur, weil die Gegenwart keinen neuen Stoff mehr liefert; nur deshalb.
Das Meer nässt beim Anbranden, nässt deine Stirn und deine Wangen. Der Wind macht dich enger und kleiner, dein Körper zieht sich in sich selbst zusammen. Im Kaltsein kann man die Kunst des Gebets erlernen. An den Mönchen erschreckte mich seit jeher eines am meisten: Deren Vorliebe für kühle Räume. Ein Mönch mit Zentralheizung ist eine lästerliche Vorstellung, was denkst du? Im Kühlsein wird man gezwungen, sich zu sammeln, seine Energien zu haushalten, die perfekte Ökonomie des Wärmeaustauschs zu finden. Es trainiert dich in der Bescheidenheit, und Bescheidenheit ist einer der direktesten Wege zu Gott bzw. dem Göttlichen.
Das Meer und sein Salz stimmt überein mit den Tränen, die dir durchs Gesicht laufen. Es sind Windtränen, in dir ist eine tiefe Ruhe, ohne Schmerz und Freude, so, wie es nur das Meer schafft; in dir schweigt alles, was sonst so laut ist.
Möwen stehen in der Luft. Sie tun es nicht nur vor Gibraltar, sie tun es auch in Irland, Kilbaha, gerade jetzt. In einer Sekunde bin ich bei dem Fotografen und seiner Frau. Stehe auf dem Riff und sehe hinaus aufs Meer. Kräftiger noch ist der Wind bei Kilbaha. Der Golfstrom beheizt auch die Bridge of Ross, hier ist es allwinters herbstwarm. Ich sitze in der Sonne, liebe wieder mit meinen Augen die zerklüfteten Steine, raumschiffartige Gebilde, grau und zeitlos zerrissen, zu nichts nutze und dennoch schön in ihrer Kargheit.
Ich werde jetzt den Weg nach Kilbaha einschlagen, an weidenden Kühen vorbei, grauen oder orangefarbenen Steinhäusern, hin zu dem Pub mit Blick auf die Schüssel des Hafens, ein paar Boote sehe ich dort und auch dort Möwen, ich höre ihr Krahkrah dort auf den Bänken des Pub, dort, wo jeder jeden kennt und der Fotograf sich doch nicht sehen lässt, auch jetzt nicht, er ist unterwegs und folgt dem besten Licht über der Landschaft, sein Gehirn hat die gesamte Region des Burren schon Buchstabe für Buchstabe auswendig gelernt, er muss nur noch zum Himmel sehen und die Beleuchtung der Landschaft (von Wolken stets und schnell variiert) taxieren, und schon weiß er, dass jenes Bild, das in seinem Kopf schon vorgefertigt ist, jetzt möglich ist, wenn er sofort in seinen Wagen springt, ein paar Kilometer fährt und jenes Lichtmoment einfängt, auf das er so lange gewartet hat.
Und ich warte auf ihn, er wird zurückkehren. Wenn er mich dort vor dem Pub sitzen sieht, wird er erstaunt den Wagen stoppen. Er wird den Kopf vorstrecken, wie er es gerne macht, worin er einem neugierigen Vogel gleicht, dann wird er den Kopf schütteln, dann wird er den Mund öffnen und doch erst nichts sagen.
Auf diesen Moment freue ich mich, hier in Kilbaha, vor meinem Pub auf den Holzbänken. Die Sonne, die jetzt über mich hinwegstreicht, ist unsterblich schön und ihr Lächeln unaufhaltsam zaghaft und zärtlich in einem.
Hostal Marrakech, nachtwärts
Weil ich morgen nach Tanger übersetze, trinke ich hier mein letztes Bier für längere Zeit. Ich werde mich an die Regeln dieses größten Männerklosters halten. Und nicht nur an diese. Auch eine andere habe ich mir ausgedacht. Verabredungen mit mir selbst sind mir die liebsten. Wenn ich sie nicht einhalte, treffen sie meinen Stolz oft noch tiefer als ein Verrat vor einem lieben Freund.
Sie werden mir als Ersatz den Kiff anbieten, obgleich auch er in Marokko verboten ist, wie mir der Reiseführer erklärte. Ich werde ihn ablehnen. Ich werde auch keinen Alkohol trinken. Ich werde das Essen nur mit der rechten Hand dem Mund zuführen, obgleich meine Linke viel geübter ist. Doch die Linke gilt in Arabien als unedel, also spiele ich dieses Spiel mit (amüsant indes, dass ich als Linkshänder mir von Kleinauf den Allerwertesten selbstverständlich nur mit der Rechten abwischte).
Ich werde keiner arabischen Frau von mir aus die Hand zum Gruß reichen, da es sich nicht gehört. Ich werde versuchen zu feilschen, auch wenn ich dazu keinen Grund sehe. Und ich werde nicht zuletzt auch mit einer Gewohnheit brechen, die ich in diesem Maß nicht mehr gebrochen habe, seit ich fünfzehn bin. Länger als eine Woche habe ich mich nie bezähmen können. Warum eigentlich?
Chuck Palahniuk erklärt, der Körper würde süchtig nach den Stoffen, die bei selbigen Vorgang freigesetzt würden. Das klingt schlüssig. Und auch, wenn Arabella mir erklärt, dass auch sie in aktiven Zeiten eine größere Motivation verspürte, aktiv zu bleiben, in anderen Zeiten hingegen ganz vergessen könne, dass.
Ganz vergessen kann ich es nie - oder doch? Ich kenne Männer, die behaupten, ganz davon frei zu sein, und nicht alle von ihnen haben Freundinnen, die man zu der Kategorie der Männerverschlinger zählen könnte. Ist es Scham, so viel Eigenliebe zuzugeben? Ist es Souveränität? Ist es meine Sucht, die mich diesbezüglich an den Worten der Freunde zweifeln lässt?
In dem größten Männerkloster der Welt wird es besonders reizvoll sein, eine solche Übung zu wagen. Zum einen ist kaum Provokation zu erwarten. In unserer nacktheitsgeilen Kultur kann sich kaum jemand dem Überangebot entziehen. Dort aber?
Oder wird es umgekehrt sein? Werden meine Träume noch dichter und sinnlicher werden? Werde ich anfangen, Phantome zu sehen? In dem Verborgenen den wahren Reiz finden, den das Verborgene bereithält: Den Platz für eine unermessliche Fantasie?
Ich entsinne mich der Zelturlaube, jener Rundreisen mit Maga oder anderen Freunden, wo man keine Nacht und auch keinen Tag je allein war. Nur auf der Toilette des Campingplatzes oder unter der Dusche war dann eine Gelegenheit für das Allzumenschliche. Und die musste ich dann auch alle halbe Woche unbedingt nutzen; ich fürchtete sonst zu explodieren. Weil die Belästigung zu groß war. Am Strand umherzugehen und all diese Begehrbarkeiten zu sehen, das ließ Wut wachsen.
Ich weiß, warum die Mönche auch an dieser Stellschraube des Menschseins drehen. Sie wähnen sich dadurch mächtiger. Entsagen, das schafft Macht über die eigenen Gefühle, die Urambitionen. Der Triumph ist durchs nichts zu vergleichen. Und dann die Versuchungen, die Heimsuchungen von Träumen!
Schlafentzug zum Beispiel habe ich schon als Kind erprobt. Es hat mich fasziniert, ganze Nächte beim Monopolyspiel mit mir selbst zu verbringen. Ich habe auch zeitweise ganz aufs Essen verzichtet, um zu wissen, wie es sich anfühlt; gut möglich, dass ich damals ein bisschen verzweifelt war. Ich habe geraucht und mich dann des Rauchens entwöhnt. Gelitten dabei und doch triumphiert. Auch habe ich mehr als einmal die Liebe zu einem Menschen bis ins Extrem getrieben und mich dann (unter Schmerzen zwar, aber auch mit Einsicht ins Notwendige), wieder von dieser Sucht getrennt.
Wenn ich an Arabien denke, dann denke ich vornehmlich an das Mittelalter. Das europäische Mittelalter mag weniger dunkel gewesen sein als unsere Zeit heute; ich meine die Lichtverhältnisse und auch das Gefühl der Menschen für ihre Zeit. Ihre Moral, ihre Glaubensvorstellungen aber mochten sich mit den Arabern von heute in einigen Punkten decken. Bis wann sind die Damen in Europa noch in Badekleidern, bis zum Hals hochgeschlossen, ins Meer gegangen? Das war nicht einmal mehr das Mittelalter, und dennoch! Und so tun es die meisten Araberinnen noch heute.
Würde man uns nur ins Jahr 1805 zurückversetzen, wir wären über die moralischen Vorstellungen unserer europäischen Vorfahren entsetzt und würden sie als Fundamentalisten ausschelten. Alles erschien uns zu hermetisch und auch zu primitiv. Und ihre Lebensgewohnheiten: Keine Zentralheizung, wie können Menschen ohne so etwas leben und sich noch Menschen nennen? Unfassbar eigentlich, dass sie dennoch oft ein hohes Alter erlangten!
Plötzlich erscheint es mir als luxuriös, in den mittleren Breiten Europas auch des Winters nackt schlafen zu können (ich mag das), sich frei zu fühlen, satt und glücklich wie ein Baby im Brutkasten. Vor zweihundert Jahren? Plötzlich machen da die Nachtgewänder mit den Einschlitzungen am Schritt einen anderen Sinn. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Wir sind unserer Vergangenheit genauso fremd geworden wie etwa den Kulturen Arabiens.
Aux Chanito 2 (dez*17)
So heißt das kleine Boot im Hafen, angebunden an ein größeres, die Chanito Segundo Algeciras. Am Bug ist ein Fisch aufgemalt, und in die Flanke des Fisches ist eine Pupille eingezeichnet. Fisch ist Auge, Auge ist Fisch. Das kleine Boot hat eine winzige Kajüte in der Mitte, außen sind sechs Scheinwerfer angebracht, die direkt ins Wasser leuchten.
Eine dünne schwarze Katze springt in das größere Boot, kehrt mit einem Silberfisch im Maul an Land zurück. Sie geht sehr langsam und voller Routine. Ich bleibe auf einer Mole sitzen und sehe den Fischern zu, die ihre Netze, am Hafen in großen Haufen liegend, für die heutige Tour auswählen.
Die Morgensonne verspricht eine schöne Überfahrt nach Tanger. Mir indessen geht noch immer ein Traum nach. Heute Nacht war ich erst durch den Weltraum geflogen, dann auf einem Planeten gelandet. Vielleicht war es die Erde, aber es war eine Erde weit vor oder nach unserer Zeit. Es herrschte große Dunkelheit, nur ringsum, an allen Enden des abgeflachten Horizonts sah ich gleichfalls ideal gerundete Monde leuchten. Ihr Licht aber war sehr schwach, sie waren Schemen ihrer selbst, blassgelbe Linsen. Sie bewegten sich nicht.
Ich floh und wusste niemals, wohin eigentlich, die Welt um mich war fremd und unkalkulierbar. Ich wurde gejagt wie in einem Computerspiel. Mein Feind war ein Wesen mit übermenschlichen Kräften. Wenn er sich vor mir inkarnierte, hatte er die Gestalt des russischen Präsidenten, Wladimir Putin. Der Präsident trug eine Feuerwaffe bei sich und spielte offenbar ein Ballerspiel. Sobald er mich sah, schoss er auf mich, meine Tötung schien das Ziel seines Spiels zu sein. Ich jedoch hatte mehrere Leben, wurde zerlöchert und stand doch immer wieder auf und fand mich dann an einem anderen Fleck des dunklen Planeten wieder. Manchmal, wenn Putin mir sehr nahe kam und auf mich anlegte, spürte ich ein Würgen im Hals. Etwas Großes und Festes stieß meine Speiseröhre hinauf, etwas wollte den Putin bespucken, aber diese Hervorwürgung schmeckte entsetzlich nach Exkrement.
Zur Hilfe kam mir mitunter ein guter Geist, er erhöhte meine reduzierte Zahl der Leben immer wieder. Irgendwann erkannte ich ihn in der umfassenden Dunkelheit: Es war der deutsche Exkanzler, Gerhard Schröder.
Die Sonne steht tief, der Morgen ist frisch. Der Hafen wirkt unentschlossen, den Tag wahrhaftig aufnehmen zu wollen. Noch sitze ich hier auf meiner Mole, sehe den Leuten beim Durchschreiten des Hafens zu. Ich stenografiere in die Tastatur und kann den Blick dennoch den Menschen zuwenden. Dem älteren Herrn aus der Ferne, der mit forschen Schritten den Kai entlang läuft, eine Hand in der Jackentasche, dessen Gesicht langsam erkennbar wird, der sich jetzt umdreht, bald zu mir hinsieht, jetzt, wieder den Blick wegwendet, nun erneut herübersieht, auch zu dem Schiff Aux Chanito ... und noch dichter wünsche ich mir nun in diesem Moment das Treiben, noch mehr Busse, Autos, Schwerlaster, so dass ich mich, auf der Mole sitzend, als geheimer Mittelpunkt empfinden kann, als großer Überblicker, Alleseinseher, der, der den Blick des Fremden (und der Fremde) hat und dazu gezwungen ist, über die alltäglichsten Kleinigkeiten zu staunen.
Eigentlich gibt es hier nicht viel zu verstehen. Katzen, die Fische stehlen, die über Nacht in einem Boot liegen geblieben sind. Ein Technikzoo, der sich mit der Kunst des Be- und Entladens befasst, als hätte es nie etwas anderes gegeben und könne auch nie etwas anderes geben.
Ein älterer Herr mit Zündschlüssel geht an Bord des Schiffes. Wann sein Tag beginnt? Jetzt? Wenn er aufsteht? Wenn er zurückkehrt von seiner Tour und sich ins heimische Wohnzimmer setzt, um fernzusehen?
Die Sonne umringt den Wind, glänzt auf meiner Haut. Und doch gefiele es mir noch besser, es wäre Nacht und ich könne mit der Aux Chanito hinausfahren, die großen Scheinwerfer (wie Konzertscheinwerfer) des kleinen Beiboots anmachen und die Lichterorgel zu den Fischen hinunter schicken. Wie herrlich das Licht auf den Wellen tanzt, flackert, flattert, die Haut des nimmermüden Wassers abflexen will, und doch nie ans ...