eisbruch

In diesem Forum kann sich jeder mit seinem Text der Kritik des Publikums stellen. Selbstverständlich auf eigene Gefahr ...
Edekire
Pegasos
Beiträge: 1100
Registriert: 10.02.2004, 21:55
Wohnort: berlin

eisbruch

Beitragvon Edekire » 05.06.2006, 22:48

das ist der anfang eines längeren texten, des neusten den ich habe. er ist recht lang, ich werde ihn nicht ganz posten, aber ich wollte überhaupt mal wieder etwas posten :-)
und ein anfang ist ja etwas sehr wichtiges, sehr wichtig


eisbruch

1. sie trifft ihn auf der ufergrenze. er steht auf dem eis. das eis ist nicht freigegeben. sie ringt mit sich und ruft: es ist nicht sicher! er geht auf den see hinaus. hey, ruft sie, hören sie nicht? er bleibt stehen, sieht sich nach ihr um. sie meint, das eis ächzen zu hören. kommen sie schon da runter! er sieht sie an, kommt dann langsam zurück. kurz bevor er das ufer erreicht hat bleibt er wieder stehen. ist doch stabil. er stampft mit dem fuß auf. es kracht, er bricht durch, der riss zieht sich auf dem see hinaus. ohne zu zucken zieht er seinen nassen schuh aus dem loch und tritt ans ufer. sie gibt sich mühe nicht zu lachen. total stabil, sehe ich.
sie überlegt, wie alt er wohl ist und kommt zu keinem schluss. da haben sie mir wohl das leben gerettet, sagt er und klingt dabei fast ernst.
und wenn sie hier noch lange mit nassen füßen rumstehen, dann holen sie sich trotzdem den tod
er lächelt nur, zieht den schuh aus und wringt das wasser aus der socke. er steht mit dem nackten fuß im überreiften grass. kommen sie doch mit in das cafe da hinten, sagt er, während er seinen schuh wieder zubindet. sie fragt sich, wie lange es wohl dauern würde bis er festgefroren ist. und was er wohl will. seine haare fallen ins gesicht, sie findet sie zu lang. aus der nähe kann sie etwas grau darin entdecken. er geht einfach los, sie folgt ihm, weiß selber nicht warum.

2. sie sitzt ihm gegenüber. er gibt sich unbewegt, doch sie hat gesehen, dass er den nassen fuß gegen die heizung drängt. geh nach hause, denkt sie, spricht es nicht aus, er wird nicht gehen. er rührt in seinem kaffee herum, der zucker muss sich längst gelöst haben. sie sieht zum fenster, nur manchmal flackert ihre blick über sein gesicht. er schweigt. sie fragt sich, warum er sie überhaupt gebeten hat mitzukommen, wenn er vor sich hinbrüten will. na gut, denkt sie und schweigt zurück.
als sie das nächste mal zu ihm hinsieht, sieht er sie an. sie zuckt zusammen, ärgert sich über sich selbst. er hat grüne augen mit etwas braun. entschuldigen sie, sagt er, ich habe mich, er zögert, erinnert.
sie sind ein bisschen jung um so kauzig zu sein. sie lehnt sich zurück, seine augen, sie fühlt sich gläsern.
sie wartet darauf, dass er weiterspricht. es war seine idee, soll er doch das gespräch in gang halten. sie bewegt sich ein wenig unter seinem blick, wünscht sich fort.
was wollten sie da? fragt sie schließlich, weil sie glaubt, dass er keine antwort hat. dabei fällt ihr auf, dass sie seinen namen nicht weiß.
haben sie nie das bedürfnis auf's eis zu gehen?
es ist gefährlich.
ja. er bricht wieder ab. trotzdem, fügt er leise hinzu. für sie hört es sich an wie deswegen.
sie malt mit dem finger buchstaben auf den tisch.
manchmal vielleicht.
übers wasser gehen, er lächelt.
nein. darum nicht. ich weiß nicht.
fordernd, schlägt er vor. lockend. gefährliche dinge sind immer so, er grinst böse, zum ersten mal sieht er richtig lebendig aus.
wie heißt du? fragt sie ihn.

3. knirschender kies, dann kopfsteinpflaster. die caféwärme verliert sich, während sie geht. sie singt leise, ein paar worte dringen nach außen.
seine finger spielen auf dem tisch.
du spielst klavier?
er lächelt, rate, sagt er, sie schüttelt den kopf. ich kann das nicht.
rate.
sieht nicht klassisch aus, sie zögert.
sie bleibt stehen, sucht den schlüssel in ihrer tasche, schließt auf. sie schaltet das licht nicht ein. mit der hand fährt sie das geländer entlang, holz.
er legt die hände nebeneinander auf den tisch, überlange finger.
hörst du klassische musik?
kaum. sonst hör ich viel musik.
sie schließt auf, wirft schal, mütze, jacke in die ecke. nur in strumpfhose und hemd setzt sich sich aufs sofa, die decke locker um sich gewickelt.
er steht auf, schiebt den stuhl zurück, sie kann nicht wegsehen. er atmet, legt den kopf schräg und sieht aus wie ein junge. sie wartet. sein blick zittert über ihr gesicht.
gibst du mir deine nummer?
sie spürt, dass er zurückziehen will als sie zögert, sie sucht einen zettel in ihrer tasche. ich habe kein handy.
ich auch nicht.
und ich gebe nie einfach so meine nummer raus, denkt sie, sie schaltet mit der fernbedienung musik ein. die schwingung zittert in ihren körper.
das telefon steht auf dem tisch. sie wartet.
kurz schließt sie die augen, steht mit einem ruck auf und geht zum fenster. die decke lässt sie liegen. sie klammert sich an das fensterbret und lehnt die stirn gegen die scheibe. sie sieht ihn wieder auf das eis laufen. er geht im rhythmus der musik auf sie zu. sie wendet sich dem raum zu. gefällt es dir? fragt sie den mann auf dem eis. er lächelt.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane

Zurück zu „Texte“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 9 Gäste