Cdl - Nächtliche Arbeit
Verfasst: 08.10.2006, 05:42
Ich hatte schon angefangen, an meinen Fingernägel zu kauen. Das war noch nie ein gutes Zeichen. Um meine aktuelle Verfassung konnte es ja nicht gerade gut stehen. Verdammt: Alle sind bereits zum letzten Stück abgekaut! Was jetzt? Sollte ich mich an meinen Fußnägel vergreifen? Kam ich überhaupt so weit runter? Ach egal! Ob meine Freundin mich dafür verlassen würde, wenn ich sie bat, mir die Fußnägel abzubeißen? Mit Sicherheit. Ich verdrängte diesen Gedanken schnell wieder und holte mir stattdessen eine Nagelschere aus dem Badezimmer und setzte mich wieder vor dem Monitor. Ganz schon dunkel hier. Trotzdem machte ich mich an die Fußschönheitspflege. Warum konnte ich das eigentlich nicht im Badezimmer über der Badewanne machen? Und warum kamen mir diese Einfälle immer erst dann, wenn bereits 10 Nagelreste auf dem Boden vor mir lagen? Ich warf sie in den Mülleimer. Das leere Dokument flüsterte mir vom Bildschirm aus zu, dass ich es mit Buchstaben füttern solle. Also fing ich wieder an zu schreiben.
Es war ein wunderschöner Morgen in New York und Natalie Taylor wurde von den Sonnenstrahlen geweckt, die in ihr Zimmer fielen. Sie blinzelte und setzte sich in ihrem Bett auf. An den Wänden hingen Poster von ihren Lieblingsbands und -schauspielern. Es war das typische Zimmer eines typischen amerikanischen Mädchen.
„Natalie! Bist du schon wach?“, hörte sie ihre Mutter von unten rufen. „Die Pancakes sind gleich fertig.“
Mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen lief Natalie aus ihrem Zimmer, die Treppe herunter in die Küche und sagte zu ihrer Mutter Carol: ...
Verdammte Scheiße! Ich war schon wieder im Begriff eine amerikanische Geschichte zu schreiben. Was hat mir Ludwig gesagt? ‚Alexander!’, sagte er oft. ‚Alexander! Hör auf, diesen ganzen amerikanischen Mist zu verzapfen! Du bist hier in Deutschland. Also schreibe auch deutsche Geschichten.’ Ich habe mal den Fehler gemacht und entgegengehalten, dass Roland Emmerich, der ja bekanntlich Schwabe ist, amerikanischere Filme als so mancher US-Regisseur macht. Vielleicht mal abgesehen von Michael Bay. Nie werde ich es vergessen, wie Ludwig vor Zorn Rot anlief und mich ungefähr fünf Minuten anschrie. Seit dem Tag hatte ich richtiggehend Angst auch nur das Wort ‚Amerika’ in meine Storys unterzubringen. War dies vielleicht der Grund für meine Schreibblockade? Vielleicht konnte ich ja gar keine deutschen Geschichten schreiben. Okay: Mit der deutschen Rechtsschreibung stand ich so oder so auf Kriegsfuss. Mist: Kriegsfuss wird mit Doppel-Es oder einem scharfen S (ß) geschrieben. Nicht mit nur einem S. Würde ich es jemals lernen? Ich seufzte und fing wieder an zu tippen.
„Er ist eine Null! Hörst du: Eine literarische Superniete!“ Ludwig trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum und schaute Gregor wütend an. „Aber ich kann mir ja den Mund fusselig reden. An mir soll es nicht liegen, wenn er es nicht fertig bekommt anständige Geschichten zu schreiben. Ich habe immer versucht, ihm zu helfen. Immer! Aber hört er auf mich? Mhm? Nein, verdammt! Tut mir nicht! Er schreibt trotzdem seinen US-Müll weiter!“
„Beruhig dich erst mal. Du bist ...“
„Ich bin ruhig!“, brüllte Ludwig und einige Leute im Lokal drehten sich zu den beiden um. Ludwig verdrehte die Augen und senkte seine Stimme wieder. „Okay. Du hast recht. Ich sollte mich beruhigen. Aber es ist doch so: Ich gebe ich jede Hilfestellung, die ich habe. Nimmt er sie an?“
„Manchmal schon. Und ich sage es noch mal: Alexander kann Geschichten schreiben. Er muss einfach in Ruhe gelassen werden. Dann ist er auch kreativ.“ Gregor lächelte seinen Freund an.
Eine Kellnerin stellte Ludwig eine Latte Macchiato und Gregor einen Kaffe – schwarz, Milch, Zucker – auf den Tisch. Gregor schüttetet ein wenig Milch in die Tasse und versenkte zwei Stück Zucker darin. Währendessen starrte Ludwig seinen Latte Macchiato an.
„Hör auf dir Gedanke über Alexander zu machen.“, sagte Gregor.
„Über diesen Vollpfosten denke ich schon lange nicht mehr nach“, murmelte Ludwig. Sein Blick war weiter auf das Glas mit den drei Schichten – heiße Milch, Espresso und Milchschaum – gerichtet.
„Stimmt was mit deinem Getränk nicht?“
„Ähm, wie trinkt man das Teil eigentlich?“, fragte Ludwig. „Ich kenne mich mit diesen ganzen Jugendzeug nicht aus. Scheiße: Ich hätte mir einen normalen Kaffee bestellen sollen.“
„Wolltest du mal hip sein, alter Mann?“ Gregor grinste sichtlich amüsiert und nippte an seiner Tasse um nicht lachen zu müssen.
„Gregor: Das meine ich ernst! Muss man das verrühren?“
„Du muss ein wenig vom Schaum mit dem Löffel essen. Dann lässt es sich besser mit dem Rest vermischen.“
„Bist du dir wirklich sicher?“ Ludwig schaute ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Mein Gott! Hier, nimm meinen Kaffe. Verdammt noch mal!“ Wütend vertauschte Gregor seine Tasse, rührte so heftig in der Latte rum, dass eine nicht kleine Menge über den Rand des Glases schwappte und auf dem Tisch landete. „Na toll“ Resigniert wischte er die Sauerei mit einem Taschentusch weg.
Ludwig nahm einen Schluck von seinem frisch erworbenen Kaffee und verschränkte die Hände vor der Brust. Ihm gefiel die ganze Situation sichtlich.
„Was macht eigentlich Sandra? Ich habe schon seit einiger Zeit nichts mehr von ihr gehört.“
„Verreist“, antwortet Gregor.
„Wohin? Warum sagt sie nicht bescheid?“
„Hat sie doch.“
„Echt? Wann?“
„Sandra hat doch angerufen, bevor sie nach Tokio abgeflogen ist.“
„Hat sie das? Kann mich gar nicht mehr daran erinnern.“
„Du wirst wirklich langsam alt, Ludwig“, sagt Gregor und nimmt einen Schluck.
„Ich liebe unsere surreale Gespräche. Wer sonst kann solche Brücken schlagen? Von einem literarischen Loser, über die Eigenschaft von irgendeinem französischen Kaffee ...“
„Italienischen.“
„Was?“ Ludwig schließt kurz die Augen um sich geistig zu sammeln.
„Der Latte Macchiato kommt aus Italien. Aber sprich ruhig weiter.“
„Von irgendeinem italienischen Kaffe, zu der Frage: ‚Wo ist Sandra?’“
„Wir sollten irgendwann mal diese Gespräche aufschreiben, alter Freund.“ Gregor lächelt wieder und trinkt sein Glas in einem Zug aus.
„Aber wer liest sich denn freiwillig unsere Gespräche durch?“
„Irgendeinen Trottel gibt es immer.“
Ich überlegte, ob ich die Geschichte noch mal Korrektur lesen soll, erschlug einen Schneider auf meinem Schreibtisch und schaute auf die Uhr: Halb Fünf. Jetzt saß ich tatsächlich schon eine volle Stunde an dieser Geschichte und langsam machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Mit einem Gähnen betrachtete ich noch mal die zwei Seiten in meiner Hand. Sollte ich sie wirklich in dem Zustand an Ludwig und Gregor weiterschicken? Sie würden sicherlich so einige Fehler finden. Ihre Reaktion darauf, wie ich sie in der kleinen Geschichte dargestellt habe, würde auch nicht gerade gut ausfallen. Aber es war mir egal. Ich holte einen Umschlag aus der Schublade, steckte mein neues ‚Meisterwerk’ hinein und klebte eine Briefmarke drauf. Sie würden mich schon nicht dafür umbringen. Der Rechner fuhr herunter und ich bewegte mich auf mein Bett zu. Nur noch schlafen. Wird schon alles schief gehen. Ich schloß die Augen und fing an zu träumen. Vielleicht sollte ich doch wieder eine Geschichte schreiben, die in den USA spielt. Eine Story in der es darum geht, dass der Präsident die Wahl verliert und sich einfach weigert aus dem Weißen Haus auszuziehen. Naja, mal schauen.
Es war ein wunderschöner Morgen in New York und Natalie Taylor wurde von den Sonnenstrahlen geweckt, die in ihr Zimmer fielen. Sie blinzelte und setzte sich in ihrem Bett auf. An den Wänden hingen Poster von ihren Lieblingsbands und -schauspielern. Es war das typische Zimmer eines typischen amerikanischen Mädchen.
„Natalie! Bist du schon wach?“, hörte sie ihre Mutter von unten rufen. „Die Pancakes sind gleich fertig.“
Mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen lief Natalie aus ihrem Zimmer, die Treppe herunter in die Küche und sagte zu ihrer Mutter Carol: ...
Verdammte Scheiße! Ich war schon wieder im Begriff eine amerikanische Geschichte zu schreiben. Was hat mir Ludwig gesagt? ‚Alexander!’, sagte er oft. ‚Alexander! Hör auf, diesen ganzen amerikanischen Mist zu verzapfen! Du bist hier in Deutschland. Also schreibe auch deutsche Geschichten.’ Ich habe mal den Fehler gemacht und entgegengehalten, dass Roland Emmerich, der ja bekanntlich Schwabe ist, amerikanischere Filme als so mancher US-Regisseur macht. Vielleicht mal abgesehen von Michael Bay. Nie werde ich es vergessen, wie Ludwig vor Zorn Rot anlief und mich ungefähr fünf Minuten anschrie. Seit dem Tag hatte ich richtiggehend Angst auch nur das Wort ‚Amerika’ in meine Storys unterzubringen. War dies vielleicht der Grund für meine Schreibblockade? Vielleicht konnte ich ja gar keine deutschen Geschichten schreiben. Okay: Mit der deutschen Rechtsschreibung stand ich so oder so auf Kriegsfuss. Mist: Kriegsfuss wird mit Doppel-Es oder einem scharfen S (ß) geschrieben. Nicht mit nur einem S. Würde ich es jemals lernen? Ich seufzte und fing wieder an zu tippen.
„Er ist eine Null! Hörst du: Eine literarische Superniete!“ Ludwig trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum und schaute Gregor wütend an. „Aber ich kann mir ja den Mund fusselig reden. An mir soll es nicht liegen, wenn er es nicht fertig bekommt anständige Geschichten zu schreiben. Ich habe immer versucht, ihm zu helfen. Immer! Aber hört er auf mich? Mhm? Nein, verdammt! Tut mir nicht! Er schreibt trotzdem seinen US-Müll weiter!“
„Beruhig dich erst mal. Du bist ...“
„Ich bin ruhig!“, brüllte Ludwig und einige Leute im Lokal drehten sich zu den beiden um. Ludwig verdrehte die Augen und senkte seine Stimme wieder. „Okay. Du hast recht. Ich sollte mich beruhigen. Aber es ist doch so: Ich gebe ich jede Hilfestellung, die ich habe. Nimmt er sie an?“
„Manchmal schon. Und ich sage es noch mal: Alexander kann Geschichten schreiben. Er muss einfach in Ruhe gelassen werden. Dann ist er auch kreativ.“ Gregor lächelte seinen Freund an.
Eine Kellnerin stellte Ludwig eine Latte Macchiato und Gregor einen Kaffe – schwarz, Milch, Zucker – auf den Tisch. Gregor schüttetet ein wenig Milch in die Tasse und versenkte zwei Stück Zucker darin. Währendessen starrte Ludwig seinen Latte Macchiato an.
„Hör auf dir Gedanke über Alexander zu machen.“, sagte Gregor.
„Über diesen Vollpfosten denke ich schon lange nicht mehr nach“, murmelte Ludwig. Sein Blick war weiter auf das Glas mit den drei Schichten – heiße Milch, Espresso und Milchschaum – gerichtet.
„Stimmt was mit deinem Getränk nicht?“
„Ähm, wie trinkt man das Teil eigentlich?“, fragte Ludwig. „Ich kenne mich mit diesen ganzen Jugendzeug nicht aus. Scheiße: Ich hätte mir einen normalen Kaffee bestellen sollen.“
„Wolltest du mal hip sein, alter Mann?“ Gregor grinste sichtlich amüsiert und nippte an seiner Tasse um nicht lachen zu müssen.
„Gregor: Das meine ich ernst! Muss man das verrühren?“
„Du muss ein wenig vom Schaum mit dem Löffel essen. Dann lässt es sich besser mit dem Rest vermischen.“
„Bist du dir wirklich sicher?“ Ludwig schaute ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Mein Gott! Hier, nimm meinen Kaffe. Verdammt noch mal!“ Wütend vertauschte Gregor seine Tasse, rührte so heftig in der Latte rum, dass eine nicht kleine Menge über den Rand des Glases schwappte und auf dem Tisch landete. „Na toll“ Resigniert wischte er die Sauerei mit einem Taschentusch weg.
Ludwig nahm einen Schluck von seinem frisch erworbenen Kaffee und verschränkte die Hände vor der Brust. Ihm gefiel die ganze Situation sichtlich.
„Was macht eigentlich Sandra? Ich habe schon seit einiger Zeit nichts mehr von ihr gehört.“
„Verreist“, antwortet Gregor.
„Wohin? Warum sagt sie nicht bescheid?“
„Hat sie doch.“
„Echt? Wann?“
„Sandra hat doch angerufen, bevor sie nach Tokio abgeflogen ist.“
„Hat sie das? Kann mich gar nicht mehr daran erinnern.“
„Du wirst wirklich langsam alt, Ludwig“, sagt Gregor und nimmt einen Schluck.
„Ich liebe unsere surreale Gespräche. Wer sonst kann solche Brücken schlagen? Von einem literarischen Loser, über die Eigenschaft von irgendeinem französischen Kaffee ...“
„Italienischen.“
„Was?“ Ludwig schließt kurz die Augen um sich geistig zu sammeln.
„Der Latte Macchiato kommt aus Italien. Aber sprich ruhig weiter.“
„Von irgendeinem italienischen Kaffe, zu der Frage: ‚Wo ist Sandra?’“
„Wir sollten irgendwann mal diese Gespräche aufschreiben, alter Freund.“ Gregor lächelt wieder und trinkt sein Glas in einem Zug aus.
„Aber wer liest sich denn freiwillig unsere Gespräche durch?“
„Irgendeinen Trottel gibt es immer.“
Ich überlegte, ob ich die Geschichte noch mal Korrektur lesen soll, erschlug einen Schneider auf meinem Schreibtisch und schaute auf die Uhr: Halb Fünf. Jetzt saß ich tatsächlich schon eine volle Stunde an dieser Geschichte und langsam machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Mit einem Gähnen betrachtete ich noch mal die zwei Seiten in meiner Hand. Sollte ich sie wirklich in dem Zustand an Ludwig und Gregor weiterschicken? Sie würden sicherlich so einige Fehler finden. Ihre Reaktion darauf, wie ich sie in der kleinen Geschichte dargestellt habe, würde auch nicht gerade gut ausfallen. Aber es war mir egal. Ich holte einen Umschlag aus der Schublade, steckte mein neues ‚Meisterwerk’ hinein und klebte eine Briefmarke drauf. Sie würden mich schon nicht dafür umbringen. Der Rechner fuhr herunter und ich bewegte mich auf mein Bett zu. Nur noch schlafen. Wird schon alles schief gehen. Ich schloß die Augen und fing an zu träumen. Vielleicht sollte ich doch wieder eine Geschichte schreiben, die in den USA spielt. Eine Story in der es darum geht, dass der Präsident die Wahl verliert und sich einfach weigert aus dem Weißen Haus auszuziehen. Naja, mal schauen.